Leserstimmen zu
Runas Schweigen

Vera Buck

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Super spannend

Von: Suse

17.10.2018

»Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben.« Paris, 1884. In die neurologische Abteilung der Salpêtrière-Klinik wird ein kleines Mädchen eingeliefert: Runa, die allen erprobten Behandlungsmethoden trotzt und den berühmten Arzt und Hysterieforscher Dr. Charcot vor versammeltem Expertenpublikum blamiert. Jori Hell, ein Schweizer Medizinstudent, wittert seine Chance, an den ersehnten Doktortitel zu gelangen, und schlägt das bis dahin Undenkbare vor. Als erster Mediziner will er eine Patientin heilen, indem er eine Operation an ihrem Gehirn durchführt. Was er nicht ahnt: Runa hat mysteriöse Botschaften in der ganzen Stadt hinterlassen, auf die auch andere längst aufmerksam geworden sind. Und sie kennt Joris dunkelstes Geheimnis ... Die Hardcover-Ausgabe erschien unter dem Titel »Runa« bei Limes. Die Autorin: Vera Buck, geboren 1986, studierte Journalistik in Hannover und Scriptwriting auf Hawaii. Während des Studiums schrieb sie Texte für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, später Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften. Nach Stationen an Universitäten in Frankreich, Spanien und Italien lebt und arbeitet Vera Buck heute in Zürich. Ihr Debütroman »Runa« wurde von der Presse hochgelobt und für den renommierten Glauser-Preis nominiert. Meine Meinung: Dieses Buch hat mich weniger von der Geschichte interessiert, sondern mehr von der Thematik. Die Geschichte von der Psychologie ist für mich ein sehr spannendes Thema. Ich war daher sehr gespannt wie dies in diesem Buch umgesetzt wird. Die Autorin hat einen sehr flüssigen und angenehmen Schreibstil. Wir steigen ab der ersten Seite in die Geschichte ein. Es macht großen Spaß den Protagonisten zu folgen. Die Thematik ist hier jedoch nicht für jeden geeignet. Es geht teilweise sehr hart zu Sache. Man muss sich vor Augen führen das all diese Techniken wirklich so praktiziert wurden und das macht das ganze Buch noch erschreckender. Eine Geschichte die sehr spannend ist. Man möchte stetig weiterlesen und immer wissen was als nächstes passiert. Wie schon erwähnt, ist es von der ersten Seite an spannend und diese Spannung hält sich über die gesamte Länge des Buches. Wer sich für die Thematik der Psychologie in dieser Zeit-Epoche interessiert ist mit diesem Buch sehr gut bedient. Für schwache Nerven könnte es jedoch an der ein oder anderen Stelle zu krass sein. Von mir bekommt es auf jeden Fall eine Empfehlung.

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In der neurologischen Abteilung der Pariser Salpêtrière-Klinik führt im Jahr 1984 der berühmte Arzt Dr. Charcot an jedem Dienstag verschiedenartige Experimente an hysterischen Patientinnen durch, die er einem ausgewählten Fachpublikum präsentiert. Eine grausame Zurschaustellung der hilflosen Frauen, die nicht nur ihre Würde verletzt, sondern auch dem einen oder anderen der anwesenden Mediziner eisige Schauer über den Rücken jagt. Doch an dem Tag, als sich ein kleines Mädchen namens Runa gegen die erprobten Heilungsmethoden sperrt, wird der legendäre Charcot bis auf die Knochen blamiert. Ein guter Grund für den Schweizer Medizinstudent Jori Hell eine bahnbrechende Operation am Gehirn der kleinen Patientin vorzuschlagen und damit seine Chance auf einen begehrten Doktortitel zu erhöhen. Nur, dass er in diesem Moment nicht weiß, dass Runa seine dunkle Seite kennt und ihre heimlichen Botschaften bereits in der ganzen Stadt hinterlassen hat. „Runas Schweigen“ ist das Debüt der deutschen Autorin Vera Buck, das bereits unter dem Titel „Runa“ im Limes Verlag erschienen ist und eine Nominierung für den Friedrich-Glauser-Preis erhalten hat. Eine Entscheidung, die der Leser während der Lektüre des fesselnden medizinhistorischen Romans gut nachvollziehen kann. Denn Vera Buck versteht es, die dargestellten Dinge und Ereignisse dermaßen plastisch zu beschreiben, dass der Leser sie regelrecht vor sich sieht. Wie die Ovarienpresse, mit der Charcot seine Patientinnen wie Zirkustiere vor fremden Augen zum Krampfen bringt oder einige mit Quecksilber einhergehende Experimente an Runa, die das Mädchen nur mit knapper Not überlebt. Dabei sind viele der in ihrem Buch verarbeiteten Vorfälle nicht etwa erdacht, sondern tragen authentische Züge, die von der Autrorin gut recherchiert worden sind. Der Schreibstil von Vera Buck ist wunderbar fesselnd, und obwohl die Handlung selbst eher weitschweifig erzählt worden ist, weiß sie den Leser in ihren Bann zu ziehen. Sei es durch die schaurige Atmosphäre, die den berüchtigten Siechenhäusern innewohnt oder durch die spürbare Bedrohung, die für die dort lebenden Menschen an der Tagesordnung ist. Deshalb zieht die Spannung auch erst in der zweiten Hälfte des Romans merklich an, nachdem alle Figuren vorgestellt worden sind und sich die Ermittlungen in einem Kriminalfall mit den erschreckenden Vorkommnissen in der Pariser Salpêtrière-Klinik verweben. Und damit einhergehend wird in erschreckendem Maße klar, was es mit Runa auf sich hat und inwieweit ihre psychischen Störungen der Auslöser für begangene Verbrechen sind. Fazit: „Runas Schweigen“ ist ein düsterer Roman, der vor allem durch die schockierenden Beschreibungen der Behandlungsmethoden des Pariser Neurologen Dr. Charcot Gänsehaut beschert, gleichzeitig aber auch mit interessanten Einzelschicksalen und einer merkwürdigen Verbrechensserie spannend zu unterhalten versteht.

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„Runa“ ist eine dieser Geschichten, die mich in meinen Grundmauern erschüttern haben. Ich liebe es ja, Bücher zu lesen, die auf wahre Begebenheiten beruhen. Natürlich wurde auch in diesem Buch wieder eine fiktive Komponente hinzugefügt, aber ich finde das tut der Geschichte an sich keinen Abbruch. Ich hab das Buch beim Stöbern entdeckt und gleich beim durchblättern, sind mir sofort bekannte Namen wie Dr. Jean-Martin Charcot, Gilles de la Tourette und Joseph Babinski aufgefallen. Alles Ärzte die zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Klinik Salpetrière unterrichtet und/oder geforscht haben. Wir werden hier in eine Zeit entführt, die noch gar nicht so lange vorbei, aber dennoch so weltfremd ist, dass ich es wirklich nur schwer akzeptieren konnte! Das Buch an sich war wirklich toll zu lesen. Vera Buck hat einen super Job gemacht. Allein schon, was diese Frau an Recherchearbeit hier hineingesteckt haben muss: meinen allergrößten Respekt! Der Schreibstil ist bildlich und flüssig, aber auch spannend und man fliegt nur so durch die Seiten. Warum hat mich dieses Buch jetzt so aus der Bahn geworfen: Dr. Jean-Martin Charcot ist bis dato einer der berühmtesten Leiter der französischen Nervenheilanstalt Salpetrière. Er leitete die Klinik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, die sich bis heute noch mit seinen innovativen Behandlungsmethoden an hysterischen Frauen rühmt. Jeden Dienstag konnte die pariser „High Society“ an einer öffentlichen Vorstellung teilnehmen und die „Künste“ des werten Herrn Docteur bewundern, bei der man am lebenden Versuchsobjekt beobachten konnte, wie hysterische Anfälle auslöst wurden, wie diese ablaufen und wie man sie letztendlich zu der damaligen Zeit „behandeln“ konnte. Unter hysterischen Frauen golten damals junge Frauen (um die 13-14 Jahren) die ihren, in der Regel bedeutend älteren Männer den Geschlechtsakt verweigerten, Frauen, die ihre Männer betrogen haben, Frauen die Onanierten, aber auch Frauen, die ihren Männern schlicht und einfach zu alt, zu lästig oder zu teuer wurden. Diese Frauen wurden einfach an die Klinik verkauft und man(n) war man sein Problem los! Vera Buck bietet ihren Leser in „Runa“ einen Einblick in genau diese Abgründe. Man verfolgt sehr anschaulich und ohne große Verschönerungen, welche mittelalterlichen Heilmethoden an diesen Frauen erprobt wurden. Mal davon abgesehen, dass diese Methoden barbarisch und grausam waren, wurden sie so plastisch und detailliert von der Autorin beschrieben, das ich beim Lesen oft pausieren und verarbeiten musste. Mal ehrlich? Wir befinden uns hier im Jahre 1884! Knapp 30 Jahre später, kam mein Großvater auf die Welt. Wir sind noch gar nicht so lang von dieser Zeit entfernt! Und allein diese Gewissheit hat noch sehr lange Zeit in mir rumort und gearbeitet. In einem zweiten Handlungsstrang verfolgen wir auch noch den ehemaligen Polizeiinspektior Lecoq der in mehreren Mordfällen ermittelt, die mit merkwürdigen Schriftzeichen zusammenhängen. Monsieur Lecoq quittiert seinen Dienst, nach dem er feststellen musste, dass er nach der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis zur Physiognomie ein Verbrechergesicht hat. Leider tut er sich sehr schwer mit seiner Karriere als Verbrecher … Die Geschichte Rund um das Mädchen Runa brennt sich einen wirklich in deinen Kopf ein! Lesenswert von der ersten bis zur letzten Seite!!

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In dem Roman "Runa" von Vera Buck geht es um den jungen Studenten Jori, der im 19. Jahrhundert an einer angesehenen Klinik für Geisteskrankheiten in Paris studiert. Seit einiger Zeit hat er sein Studium nun schon abgeschlossen, hat sich aber bis jetzt vor seiner Doktorarbeit drücken können. Als sein von ihm geliebter Professor Charcot schließlich in seiner Vorlesung eine Patientin vorstellt, über die man kaum etwas weiß, ändert sich sein ganzes Leben. Die Patientin ist ein junges Mädchen namens Runa, die auf keine Behandlungsmethode des geübten Professors anspricht und auch sonst komplett aus dem "normalen" Krankheitsbild in der Klinik fällt. Runa spricht nicht, isst nicht und rührt sich auch sonst kaum. Sie ist an ihr Bett gefesselt und liegt die ganze Zeit stumm da, wenn sie jemand berührt, schrecken die meisten vor ihr zurück. Denn Runa hat zwei unterschiedliche Augen - eines ist tiefschwarz und das andere Blau. Als nun Charcot das Mädchen in einer Vorlesung vorstellt und sie für Verwirrung unter den Studenten sorgt, bringt Jori den Vorschlag an, er könne die Krankheit Runas durch eine Operation aus ihrem Gehirn herausschneiden. Dies will er im Rahmen seiner Doktorarbeit tun, die ja nun schon lange bevor steht. Doch Jori stößt dabei nicht nur auf das Hindernis, das ein solcher Eingriff noch nie zuvor unternommen wurde, sonder ihn holt auch Runas und seine eigene Vergangenheit ein, die beide gar nicht so weit voneinander entfernt sind...  Als wäre dies nicht genug findet man auch in ganz Paris Spuren von Runa, mit Blut an Wände geschmiert, einer Leiche in einem Brunnen und in die Haut einer unschuldigen Frau geritzt. Was hat das mit einem Mädchen zu tun, das kaum älter als 9 Jahre ist?  Zunächst einmal möchte ich auf das Cover eingehen, dass wie ich finde nicht viel auf den Inhalt des Buches schließen lässt. Die einzige Gemeinsamkeit, finde ich, ist, dass beides bedrückend ist, das eine mehr, das andere weniger. Aber nichts desto trotz ist das Cover wirklich schön gestaltet.  Mir hat die Geschichte um Jori und Runa sehr sehr gut gefallen. Das besondere war meiner Meinung nach, wie sie erzählt wurde. Man erfährt die ersten drei Teile nur Fragmente dieser unglaublich umfangreichen Geschichte und weiß diese erst gar nicht einzuordnen. Erst im Laufe der Geschichte merkt man, wie sich alles zusammen fügt und ein großes Ganzes bildet, was Vera Buck meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist. Auch hat die Autorin die ganze Umgebung, die Klinik und die Stadt Paris aus dem 19. Jahrhundert sehr bildlich beschrieben und ich konnte mir genau vorstellen, wie die Kutschen an Jori vorbei gefahren sind und der Schnee an Weihnachten jeden Schritt ins Freie ungemütlich gestaltete. Besonders gefiel mir, dass die Autorin auch viele französische Elemente mit in das Buch gebracht hat. Na ja, Lesern, die kein Französisch sprechen, wäre das keiner Bemerkung wert, aber ich fande, dass der Einbezug der Sprache vom Handlungsort die Geschichte noch intensiver und glaubhafter geworden ist.  Das Buch ist sehr gut recherchiert, das muss man der Autorin wirklich lassen. Was dementsprechend gut beschrieben wird, sind die "Behandlungsmethoden", die dort in Paris an den hilflosen Frauen verrichtet werden, die die Männer dieser Zeit für nicht geistig gesund erklärten. So wurden Frauen in die Klinik eingeliefert, die eigentlich gar kein Leiden hatten, aber von Männer für hysterisch erklärt wurden und deren Heil auch nicht in dieser Klinik erbracht wurde. So wie es in dem Buch geschildert war, waren diese Zeiten nicht schön für Frauen und sehr bedrückend.  Im Großen und Ganzen konnte mich das Buch unglaublich unterhalten, auch wenn ich dabei nicht lachen konnte. Es hat mich zum Nachdenken gebracht und dankbar gemacht, dass wir heute nicht mehr der Meinung sind, psychologische Störungen können beseitigt werden, indem man ein Stück vom Gehirn entfernt. Ich würde jedem Empfehlen, dieses Buch zu lesen und werde auch die Autorin weiter beobachten, denn sie konnte mich mit "Runa" wirklich überzeugen.  Meine Bewertung: 10/10

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Die Salpetrière-Klinik war ein Ort des Grauens! Es ist kaum vorstellbar, dass man mit psychisch kranken Menschen so umgegangen ist. Ich musste mich häufig zwingen weiterzulesen, nicht weil das Buch schlecht ist, sondern weil Dinge geschildert werden, schlicht und ergreifend grausam sind. "Seit 1823 hieß die Salpetrière offiziell "Hospice de la Vieillesse Femmes", das Altershospiz für Frauen. Doch obwohl es tatsächlich mehr ein Hospiz als ein Krankenhaus war, da man in den meisten Fällen nicht herkam, um zu genesen, sondern um zu sterben, bildete den Großteil der Insassen noch immer die Nervenkranken und Verrückten." Selten habe ich so ein gut recherchiertes Buch wie "Runa" gelesen. Wie ein Geschichtsbuch. Vielleicht fällt es nicht jedem auf, aber da ich aus dem medizinischen Bereich komme, waren mit Protagonisten wie Charcot, Babinski und Tourette keine Unbekannten. Ich muss sagen, das Vera Buck exzellente Arbeit geleistet hat. Vieles ist tatsächlich so geschehen, wie es hier geschrieben steht und deshalb fällt es wirklich schwer, Realität und Fiktion zu trennen. Es lohnt sich fast jeden Namen zu googlen, da es fast alle Personen in Wirklichkeit gab. Die verschiedenen Erzählstränge lassen keine Langeweile aufkommen und trotz einer Länge von 600 Seiten, lässt sich die Geschichte in einem Rutsch lesen. Die interessanten Hauptcharaktere werden sehr genau und mit all ihren Facetten beschrieben. Und jetzt zu Runa. Ich möchte gar nicht viel über sie sagen und verraten, da ihr das Buch ja selber lesen sollt. Aber Vera Buck hat auch bei ihr eindrucksvolle Arbeit geleistet. ""Jetzt mach den Mund auf Mädchen!" Die Fischverkäuferin mit dem Trichter griff Runa mit der rechten Hand ins Gesicht und wollte ihren Kiefer öffnen. Doch Runa schnappte nach ihr und verfehlte die Finger nur knapp." Fazit: Nichts für zarte Gemüter, aber für alle anderen ein absoluter Lesetipp!

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Über das Buch hab ich ja in den letzten Monaten viel gehört. Vor allem positives, aber immer mit dem Vorbehalt, dass es durch das Thema "sehr bedrückend und nichts für schwache Nerven" ist. Die Atmosphäre ist durch die psychatrische Klinik und dem unsensiblen, schamlosen "Vorführen" der Patientinnen vor Publikum natürlich sehr beklemmend, aber ich fand, dass es sich noch in einem erträglichen Rahmen gehalten hat - aber das mag je nach Gemüt anders aufgefasst werden. Da ich schon einiges zu dem Thema gelesen habe und die Erinnerung an die Serie "Penny Dreadful" noch frisch im Gedächtnis habe, hat mich das jetzt nicht so sehr mitgenommen, wie vielleicht manchen anderen Leser. Aber es geht natürlich zu dieser Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts im Bereich der neurologischen Medizin schon sehr heftig zu: Isolation, Fixierung, Unterwerfung, Zwangsernährung, Zurschaustellung ... und alles in einer so demütigenden, gleichgültigen und grausamen Art und Weise, die wohl niemanden völlig kalt lässt. Vera Buck erzählt aus mehreren Perspektiven und springt dabei auch zwischen verschiedenen Handlungsssträngen hin und her. Dadurch hat man von dem "Klinikalltag" auch mal Verschnaufpausen und erfährt so nach und nach, wie alles zusammenhängt. Runa, das Mädchen, dass mehr oder weniger der Auslöser für die Ereignisse ist, kommt relativ spät ins Spiel. Im ersten Drittel lernt man zunächst die anderen Personen kennen, allen voran Jori, Johann Richard Hell, den ewigen Assistenten, der endlich seinen Doktortitel machen will. Er hat eine bedrückende Vorgeschichte, die mir seinen Charakter etwas unsympathisch gemacht hat. Er entflieht unliebsamen Situationen und kriegt auch seinen Hintern nicht hoch, um etwas dagegen zu tun. Lieber verkriecht er sich und beruhigt sein Gewissen, indem er irgendetwas tut, was zumindest den Anschein hat, seine Probleme auf die Reihe zu kriegen. Aber es war schön zu beobachten, wie er lernt, das was er vorgesetzt bekommt auch mal zu hinterfragen und endlich aus seinem Schneckenhaus herauszukommen! Ledoq dagegen war mir von Anfang an sympathisch. Nicht unbedingt durch seinen Charakter, aber durch seine Originalität! Er ist ein ehemaliger Ermittler und mittlerweile auf dem kriminalistischen Sektor tätig, entdeckt eine Spur, die ihn nicht mehr loslässt. Sie führt ihn - wenn auch auf Umwegen - zu den mysteriösen Geheimnissen, die hinter dem Mädchen Runa stecken. Außerdem gibt es noch zwei neugierige Kinder, nach Macht und Einfluss strebende Ärzte und einen Jungen, der Gedichte schreibt. Sie alle sind in die Geschehnisse verwickelt und führen mich als Leser langsam aber sicher auf eine Entdeckung zu, die tief in die menschlichen Abgründe blicken lässt. Und alles unter dem Deckmantel der Wissenschaft! Langsam, ja es geht schon etwas behäbig voran, aber das hat mich hier nicht gestört. Es werden ja einige Nebenschauplätze außerhalb der Klinik mit eingeführt und die vielen Einzelschicksale mit großer Rafinesse erzählt, so dass Langeweile gar nicht aufkommen kann. Der teils schon nüchterne, dennoch aber anschauliche Schreibstil zeigt mir als Leser sehr deutlich die beklemmende Atmosphäre, die damals geherrscht hat. Teilweise auf den Straßen, in den Köpfen der Menschen, aber vor allem in der "Salpêtriére", dem neurologischen Zentrum von Paris und laut Dr. Charcot ein "lebendiges, pathologisches Museum". Man mag sich gar nicht vorstellen, wie sehr die Patienten, diese hilflosen kranken Menschen, gelitten haben und durch die grausame Behandlung und Medikation noch tiefer in einen verstörenden Zustand versetzt wurden, aus dem es keinen Ausweg mehr gab. Man kann wirklich von Glück sagen, dass sich das geändert hat! Fazit - 4.5 Sterne Wenn man sich vor Augen führt, wie gut die Autorin hier recherchiert hat und sich an damals lebenden Personen wie Ärzten und Fachmaterial orientiert hat, wirkt die Geschichte noch grauenvoller, auch wenn Vera Buck betont, sie als fiktives "Hirngespinst" zu sehen. Ein trauriger und bedrückender Ausschnitt aus der damaligen Medizin und Menschen, die für Macht und Ansehen jeglichen Respekt, Mitgefühl und Würde vermissen lassen.

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Vera Buck nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Paris des 19. Jahrhunderts. Die Welt befindet sich im Umbruch und auch in der Medizin werden bahnbrechende Fortschritte erzielt – reale historische Persönlichkeiten wie Dr. Charcot treffen hier auf fiktive Figuren. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, darunter der angehende Student Jori (Johann Richard Hell) und der Verbrecher Lecoq. Während die Handlungen zunächst unabhängig voneinander laufen und man fast dabei ist den Überblick zu verlieren, werden mit zunehmender Seitenzahl die Zusammenhänge deutlich. Am Ende ergibt alles eine sehr gut durchdachte Geschichte, die fasziniert und zugleich zutiefst erschüttert. Besonders interessant finde ich, dass die Autorin im Allgemeinen den personalen Erzählstil verwendet, für eine einzelne Figur jedoch in die Ich-Perspektive umschwenkt. Wenn ich sage, das Buch sei nichts für schwache Nerven, dann meine ich das so. Vera Buck zeichnet mit ihren Worten Bilder in den Kopf, die ich so schnell nicht wieder los werde. Schonungslos detailliert werden perfide Experimente und andere Grausamkeiten offenbart. Manchmal hätte ich das Buch am liebsten aus der Hand gelegt, weil es zu heftig war und doch musste ich weiterlesen. Wahrscheinlich ist vor Allem die Tatsache, dass manche Vorgehensweisen (heute an Foltermethoden erinnernd) im 19. Jahrhundert wirklich durchgeführt worden sind und genau diese zu bahnbrechende medizinischen Fortschritten geführt haben, dass man die Geschichte mit einem dauerhaften Gefühl der Fassungslosigkeit liest. Ebenso wie die Handlung sind auch die Charaktere besonders. Es gibt hier keine typischen Sympathieträger. Jeder handelt nach eigener Manier und das muss nicht immer gut sein. Es hat mich zutiefst erschüttert, wie damals mit eigenen Familienmitgliedern umgegangen wurde, weil sie scheinbar „verrückt“ waren. Nach einem nahezu atemraubenden Finale bleibe ich völlig fassungslos zurück und frage mich immer wieder: „Wirklich? Soll die Geschichte wirklich so ausgehen?“. Ein durchaus passendes, aber zugleich so trauriges und offenes Ende, dass mit dem Zuklappen des Buchdeckels noch lange nicht mit dessen Inhalt abgeschlossen hat. FAZIT: Runa ist ein sehr gut recherchierter Roman über die Medizingeschichte im 19. Jahrhundert. Vera Buck nutzt historische Ereignisse und baut darum ihre eigene Geschichte auf. Mit den ausführlichen Beschreibungen mancher Experimente und anderen verstörenden Szenen bringt die Geschichte sicher so manchen Leser an seine Grenzen.

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"Runa" ist eine Reise in das Paris von 1884, mitten hinein in die Medizingeschichte: An der Salpêtrière, einer Klinik für Nervenkranke, experimentiert der Neurologe Dr. Jean-Martin Charcot mit hysterischen Patientinnen. Seine Hypnosevorführungen während seiner regelmäßigen Dienstagabendvorlesung haben derartige Bekanntheit erlangt, dass ihnen Besucher aus ganz Europa beiwohnen. Im Publikum befindet sich auch Johann Richard "Jori" Hell, ein Schweizer Medizinstudent, der von dem "großen Charcot" lernen will und bereits seit einiger Zeit an der Salpêtrière studiert. Sein Ziel ist es, endlich seine Doktorarbeit zu schreiben, um dann nach Zürich zurückkehren und seiner nervenkranken Freundin Pauline helfen zu können. Durch seine Augen erlebte ich als Leserin zunächst den Alltag in der Klinik und erfuhr allerhand über damalige Diagnosen und Behandlungsmethoden, die mir so manches Mal eine ordentliche Gänsehaut bescherten. Als eines Abends in Charcots Vorlesung eine neue Patientin mit Namen "Runa" vorgestellt wird, ist das Aufsehen groß: Weder hat sie auf ihre bisherigen Behandlungsversuche reagiert, noch reagiert sie auf Charcots Hypnose. In der aufkommenden Unruhe beschließt Jori, endlich die Grundlage für seine Doktorarbeit gefunden zu haben: Er will Runa am Gehirn operieren, um ihre Nervenkrankheit zu heilen. Eine einfache Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen hat ... Neben Jori lernte ich noch einige andere Charaktere kennen, die ich ein Stück ihres Weges begleitete: Da wäre der ehemalige Poliziste Lecoq, der nun zwar als Verbrecher unterwegs ist, sich aber trotzdem auf die Suche nach einer verschwundenen Frau macht und schließlich versucht, die merkwürdigen Zeichen zu entschlüsseln, die sich in ganz Paris verteilt finden. Oder die Geschwister Frédéric und Isabelle, die eine mysteriöse Kutsche vor einem noch mysteriöseren Schloss mitten in Paris gesehen haben wollen. Oder einen Ich-Erzähler, der liebend gern schreiben statt singen würde und am Ende doch nur wieder Streit mit seinem Vater hat. Die Charaktere sind alle sehr lebendig gestaltet. Ihre Eigenheiten bleiben ihnen die gesamte Handlung über erhalten, dennoch machen sie alle charakterliche Entwicklungen durch, die ich als sehr realistisch empfand. Das Buch ist in sechs Teile geteilt, die noch einmal in einzelne Abschnitte untergliedert sind. Von Abschnitt zu Abschnitt springt die Geschichte zwischen den unterschiedlichen Charakteren und vermittelte mir so ein breites Bild von den Geschehnissen. Vera Buck gelang es dabei sehr gut, die Spannung oben zu halten. Bis zum Ende des Buches habe ich gerätselt, was es mit Runa auf sich haben könnte. Während des Lesens erhielt ist zwar immer wieder kleine Hinweise, aber das große Puzzle löste sich letztendlich erst mit den allerletzten Abschnitten dieser Geschichte. Der Schreibstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen. Er ist flüssig zu lesen. Insbesondere durch die Verwendung einiger französischer Begriffe, deren Bedeutung sich meist nur durch den Kontext klärte, wurde der Handlungsort Paris hervorgehoben. Ein besonderes Plus, das mir sehr gut gefallen hat, ist die historische Nachvollziehbarkeit der Geschichte: Es gab sowohl die Salpêtrière, als auch Charcot mit seinen Vorlesungen und so manch anderen Charakter. Obwohl das Mädchen Runa und auch Jori erfunden sind, fügten sie sich perfekt in diesen historischen Hintergrund, sodass ich am Schluss nicht mehr sagen konnte, was nun Wahrheit und was Fiktion war. Fazit "Runa" ist ein spannendes Lesevergnügen, nicht nur für Medizin- und Geschichtsinteressierte. Zurückversetzt in das Paris von 1884 konnte ich als Leser miterleben, wie an Grundlagen der modernen Medizin gearbeitet und mit Patienten umgegangen wurde. Die Geschichte ist, obgleich erfunden, sehr eindrücklich beschrieben. Ich hatte mehrfach das Gefühl, einfach nur ein Buch zur Medizingeschichte aufschlagen zu müssen, um mehr über den Fall "Runa" zu erfahren. Toll recherchiert, toll ausgearbeitet. Ich bin gespannt auf den zweiten Roman von Vera Buck.

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