Leserstimmen zu
HERKUNFT

Saša Stanišić

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Als ich "Herkunft" im September las, stand das Buch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019. Für mich war es der erste Roman von Saša Stanišić und eine große Entdeckung. Dann hörte ich ihn nach der Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse bei einer Lesung – er las das Kapitel über den schlesischen Zahnarzt Dr. Heimat – und begriff, dass es hier noch eine Steigerung zur Lektüre gibt: das von ihm selbst gelesene Hörbuch. Zwar beinhalten die fünf CDs mit einer Gesamtlaufzeit von gut fünfeinhalb Stunden nur ausgewählte Texte des Romans, aber ich habe sicher dreimal solange gebraucht, so oft habe ich einzelne Tracks wiederholt und immer wieder Neues entdeckt. „Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“ Herkunft war für Saša Stanišić kein Thema, bis seine bosnische Großmutter ihn mit in das Heimatdorf seiner Vorfahren und auf den dortigen Friedhof nahm. Und auch dann war ihm das Thema zunächst eher peinlich, denn die „Herkunftsfolklore“ und der „Zugehörigkeitskitsch“ waren Ursache dafür, dass es Jugoslawien, das Land, in dem er geboren wurde, heute nicht mehr gibt. Die Flucht vor dem Balkankrieg nach Heidelberg, das Ankommen in Deutschland, der Erwerb der deutschen Sprache, die Freunde von der Aral-Tankstelle, die Scham über die prekären Lebensumstände, die Angst vor der Abschiebung, die erste Liebe und schließlich das Glück, in Deutschland bleiben zu können, während die Eltern trotz aller Anstrengungen das Land wieder verlassen mussten, bildet den einen Teil des Romans. Den anderen Teil widmet Saša Stanišić der Erinnerung an die Kindheit in Bosnien, dem Ende des Vielvölkerstaats, als Herkunft plötzlich eine immer größere Rolle spielte und selbst die Identifikation mit dem Fußballclub Roter Stern Belgrad die verschiedenen Nationalitäten nicht mehr verband, und der in Višegrad zurückgebliebene Großmutter, der mit zunehmender Demenz die Erinnerungen abhandenkamen. Der ganz eigene Charme von Stanišićs Lesung Verfügt der Roman bereits über eine große emotionale Bandbreite von der Melancholie bis zur blanken Komik, so kamen alle diese Gefühle für mich beim Zuhören noch deutlich stärker zum Tragen. Saša Stanišić liest seine Texte so engagiert und pointiert, mit so viel Dynamik, Betonung, Gefühl und dem passenden Akzent, dass ich ständig zwischen Lachen und Traurigkeit schwankte. Ein ausgebildeter Schauspieler hätte sie zwar mit größerer Perfektion, aber niemals mit vergleichbarer Intensität vortragen können. Hatte mich beim Lesen das Ankommen in Deutschland noch mehr bewegt als die Geschichten aus Bosnien, so waren die beiden Aspekte beim Hören mindestens gleichwertig, die Trauer über die Erkrankung der Großmutter und die spürbare Betroffenheit und Hilflosigkeit des Enkels sogar berührender. Auch das Spiel mit der Sprache, das den Roman neben den inhaltlichen Aspekten für mich so ganz besonders macht, war beim Zuhören eine Quelle der Freude. Der genau richtige Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019 Noch nie war ich mit der Jury des Deutschen Buchpreises so einer Meinung wie in diesem Jahr. "Herkunft" ist ein berührendes, kluges, hochaktuelles Buch, das ich eigentlich jedem ans Herz legen möchte, am besten zuerst als Lektüre und danach als Lesung.

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„Aha, soso, jetzt also kommt der Teufel in die Welt“

Von: Christian Eberli – @thinkingowlish

16.11.2019

Das sollen wohl die Višegrader in der stürmischen Nacht von Saša Stanišićs Geburt gedacht haben, teuflisch war jedoch nur der Krieg vor dem der Ex-Jugoslawe mit seiner Familie flüchtete. Herkunft ist ein Roman über das Leben eines Mannes dessen Geburtsland es gar nicht mehr gibt. Über einen Mann der dem Dorf seines Großvaters viel näher scheint als seinem Višegrad. Einen Autor der beim Erzählen seiner Vergangenheit immer wieder ins Erfinden fällt. So wie es uns wohl auch gehen würde. Geprägt durch eine lebendige Sprachgewandtheit mit der Stanišić seine Vergangenheit spielen lässt und Erdachtes ergründet ist dies ein sehr kurzweiliges Buch. Auch die Verbindung zur slawischen Mystik, besonders auf dem Berg Vijarac, band mich an das Buch. Interessant ist sein Ankommen in dem uns bekannten Deutschland, für ihn die Fremde. Der Hauptfaden jedoch gehört seiner Großmutter, der Frau mit den einst violetten Haaren und den mafiaartigen Unternehmungen, die langsam aber sicher in die Demenz abrutscht. Ohne gestellt zu werden zerlegt sich die Frage, was macht unsere Herkunft aus uns? Und wie wirkt sie auf andere, wenn ich zum Beispiel in der Verkehrskontrolle beweisen muss, dass ich nicht Kroate bin, wie mein Nummernschild es vortäuscht, um einer sinnlosen Bestrafung zu entgehen? Ist eine Geschichte gut, interessiert es mich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ob sie wahr oder erfunden ist, "Herkunft" hat das erreicht. Womit das Buch meine Leseerfahrung zusätzlich unglaublich bereichert hat, ist dass es ohne jegliche Klischees, Kitsch, Aphorismen und Nachgeschwatztem daherkommt, überhaupt ist es ein freies Buch das ich sehr gerne empfehle. Danke für das Leseexemplar, lieber Luchterhand Verlag.

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Man kann über eine Flüchtlingsbiografie voller Dramatik schreiben, über das Ankomen in der Fremde voller Schmerz oder voller Wut. Sasa Stanisic hat für seinen autobiografischen Familienroman "Herkunft" einen leicht ironischen Untertun und viel Wärme gefunden, mitunter leichte Distanz und Reflektion. "Herkunft", das ist die eigene Geschichte, aber auch die Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt und eines Landes, das sich verändert. Auch um Zufälligkeiten geht es - ist Herkunft unverrückbar an den Ort der Geburt gebunden, ist es etwas, dass man sich aneignet, sind es Sprache und Zugehörigkeitsgefühl - und wer entscheidet, wer wohin gehört? Eine Geschichte voll liebevoller Erinnerungen und der Liebe zu einer Großmutter, die aufgrund fortschreitender Demenz ihre Erinnernung verzerrt und vergisst. Eine Geschichte des Friedhofs in dem fast schon mytholigisch-verwunschenen Bergdorf, wo fast alle Grabsteine den eigenen Familiennamen tragen, und Heidelberg als Ort detuscher Romantik, den sich der Erzähler ebenso wie die neue Sprache und die Literatur zu eigen macht. "Herkunft ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. Herkunft ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist", schrieb Stanisic selbst über sein Buch, das gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde Im Rahmen der #vonHier- und #MeTwo-Debatten, gibt es manchen Text, der eher anklägerisch ist, Abgrenzung heraufbeschwört, bisweilen larmoyant ist. Nichts von alldem ist in "Herkunft" zu finden. Doch die Geschichte vom Ankommen in der Fremde, von der buchstäblichen Verheimatung, von der Gemeinschaft derjenigen, die sich als irgendwie anders und doch dazugehörig defininieren hat Stanisic ein Buch geschrieben, in dem wohl sowohl "Bio-Deutsche" als auch "neue Deutsche" vieles wieder erkennen dürften. Sasa Stanisic wurde in Visegrad geboren - heute Bosnien, damals Jugoslawien, das Land, an das vor allem sein Großvater Pero, ein glühender Kommunist, voller Überzeugung glaubte. Ein Teil der Familie serbisch, der andere bosnisch-muslimisch - im Vielvölkerstaat Jugolawien zumindest offiziell kein Thema. In dem Moment, in dem nationale Bewegungen das Trennende heraufbeschwören, sind solche Familien die ersten, die die Konsequenzen spüren. Die Grausamkeiten des Krieges, der ein Land und viele Familien zerriss, werden nur angedeutet und sind doch ständig präsent. So war es auch für die Familie Stanisic. Ihre Flucht endete in Deutschland, Großmutter Kristina blieb in Visegrad zurück. Die Erinnerungen Sasas springen von der Gegenwart zwischen kleinem Sohn und der Sorge um die demente Großmutter und der Vergangenheit hin und her - die Kindheit am Ufer der Drina, die Jugend in Heidelberg, wo das Ankommen auch das Aneignen der Sprache war, als der junge Sasa , ermuntert von seinem Deutschlehrer begann, seine Gedichte auf Deutsch und nicht länger auf Serbokroatisch zu schreiben. Das Leben zwischen zwei Welten, mit Freunden aus deutschen Akademikerfamilien und den Jungs, die sich an der Aral-Tankstelle im Migrantenviertel fanden - Jugos und Türken, polnischsprachige Schlesier. Die hässlichem Seiten des neuen Landes, Fremdenhass und Vorurteile, zeigen sich in vergleichsweise harmloser Ausprägung. Der Junge aus Bosnien fasst schnell Fuß, Integration durch Sprache funktioniert. Für die Eltern ist es schwieriger - keine Zeit zum Spracherwerb, keine Arbeit gemäß ihrer Qualifikation, am Ende die Abschiebung - sie finden ein neues Leben in Amerika, ihr Sohn erhält dank seines Studiums die Duldung. Für den Lebenslauf für die Ausländerbehörde setzt er sich mit seiner Vergangenheit auseinander... Jeder, der neu in ein Land kommt, schleppt sein individuelles Gepäck mit sich, finder es einfacher oder schwieriger, mit der neuen Sprache, Mentalität oder Kultur zu leben. Viel hängt von den Menschen ab, die man dabei findet. Mit "Herkunft" hat Sasa Stanisic ein kluges Buch geschrieben, in dem sich sowohl diejenigen, die sich neu in ein anderes Land integrieren mussten und diejenigen, die schon länger da sind, gleichermaßen wiederfinden dürften.

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Saša Stanišić schenkt uns mit „Herkunft“ einen wundervollen, sprachlich beeindruckenden Roman. Darin verwebt der Autor autobiografische Erinnerungen an eine Kindheit in Višegrad, Jugoslawien, an die Migration nach Deutschland, aber auch die Erinnerungen seiner Großmutter und seiner Verwandten zu einem wundervollen Text gegen das Vergessen. Er begibt sich darin auch an den Ort seiner Kindheit, merkt wie fragil die eigenen Erinnerungen sein können und uns selbst zuweilen täuschen können. Der Schreibstil ist ironisch und witzig, oft poetisch, und wenn er aus der Sicht seines jugendlichen Ichs erzählt, fast kindlich. Es ist so viel Weisheit in dem Text, so viele traurig schöne Momente und Geschichten stecken in dem Buch, daß man es nur ungern aus der Hand legt. Das Ende hat mich überrascht, nie hätte ich gedacht, daß man heute einen Roman so enden lassen kann, ja darf. Daß sich ein Autor traut seinen Leser formal dermaßen herauszufordern hat mich begeistert. Ein mehr als kreativer Roman, unbedingte Leseempfehlung.

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Woher kommst du eigentlich? - manchmal kann und will man diese Frage nicht in einem Satz beantworten. Saša Stanišić nutzt seinen Roman um von seiner vielschichtigen Herkunft zu berichten. . Darum geht’s: HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh. HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist. In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden. Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. . Ein sehr beeindruckender Roman, der einen zum nachdenken, staunen und schmunzeln bringt. Die Frage nach der Herkunft versucht Staniśić in seinem Roman mit vielen Anekdoten, Erlebnissen und Familiengeschichten zu verdeutlichen. Sein Sprachstil ist treffend, direkt und wirklich besonders. Es zeigt einem auf, wie vielschichtig das Wort „Herkunft“ ist und das sich die Frage danach, nicht in einem Satz beantworten lässt. Nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, sondern teils sachlich-neutral werden verschiedene Situationen geschildert. Dieses Buch regt zum nachdenken. Was bedeutet Herkunft für mich? Für andere? Besonders spannend fand ich das Eintauchen in die jugoslawische Geschichte. Viele Konflikte und Tatsachen waren für mich absolutes Neuland, da ich mich bis dato damit noch kaum beschäftigt habe. Absolut spannend. Insbesondere der letzte Teil der Geschichte hat mich begeistert - da möchte ich aber nicht zu viel verraten. Ich denke, dass das Buch für Personen geeignet ist, die anspruchsvoll-verständliche Literatur lieben und sich mit dem Begriff Herkunft hinterfragen möchten.

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Das literarische Quartett hatte mich auf das neue Buch von Saša Stanišić aufmerksam gemacht und als „Herkunft“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 stand, war meine Neugierde gänzlich da. Mittlerweile steht dieses sehr persönliche Buch des Autors auf der Shortlist. Am 14.10.2019 wird der Gewinner bekanntgegeben und das Zittern hat ein endlich ein Ende. Die Geschichte begann mit dem Schwinden von Erinnerungen und mit einem bald verschwundenen Dorf. Sie begann in Gegenwart der Toten: Am Grab meiner Urgroßeltern trank ich Schnaps und aß Ananas. – S. 30 In „Herkunft“ erzählt der Autor Saša Stanišić auf einer humorvollen, aber auch ergreifenden Art und Weise, wie er zu dem Begriff „Herkunft“ steht. Ist Herkunft ein Ort? Eine Person? Ein Gefühl? Eine Erinnerung? Ein Gegenstand? Dabei verweist er sowohl auf Passagen aus seiner Jugend, stellt seine Verwandtschaft vor und philosophiert über die Bedeutung von Herkunft. Seine Schilderungen sind deshalb so interessant, weil Sašas Familie - im Gegensatz zu meiner - einen langen, oft beschwerlichen Weg der Flucht und Auswanderung hinter sich hat. Erst als Saša mit 30 Jahren für die Einwanderungsbehörde ein Formular ausfüllen muss, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, wird das Thema Herkunft ein für ihn relevanter Begriff. Der einzureichende Lebenslauf stimmt Saša nachdenklich: Wie soll er seine Heimat und Herkunft benennen? Im Verlauf des Buches nehmen wir als Leser an seinen Gedankengängen teil. Saša wuchs in einem Land auf, das es heute nicht mehr gibt: Jugoslawien. In Višegrad geboren, mit seinen Kindern in Hamburg ein trautes Heim geschaffen. Die Antwort auf die Frage ist verzwickt und nicht leicht zu beantworten. Neben der Schilderung über die eigene Kindheit, Schulzeit, den Status als Flüchtling, geht er zentral auf seine Großmutter ein, die an Demenz erkrankt ist und eine enge Beziehung zu ihm pflegt. Er schreibt über Familie und Heimat, über die Vergangenheit und Gegenwart. Wie war es früher in Jugoslawien? Warum ist seine Familie im Bosnienkrieg geflüchtet? Wer gehört überhaupt zur Familie? Wie ergeht es Saša in Deutschland? Wir tragen Häkchen im Namen. Jemand, der mich gern hatte, nannte meine mal „Schmuck“. Ich empfand sie in Deutschland oft eher als Hindernis. – S. 61 Der Schreibstil von Saša Stanišić würde ich als außergewöhnlich und ungewohnt beschreiben. Teilweise schildert er sein Leben in kurzen, präzisen, einfachen Sätzen. Diese werden dann abgelöst von langen, nachdenklichen und poetischen Reihen. Eine interessante Mischung, die zunächst sehr ungewohnt ist und mich oft stolpern lassen haben. Zudem behandelt der Autor in jedem Kapitel, die sehr kurz gehalten werden, eine prägende Situation oder eine Person in der Familie und springt gerne mal von Familienmitglied zu Familienmitglied, von Ort zu Ort, bis ich das Gefühl hatte, ihm nicht mehr folgen zu können. Die Zeitsprünge haben mir die meisten Probleme bereitet. Eine Jahreszahl folgt willkürlich nach der anderen. Schnelle Gedankengänge in kurzen Kapiteln – rasant und nüchtern. Neben den vielen beschreibenden Momenten, versieht er dem Buch auch eine humorvolle Note, die mir sehr gut gefallen hat. Pfiffige, originelle, freche Kommentare oder amüsante Metaphern. Darunter gibt es viele emotionale Szenen mit seiner Großmutter – ehrlich, verletzlich und authentisch. Es ist der 7. März 2018 in Višegrad, Bosnien und Herzegowina. Großmutter ist siebenundachtzig Jahre alt und elf Jahre alt. – S. 5

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Heimaten

Von: Frau Lehmann

21.09.2019

Deutschland ist im Aufbruch, so mein Eindruck. Wohin die Reise geht ist ungewiss. Auf der einen Seite demonstrieren unzählige Menschen für eine Wandlung im Umgang mit unserer Heimat Erde, auf der anderen Seite erhalten Parteien Zuwachs, die den Begriff "Heimat" sehr eng fassen. "Deutschland den Deutschen" ist wieder salonfähig. Sasa Stanisics Buch trifft somit den Zeitgeist. Herkunft und Zukunft, das sind Themen, die derzeit viele beschäftigen. Herkunft ist Zufall, der erste von vielen im Leben. Wo wir geboren werden, die Entscheidung liegt nicht bei uns. Stanisic ist in Jugoslawien geboren, einem Staat, den es so nicht mehr gibt. Als Kind hat er in Visegrad gelebt, seine Familie kommt aber ursprünglich väterlicherseits aus einem kleinen Bergdorf mit nur noch wenigen Einwohnern. Wie soll er nun also seine Herkunft benennen: Jugoslawien, Visegrad oder doch Oskorusa? Und was ist Heimat? Der Ort seiner Kindheit, der Herkunftsort seiner Familie, ein Land, das nicht mehr existiert oder Deutschland, wo er den Großteil seines Lebens verbracht hat? Stanisic läßt den Leser an seinen Überlegungen teilhaben, schreibt sehr eindrücklich über ein Leben als Flüchtling in Deutschland, schreibt über sein Leben vor der Flucht und zeigt dabei, dass Begriffe wie "Heimat" und "Herkunft" der eigenen Interpretation überlassen und vor allem wandelbar sind. Heimat kann ein Stück Land sein, eine Person oder auch eine Erinnerung, ist mehr ein Gefühl, als ein konkreter Punkt auf der Landkarte. Mit "Herkunft" legt Stanisic sein persönlichstes Buch vor, ein Buch, das zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht. Nicht umsonst zählt Stanisic zu Deutschlands derzeit besten Autoren. Sein Umgang mit Sprache, ebenso spielerisch wie präzise, seine ungewöhnliche Herangehensweise, seine Einfühlsamkeit in der Beschreibung seiner Umgebung, das alles macht "Herkunft" zu einem besonders lesenswerten Buch. Intelligenz und Empathie gegen Stammtischparolen, Weltoffenheit gegen Abschottung und Experimentierfreude in Literatur und Alltag, das wäre ein guter Weg in die Zukunft...

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Eine Autobiografie, die nicht chronologisch niedergeschrieben wurde. Der Autor pickt häppchenweise Erlebnisse und Begebenheiten aus seinem Leben heraus. Was für eine beeindruckende Biografie, wenn man bedenkt, dass Sasa Stanisic die deutsche Sprache erst mit 14 Jahren erlernte und heute ein Autor ist, der mit dieser Sprache aktuell zu den besten Schriftstellern Deutschlands zählt. Sasa Stanisic wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren und musste aufgrund des Krieges gemeinsam mit seinen Eltern nach Deutschland flüchten, er war damals 14 Jahre alt. Das Jugoslawien, aus dem er geflüchtet ist, gibt es heute nicht mehr. Der Krieg ist zwar schon lange vorbei, jedoch so, wie er es verlassen hat, ist es nicht mehr, Jugoslawien ist zerfallen. Er erzählt von der ersten Zeit mit der Mutter alleine in Deutschland, mit den Schwierigkeiten, die Sprache nicht zu sprechen und einfach neu zu sein. Eine zentrale Person ist seine Großmutter Kristina, die nach und nach ihre Erinnerung verliert. Aber erzählt auch von seiner ersten Liebe und der Clique an der ARAL Tankstelle. Er berichtet von seinen ersten Schreibversuchen und dem Deutschlehrer, der ihn motiviert hatte, weiterzuschreiben. Wie schwierig es war, in Deutschland zu bleiben und dass ihm das gelang, weil er studierte und später konnte er endlich einen Vertrag mit einem Verlag vorweisen, um zu zeigen, dass er in Deutschland für sich selbst sorgen kann. Er erzählt heitere und traurige Episoden aus seinem Leben, aber auch aus dem Leben jener, die in bestimmten Lebensabschnitten wichtig für ihn waren und ihn begleitet hatten. Manche hat er heute aus den Augen verloren, von manchen weiß er zumindest, was aus ihnen geworden ist. Es geht in dem Buch um Herkunft, Heimat und Wurzeln, um fremd sein und dazugehören. Das Buch ist an manchen Stellen heiter, dann wieder traurig, melancholisch, nachdenklich, es ist amüsant und unterhaltsam und dann wieder sehr ernst.

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