Leserstimmen zu
Auf dem Seil

Terézia Mora

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Mit „Auf dem Seil“ hat Terézia Mora den letzten Teil ihrer Trilogie rund um den eigenwilligen IT-Spezialisten Darius Kopp vorgelegt. Darin versucht sich der inzwischen verwitwete Eigenbrötler zunächst als Pizzabäcker in Sizilien – und findet sich schließlich in einer Art Zweck-WG mit seiner minderjährigen, schwangeren Nichte in Berlin wieder. In seiner früheren Heimatstadt wird Kopp dabei nicht nur bald von der eigenen Vergangenheit eingeholt, sondern auch mit der Frage nach der eigenen Zukunft konfrontiert. Drei Jahre sind vergangen, seit Darius Kopp seine Frau verloren und den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hat. Nachdem Mora ihren Protagonisten in „Das Ungeheuer“ auf eine mehrmonatige Reise durch Osteuropa geschickt hat, lässt sie ihn nun einen Neuanfang in Sizilien wagen. Weit weg von Berlin und seinem früheren Dasein als Netzwerkexperte, hält er sich in einer Stadt am Fuße des Ätnas als Pizzabäcker über Wasser. Als Untermieter eines deutschen Auswanderers lebt Kopp hier ein genügsames Leben ohne große Ambitionen und zwischenmenschliche Verpflichtungen. Das ändert sich, als plötzlich eines Tages seine 17-jährige Nichte Lorelei vor ihm steht. Völlig überrumpelt von ihrem unerwarteten Erscheinen, willigt Kopp ein, das Mädchen für einige Tage bei sich aufzunehmen. Als Kopp jedoch erfährt, dass seine minderjährige Nichte ein Kind erwartet, ist schnell klar: So bald werden sich ihre Wege nicht wieder trennen. Denn nicht genug damit, dass der Kindsvater längst über alle Berge ist und Lorelei die Schwangerschaft vor ihren eigenen Eltern geheim hält, leidet sie auch noch einer extremen Form von Schwangerschaftsübelkeit. Weil sie in diesem Zustand kaum für sich alleine sorgen kann, trifft Kopp kurzerhand die Entscheidung, sie zurück nach Berlin zu begleiten – wo er ohnehin noch ein paar persönliche Angelegenheiten zu regeln hat. Seinen Pass verlängern zum Beispiel. Herausfinden, was aus der Eigentumswohnung geworden ist, deren Raten er seit seinem plötzlichen Verschwinden aus Deutschland nicht mehr bedient hat. Und prüfen, was aus der – nicht ganz legal erworbenen – beträchtlichen Summe Bargeld geworden ist, die er hier in einem Bankschließfach zurückgelassen hat. Nur ein paar Tage – länger, so hofft Kopp, wird der spontane Ausflug in die Hauptstadt nicht dauern. Doch wie so oft in Kopps Leben, läuft auch diesmal nichts nach Plan. Die Freunde, mit denen Lorelei hier eigentlich eine WG gründen wollte, befinden sich selbst noch auf Abenteuerreise durch Europa und verschieben das Datum ihrer Rückkehr immer weiter nach hinten. Also bleibt Kopp nichts anderes übrig, als gemeinsam mit seiner Nichte zu warten. So ziehen die beiden von einer billigen, vorübergehenden Unterkunft in die nächste, kommen mal in schäbigen Hotels, mal bei guten und weniger guten Bekannten oder in beengten Gästezimmern unter. Zum Glück sind Kopp und Lorelei jedoch nicht völlig auf sich allein gestellt. Denn auch wenn einige Jahre vergangenen sind, seit Kopp sein altes Leben geradezu fluchtartig hinter sich gelassen hat – vergessen hat man ihn hier nicht. Und so gibt es dann auch ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten. Mit den früheren Kollegen aus der IT-Branche, die inzwischen alle in mehr oder minder prekären Verhältnissen leben. Mit Juri, der einmal Kopps bester Freund gewesen ist, dann aber von ihm mit mehreren Tausend Euro Schulden sitzen gelassen wurde. Und auch mit der Mutter, der Kopp einen Kurzbesuch in seinem Geburtsort Maidkastell abstattet – und deren Anwesenheit ihn so sehr deprimiert wie eh und je. Während er sich jedoch einerseits im Angesicht der bedrückenden Last alter und neuer (emotionaler und finanzieller) Verpflichtungen immer wieder nach seinem ruhigen und überschaubaren Leben in Italien zurücksehnt, beginnt er andererseits darüber nachzudenken, ob nicht – hier oder anderswo – vielleicht doch noch etwas anderes auf ihn wartet. Warum nicht wieder ins IT-Geschäft einsteigen? Warum nicht noch einmal richtig durchstarten? Ist es denn für einen Mann von fünfzig Jahren wirklich zu spät für einen beruflichen Neustart? So genau weiß Kopp das für sich auch nicht zu beantworten. Wie schon in den Vorgängerromanen, erweist sich Kopp auch in „Auf dem Seil“ erneut als widersprüchlicher Charakter, in dem sich Lethargie und Aktionismus auf eigentümlich Weise vermischen. So bewegt sich Moras Protagonist beständig zwischen Aufbruch und Aufgabe, changiert seine Stimmung zwischen: Alles-ist-noch-möglich und alles-ist-endgültig-verloren. Dass es sich bei Kopp, der latent gequält wirkt, sich in Gegenwart anderer Menschen nie richtig wohlzufühlen scheint, nicht gerade um einen heiteren Zeitgenossen handelt, wird auch dieses Mal schnell klar. Dass er dabei jedoch mit seinem geradezu stoischen Blick nach vorn auch eine ganz eigene Art von Optimismus verbreitet, macht ihn zugleich zu einer durchaus sympathischen Figur. Dabei gelingt es Mora, die persönlichen Konflikte ihres Antihelden auf überaus anschauliche Weise zu vermitteln und ihren Lesern entsprechend nahe zu bringen. Während auf Handlungsebene im Grunde nicht viel Nennenswertes passiert, sind es so vor allem die Innenschauen in die Gedankenwelt des Protagonisten, seine Orientierungs- und Bilanzierungsversuche, seine Selbstzweifel und auch seine geheimen – weil ausschließlich innerlich ausgetragenen – Wutausbrüche und Schimpftiraden, die den Roman tragen. Dass der Text dabei geradezu nahtlos an frühere Ereignisse aus Kopps Biografie anknüpft, erschwert allerdings zuweilen das Verständnis. Auch wenn „Auf dem Seil“ so mit der Episode rund um die schwangere Nichte eine eigenständige Geschichte entwirft, setzt das Erzählte an vielen Stellen eine Lektüre der ersten beiden Teile der Trilogie voraus. So greift der Roman zahlreiche frühere Handlungsstränge wieder auf – ohne die jeweiligen Zusammenhänge noch einmal genauer zu erläutern bzw. im Detail zu rekonstruieren. Ohne das Hintergrundwissen um das zuvor Geschehene, droht man sich als Leser in dem Gewirr von Andeutungen und Referenzen auf das Vergangene daher mitunter leicht zu verirren. Tatsächlich ist es in „Auf dem Seil“ nicht nur der gealterte Kopp, der ein wenig an Bestform verloren hat, auch lassen sich dem Roman selbst im Vergleich mit den Vorgängertexten gewisse Ermüdungserscheinungen anmerken: So erscheinen die grotesken Elemente stärker zurückgenommen und der Roman insgesamt mit etwas weniger abgründigem Humor ausgestattet, als man es noch aus „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ gewohnt war. Wie es Mora jedoch auch hier zum wiederholten Male auf gekonnte Weise gelingt, ihre Leser für ihren gleichermaßen exzentrischen wie unbeholfenen Protagonisten einzunehmen, ist nach wie vor beeindruckend und bewundernswert. Für all jene, die Kopps eigentümlichen Charme bereits zu einem früheren Zeitpunkt erlegen sind, ist „Auf dem Seil“ fraglos ein literarisches Vergnügen – für alle anderen, eine gute Gelegenheit, ihn zu entdecken.

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