Leserstimmen zu
Das Sexleben siamesicher Zwillinge

Irvine Welsh

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Im schönen und heißen Miami rettet Lucy zwei Männern das Leben, die von einem Bewaffneten bedroht werden. Lena, die gerade zur Stelle war, filmt die Entwaffnungsaktion mit ihrem Handy und überreicht es Polizei und Presse. Aber nicht nur das, sie heftet sich auch noch an Lucys Fersen und nervt die taffe Fitnesstrainerin, die in Lena nur die fette und schwache Versagerin sieht. Lena lässt sich von Lucy trainieren und die verliert immer mehr die Kontrolle über sich und wir immer gemeiner zu Lena, bis das Ganze schließlich eskaliert. "Man könnte das vermutlich oberflächlich und unhöflich nennen, doch ihr Aussehen ist in der Tat ein Verbrechen gegen die ästhetische Ordnung in South Beach, der vielleicht letzten Bastion der Vernunft in dieser durchgeknallten Welt." (Seite 167) Ich wurde durch den ungewöhnlichen Titel aufmerksam auf das Buch und weil es von einem meiner Lieblingsverlage, Heyne Hardcore, ist. Auch der Klappentext versprach einiges an Spaß und Spannung. Ich freute mich dann natürlich unglaublich, als ich "Das Sexleben siamesischer Zwillinge" durch das Bloggerportal von Randomhouse zugeschickt bekam. Jetzt konnte dem Lesespaß nichts mehr im Wege stehen. Oder doch? "Ich schüttle den Kopf und äffe mit verstellter Stimme ihr jämmerliches Piepsen nach: - Aber das kann doch nicht sein! Das ist nicht fair! Mein Gesicht verzieht sich zu einer clownesken Grimasse. - Die große Frage, die ganz Amerika auf den Lippen liegt: Ich habe doch nur auf der Couch rumgehangen und tonnenweise Scheiße gefressen, wie konnte ich da zu so einem plumpen, aufgedunsenen Fettklops werden? Wie konnte das passieren?" (Seite 90) Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir am Anfang etwas schwer fiel, mich auf die Geschichte einzulassen. Eigentlich fragte ich mich ständig, wann es denn endlich richtig los geht. Aber irgendwann hatte mich Welsh richtig gepackt und ich konnte und wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Habe sogar von dieser verrückten Geschichte geträumt. Die beiden Hauptcharaktere könnten unterschiedlicher nicht sein. Lucy, die Fitnesstrainerin, die die Kalorien sämtlicher Lebensmittel im Kopf hat, am liebsten 24. Stunden am Tag Sport machen würde und bei der sogar der Sex zu einem Workout ausartet. Akribisch gibt sie alles was sie zu sich nimmt, in ihre Handy-App ein und wenn sie uns einen Menschen vorstellt, dann zuerst mit Größe und Gewicht. Sie ist besessen vom Körperkult und kann nicht verstehen, warum nicht alle Menschen so leben wie sie. Lena ist eine unglückliche Künstlerin die sich einen dicken Schutzpanzer angefuttert hat und über absolut kein Selbstbewusstsein verfügt. Sie bricht aus der Enge der Kleinstadt aus und versucht ihrer übervorsorglichen Mutter und dem desinteressierten Vater zu entkommen und studiert heimlich an der Kunstakademie von Chicago, wo sie auch ihre große Liebe kennen lernt. Als sie nach Miami umzieht ist sie eine gebrochene Frau ohne großen Lebenswillen. Wenn so zwei unterschiedliche Menschen aufeinander treffen müssen ja die Fetzen fliegen. Sympathisch war mir eigentlich keine der Beiden, aber sie waren richtig interessant und ich musste einfach ständig wissen, wie es weiter geht. Das Ende war dann so ganz anders als gedacht. Sehr gut fand ich auch, dass beide Frauen ihre guten und schlechten Seiten haben. In dem Buch wird der Körperkult und Fitnesswahn von Miami auf die Schippe genommen. Das ist dem Autor wirklich hervorragend gelungen. Jeder der nicht schlank und schön ist, wird gnadenlos ausgegrenzt. Die Sprache ist derbe und vulgär und passt perfekt zur knallharten Lucy. Aber das Buch hält auch noch einige Überraschungen parat. "Wie befreie ich diese nervige Schwabbelbacke bloß von ihrem Fett? ich schicke sie aufs Laufband, erst im Schritttempo, um dann allmählich einen Zahn zuzulegen. Ich lege die Latte höher, schalte auf 8 km/h und zwinge sie, mit Gepolter über das Gummiband zu galoppieren. Tanz, fetter kleiner Hamster, tanz! (Seite 105) Die siamesischen Zwillinge bilden einen 2. Part in dieser Geschichte, von der die Protagonistinnen immer wieder in der Zeitung lesen oder im Fernsehen unterrichtet werden. Ihr Privatleben wird in der Öffentlichkeit diskutiert, weil eine der Zwillinge sich verliebt und mit ihrem Freund zusammen sein möchte und die Andere etwas dagegen hat, natürlich dadurch erschwert wird, dass die beiden Mädchen sich nicht aus dem Weg gehen können. " Zwei halb tote Bulimie-Chicks, die dafür bekannt sind, täglich 3 Stunden auf dem Crosstrainer zu verbringen, und die in mindestens 4 Fitnessklubs von South Beach Hausverbot haben, weil sie ständig bis zum nahen Zusammenbruch (und oft genug darüber hinaus) trainieren, unterbrechen kurz ihren Selbstmordpakt, um meine Begleiterin mit blankem Horror in den ausgemergelten Fratzen anzustarren. Ja, ich bin mit einem fetten Mädchen unterwegs, und wenn man in Miami übergewichtig ist, dann könnte man genauso gut Lepra im Endstadium haben und seine Körperteile auf dem Tanzboden verteilen. Ich habe einen unentschuldbaren Fauxpas begangen, indem ich einen Fettklops in den Club mitgenommen habe." (Seite 161/162) "Das Sexleben siamesischer Zwillinge" war mein erstes Buch von Irvine Welsh, aber mit Sicherheit nicht das Letzte. Sein ungewöhnlich derber Schreibstil, der trotz allem unglaublich bildhaft ist und sich in das Gehirn des Lesers frisst, hat es mir angetan. Ich hoffe, ich komme bald dazu ein weiteres Buch des Autors zu lesen. Geschrieben hat er ja einige. Ich vergebe für diese außergewöhnliche Geschichte 5 von 5 Byrons, denn trotz dem etwas schleppenden Beginn, konnte mich die Geschichte absolut überzeugen. Herrlich böse und überraschend. © Beate Senft

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Neben Chuck Palahniuk und Michelle Houellebecq zählt Irvine Welsh zu den großen Gesellschaftskritikern im literarischen Feld, die gewisse Themen gern einmal auf drastische Art und Weise angehen. In Welshs Romanen geht es häufig um Individuen, die durch übermäßigem Drogenkonsum versuchen einer Welt zu entfliehen, in der sie nicht bestehen können. Oftmals haben diese Figuren etwas traumatisches erlebt und versuchen es dementsprechend zu kompensieren. So stellt es sich auch in seinem neuen Roman "Das Sexleben siamesischer Zwillinge" dar. Wir lernen die übergewichtige Künstlerin Lena Sorenson und die knallharte Fitnesstrainerin Lucy Brennan kennen, die sich eines Nachts begegnen, als Lucy gerade einen vermeintlichen Amokläufer zur Strecke bringt und Lena dies filmt. Daraufhin finden die beiden zusammen, denn Lena möchte bei Lucy ein Personal Training beginnen. Die beiden Protagonistinnen repräsentieren zwei extreme! Seiten einer (amerikanischen?) Gesellschaft - auf der einen Seite Menschen, die an extremen Esssüchten leiden und auf der anderen Seite Menschen, die sich in totalen Fitnesswahn versteigen und einen regelrechten Hass schieben auf jedes Gramm Fett. Auf Lucy trifft letzteres zu, sie schafft es in keinem Satz einen nicht ihren Idealen entsprechenden Menschen einmal nicht auf sein primäres Geschlechtsorgan zu reduzieren. Der Autor hält sich dahingehend mit Beschreibungen und Beschimpfungen nicht zurück, ebenso wenig wie mit sexuellen und gewaltvollen Handlungen. Pikante Details sind Welshs Spezialgebiet und das findet man spätestens auf Seite 50 heraus. Als die beiden Frauen aufeinandertreffen, die sich so enorm unterscheiden, muss es einfach zum totalen Crash kommen und wie das aussehen wird, lohnt sich zu entdecken. Welsh hält den Spannungsbogen der Geschichte immer aufrecht. In den Kapiteln der Geschichte begegnen uns nicht nur Lena und Lucy aus der Ich-Perspektive, sondern auch tagebuchartige Einträge, Reflexionen und Email-Korrespondenzen. Die Darstellung von Sex und Gewalt ist stets sehr explizit. Homosexualität wird auf Seiten beider Frauen dargestellt, recht natürlich und normal zwar, aber dank Welshs Hang zu Details auch sehr spezifisch und zu genau. Seine Kritik an diesen beiden Extremen in der Gesellschaft empfand ich als überaus gelungen, jedoch störte es mich etwas, dass er sich am Ende doch für eine Seite entscheidet. Ein offenes Ende hätte ich hier durchaus für passend gehalten, um den Leser zum Nachdenken anzuleiten. Nichtsdestotrotz steckt hinter der oft vulgären und saloppen Oberfläche vom Roman ein Aufruf für ein gesünderes Körpergefühl. Weder Medien noch die Gesellschaft sollten einen bei der Wahl des eigenen Wohlfühlgewichts reinreden können. Zu seinem ungewöhnlichen Titel gelangt das Buch im Übrigen durch eine Sendung, die im Fernsehen des Romans läuft. Dort geht es um siamesische Zwillinge, deren Geschichte erzählt wird und deren alsbaldige Trennung bevorsteht - diese Geschichte verfolgen auch Lena und Lucy, sie reflektieren darüber und tauschen sich ebenso aus. Eine gut angelegte Parallelhandlung! Meine Wertung: 3,5-4,0 Sterne

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Worum es geht: Lucy Brennan ist die härteste Fitnesstrainerin von Miami Beach - und ein Star: Seit sie dabei gefilmt wurde, wie sie per Frontkick einen Amokläufer zur Strecke brachte, kann sie sich vor Aufträgen kaum noch retten. Auch die Planungen für ihre eigene Reality-TV -Show machen Fortschritte. Doch dann meldet sich die unsichere, stark übergewichtige Künstlerin Lena Sorenson zum Personal Training bei ihr an; eine Frau, die all das verkörpert, was Lucy hasst. Langsam, aber unaufhaltsam gerät ihr erbitterter Kampf gegen die Fettleibigkeit außer Kontrolle ... - Klappentext Heyne Verlag Meine Meinung: Manche Bücher erreichen einen zur richtigen Zeit. Als ich mir den Klappentext auf englisch durchgelesen hatte, konnte ich herzlich wenig damit anfangen. Nach dem deutschen erscheinen war ich allerdings Feuer und Flamme. Dank dem Bloggerportal und der Lieben Frau Keis von Randomhouse konnte ich das Buch als Rezensionsexemplar erhalten. Seit kurzem habe ich eine Ernährungsumstellung gemacht und beschäftige mich mehr und mehr mit Fitness und Körper. Ich weiss nicht ob mir das Buch unter anderen Umständen gefallen hätte, jetzt hatte es allerdings einen Nerv getroffen. Bereits auf der ersten Seite hat Lucy mich mehrmals laut auflachen lassen und für sich gewonnen. Wieder eine Überraschung, war ich mir doch sicher dass meine Sympathien eher an die Übergewichtige Lena gehen würden. Aber mit den Sympathien ist es hier nicht so einfach. Welshs Figuren, wie jeder Mensch, hat gute und schlechte Seiten und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Darstellung der Lucy und ihre Obsession gegen die Fettleibigkeit ist richtig gehend unheimlich. Wie schnell ein Mensch sich im Strudel seiner Überzeugung verlieren kann wird deutlich als Lucy bereits in der Hälfte des Buches kaum noch identifizierbar ist mit der Lucy der ersten Seite. Die Detailfreude wird einigen Aufstoßen, da sollte man schon hart im Nehmen sein. Hart, härter, Irvine Welsh? Doch obwohl soviel abscheuliches dargestellt wird weiss Welsh zu fesseln! Wie weit wird er mit Lucy gehen um ihr Ziel zu erreichen, vor allem wenn sie wortwörtlich bereit ist ALLES zu tun? Es scheint keine Grenzen zu geben und dem Leser wird ab verlangt seine eigenen über Bord zu werfen. Positiv: - Für mich mal was ganz anderes - Entwicklung der Figuren Negativ: - Das Ende war dann recht enttäuschend, wenn man die restlichen 90% der Handlung schaut. Hat für mich so irgendwie nicht reingepasst.

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Die taffe Fitnesstrainerin Lucy Brennan macht sich mit ihrem 1998er Cadillac DeVille gerade auf den Weg nach South Beach, als ihr zwei Männer mit wedelnden Armen auf dem fast verlassenen Causeway entgegenlaufen. Während der eine Typ über ihre Motorhaube abrollt, wird sein Begleiter von einem anderen Fahrzeug voll erwischt. Schließlich taucht ein dritter Mann mit einer Pistole aus dem Dunkeln, den Lucy beherzt entwaffnet. Von einer Zeugin wird der Vorfall mit einem Handy gefilmt, Lucy avanciert in Blitzeseile zu einer Heldin, der von VH1 sogar eine eigene Fernsehshow in Aussicht gestellt wird. Allerdings wendet sich das Blatt, als herauskommt, dass der Mann, den Lena entwaffnete, Opfer eines Pädophilenrings gewesen ist, der zwei der Triebtäter verfolgt hat. Statt einer eigenen Fernsehshow bekommt Lucy nun die Zeugin Lena Sorensen als Klientin, die bei einer Körpergröße von 1,60m ordentliche 100 Kilogramm auf die Waage bringt. Dabei ist Lucy gar nicht so eine Loserin, wie sie auf den ersten Blick erscheint, sondern eine populäre Künstlerin, die mit ihren Skulpturen aus Tierknochen bereits auf einige erfolgreiche Ausstellungen und Verkäufe zurückblicken kann. Da sie allerdings nicht die Vorgaben ihrer Trainerin erfüllt, greift Lucy zu drastischeren Mitteln und sperrt Lena in dem verlassenen Apartment ihrer Mutter ein, das sie erst wieder verlassen darf, wenn sie wieder ihr Normalgewicht erreicht hat. „Bis du endlich erwachsen geworden bist und ich dich ernst nehmen kann, werde ich alle Entscheidungen für dich treffen, in deinem Interesse. Denn deine schlechten Entscheidungen wirken sich negativ auf mein Leben aus! Dieses Video von mir dem Fernsehen zu geben: schlechte Entscheidung! Dir den Mund mit Scheiße vollzustopfen, obwohl ich alles unternehme, damit du abnimmst: verdammt schlechte Entscheidung!“ (S. 210f.) Der im schottischen Leigth nahe bei Edinburgh geborene und mittlerweile in Chicago lebende Irvine Welsh ist durch die kongeniale Verfilmung seines Debüt-Romans „Trainspotting“ durch Danny Boyle weltberühmt geworden. Nachdem er 2012 mit dem epischen „Skagboys“ die Vorgeschichte zu diesem Bestseller erzählte, folgt nun mit „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“ quasi das amerikanische Pendant dazu. Hinter dem etwas kurios anmutenden Titel verbirgt sich ein beißender Kommentar auf den hedonistischen Körperkult und Schönheitswahn, wie er im Miami wohl am eindrucksvollsten zur Schau gestellt wird. Mit der körperbewussten Lucy und der zurückhaltenden Lena lässt Welsh zwei Frauentypen aufeinanderprallen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch hängen sie wie die titelgebenden siamesischen Zwillinge zusammen, die immer mal wieder wie ein McGuffin in bester Hitchcock-Tradition auftauchen. Die Geschichte der sechzehnjährigen siamesischen Zwillinge Amy und Annabel aus Arkansas taucht immer wieder in den Medien auf, weil sich das eine Mädchen von dem anderen trennen möchte, um mit seinem Freund ungestört zusammen sein zu können. Wie Lucy und Lena miteinander umgehen, ist schon grenzwertig und wird von Welsh auch in expliziter Sprache wiedergegeben. Vor allem bei den Sexszenen nimmt der Bestseller-Autor kein Blatt vor den Mund und lässt der Fantasie nicht viel Raum. Der Roman weist gerade in der Mitte auch einige Längen auf, wenn sich die Story nicht wirklich weiterentwickelt. Dafür präsentiert Welsh immer wieder interessante Intermezzi wie die tagebuchähnlichen „Morgenseiten“, die Rezeption von Lenas Kunst in der Fachpresse und verschiedene email-Kommunikationen. Zum Schluss hin nimmt „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“ aber wieder mächtig an Fahrt auf und präsentiert einige interessante Wendungen und Hintergründe zum Verhalten der Protagonistinnen. Lucy und Lena präsentieren hier zwei Vorzeigefiguren des „American Way of Life“, den Fitnesswahn und Körperkult ebenso wie die Abhängigkeit von Fast Food auf der einen Seite, die Medienhysterie auf der anderen Seite.

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Für Lucy Brennan ist Fitness mehr als ein Hobby oder Beruf, es ist Berufung und Passion. Lucy ist Fitnesstrainerin und sowohl auf ihre eigene Fitness obsessiv bedacht, als auch extrem im Umgang mit ihren Kunden. Bei einem zufälligen Zwischenfall bringt sie einen Amokläufer mit einem Fußkick zur Strecke, wird dabei gefilmt und ist plötzlich ein Star. Sie ist begehrt fürs Reality-TV und scheint am Ziel ihrer Träume. Als sich eine Zeugin des Vorfalls bei Lucy meldet (die stark übergewichtige, verträumte Künstlerin Lena) und trainiert werden möchte, entwickelt sich aus dieser beruflichen Beziehung ein harter Kampf zwischen zwei extremen Charakteren. Spätestens seit „Großer Bruder“ von Lionel Shriver hat mich die Thematik rund um Schlankheitswahn und Körperkult schwer beschäftigt. Ob äußere Fettschichten, im wahrsten Sinne des Wortes, schwerer wiegen, als innere Werte scheint eine absurde Frage. In einer auf Äußerlichkeiten fixierten Gesellschaft ist diese Frage leider häufig nicht so absurd. Wie Irvine Welsh dieses Thema aufarbeitet und vorstellt, hat mich neugierig gemacht. Dass es extrem werden würde, habe ich dabei schon geahnt. Schon der Titel ist krass und auch die Charaktere bergen großes Konfliktpotenzial. Wie hart aber auch spannend, mitreißend und anders diese Geschichte am Ende wirklich sein wird, habe ich aber kaum erwartet. Lucy und Lena sind zwei toll dargestellte Charaktere, die extremer und unterschiedlicher nicht sein könnten. Toll ist, dass in dieser Geschichte kein Charakter eindeutig „der Gute“ oder „der Böse“ ist. Beide haben ihre (extremen!) Schwächen, sind mal gemein und niederträchtig, mal fürsorglich und sympathisch. So inbrünstig ich Lucy für ihre abschätzige Meinung über Lena gehasst habe, so intensiv habe ich sie geliebt, wenn sie der schüchternen Künstlerin zur Seite stand. Und auch Lena ist nicht bloß ein pummeliges Unschuldslamm! Ein tolles Wechselbad der Gefühle und für mich absolut mitreißend. So kommt es auch, dass eine Geschichte, die an sich kaum große Entwicklung erwarten lässt zum absoluten Sog wird und immer mehr Spannung entwickelt. Die Charaktere tun, was man nun wirklich, wirklich nicht erwarten konnte, bringen immer neue Wendungen und Entwicklungen zustande. Dabei geht es ziemlich hart zur Sache. Lucy ist bisexuell und in der Tat eher freizügig, die Trainings der beiden Charaktere sind brutal. Dazu gibt’s eklige Szenen, Exkremente und jede Menge Gemeinheiten. Das Titelgebende „Sexleben siamesischer Zwillinge“ ist übrigens eine parallel entwickelte Hintergrundgeschichte, die beide Charaktere in den Medien verfolgen und die synchron zur Beziehung der Hauptfiguren Höhen, Tiefen und absurde Wendungen erlebt. Ich habe „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“ mit großer Begeisterung gelesen, war mal erschrocken über die expliziten und harten Szenen, aber immer fasziniert von der immer weiter eskalierenden Situation in der Geschichte. Das Buch ist nichts für schwache Nerven, aber ein ganz anderes Leseerlebnis und definitiv ein Experiment wert.

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