Leserstimmen zu
HERKUNFT

Saša Stanišić

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Eine Autobiografie, die nicht chronologisch niedergeschrieben wurde. Der Autor pickt häppchenweise Erlebnisse und Begebenheiten aus seinem Leben heraus. Was für eine beeindruckende Biografie, wenn man bedenkt, dass Sasa Stanisic die deutsche Sprache erst mit 14 Jahren erlernte und heute ein Autor ist, der mit dieser Sprache aktuell zu den besten Schriftstellern Deutschlands zählt. Sasa Stanisic wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren und musste aufgrund des Krieges gemeinsam mit seinen Eltern nach Deutschland flüchten, er war damals 14 Jahre alt. Das Jugoslawien, aus dem er geflüchtet ist, gibt es heute nicht mehr. Der Krieg ist zwar schon lange vorbei, jedoch so, wie er es verlassen hat, ist es nicht mehr, Jugoslawien ist zerfallen. Er erzählt von der ersten Zeit mit der Mutter alleine in Deutschland, mit den Schwierigkeiten, die Sprache nicht zu sprechen und einfach neu zu sein. Eine zentrale Person ist seine Großmutter Kristina, die nach und nach ihre Erinnerung verliert. Aber erzählt auch von seiner ersten Liebe und der Clique an der ARAL Tankstelle. Er berichtet von seinen ersten Schreibversuchen und dem Deutschlehrer, der ihn motiviert hatte, weiterzuschreiben. Wie schwierig es war, in Deutschland zu bleiben und dass ihm das gelang, weil er studierte und später konnte er endlich einen Vertrag mit einem Verlag vorweisen, um zu zeigen, dass er in Deutschland für sich selbst sorgen kann. Er erzählt heitere und traurige Episoden aus seinem Leben, aber auch aus dem Leben jener, die in bestimmten Lebensabschnitten wichtig für ihn waren und ihn begleitet hatten. Manche hat er heute aus den Augen verloren, von manchen weiß er zumindest, was aus ihnen geworden ist. Es geht in dem Buch um Herkunft, Heimat und Wurzeln, um fremd sein und dazugehören. Das Buch ist an manchen Stellen heiter, dann wieder traurig, melancholisch, nachdenklich, es ist amüsant und unterhaltsam und dann wieder sehr ernst.

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Im Frühjahr 2009 besuchte Saša Stanišić mit seiner Großmutter das 13-Seelen-Dorf Oskoruša in den bosnischen Bergen, Heimat seiner Vorfahren. Es war der erste Anstoß, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen: „Bevor ich den Friedhof in Oskoruša sah, hatte ich mir aus Herkunft im Sinne familiärer Abstammung nichts gemacht.“ Zunächst war das Thema für ihn eher peinlich, weil vermeintlich rückständig und destruktiv, denn die „Herkunftsfolklore“ und der „Zugehörigkeitskitsch“ hatten während des Balkankriegs sein Geburtsland, den Vielvölkerstaat Jugoslawien, ausgelöscht. Zusammen mit seiner bosnisch-muslimischen Mutter, einer studierten Politologin, musste Stanišić 1992 nach Deutschland fliehen, der serbische Vater folgte ihnen ein halbes Jahr später nach Heidelberg. Die Eltern „schufteten sich traurig“ in einer Großwäscherei und auf dem Bau und kamen 1998 ihrer Ausweisung in das ethnisch gesäuberte Višegrad an der Drina zuvor, indem sie nach Florida auswanderten. Als Saša Stanišić mit 14 Jahren nach Heidelberg kam, war er Teil einer „Statistik der Gegenwart am Rand einer ehrwürdigen Stadt… Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“ Er sprach kein Deutsch, schämte sich für seine Armut, litt unter der ständigen Angst vor Abschiebung und stemmte sich gegen die Vorurteile, „aggressiv, primitiv, illegal“ zu sein. Anders als für seine Eltern wurde die neue Heimat für ihn zu einer Erfolgsgeschichte. Er stürzte sich in die neue Sprache, fand Freunde an der ARAL-Tankstelle in Emmertsgrund, wo die Herkunft keine Rolle spielte, schaffte es aus der Förderklasse mit Schwerpunkt Spracherwerb zum Abitur mit Leistungskurs Deutsch, absolvierte ein Studium, erhielt schließlich – aufgrund des Vertrags für seinen ersten Roman – die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung, die den Eltern verwehrt geblieben war, und besitzt heute einen deutschen Pass. Für mich war diese Erzählung über ein schwieriges Ankommen in einer neuen, nämlich meiner Heimat der stärkste Teil des Romans und hat mich mit tiefer Bewunderung erfüllt. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie ich, wie wir alle, damals auf die jugoslawischen Flüchtlinge reagiert und sie wahrgenommen haben – sicher nicht wertschätzend und offen genug. Der zweite, für Stanišić wahrscheinlich wichtigere Teil der Geschichte ist der alten Heimat, seinen Wurzeln und seinen Großeltern gewidmet, vor allem der Großmutter väterlicherseits, die in Višegrad geblieben war: „Als meine Großmutter Kristina Erinnerungen zu verlieren begann, begann ich, Erinnerungen zu sammeln.“ In der zweiten Jahreshälfte 2018, kurz vor deren Tod und danach, brachte er sie für diesen lesenswerten, hochaktuellen Roman zu Papier. Nicht nur um die Bewahrung der Erinnerung ging es ihm dabei, sondern auch um das Brückenschlagen zu seiner verstreuten Familie und gegen die Entfremdung: „Ich schiebe Geschichten als Übersprungshandlungen zwischen uns.“ Ich habe diesen sehr positiven, anrührenden, humorvollen Roman, auf dessen letzten Seiten der Leser spielerisch-zufällig den Fortgang der Handlung selbst bestimmen kann, als ein glühendes Plädoyer für das Dazugehören gelesen, als Warnung vor Ausgrenzungen, als Mahnung gegen die „Fetischisierung von Herkunft und gegen das Phantasma nationaler Identität“. Die Abschweifungen, „Modus meines Schreibens“, habe ich Saša Stanišić, der so virtuos mit der deutschen Sprache umzugehen vermag, gerne verziehen. Zurecht steht "Herkunft" auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019.

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Lieblingsoma

Von: wal.li

08.09.2019

Als der Autor das Mal davor seine Großmutter in Višegrad besucht hat, war sie noch gesund. Energiegeladen ist sie mit ihm in das Heimatdorf des Großvaters gefahren, auf den Berg, wo etliche Stanišićs lebten und etliche auf dem Friedhof liegen. Doch den Lebenslauf zu seinem Einbürgerungsantrag beginnt er nach vielen Versuchen mit einer Schlittenfahrt. Und eine Erinnerung führt zur nächsten, eine Geschichte zur anderen. Geburt, Flucht, ein Leben als Flüchtling in den 1990ern als aus dem Vielvölkerstaat Jugoslawien viele kleine Staaten wurden. Irgendwie wiederholen sich die Einwanderungs- und Flüchtlingswellen und leider auch die Reaktionen der Alteingesessenen. Die Fremden sind eben fremd und nicht unbedingt willkommen. Ein Fünkchen Hoffnung könnte der Gedanke geben, dass es doch viele immer wieder geschafft haben. Und jeder eingedenk der wiederholten Wellen, sollte sich jeder erinnern, so wie es der Autor beschreibt, wo seine Herkunft liegt. Nun, so bildhaft und eindringlich wie der Autor wird es einem vielleicht nicht gelingen, aber der Gedanke zählt. Und häufig wird man in der eigenen Vergangenheit oder der der Vorfahren eine Wanderungsbewegung finden. Der Migrationshintergrund ist manchmal alles andere als weit weg. Es könnte ein Anreiz sein, es den Neuankömmlingen etwas leichter zu machen. Die Schilderungen von Saša Stanišević berühren. Sie pendeln zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. Sie beinhalten eine Familiengeschichte wie sie war oder wie sie ungefähr war. Leicht hat es der Junge nicht gehabt, aber er hat sich durchgekämpft, er hat es geschafft. Und irgendwann war die Herkunft irgendwie zweigeteilt. Die Wurzeln der Geburt werden nicht vergessen und doch wird neu verwurzelt. Beim Lesen fühlt man mit. Die Eltern opfern viel für ihren Sohn, er soll es einmal besser haben. Die Oma erdet ihn, sie bleibt die Verbindung in die Geburtsheimat. Man wird zum Nachdenken angeregt, über die eigene Herkunft. Das Schicksal der eigenen Eltern und Großeltern. Der Schluss liegt mehr als nahe, dass Krieg und Vertreibung nun wahrlich nicht erstrebenswert sind. Doch gibt die Lektüre viel Positives an Kraft und Hoffnung. Und ein Gedenken an die eigene Lieblingsoma. 4,5 Sterne

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Der Mann mit dem Namen, den ich nicht aussprechen kann, hat ein grandioses Buch ge-schrieben, von dem sämtliche Feuilletons in Liebeserklärungen ausbrechen, Blogger und sogar andere Schriftsteller via Social Media seit Veröffentlichung schwärmen, schwärmen und schwärmen, und das sich damit beschäftigt, wer wir sind, wenn das wo uns fluchtartig genommen wird. Im Grunde ist die Geschichte kurzgefasst recht schnell erzählt: Saša Stanišić flüchtet noch als Kind mit seinen Eltern aus Jugoslawien nach Deutschland und reflektiert in diesem Buch all die Begegnungen und Momentaufnahmen, die seiner und anderer Meinung nach etwas mit Herkunft und der Überlegung dahinter zu tun haben. Da ist schon der Clou: Herkunft – wo steckt sie drin, was macht sie aus und wen, oder was? Ist der junge Mann, der als Kind schneller die deutsche Sprache lernt als seine Eltern, somit deutscher als sie oder deswegen weniger jugoslawisch? Ist die Flucht der Zeitpunkt, an dem sie Heimat verlieren oder eine neue hinzugewinnen? Kann man je einen Ort finden, den man Heimat nennen kann oder ist Heimat eine Person, ein reines Gefühl, Spekulation und Kon-strukt einer heimatlosen Gesellschaft? Was haben Heimat und Herkunft miteinander gemein, was unterscheidet sie? Ist der Geburtsort Herkunft, das Blut, das in uns fließt oder die Perso-nen, die einen prägen? Wann komme ich irgendwoher, wohin gehe ich von da aus und wo sind deswegen meine Grenzen gesetzt? Das sind einige Fragen, mit denen man sich bei der Lektüre des Buches befasst, die man im Kopf ständig selbst versucht, zu beantworten, und die nur immer darauf hinauslaufen, dass man kopfschüttelnd aufgibt, weil sie alle nicht beantwortbar sind. Umso beeindruckender die Aufnahme Stanišićs dieses Sujets als einen ganzen Roman, der mehr ein Erinnerungsstück ist, das in struktureller Un-Reihenfolge Einschnitte erzählt, die Heimat und Herkunft sein können. Ganz sanft wählt der Autor seine Worte, bleibt nüchtern, aber verliert sich nie in die Emoti-onslosigkeit. Präzise und formal außergewöhnlich klopft er ein neues Gebiet der Literatur ab und bestreitet die literarische Autobiografie mit frischem Wind und einem Sujet, das in der heutigen Zeit kaum relevanter sein könnte. Seine Zeit im Flüchtlingsheim, die Flucht selbst, der Deutschunterricht, die Arbeit seiner Eltern, das Auswandern, das Heimatsuchen. Er führt den Leser an mit kleinen Gesten, sanften Schubsern in die richtige Richtung und hebt dabei nie mahnend-moralisierend den Zeigefinger. Es wirkt am Ende wie ein langer Traum, in dem jemand überlegt und denkt und reflektiert, ob das, was wir da sehen gut ist, und warum. Oder warum nicht. Beeindruckend, einschärfend, relevant.

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Sasa Stanisic schreibt seit mehreren Jahren fantastische Bücher auf deutscher Sprache. Das Faszinierende bei ihm ist, das deutsch nicht seine Muttersprache ist. Denn seine Eltern flohen in den 90ern mit ihm während des Krieges in Jugoslawien nach Deutschland. So wurde Heidelberg zu seiner neuen Heimat und die ARAL Tankstelle zum Mittelpunkt seiner Jugend. Stanisic schreibt seine Biografie sehr nahrhaft und authentisch. Mit viel Gefühl begleitet man ihn auf seinen Rückblicken und Besuchen bei den Großeltern und Kindheitstagen in Bosnien. Die kurzen Sätze waren zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, doch passen sie sehr gut zu seiner bruchhaften Lebensgeschichte. Eine der großen Figuren der deutschen Literatur bringt uns zum nachdenken über Herkunft und unsere 'Heimat' und das Privileg in Deutschland geboren zu sein. Sehr sehr lesenswert, immer, für jeden! Vielen Dank für das Rezensionsexemplar @randomhouse [Werbung - Markierung - Rezensionsexemplar]

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Saša Stanišić erzählt in dieser Mischung aus Roman und Biographie unter anderem von seinem Aufwachsen in Jugoslawien, der Flucht nach Deutschland in jungen Jahren, den Eindrücken, der Ausgrenzung, sowie der Integration in einem fremden Land, der immer drohenden Angst vor der Abschiebung und später von Besuchen im Heimatland bei seiner Großmutter, die an Demenz erkrankt ist. Diese Erlebnisse werden von ihm auf eine besondere Art und Weise in kurzen Abschnitten erzählt, die dabei komplett durcheinander gewürfelt sind. Ich muss zugeben, dass mir der Einstig ins Buch durch diese unsortierte Reihenfolge etwas schwergefallen ist, da die Zeitsprünge zwischen den einzelnen Abschnitten sehr abrupt kamen und ich mich erst einmal zurecht finden musste. Das Dranbleiben hat sich aber durchaus gelohnt, da ich dieses Buch einfach sensationell fand. Die Erzählform ist zwar anspruchsvoll, aber auch außergewöhnlich ausdrucksstark. Stanišić bringt seine Erlebnisse mit wenigen Worte auf den Punkt und schreibt dabei mit einem herrlichen Wortwitz, der mich öfters zum Lachen gebracht hat. Durch seine bildhafte Sprache hat er es zudem geschafft, mir die Charaktere so nah zu bringen, dass ich mir gewünscht hätte, die Geschichte um die Familie Stanišić wäre noch um viele Seiten weiter gegangen. Besonders die liebenswerte Großmutter Kristina ist mir sehr ans Herz gewachsen. Der geschichtliche Zusammenhang war für mich ebenfalls sehr spannend, da ich mich mit der Geschichte von Jugoslawien bisher noch nicht weiter auseinander gesetzt habe. Zudem fand ich es sehr gut, wie Stanišić politische und gesellschaftliche Themen auf eine sehr zurückhaltende Art anspricht und dennoch auf Vieles aufmerksam macht. Zum Beispiel geht er auf die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffes "Herkunft" ein, die er je nach der Auslegung der Frage unterschiedlich beantworten würde. Ein hervorragendes Buch, das auf den letzten 60 Seiten sogar noch ein interaktives Ende der Geschichte bereithält, die mich sehr an meine eigene Kindheit erinnert hat, in der ich ähnliche Kinderbücher in der Bibliothek gelesen habe. Genau wie damals hat mir diese Art des Lesens genauso viel Freude bereitet.

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„Herkunft“ ist eine gelungene Mischung aus Roman und fiktionaler Autobiographie, allem voran aber ein richtig intensives Leseerlebnis! Völlig sorglos, voller Einfühlungsvermögen und in ebenso tragischen wie auch komischen Episoden lässt uns Saša Stanišić an seiner ganz eigenen Familiengeschichte teilhaben. Mit eindrucksvoller Intensität schildert er seine durch den Jugoslawien-Krieg geprägte Kindheit, die Flucht vor dem Balkankrieg nach Deutschland und die Schwierigkeiten beim Ankommen in einem neuen, unbekannten Land. Dabei porträtiert Stanišić nicht nur seine Eltern und Großeltern auf liebevolle Weise, auch seine erste Liebe, seine Freunde von der ARAL-Tankstelle, Nachbarn, Mitschüler, Lehrer und andere Wegbegleiter sind mit von der Partie. Sprachliche Hürden, die Angst vor Ausgrenzung und die Sehnsucht nach der alten Heimat Jugoslawien machen es nicht gerade einfach sich in einem fremden Land, dessen Kultur und Gesellschaft zu integrieren. Stanišićs persönliche Erzählungen, Schilderungen und Beobachtungen haben mich unterhalten und amüsiert, aber genauso oft auch berührt und bewegt! Ein einfühlsamer, trauriger, aber auch sehr lustiger Roman über Identität, Erinnerung, Verlust und das Abschiednehmen, der zur genau richtigen Zeit erschienen ist und zeigt, dass Migration und Integration absolut möglich sind! Unbedingt lesen!!!

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Gern werden die Begriffe Heimat und Herkunft gleichgesetzt sowie als Synonym für den Geburtsort einer Person verwendet. Dabei können das Heimatgefühl und die eigene Interpretation von Herkunft unterschiedlich ausgelegt werden. Saša Stanišić veranschaulicht diese Vielfältigkeit der Begriffe in seiner autobiographischen Erzählung und nimmt uns mit auf seine lebenslange Suche nach der Antwort, was für ihn Herkunft und Heimat bedeuten könnten: Könnten diese Begriffe anstatt an den Geburtsort auch an Lieblingsplätze, Erinnerungen, Erlebnisse oder an Familie und Freunde geknüpft sein? Inhalt: Saša Stanišić muss 1992 aus seinem Heimatort Višegrad im damaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien und jetzt im östlichen Bosnien und Herzigowina aufgrund des damals ausgebrochenen Krieges fliehen. Sein Vater ist Serbe, seine Mutter Bosniakin und Muslimin. Die Familie flieht nach Heidelberg, wo Saša aufwächst und erwachsen wird. Der liebste Aufenthaltsort von ihm und seinen Freunden nach der Schule ist eine Aral-Tankstelle. Saša verliebt sich zum ersten Mal, lernt besser Deutsch und beginnt zu schreiben, das aber zu Beginn auf Serbokroatisch. Sein Lehrer bringt ihn dazu, auf Deutsch zu schreiben. Seine Kurzgeschichten werden in der Klasse sogar unter einem Pseudonym besprochen. Er beginnt für sich die deutsche Literatur und Lyrik sowie klassische deutsche Autoren zu entdecken. Heidelberg wird irgendwie seine neue Heimat. Saša Stanišić darf als einziger seiner Familie in Deutschland bleiben, da er nach der Schule Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studiert und später als Autor Arbeitet findet. Wenn er nach seiner Herkunft gefragt wird, dann variieren seine Antworten. Jedoch was seinen Ursprung betrifft, bevorzugt Saša Slowene, da man dabei weniger an Kriegsopfer denke im Vergleich zu Bosnien. Als erwachsener Mann besucht er seine Oma in seiner Geburtsregion. Er geht so auch seinen Erinnerungen nach, die einen Teil seines Verständnisses von Heimat und Herkunft ausmachen könnten: Die Oma erkrankt an Demenz. Für sie scheinen Erinnerungen nur noch Schall und Rauch. Kaum noch etwas wirkt wie früher. Für Saša ist der Ort in seinem Geburtsland zum einen fremd, zum anderen wiederum so vertraut, als könnte er seiner Herkunft entsprechen. Einer seiner Verwandten in Bosnien ist sich sicher, dass Sašas Herkunft „hier“ sei. Doch ist das tatsächlich so einfach? Kritik: Das Gefühl von Heimat ist ein abstraktes und deutet auf die Beziehung zwischen einem Menschen und einem Ort hin. So verbinden manche Leute mit Heimat ihre sogenannte Wahlheimat, also denjenigen Ort, den man sich selbst zum Leben ausgesucht hat. Für manche wie Saša ist Heimat wiederum ein Ort, wohin man gezwungen wurde zu fliehen, aber ihn später als neue Heimat anerkennen wird. Heimat kann meiner Meinung nach genauso mit Personen oder mit Erlebnissen verbunden werden, also gar nicht zwangläufig mit einem Ort verknüpft. Auch Herkunft kann weitreichender definiert werden, denn nicht ohne Grund spricht man auch von sozialer Herkunft. So beschreibt Saša Stanišić vor allem Heimat und Herkunft nicht nur als vielfältige Orte, die sein Leben prägten sondern auch als Teil des Erlebbaren. So scheint die Heimat der Oma nun die Vergangenheit zu sein. Sie verliert sich immer mehr in ihren Erinnerungen und scheint nicht so recht bewusst da zu sein, wenn ihr Enkel sie besucht. Sašas Geburtsort ist eine wichtige Erinnerung und damit ein Teil seiner Herkunft, aber manchmal wiederum scheint der Ursprungsort seiner Familie nicht viele mehr als eine unscheinbare Erinnerung für ihn. Saša Stanišić nutzt im Laufe seines Lebens immer mehr sein Talent für Sprache. Sie ist der Grund, weshalb er in Deutschland bleiben darf. So zeigt auch Sprache, dass sie ein Teil des Heimatgefühls ausmachen kann. Sowohl die deutsche als auch die slavische Kultur und die damit verbundenen Sprachräume scheinen für den Autor Heimat. Und genau diese Komplexität von Herkunft und Heimat fängt der Autor insgesamt beeindruckend ein. Er bricht es nicht auf eine Definition herunter, sondern eröffnet neue Blickwinkel und Interpretationsvarianten, was man unter den vermeintlich klaren Worten Heimat und Herkunft verstehen kann. Ihm gelingt schlussendlich eine sprachlich differenzierte, tiefgründige, aber auch berührende Autobiographie als Roman. Heimat muss nicht nur der Geburtsort sein, sondern kann auch an Erinnerungen, Erlebnisse oder an Lieblingsplätze geknüpft sein. Fazit: Der Autor bedient sich der Vielfältigkeit der deutschen Sprache und lässt uns an seinen Gedankengängen zu Fragen teilhaben, die ihn und auch uns wohl ein Leben lang beschäftigen werden: Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Wo will ich herkommen und wo will ich selbst hingehen? Der Roman von Saša Stanišić ist facettenreich, intelligent geschrieben und absolut lesenswert. Er veranschaulicht, dass der Heimatbegriff gar nicht so eindeutig zu bestimmen ist und auch nicht immer nur mit positiven Gefühlen behaftet ist. Und ohne zu viel verraten zu wollen: Bleibt dran! Das Ende des Romans wird nämlich interaktiv… Saša Stanišićs Roman „Herkunft“ ist bei Luchterhand (Random House) im März erschienen.

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