Leserstimmen zu
Eine Odyssee

Daniel Mendelsohn

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Wer gerne zügig von A nach B kommt, sollte dieses Buch nicht lesen. Es empfiehlt sich zudem, das Original von Homer greifbar zu haben – oder zumindest in Erinnerung. Denn die Lektüre von Daniel Mendelsohns Homer-Interpretation samt Familiengeschichte „Eine Odyssee – mein Vater, ein Epos und ich“ verlangt vor allem eins: Geduld. Das Foto zum Beispiel habe ich im Mai gemacht – da dachte ich noch, in spätestens einer Woche einen Beitrag posten zu können… am Ende habe ich gut zwei Monate gebraucht. Zum Glück, um das schon vorweg zu nehmen, denn das Buch entfaltet sehr allmählich seinen Zauber. Wer zu schnell durch ist, mag einen entscheidenden Teil verpassen. Denn alles, was uns in dem Buch von Mendelsohn lesetechnisch begegnet – endlose Abschweifungen, merkwürdiges Mäandern durch die Zeit, kleine Anekdoten, die Begegnung mit viel mehr Menschen, als man sich merken kann oder will, viel verstecktes Gefühl, Unausgesprochenes, das sich erst im Laufe der Zeit als ein wesentliches, scheinbar immer fehlendes Puzzle-Teil entpuppt, Beziehungen, die sich über die Generationen ziehen – alles weist direkt auf das Verständnis von Homers Epos. Und wer das als „aufgebläht“ empfindet (und es gab für mich tatsächlich solche Momente, in denen ich ein paar Seiten lieber hätte überspringen wollen), mag auch mit der Original-Odyssee seine Schwierigkeiten haben. Denn auch hier (oder gerade hier) geht es ums pure Erzählen, nicht aber um die Story, den eigentlichen Plot. Selbst wenn man das von einer Helden-Saga erwarten möchte. Bei beiden ist die Handlung schnell erzählt. Aristoteles schreibt schon vor mehr als 2.000 Jahren eine Zusammenfassung der Odyssee, die jede/n potentielle/n Teilnehmer/in von Monty Pythons „Summarize Proust Challenge“ vor Neid erblassen lässt: „Ein Mann weilt viele Jahre in der Fremde, wird ständig von Poseidon überwacht und ist ganz allein; bei ihm zu Hause steht es so, dass Freier seinen Besitz verzehren und sich gegen seinen Sohn verschwören. Nach überstandener stürmischer Reise kehrt er zurück und gibt sich zu erkennen, vernichtet seine Feinde und ist gerettet.“ Bei Mendelsohn geht es noch schneller: Ein Sohn gibt ein Uni-Seminar über Homers Odyssee, sein pensionierter Vater nimmt an dem Seminar teil, gemeinsam machen beide darauf eine 10-tägige Kreuzfahrt in der Ägäis, auf den Spuren Odysseus‘. Was ist die Geschichte eines Menschen im endlos scheinenden Fluss der Zeit? Wie ist er oder sie in die Generationen eingebunden? Wer kann er oder sie ohne die Familien sein? Was geht in einem Menschenleben, was nicht? Ist alles Wiederholung? Wer kann ausbrechen und wohin? Muss ich mich an meinem Vater, an meiner Mutter messen? Bleibt der Sohn eines Helden auf immer ein Looser? Und überhaupt: Was bitteschön ist überhaupt ein Held? – Die Fragen sind zeitlos und drehen sich vermeintlich im Kreis. Auch die Fragen: was bedeutet erzählen? Was ist sagbar (und wie), was lässt sich nur zwischen den Zeilen verteilen? Wie weit kann ich die Erwartungen meines Publikums enttäuschen? Wie schreibe ich nicht elitär, ohne mich darum zu kümmern, ob alle wirklich alles verstehen? – Indem wir Daniel Mendelssohn, einem klugen, zeitgenössischen Alt-Philologen folgen, verstehen wir, dass antike Literatur nichts, aber auch gar nichts Verstaubtes an sich haben muss. Die Fragen sind nämlich längst noch nicht beantwortet, oder besser: Sie beantworten sich für Epochen und Generationen immer wieder aufs Neue. Auch so eine Frage, warum es nach wie vor für Kinder Sinn macht, Latein zu lernen, wird hier anders als verstaubt beantwortet – eine Frage übrigens, die schon John Locke stellte, und die mit der Begründung der Altphilologie als Wissenschaft gekontert wurde. Am Schluss hatte ich öfters Tränen in den Augen. Obwohl ich nichts davon bemerkt hatte, war mir die Familie Mendelsohn ans Herz gewachsen. Wahrscheinlich auch, weil ich bei ihnen – oder in der Erzählung über sie – viel aus meiner eigenen Familie wiederfand, Vergessenes, Unsagbares, aber auch viel Komisches. Ob übrigens Helden weinen sollen oder dürfen, gehört zu den Fragen, die ebenfalls kontrovers – v.a. kontrovers zwischen den Generationen – erörtert werden. Ein Fazit: Es gibt mehr Helden, als wir gemeinhin denken. Ein anderes: Letztlich weiß man nie, wohin Erzählungen führen. Deshalb sollte man vor allem nie aufhören, damit weiter zu machen. Daniel Mendelsohn, Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich, München, Siedler Verlag 2019. Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar.

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Es kommt überraschend für den Altphilologen Daniel Mendelsohn, als sich sein 81-jähriger Vater Jay entschließt, an seinem College-Seminar über Homers Odyssee teilzunehmen. Ein Entschluss, der Vater und Sohn unerwartet nahe zusammenführt. Die beiden verbringen eine sehr intensive Zeit miteinander, gehen sogar zusammen auf eine Mittelmeerkreuzfahrt auf Odysseus‘ Spuren. Daniel Mendelsohn erzählt von dieser Zeit. Es ist eine sehr berührende und emotionale Geschichte. "Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich“ ist kein Roman und keine Biografie, der Verlag nennt das Buch ein „erzählendes Sachbuch“. Dabei verwebt Daniel Mendelsohn die Geschichte seines Vaters Jay sowie seine eigene Lebensgeschichte mit sprachwissenschaftlichen Überlegungen zu Homers Epos. Die Odyssee, eine 3000 Jahre alte Geschichte, die von Familie, Identität, Herkunft und Heldentum erzählt, als Auslöser für eine Reise zu den eigenen Wurzeln. Das hört sich zunächst etwas herausfordernd an. Aber Daniel Mendelsohn bleibt bei allen wissenschaftlichen Interpretationen und Analysen des umfangreichen Klassikers der griechischen Antike in Sprache und Stil auf einer absolut gut verständlichen Ebene. Odysseus‘ Sohn Telemach kennt den eigenen Vater nicht, das unterscheidet ihn wohl von Daniel. Doch auch der Autor lernt den Vater am Ende seiner Tage auf eine ganz neue Weise kennen. Gegen Ende des Buches verstärkt sich die Verbundenheit von Vater und Sohn zunehmend, fast so als ob der Autor den wissenschaftlichen Teil ein klein wenig als Vorwand benutzt hätte, ein zutiefst emotionales Buch über seinen Vater schreiben zu können. „Das Gedicht ist realer!“, sagt Jay zu Daniel während der Kreuzfahrt. Große Literatur und das Leben an sich, da ist oft nicht viel dazwischen!

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Daniel Mendelsohn, geboren 1960 auf Long Island, ist Journalist, Autor, Kritiker und Übersetzer und ein in den USA sehr geschätzter Intellektueller. Mir war er bislang nicht bekannt. Ein ganz großes Versäumnis, wie mir bei der Lektüre von „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ klar wurde. Beinahe hätte ich auch dieses Buch verpasst, denn die griechischen Sagen und Mythen konnten mich bisher nicht sonderlich begeistern und die Philologie Alter Sprachen habe ich nach dem Latinum ad acta gelegt. Natürlich kennt man grob die Stücke der drei großen Dichter der griechischen Tragödie, Aischylos, Sophokles und Euripides, und Homer ist mit der Ilias und der Odyssee in den Bildungskanon eingebrannt. Mir waren die Verwicklungen der Götter, Halbgötter und Sterblichen aber immer zu verworren, rachsüchtig und blutig, um mich wirklich damit beschäftigen zu wollen. Daniel Mendelsohn, der an der University of Virginia und in Princeton klassische Philologie studiert hat und auch selbst unterrichtet, hat die Odyssee nun als Gerüst für eine wunderbare, anrührende Vater-Sohn-Geschichte verwendet. 2010 bittet ihn sein 81jähriger Vater Jay, an seinem Odyssee-Seminar teilnehmen zu dürfen, dass Mendelsohn am Bard College hält. Der äußerst rüstige Alte nimmt jeden Donnerstag eine mehrstündige zunächst Auto-, dann Zugfahrt auf sich, um unter den jungen Studenten seinem Sohn zu lauschen. Doch nicht nur zu lauschen, wie zunächst versprochen. Jay ist eigensinnig genug, um Daniel mit seinen klugen, oft widerspenstigen Fragen zu verblüffen und zeitweise in die Enge zu treiben. Warum wird Odysseus als Held gefeiert?, ist eine seiner Fragen. Stets erhält der doch die Hilfe der Götter, vorwiegend Athenes, ist nicht in der Lage, seine Männer auf der Heimfahrt zu schützen, betrügt seine Frau und ist gleichzeitig ständig am Klagen und Weinen. Weinen - das geht für einen Mann nicht, schon gar nicht für einen Helden, so Jays Meinung. Sehr zum Vergnügen und Gewinn für die Studenten, aber natürlich letztlich auch für Vater und Sohn, entspinnt sich eine lebhafte Diskussion nicht nur um das Epos, sondern über ganz grundsätzliche Fragen. Für Daniel ergibt sich ein gänzlich neuer Blick auf seinen Vater, der stets streng, ein wenig unnahbar und eher kühl, wenn auch fürsorglich war. Ein Vater-Sohn-Verhältnis wie es so viele gibt, Vater und Sohn, die eigentlich nie viel miteinander reden konnten. Und die sich nun im und um den Seminarraum näherkommen, völlig neue Seiten an sich erkennen. Besonders dass Jay von den Studenten so positiv aufgenommen wird, überrascht Daniel. Mendelsohn erzählt nun aber nicht nur die Geschichte eines (Wieder)Findens von Vater und Sohn. Er spiegelt das Ganze im griechischen Epos, denn auch dort steht ja am Beginn die Suche des Sohnes Telemachos nach seinem Vater Odysseus. Der König von Ithaka war einst nach Troja aufgebrochen, um dort an der Seite der Griechen zu kämpfen. Er zeichnete sich vor allem durch seine Listigkeit aus (Trojanisches Pferd). In der Ilias erzählt Homer von den Kriegshandlungen. Fast berühmter geworden ist aber die Sage um seine ereignis- und wendungsreiche Heimfahrt, die zehn Jahre dauerte, so dass Odysseus insgesamt zwanzig Jahre fern der Heimat war. Die Heimkehr nach Ithaka und zu seiner Frau Penelope, war aber stets sein ersehntes Ziel. So wie Telemachos seinen Vater Odysseus sucht und schließlich auch findet, so finden auch Daniel und Jay auf neue Art zueinander. Erinnerungen an die Kindheit, seine Eltern, die Familie tauchen auf, verflechten sich. Zudem werden Fragen nach Identität, nach dem wahren Ich, danach, wie gut man einen Menschen, und sei es er Vater überhaupt kennen kann, gestellt. Auch Leser*innen, die wie ich nur sehr rudimentäre Kenntnisse der Handlung haben, wird die Dichtung auf wunderbar leichte, einleuchtende und unterhaltsame Weise nacherzählt und näher gebracht. Das gelingt auch daher sehr gut, weil Mendelsohn die thematische Strukturierung seines Seminars nutzt und die Diskussion der Studenten und natürlich seines Vaters einbindet. Familiengeschichte und Textanalyse in einem also. Aber damit nicht genug. Nach Ende des Seminars machen sich Daniel und Jay auf zu einer Kreuzfahrt „Auf den Spuren des Odysseus“. Der Bericht über diese Reise durch die Ägäis ist vielleicht der schönste Teil eines schönen Buchs. Der vermutete Standort Trojas in der Türkei, die Grotte der Kalypso und der Eingang des Hades auf den Campi Flegrei sind u.a. die Ziele. Nur Ithaka, den letzten Hafen erreichen sie ironischerweise wegen eines Streikes nicht. Hervorragend komponiert, angelehnt an die Ringkomposition der Odyssee, elegant geschrieben und äußerst klug, geistreich und anregend, ist Mendelsohns „Odyssee“ eines schönsten Bücher, die ich in diesem Jahr bisher gelesen habe. Ich hoffe sehr, dass nach den vielen positiven Stimmen vielleicht zu einer Neuauflage seines vergriffenen und leider auch antiquarisch nicht mehr zu bekommenden „Die Verlorenen: Eine Suche nach sechs von sechs Millionen“, der Spurensuche nach seinem im Holocaust ermordeten Großonkels, führen könnte.

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Daniel Mendelsohn gibt an der Universität ein Seminar zu Homers ,,Odyssee". Dieses Mal hat sein pensionierter Vater beschlossen, daran teilzunehmen. Niemand der beiden ahnt, dass dieser alte Mythos entschieden dazu beiträgt, ihre Beziehung grundlegend zu verändern... . Sicherlich kennt jeder die alte Sage von Odysseus, der den griechischen Meeresgott verärgert und deshalb jahrelang mit seinem Schiff umher irren und dabei ein Abenteuer nach dem anderen bestehen muss. Der Professor Daniel Mendelsohn liefert zu dieser Geschichte sehr viele interessante Erläuterungen. Schon alleine wegen der Erklärungen wäre das Buch großartig und spannend, doch besonders fasziniert hat mich, wie er die einzelnen Themen darin auf sein eigenes Leben anwendet und dadurch wieder seinem eigenen Vater ein großes Stück näher kommt. Mendelsohn gibt hier sehr private Eindrücke in seine eigene Kindheit und erzählt von vielen Erlebnissen mit seinem Vater, die oftmals nicht positiv für beide verliefen. Umso erstaunlicher war es für mich zu lesen, dass ausgerechnet die Odyssee dazu beiträgt, dass sich der sonst so kühle und distanzierte Vater mit seinem literarisch geprägten Sohn ausspricht und versöhnen kann. Insgesamt hat mir dieses Buch sehr gut gefallen und ich empfehle es hier gerne weiter.

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Als begeisterter (griechische) Mythologie-Leser, jedoch nicht des (Alt-)Griechischen mächtig, reizte mich dieser Titel sofort, als ich von ihm las. Nach der Leseprobe war ich allerdings skeptisch und unentschlossen - auf Grund des, bereits auf den ersten Seiten, verschachtelten Erzählstils könnte dieses Buch entweder genial oder unnötig akademisch-komplex werden. Ich habe mich aber entschieden, dem Buch eine Chance zu geben... ... und das nicht bereut! Denn auf etwa 350 Seiten entwirrt der Autor nicht nur die 12.110 Verse der Odyssee, sondern verstrickt diese 10 Jahre Abenteuer Odysseus´ gekonnt mit seinem Leben, dem seines Vaters und anderen Familienangehörigen. Dabei gelingt ihm etwas wunderbares: Er entstaubt dieses über 2500 Jahre alte Epos nicht nur, sondern zeigt auf, dass Geschichte lebt. Was früher die Menschen bewegte, bewegt sie noch immer. Identität, Liebe, Vertrauen und Verrat, Kampf, Tod und Beziehungen beschäftigen Menschen aller Epochen. Dieses Buch verlangt Konzentration - nicht nur ob der Wissensfülle, die Mendelsohn zur Odyssee, ihrem Aufbau, "Autor" Homer, Stilmittel und Sprachbilder während seines Seminars bespricht, sondern insbesondere wegen des unkonventionellen Erzähl- und Schreibstils. Ganz wie die Odyssee, ist auch die Begleitgeschichte keine stringent erzählte, sondern folgt Irrungen und Wirrungen der antiken Erzählung, springt vor und zurück, erklärt erst zu späterem Zeitpunkt Ereignisse und ihre Bedeutung. Passend zur aktuellen Leseposition in Homers Werk und den Debatten der Studieren: Anekdoten aus Daniel Mendelsohns Kindheit, Anmerkungen seines Vaters, gemeinsame Erinnerungen, Anspielungen auf Familiengeheimnisse und Verbindungen zur gemeinsamen Odyssee-Kreuzfahrt. Buch im Buch im Buch - mithilfe dieses Romans kann man nicht nur die Odysee (besser) kennenlernen und das Leben der Protagonisten aus der Jetztzeit erforschen, sondern bekommt quasi einen Lektüreschlüssel zum antiken Werk - man muss sich natürlich nicht an diese vorgegebene(n) Interpretation(en) halten, sondern kann seine eigene bilden. Ich hätte die Bedeutungen einzelner Szenen und Stilmittel auf keinen Fall so erfassen können; zumal ich ja auch des Griechischen nicht mächtig bin. Das Buch ist also eine Zusammenfassung, ein Lektüreschlüssel und zugleich auch ein eigenständiger Roman und zugleich alles auf einmal. So gerne ich auch lesen, durchaus auch Klassiker und Anspruchsvoll(er)es - Literaturwissenschaften, Philologie ("Liebe zur Sprache"), Germanistik und Ähnliches wäre ja gar nichts für mich. Dieses viele Analysieren, diese Ungewissheit, diese Stilmittel... Umso überraschender und beeindruckender war für mich, wie sehr Mendelsohn mir die Liebe zu seiner Disziplin nahbringen und verständlich machen konnte, ohne dass ich das notwendigerweise auch studieren wollen würde. Aber es gelingt ihm eben, indem er mir als Leser das eigenständige Grübeln größtenteils abnimmt und eine Interpretationsrichtung vorgibt, die Gedanken anstößt, das Wunder der Sprache zu offenbaren. Wie genial bestimmte Stilmittel und Bilder zu einer Absicht passen, wie subtil und zugleich offensichtlich etwas angedeutet werden kann, wie eloquent man etwas ausdrücken kann, ohne es dabei gesagt zu haben... FAZIT: Mehr als nur eine fantastische Lesehilfe für die Odyssee; ein Interpretationsangebot, das mit spannenden Einsichten und Verknüpfungen belohnt, wenn man sich dem verworrenen Schreibstil und komplexen Erzählungsaufbau hingibt.

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„Geschichten sind alles, was wir haben“, sagt einer der bedächtigeren Wikingerkönige in der erfolgreichen TV-Serie „Vikings“. Sobald Menschengruppen eine Größe annehmen, in denen sich nicht mehr jeder persönlich kennt, sind gemeinsame Mythen, Sagen, eben Geschichten, der soziale Kitt, der ein gedeihliches Zusammenleben ermöglicht. Und spätestens seit Darth Vaders „Nein Luke, ich bin dein Vater!“ wissen wir, dass die besten Geschichten Familiengeschichten sind. Einer der klassischen Grundlagentexte abendländischer Kultur, Homers Odyssee, lässt sich ganz wunderbar als Vater-Sohn-Geschichte lesen: Auf der einen Seite der abwesende Vater, der Held Odysseus, dessen Listenreichtum im Trojanischen Krieg längst der Stoff von Legenden ist, auf der anderen Seite der verlassene Sohn, Telemachos, der in der Pflicht steht, seine Mutter Penelope vor den drängenden Freiern, die am Königshof in Ithaka ungehemmt zechen, zu schützen und den großen Fußstapfen des Vaters irgendwie gerecht zu werden. Die Homerischen Gesänge sind, in ihrem ganzen Reichtum an Deutungsebenen und Querverweisen, ein schier unendlicher Schatz existentiell-menschlicher Reflexion. Und speziell in der Odyssee liegen erstaunlich viele Themen verborgen, die in der 4.000 Jahre späteren Gegenwart ungemein resonieren: Identität, Heimat, familiäre Strukturen und Rollenbilder, das wechselseitige Verhältnis von Dichtung und Wahrheit, um nur einige zu nennen. Den Vater-Sohn-Komplex, als die das Epos auch gelesen werden kann, nimmt der Philologe Daniel Mendelsohn zum Anlass, das Verhältnis zum eigenen Vater zu reflektieren. Durch die gemeinsame Seminarlektüre, durch eine gemeinsame Kreuzfahrt auf den Spuren des „Schmerzensmanns“ Odysseus, durch unzählige Gespräche, Rückblicke, Anspielungen und Assoziationen wird der Leser auf sprachlich höchst ansprechende Weise Zeuge einer Wiederannäherung, letztendlich eines wechselseitigen Verstehens, einer Odyssee der Gefühle und der Gedanken. Am Ende ist man nicht nur belesener, sondern auch beseelter. Geschichten sind wirklich alles, was wir haben. Und das ist so unglaublich viel.

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Kein Zweifel: "Die Odyssee" von Homer ist Weltliteratur und behandelt die großen Themen der Menschheit wie Familie, Kultur und Heimat. Auch Daniel Mendelsohn, Autor und Ich-Erzähler dieses autobiografischen Romans, ist fasziniert von dem Helden der griechischen Mythologie und bringt dessen Abenteuer in einem Uni-Grundkurs seinen Studenten näher. Womit er nicht gerechnet hat: Dass sein 81-jähriger Vater Jay beschließt, ebenfalls an dem Seminar teilzunehmen und – mehr noch – dass der bisher verschlossene und abweisende Mathematiker sich ihm immer mehr öffnet. Dabei macht er es seinem Sohn nicht leicht, wirft er doch immer wieder ein, dass Odysseus ganz und gar kein Held gewesen sei. Er habe geweint, seine Frau betrogen und sich von anderen Göttern helfen lassen. So entspinnen sich interessante Diskussionen zwischen Vater und Sohn, die von den übrigen Seminarteilnehmern amüsiert verfolgt und kommentiert werden. Sie regen auch den Leser an, über Themen wie das Unterwegssein, das Lernen, die Erziehung oder die Ehe nachzudenken. Während der Ich-Erzähler den Inhalt, den Aufbau und die Erzähltechnik des Werkes erläutert, erfahren wir immer mehr über die problematische Beziehung zwischen ihm und seinem Vater. Im Anschluss an das Seminar unternehmen sie sogar gemeinsam eine Mittelmeerkreuzfahrt zu den Schauplätzen der Odyssee. Ich fand es originell und unterhaltend, auf diese Art und Weise Einblick in das homerische Epos zu bekommen. Im Gegensatz zu einem Sachbuch gewinnt die Geschichte durch die Seminarform nicht nur an Dynamik, sondern durch den Bezug zu der Familiengeschichte des Autors auch eine persönliche Komponente. Die Parallelen wirkten manchmal etwas konstruiert, waren im Ganzen aber überzeugend.

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Es gibt sie meist nur einmal im Jahr, diese ganz besonderen Bücher, die sich abheben von der Masse, die anders sind, in kein Raster passen. In diesem Jahr scheint das Mendelsohns "Eine Odyssee" zu sein. Das Buch eines Altphilologen über die Irrfahrten des Odysseus, aber auch darüber, was man heute noch aus einem jahrhundertealten Epos lernen kann und ein Buch über Beziehungen, zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern. In hohem Alter entschließt sich Daniel Mendelsohns Vater an einem Seminar seines Sohnes zur Odyssee teilzunehmen. Kurze Zeit danach buchen die beiden Männer gemeinsam eine Kreuzfahrt und schippern auf den Spuren des listigen Helden durch die Ägäis. Geschickt vermengt Mendelsohn Textanalyse mit Anekdoten, findet Parallelen zur heutigen Zeit, zeigt die unveränderlichen Wahrheiten des Epos auf und bleibt dabei durchgängig verständlich und feinfühlig. Es geht um die Vielschichtigkeit des Charakters. Ein Mensch kann im Familienkreis gänzlich anders wirken und sich geben als z.B. am Arbeitsplatz. Es geht um Partnerschaften und was Menschen schlußendlich zusammen hält. Es geht um Erwartungen an andere, die sich aus dem eigenen Lebenslauf ergeben, aber für die anderen nicht nachvollziehbar sind. Kurz, es geht um das menschliche Zusammenleben, das sich in seinen Grundstrukturen seit der Antike nicht groß geändert zu haben scheint. Ich habe dieses Buch unglaublich gern gelesen, geradezu "verschlungen". Man lernt wie nebenbei unfassbar viel über die Interpretationsmöglichkeiten zum Text, über Aufbau und mögliche Intentionen des Dichters. Und das ganze ohne Staub und falsches Pathos. Odysseus ist ein Mensch, der ohne Hilfe der Götter verloren wäre, eigentlich ein Antiheld, einer, der sich um Kopf und Kragen geredet und dabei den Weg verloren hat. Strahlende Helden findet man woanders, aber nicht hier. Was die Odyssee uns heute bedeuten kann, zeigt der Autor anhand der eigenen Familiengeschichte. Die Beziehung zum Vater ist nicht störungsfrei, Jay Mendelsohn ist ein schwieriger Charakter, mit hohen Erwartungen und nur selten offen gezeigten Gefühlen. Das gemeinsame Lesen des Textes führt zu einer Annäherung von Vater und Sohn, die sehr warmherzig und liebevoll beschrieben wird. Man kann nicht umhin, auch über das eigene Beziehungsgeflecht nachzudenken, Vergleiche zu ziehen, Blickwinkel zu ändern. Leser, sich mit den antiken Epen beschäftigt haben, finden wahrscheinlich keine neuen Ansätze und nur altbekannte Thesen. Ich habe mit Freude gelernt und einige Denkansätze mitgenommen und halte dieses Buch daher ganz schlicht für großartig!

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