Leserstimmen zu
Federgrab

Samuel Bjørk

Ein Fall für Kommissar Munch (2)

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Wie bereits im ersten Roman von Samuel Bjork, "Engelskalt", bildet auch hier ein bizarrer Leichenfund den Ausgangspunkt des Falles. Die auf Federn gebettete Leiche, das Lichterarrangement, das Pentagramm lassen an einen Ritualmord denken und führen den Leser von einem Déjà-Vu zum nächsten: Auch im Vorgängerband weckte ein ungewöhnliches Verbrechen die Aufmerksamkeit, auch dort führten die Spuren rasch zu einer isoliert lebenden religiösen Gruppierung. Der Autor scheint also seinen Stil gefunden zu haben, arbeitet mit ihm vertrauten Elementen. Und auch diesmal spielt er auf zahlreiche aktuelle Problemfelder an, von denen vermutet werden darf, daß zumindest einige von ihnen der bloßen Ablenkung dienen. Wie geht etwa die Gesellschaft mit traumatisierten oder geistig beeinträchtigten Jugendlichen um? In der Phase der Persönlichkeitsentwicklung treten naturgemäß Spannungen auf, die kanalisiert werden müssen. Mit einer Gärtnerei, die als geschützte Arbeitsumgebung dient, wird hier ein wahres Biotop an möglichen Verdächtigen präsentiert. Aufgrund der Symbolkraft der gefundenen Leiche wird auch gegen satanistische Bewegungen ermittelt, und dann wären da noch Tierschutzaktivisten, die im Eifer des Gefechts des öftern die Grenze des Erlaubten überschreiten. Um auch die IT-affine Leserschaft anzusprechen, darf in einem heutigen Krimi auch eine entsprechende Komponente nicht mehr fehlen, das Martyrium der Ermordeten wurde als Livestream einer ausgewählten Gruppe zahlungskräftiger Kunden im Netz übertragen. Für sich genommen, böte jeder dieser Bereiche ausreichend Potential, um eine eigenständige Geschichte zu tragen, vielleicht sogar tatsächlich den Anspruch zu erheben, Fehlentwicklungen in der Gesellschaft aufzuzeigen. Die hier präsentierte Mischung wirkt jedoch für eine solche Aufgabe zu beliebig, zu oberflächlich bearbeitet und bietet keinen Roten Faden, an dem sich der Leser orientieren könnte. Das Verbrechen selbst ist gewiß grausam, es so lange wie möglich vor dem Leser zu verbergen, verstärkt jedoch nicht seine Intensität. Davon scheint der Autor jedoch auszugehen, wenn zunächst nur die körperlichen Reaktionen der Ermittler und ihre Tiraden auf den Täter geschildert werden. Indem der Bewertung mehr Platz eingeräumt wird als der eigentlichen Beschreibung, fühlt sich der Leser bevormundet, als spräche ihm der Autor die Fähigkeit ab, eine solche Bewertung selbst vorzunehmen. Die Figuren haben gegenüber dem ersten Teil deutlich an Strahlkraft eingebüßt. Der väterlich-gemütliche Holger Munch wirkt diesmal schwerfällig und ist in den meisten Situationen auf seine junge Kollegin Mia Krüger angewiesen. Diese gilt als kriminalistisches Wunderkind und hatte in "Engelskalt" neben dem aufzuklärenden Mordfall außerdem den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten. Da dies nun weitgehend erledigt sein dürfte - nur noch gelegentliche Gedankensplitter verweisen auf den Schicksalsschlag - hängt die Figur Mia Krüger in der Luft, wenn sie nicht gerade unter Einfluß von zu viel Alkohol die Gedankengänge des Mörders nachzuvollziehen sucht. Auch die übrigen Mitglieder des Ermittlerteams erscheinen austauschbar, einzig der Computerspezialist Gabriel Morck wirkt für einen kurzen Moment zwischen autoritätsablehnendem Hackerethos und beruflicher Verpflichtung hin- und hergerissen. So kommt es also, daß die Kriminalbeamten Verdächtige verhören, Aufnahmen von Überwachungskameras und nützliche Hinweise auswerten, vor sich hin recherchieren. Irgendwann ist der Täter gefunden, am Ende laufen alle Handlungsfäden in einer Weise zusammen, die Aha-Erlebnisse auslösen soll, und als Showdown fungiert noch einmal eine brenzlig-persönliche Situation. Da das ganze weitgehend spannungsfrei abläuft, bleibt der Leser mehr unbeteiligter Beobachter am Rande, als ein tatsächlicher Teilnehmer am Geschehen. Ein letztes Mal stellt sich das Gefühl von Bekanntheit beim Vorgehen des Täters ein, der als Vogel verkleidet, seine Opfer umtanzt. Einen Mörder mit ähnlicher Fixierung ließ nämlich der deutsche Autor Max Bentow in seinem 2011 veröffentlichten Roman "Der Federmann" sein Unwesen treiben. Persönliches Fazit "Federgrab" ist eine für einen Thriller ungewöhnlich spannungslose Zusammenstellung halb ausgearbeiteter Themen und Figuren, die weit unter ihrem Potential bleiben.

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