Leserstimmen zu
Ich bin zum Schweigen verdammt

Michail Bulgakow, Roger Cockrell

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Zu Lebzeiten wurde Michail Bulgakow so gut wie nicht publiziert. Erst ein gutes Vierteljahrhundert nach seinem Tod wurde sein Roman „Der Meister und Margarita“ zum absoluten Weltbestseller. Sein zweiter großer Roman „Hundeherz“, den er 1925 schrieb, wurde erstmals 1967 im englischsprachigen Ausland veröffentlicht, in Russland erst nach der Auflösung der Sowjetunion 1987. Der Band „Zum Schweigen verdammt“ gibt in Form von Briefen und Tagebüchern Einblick in das tragische Leben des Autors. Die sowjetische Presse führte eine unglaublich hysterische Denunzierungskampagne gegen ihn, die zum fast vollständigen Veröffentlichungsverbot führten. Der wohl einzige Grund warum Bulgakow nicht in einem der gefürchteten Gulags endete, war wohl die Tatsache, dass Stalin ihn aus irgendeinem Grund mochte. Was ihn aber nicht davor bewahrte, ein sehr isoliertes, ärmliches und oft einsames Leben zu führen. Seine Tagebucheintragungen enden im Februar 1925, als er nach einer Wohnungsdurchsuchung beschließt, keine etwaigen kompromittierenden Einträge mehr zu machen. Sie konfiszieren seine Notizbücher und uns bleiben dann nur noch die Briefe, die er zwischen 1925 und 1940 verschickte. So tragisch sein Leben ist, in den Tagebüchern gibt es immer wieder auch humorvolle Momente. „Ein schrecklicher Zustand: Ich verliebe mich immer mehr in meine Frau. Ärgerlich – zehn Jahre habe ich mich gewehrt gegen meinen … Die Frauen sind doch alle gleich. Jetzt erniedrige ich mich sogar bis zu leichter Eifersucht. Sie ist lieb und süß. Und dick.“ Überwiegend zeigen Tagebucheinträge und Briefe allerdings eher einen Einblick in seinen Kampf ums Überleben als Schriftsteller. Je heftiger er von der Kritik als anti-sowjetischer Autor gebrandmarkt wird, desto leichtsinniger wird er. Während eines Verhörs gibt es zu Protokoll: „… Meine Symphatien gehörten ganz und gar den Weißen, deren Abzug ich mit Entsetzen und Verständnislosigkeit aufnahm…“ Sich zu Verbiegen um zu Gefallen oder auch nur, um endlich publizieren zu können, kam ihm nicht in den Sinn. Hochachtung vor so viel Rückrat. Er gibt im gleichen Verhör weiter zu Protokoll: „Über landschaftliche Themen kann ich nicht schreiben, weil ich das Dorf nicht mag. Es kommt mir viel mehr vom Kulakentum geprägt vor, als gemeinhin angenommen wird. Über den Alltag der Arbeiter zu schreiben, fällt mir auch schwer: zwar habe ich davon eine bessere Vorstellung als von dem der Bauern, weiß aber nicht genug, interessiere mich auch kaum dafür, aus folgendem Grund: Ich bin beschäftigt, mich interessiert brennend das Leben der russischen Intelligenz, die ich liebe.“ Nicht gerade diplomatische Worte, die im Arbeiter und Bauernstaat auf wohlwollende Ohren stoßen. Er schreibt Briefe an Stalin, in dem er ihm seine 10-jährige Leidengeschichte als Schriftsteller vor Augen führt und ihn bittet, ihn doch aus der UdSSR zu verbannen. Wiederholt schreibt er an verschiedenste sowjetische Behörden mit der Bitte, ihn doch ausreisen zu lassen, als Autor, der im eigenen Heimatland zu nichts Nutze ist. Das war aber nun genau die Art Logik, die die Technokraten und Betonköpfe in der UdSSR überhaupt nicht mochten. Sie verweigerten ihm die Ausreise, er blieb bis zu seinem Tod in der UdSSR. Er hat nicht ein einziges Mal das Ausland besuchen können. Bulgakow bleibt es verwehrt, sich als echter Schriftsteller zu fühlen, denn er hadert mit der Tatsache, als unveröffentlichter Autor nicht wirklich ein Autor zu sein. Seine Öffentlichkeit besteht fast ausschließlich in den Empfängern seiner Briefe. Das „Der Meister und Margarita“ einmal ein solcher Welterfolg werden würde, damit hätte er wohl nicht wirklich rechnen können. Eine private Lesung seines Romans im Jahr 1939 entsetzte die anwesenden Zuhörer derart, weil sie fürchteten, sich durch bloßes Zuhören schon zu kompromittieren. Er stirbt Anfang 1940 an einer erblichen Nierenkrankeit mit nur knapp 50 Jahren, noch auf dem Krankenbett diktiert er seiner Frau Manuskript-Änderungen. Wer sich für den Schriftsteller hinter „Der Meister und Margarita“ interessiert, bekommt einen guten Einblick in das Leben des Schriftstellers, die Lektüre ist allerdings durchzogen von tiefer Traurigkeit, Hoffungslosigkeit und Wut. Wie schade, dass er seinen Erfolg nicht erleben konnte. Was für ein trauriges Schicksal eines großen russischen Schriftstellers, der sich fraglos als Erbe Tolstois, Gorky oder Gogol sehen darf.

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Das zunächst im Jahr 2013 auf Englisch und dann 2015 auf Deutsch bei Luchterhand erschienene Buch enthält ausgewählte Tagebucheinträge und Briefe des sowjetischen Schriftstellers. Die Tagebucheinträge entstanden zwischen 1921 und 1925. Nachdem seine Tagebücher 1926 beschlagnahmt wurden, beendete Bulgakov diese Form der Selbstbefragung und Reflexion. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1940 schrieb er aber Briefe, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben und geistigen Austausch zu pflegen. Der Staatsapparat hatte ihn im Jahr 1929 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt und seine Stimme so zum Verstummen bringen wollen. Das Buch hat 270 Seiten plus 80 Seiten Apparat inklusive sehr instruktiven Erläuterungen zu Leben und Werk Bulgakows, der mir bislang nur durch seinen Roman »Der Meister und Margarita« bekannt ist. Eindrucksvoll umreißt die knappe Einleitung des britischen Slawisten Roger Cockrell die Situation des Schriftstellers in Stalins Sowjetunion. Das Buch beginnt dann mit einem Brief vom 1. November 1922 aus Moskau an die Mutter, die bald danach stirbt; in der Folge wechseln sich Tagebucheinträge und Briefe ab. Erstere sind in knappen Auszügen wiedergegeben. Armut und Hunger sind beherrschende Themen. Bulgakov hatte in seiner Heimatstadt Kiew Medizin studiert und im Ersten Weltkrieg als Arzt gearbeitet; auch im Frieden war er zunächst im erlernten Beruf tätig, bis ihn dies zu sehr belastete. Er wandte sich der Schriftstellerei zu, von der er aber lange nicht leben konnte. Als Sproß einer bürgerlichen und europäisch orientierten Familie schrieb Bulgakow im – plötzlich als überholt geltenden – Stil der Vorkriegszeit. Zwar bekämpfte er die Revolution nicht, schrieb aber Kurzgeschichten, die als Satiren auf die neuen, sowjetischen Zustände verstanden wurden. Von da an war er ständig mit den Zensurbehörden in Konflikt. Viele seiner Werke konnten in der Sowjetunion erst in den 1980er Jahren erscheinen. Die unregelmäßig geführten Tagebücher kreisen anfangs überwiegend um die persönliche Situation, einmal erwähnt er ein Erdbeben in Japan, dann die Inflation in Deutschland und Reichskanzler Stresemann. Sowjetische Politik wird manchmal nur vage gestreift, gelegentlich aber auch lakonisch kritisiert. Ab dem Herbst 1923 nimmt die Politisierung des Tagebuchs zu; das Deutsche Reich, Bulgarien, Polen, das Verhältnis der Sowjetunion zu Großbritannien geraten angesichts der sich verschärfenden Weltlage in den Blick des Autors, der am 18. Oktober 1923 festhält: "Vielleicht steht die Welt wirklich vor einer Generalauseinandersetzung zwischen Kommunismus und Faschismus." (S. 40) Aber weiterhin nehmen seine Krankheit und Berufliches sowie die damit verbundenen Widrigkeiten viel Raum ein. "Die Literatur ist jetzt ein schwieriges Geschäft." (S. 44) "Ich kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller." (S. 48) Geldprobleme, Aufträge, angenommene und abgelehnte Artikel, Zensurfragen, Außenpolitik, Trotzki, Stalin, der Beginn des Baus der Moskauer Metro, schlechte Erfahrungen mit der Bürokratie, Kriegserinnerungen oder seine Einschätzung des Verhaltens von Intellektuellen unter den neuen Machthabern – all das fügt sich ob der nur rudimentären und sprunghaft wirkenden Niederschrift nur allmählich zu einem sehr ausschnitthaften Bild der damaligen Zeit. Schnell wird klar, daß sich Bulgakow nicht als Chronist eines Zeitalters sieht. Er führt sein Tagebuch auch nicht als ausführliche Selbstreflexion. Es wirkt durch seine Unmittelbarkeit und erlangt durch den jähen Abbruch nach einem Verhör im September 1926 nachträgliches Gewicht. "Vor den Flegeln gibt es keine Rettung." (S. 70) "Moskau ist eine große Stadt. Meine zärtliche und einzige Liebe, den Kreml, habe ich heute nicht gesehen." (S. 71) "Die negativen Erscheinungen im Leben des Sowjetlandes wecken meine angespannte Aufmerksamkeit, weil ich darin instinktiv Nahrung für mich sehe (ich bin Satiriker)." (S. 94). Im Juli 1926 soll er ein Theaterstück – »Sonjas Wohnung« – für eine Aufführung in Moskau umarbeiten. In einem Brief an den Regisseur hadert er mit den Forderungen und reflektiert über die Bedeutung von Autorschaft. Der Brief schließt mit den Sätzen: "Ich schreibe Ihnen ohne Zähneknirschen. Sie haben sich bemüht. Ich mich auch." (S. 89) Auf den Seiten 95-270 folgen nun nur noch Briefe, die die Zeit vom November 1927 bis Februar 1940, einen Monat vor Bulgakows Tod, abdecken. Manchmal sind es wenige Zeilen sehr privaten Charakters, manchmal längere Briefe, die vor allem das Publikationsverbot thematisieren. Im Juli 1929 zieht Bulgakow in einem Brief an Stalin, Kalinin und Kunstfunktionäre eine erschütternde Bilanz seiner zehnjährigen Schriftstellertätigkeit im sowjetischen Staat: "Nach fast zehn Jahren bin ich mit meinen Kräften am Ende; außerstande, weiterhin zu existieren, abgehetzt, wissend, dass ich innerhalb der UdSSR weder gedruckt noch aufgeführt werde, dem Nervenzusammenbruch nahe, wende ich mich an Sie und bitte um Ihre Fürsprache bei der Regierung des UdSSR, MICH ZUSAMMEN MIT MEINER FRAU L.J. BULGAKOWA, die sich dieser Bitte anschließt, AUS DER UdSSR AUSZUWEISEN." (S. 104) Ähnliche, verzweifelte Bitten schließen sich an, Zeugnisse der großen Zerrüttung des Autors. Auch Briefe an den Bruder handeln von der umfassenden Ausweglosigkeit der Situation. Ein Schreiben an die Regierung der UdSSR vom 28. März 1930 (S. 119 bis 128) und vom 30. Mai 1931 an Stalin (S. 129-133) sind bewegende Zeugnisse eines angegriffenen, mundtot gemachten Mannes. Bulgakow muß im Land bleiben, darf nichts veröffentlichen und kann sich immerhin als Regieassistent am Theater durchschlagen; ab 1936 ist er Librettist und Übersetzer am Moskauer Bolschoi-Theater. Es schreibt Theaterstücke und Prosa für die Schublade. Sein bekanntester Roman »Der Meister und Margarita« beschäftigt ihn seit Mitte der 1920er Jahre, wird aber vor allem 1936/37 niedergeschrieben. Karl Schlögel liest ihn in seinem großen Buch »Terror und Traum. Moskau 1937« als Zeitdokument und widmet ihm das erste Kapitel. Schlögels Buch soll ein Narrativ der Gleichzeitigkeit sein und behandelt die unterschiedlichsten Quellengruppen, um sie zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild zusammenzufügen. Bulgakows hier vorgelegte Tagebucheintragungen und Briefe gehören zweifelsohne dazu.

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Die vermutlich schwerste Bürde eines Schriftstellers ist die erzwungene Sprachlosigkeit, das von außen oktroyierte Schweigen. Zwar ist Michail Bulgakow heute einer der bekanntesten russischen Satiriker und Dramatiker, doch zu Lebzeiten hatte er immer wieder mit der Zensur seiner Stücke und Kurzgeschichten zu kämpfen. Seine Tagebucheinträge und Briefe zwischen 1921 und 1940 geben Einblick in ein fremdbestimmtes Schaffen unter sowjetischer Regierung. Es war einer seiner größten Wünsche, einmal mit seiner Frau nach Europa zu reisen. Er sollte ihm bis zu seinem Tod 1940 von der Regierung verwehrt bleiben, die immer befürchten musste, eine Ausreise zöge, im Falle einer Rückkehr, möglicherweise auch das Einschleppen konterrevolutionären Gedankenguts nach sich. Michail Bulgakow, geboren 1891, studiert, bevor er sich engültig für die Literatur entscheidet, Medizin und arbeitet einige Zeit als Landarzt. Womöglich in Anbetracht des Leides, mit dem er sich konfrontiert sieht, beginnt er selbst, seine eigenen Medikamente einzunehmen, er wird morphiumsüchtig. Auf der Basis dieser Erfahrungen entstanden nicht nur seine Arztgeschichten, sondern auch die humorig-morbide Miniserie ,A Young Doctor’s Notebook‘ mit Daniel Radcliffe und Jon Hamm. Das aber nur am Rande. Bulgakow entschließt sich – nach einer seelischen Krise, wie man sagt -, nach Moskau zu ziehen und sich dort ganz dem Schreiben zu widmen. In der Literatur komme ich langsam, aber ständig voran. Das weiß ich genau. Schlecht ist nur, dass ich nie völlig sicher bin, wirklich gut geschrieben zu haben. Eine Art Schleier verhüllt mein Gehirn und lähmt meine Hand, wenn ich beschreiben muss, was ich tief und wirklich mit den Gedanken und dem Gefühl weiß. Er ist nicht ohne Selbstzweifel und das Leben als Schriftsteller gestaltet sich hart und entbehrungsreich. Er gerät, trotzdem er ein sehr produktiver Autor ist, immer wieder in Konflikt mit der öffentlichen Meinung und den politischen Erwartungen des Literaturbetriebs. Nach der Oktoberrevolution wurde in Sowjetrussland vor allem das Proletarische und Revolutionäre gern gesehen, die Heldenhaftigkeit und Unerschrockenheit der Roten Garden besungen. In diesen Kreis wollte sich Bulgakow nie einfügen. Stand er doch seit jeder der Verkündung utopischer Gesellschaften kritisch gegenüber. In vielen seiner Werke lässt sich das herauslesen, so z.B. in ,Das hündische Herz’ oder ,Die verfluchten Eier’. Eine Gesellschaft, die fortwährend ihre eigene Perfektion, ihren unumkehrbahren Fortschritt, ihre Überlegenheit propagiert, ist ihm suspekt. Und das zeigt er deutlich, indem er pointiert genau das aufs Korn nimmt, was seitens der Mächtigen des Landes für so unfehlbar ausgegeben wird. Der Kampf gegen die Zensur, wie sie auch sei und unter welcher Macht sie auch existiert, ist meine Pflicht als Schriftsteller, ebenso wie Aufrufe zur Pressefreiheit. Ich bin ein glühender Anhänger dieser Freiheit, und ich meine, dass ein Schriftsteller, der auf die Idee käme, beweisen zu wollen, dass er sie nicht brauche, einem Fisch gliche, der öffentlich versichert, kein Wasser zu brauchen. Im Laufe der Jahre wird die Lage immer prekärer. Gelingt es Bulgakow anfangs noch, Kurzgeschichten in Literaturmagazinen unterzubringen, häufen sich negative Presseberichte, die ihn geradezu in der Luft zerreißen. Stück für Stück wird er aus dem Kulturbetrieb entfernt und mundtot gemacht, seine Geschichten werden verboten, seine Bühnenstücke von Spielplänen gestrichen. Was er auch anpackt, welchen Stoff er sich auch vornimmt (z.B. Molière), immer wieder wird eine Veröffentlichung vom zuständigen Kommitee abgelehnt. Das trifft Bulgakow nicht nur zutiefst in seinem schriftstellerischen Selbstverständnis, sondern entzieht ihm auch seine Existenzgrundlage. In Briefen an seine Geschwister, Freunde und Kollegen dokumentiert er den Kampf um künstlerische Betätigung, bittet hier und da um Hilfe, versucht, im Ausland veröffentlicht zu werden. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ist ,Ich bin zum Schweigen verdammt’ nicht nur ein individuelles Zeugnis, sondern auch ein Porträts des Schriftstellers als (widerwillig) stiller Mann. Und eine Dokumentation des Umgangs der Sowjetunion mit unliebsamen Künstlern. So oder so eine lohnenswerte Lektüre nicht nur für Bulgakow-Interessierte. Einige Leute, die mir wohlwollen, haben sich eine sehr sonderbare Methode ausgesucht, mich zu trösten. Mehr als einmal habe ich verdächtige, salbungsvolle Stimmen gehört: “Macht nichts, nach Ihrem Tode wird alles gedruckt.” Michail Bulgakow: Ich bin zum Schweigen verdammt, aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke, Einleitung und Nachwort aus dem Englischen von Sabine Baumann, Luchterhand Literaturverlag, 352 Seiten, 9783630874661, 24,99 €

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" Bin ich in der UDSSR denkbar?" Dieser Satz ist dem Buch "Ich bin zum Schweigen verdammt" vorangestellt. Michail Bulgakow (1891-1940) gehörte zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Das Buch "Ich bin zum Schweigen verdammt" vereint seine Tagebucheinträge und Briefwechsel im Zeitraum von 1921 bis 1940 chronologisch geordnet. Man bekommt schnell einen Einblick in das Leben von Bulgakow, der seinen Beruf- er war Arzt- an den Nagel hängt um sich fortan allein dem Schreiben zu widmen. Seit sechs Wochen ist er nun in Moskau und berichtet der Mutter in einem Brief voller Stolz, dass er genügend Kartoffeln und Brennholz für den Winter habe. Sein Ziel: in drei Jahren wieder über genügend Geld für Nahrung, Bücher und Möbel zu verfügen. Das Moskauer Leben mit seinen alltäglichen Sorgen, meist am Existenzminimum, findet immer wieder Niederschlag in den Aufzeichnungen, ebenso wie der Kampf mit den Redaktionen, der Kampf um Veröffentlichung, die Grausamkeit der Zensur und der Wille sich nicht verbiegen, zum "NEUEN MENSCHEN "erziehen lassen. Bulgakow ist immer wieder gesundheitlich angeschlagen. Auch macht ihm eine offenbar gutartiger, aber lästige Geschwulst hinter dem linken Ohr zu schaffen. Schlaglichter fallen auch auf innen- und außenpolitische Ereignisse, subjektiv gewichtet. Bulgakows Tagebuchaufzeichnungen enden 1926. Der Schock sitzt tief als bei einer Hausdurchsuchung die persönlichen Schriften beschlagnahmt werden. Später wird er auch als Schriftsteller mundtot gemacht. Seine Werke werden nicht mehr publiziert. Bulgakow stirbt innerlich und äußerlich geschwächt 1940 an Nephrosklerose Nach dem Lesen des Romanes " Der Meister und Margarita" der mich sehr begeisterte, war ich gespannt auf diese Sammlung persönlicher Aufzeichnungen. Man bekommt einen Einblick in das Leben eines nicht konform gehenden, begnadeten Schriftstellers zur Zeiten der stalinistischen Ära. Einer der schreiben muss. Einer der schreiben kann! Einer der nicht schreiben darf. Für die die Bulgakow lieben, ist dieses Buch ein Muss, aber genauso auch für Jene die ihn kennen lernen wollen. Ein wunderbares Buch! Dieses Buch kann sich auch den Lesern ohne Kenntnis des Werkes von Bulgakow erschließen. Etwas Kenntnis der stalinistischen Ära ist aber sicherlich hilfreich. Das Buch von erschien im März 2015 im Luchterhand Verlag (Random House Verlagsgruppe). Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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<strong>Autor und Werk</strong> Michail Afanassjewitsch Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und zählt zu den bedeutendsten Satirikern der russischen Literatur. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst erfolgreich ein Medizinstudium, bevor er im Oktober 1921 nach Moskau ging und dort zu schreiben begann. An dieser Stelle setzt das Werk "Ich bin zum Schweigen verdammt" an. Es umfasst die Briefe und einige Tagebucheintragungen Bulgakows aus den Jahren 1921 bis 1940 und wurde im März 2015 zu seinem 75. Todestag veröffentlicht. <strong>Schreiben unter schwersten Bedingungen – Opfer der Zensur</strong> Ließen sich die ersten Moskauer Jahre noch gut an (Bulgakow schrieb und publizierte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte auch einige Prosastücke), wendete sich das Blatt im Jahr 1929 gravierend. Bei einer Hausdurchsuchung wurden Bulgakows persönliche Tagebücher sowie seine satirische Erzählung "Hundeherz" beschlagnahmt und erste Verbote seiner Bücher und Theaterstücke auf den Weg gebracht. Ab 1930 wurden die Werke Bulgakows endgültig nicht mehr veröffentlicht und seine Stücke verschwanden von den Spielplänen des Theaters. Eine unwürdige Existenz und ein Kampf ums Überleben begannen für den Mann, dessen Leben allein die Schriftstellerei war. In seinen Briefen beklagt er dies bei Freunden und Bekannten, sucht nach Rat und bittet um Hilfe - auch bei staatlichen Instanzen. Solle es keine Arbeit für ihn geben, dann wolle er wenigstens kurz das Land verlassen, um neue Kraft zu tanken oder Aufträge zu finden. <strong>Gefangen im eigenen Land</strong> Doch auch die Ausreise, und sei sie auch nur zu Urlaubszwecken, wurde Bulgakow verwehrt. Er war somit gezwungen, in Moskau zu bleiben, bei unveränderter Arbeitssituation und immer schlechterer Gesundheit. Bulgakow arbeitete als Dramaturg und schrieb, immer mit dem Wissen, nie veröffentlicht zu werden oder erneut dem Verriss und der Zensur zum Opfer zu fallen. Der Kampf gegen die Windmühlen setzte sich unerbittlich fort und sollte bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1940 nicht enden. <strong>Politik und Schriftstellerei</strong> Neben seinen Problemen als Schriftsteller wird in seinen Briefen und Tagebüchern auch das große Interesse am Zeitgeschehen deutlich. So beschäftigt er sich gerade in den ersten Jahren stark mit den politischen Geschehnissen in der UdSSR und der internationalen Situation außerhalb des eigenen Landes, die er mit scharfem Blick verfolgt. <strong>Mein Fazit</strong> Für mich sind Briefromane und Tagebuchaufzeichnungen immer ein besonderer Lesegenuss, schildern sie die Geschehnisse doch immer aus einer authentischen und persönlichen Sicht. "Ich bin zum Schweigen verdammt" ist eine klare Buchempfehlung für jeden Leser, der biografische Lektüre zu schätzen weiß und dabei noch ein großes Interesse für den Menschen Bulgakow, Russland, das Theater und die geschichtlichen und politischen Ereignisse der Zeit hat. Ergänzt werden die Briefe und Aufzeichnungen durch einen ausführlichen biographischen und bibliographischen Anhang, sodass das Buch in seiner Gesamtheit zu einem unverzichtbaren Zeugnis des Lebens Bulgakows wird. Die Rezension wurde verfasst von Julia Groß aus dem Autorenpool von [Der Mann für den Text] Detlef M. Plaisier.

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