Leserstimmen zu
HERKUNFT

Saša Stanišić

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Es gab eine Zeit, da war das Wort „Migrationsliteratur“ in aller Munde. Ich selbst hatte damals sogar eine einjährige Lesereihe dazu veranstaltet, denn die Gesellschaft sehnte sich zu diesem Zeitpunkt nach dem Verstehen des Anderen, nach einer ernsten Annäherung an das, was einem Fremd war, aber nicht fremd bleiben sollte. Die öffentlichen Diskussionen, die hier entstanden, erreichten ziemlich bald ihren Höhepunkt – nämlich mit etlichen AutorInnen, die sich endlich berufen sahen, mit Erzählungen zu Wort zu kommen, die vom Ursprung, von Abstammung und allen dazugehörenden Gefühlen berichteten –, sodass ich nur noch zusammenfassend sagen konnte: Das Feld der Migrationsliteratur ist „abgegrast“. Immerzu ging es um das Nicht-Gänzlich-Angekommen-Sein, um Darstellungen emotionalen Changierens, um Identitätskrisen und –Findungen, um wichtig bis lapidar witzige Geschichten darüber, was es bedeutet, irgendwo noch-auf-der-Suche zu sein und um das, was man erlebt hatte und nun verarbeiten musste. Ich muss gestehen, ich war schwer genervt davon. Denn es waren identische Erzählungen (ok, MigrantInnen fühlen ziemlich ähnlich), die literarisch gesehen kaum voneinander abzugrenzen zu sein schienen. Und dann verkündete auch noch Feridun Zaimoglu, er wolle nicht mehr unter dem Titel „Migrationsliteratur“ lesen. Er tat alles richtig. Dann kam Saša Stanišić. Und lehrte uns, wie über den Begriff der „Herkunft“ zu sprechen sei, wie es sich wirklich anfühle, etwas in Worte zu fassen, das vollends kaum zu verstehen war. Saša Stanišić hatte früh begriffen, dass Literatur kein Ort einfacher Darstellung von Sachverhalten und Themen war, sondern ein Instrument der Analyse, ein Analogon von Gedankenprozessen. Literatur war die Möglichkeit der Ordnung eines realen Chaos’, war zugleich Raum für Verwirrung und Entwirrung, war Beichtstuhl und politisches Werkzeug. Literatur erwies sich für Stanišić als Tagebuchführung, als begrenzter Einblick in eine Seele. Mein Gott – ja, ich kippe hier ins unprofessionell Emotionale –, selten war eine Geschichte so berührend und schmerzlich, so glasklar und wirr, so ehrlich und friedensstiftend wie Saša Stanišićs „Herkunft“. Ihm ist gelungen, was viele Schreiberlinge nicht begriffen haben und die Literaturwissenschaft mit Vehemenz zu lehren sucht: Inhalt und Form ineinander zu bringen. Hier ist pure Konstruktion offengelegt zugunsten der Projektion eines persönlichen Wahrnehmungsvorgangs. Anders gesagt: Die Bestimmung von Herkunft beruht bei Stanišić auf demselben Puzzle-Prinzip wie die Wahrnehmung von Leben, Realität und Erinnerung. Es ist ein Spiel mit Phantasien, eine Auseinandersetzung mit Gefühlen, ein fortlaufendes Unterfangen desjenigen, der wissen will, woher man kommt und was Leben alles sein kann. Stanišić ist ein Meisterwerk geglückt, gar keine Frage. Eine solche tiefgründige Verschwisterung mit Kunst hat es bisher nur selten gegeben. Ehrenwort! „Mein Widerstreben richtete sich gegen die Fetischisierung von Herkunft“, schreibt Stanišić, „und gegen das Phantasma nationaler Identität. Ich war für das Dazugehören. Überall, wo man mich haben und wo ich sein wollte. Kleinsten gemeinsamen Nenner finden, genügte.“ Bestimmte Worte für eine ganz bestimmte Zeit: das Jetzt.

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Großartig

Von: Buchlieblich

27.01.2020

Ich hab das alles erlebt. Habe die gleichen Erfahrungen gemacht, die gleiche Geschichte. All das erlebt.... Stand mit meiner Mutter an der gleichen Kasse. Und sie verstand Gott sei dank nicht immer was andere Menschen sagten. Das gleiche Leben. Nur ein bisschen anders. Ich kenne die Ängste, ich habe sie selbst durchgemacht. Ich erinnere mich an einen Tag, kurz vor den Sommerferien. Wir planten Urlaub bei meiner Tante. Meine Mama saß auf dem Balkon. Ich merkte immer sofort, dass ihr was fehlte. „Sie wurden abgeschoben“ war alles was sie sagte. Meine Tante und mein Onkel samt der Kinder. In einer Nacht und Nebelaktion mit dem letzten Flieger der noch in den Kosovo flog. Ich mache mir Gedanken über die Zufälle und das Glück, dass ihnen nichts passiert ist. Das ich dieses Silvester mit ihnen verbringen durfte. Das sie danach zum Geburtsort von meinen Cousinen gefahren sind. Hier in Deutschland... Herkunft !?.“ Heute leben sie in Frankreich. Eigentlich sollte dies eine Rezension werden aber ich bin Abgeschweift. 5/5 ⭐️ für diese „Biografie“ der besonderen Art, für diesen einmalig guten Schreibstil, für den Autor der all das mit uns teilt. Sein Schreibstil ist kein Einheitsbrei und ich habe genossen. Mal keine klare streng perfekte Literatur. Staniśić hält sich an keine Regeln. Werde im Satzbau noch in der Art zu erzählen. Wenn er abschweifen will schweift er ab. Wenn er grad in der Gegenwart erzählt und ihm fällt was ein, dann springt er auch einfach kurz in die Vergangenheit so wie es ihm passt... Mir gefällt das. Ich finde es großartig. Einmalig. Berührend. • ...Und am Ende erwarten dich vielleicht Drachen. Je nachdem für welchen Weg du dich entscheidest. 🖤

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Vierzehn Jahre alt war Sasa Stanisic, als er mit seinen Eltern von Jugoslawien nach Deutschland floh. Er musste viel zurücklassen, Freunde, Familie, liebgewonnene Gewohnheiten. Was er dafür bekommen würde, lag im Ungewissen. „Herkunft sind die süßbitteren Zufälle, die uns hierhin, dorthin getragen haben. Herkunft ist Zugehörigkeit, zu der man gar nichts beigesteuert hat.“ In „Herkunft“ schreibt der Autor leidenschaftlich über seine Herkunft, über seine Vergangenheit, seine ersten Gehversuche in Deutschland und darüber, wie er immer besser Fuß fassen konnte. Er teilt teils sehr emotional viele bewegende Erinnerungen mit seinen Lesern und Hörern. Vor allem seiner geliebten Großmutter, die er Stück für Stück verloren hat, widmet er regelmäßig Raum. Ich folgte gern seinen Worten, denn sowohl der Stil seines Schreibens als auch seines Lesens waren mir sehr sympathisch. Er kommt sehr authentisch rüber, ehrlich, intensiv, beschönigt nicht, beschreibt einfach nur – coloriert mit den Farben seiner eigenen Empfindungen und ohne zu werten - manchmal bekam ich Gänsehaut dabei und Mitgefühl breitete sich in mir aus. „Herkunft“ ist eine großartige Autobiographie, die mit Realität und ein wenig Fiktion spielt, in der Stanisic bewegend und nicht-chronologisch aus seinem Leben erzählt. Sein altes Leben zurückzulassen und in Deutschland ein neues aufzubauen, erforderte großen Mut und war nicht immer einfach. Aber er hat es geschafft und macht an vielen Stellen deutlich, dass Integration nur dann funktionieren kann, wenn beide Seiten es wollen und fördern – die Bewohner des Landes, die Flüchtlinge aufnehmen, aber auch die Heimatsuchenden selbst. Bei Sasa Stanisic hat dies eindrucksvoll funktioniert. Seine Herkunft wird immer Jugoslawien bleiben, aber es fühlt sich so an, als habe er in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Ich gratuliere dem Autor von Herzen zum gewonnenen Deutschen Buchpreis 2019 und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft. Inhalt In HERKUNFT geht es um Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Es geht um den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart oft auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh. Autor und Sprecher Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Saša Stanišić erhielt u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse für »Vor dem Fest« und zuletzt für »Herkunft« den Deutschen Buchpreis 2019 sowie den Eichendorff-Literaturpreis und den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster. Er lebt und arbeitet in Hamburg. Quelle: Randomhouse

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Von: Jozo Garic aus Hamburg

14.12.2019

Poštovani pišče! Čitajući Vašu knjigu „Herkunft“, stekao sam utisak da je ispred mene hrpa crno-bijelih fotografija jednog vremena te da ih nasumice izvlačim i da mi svaka ispriča ponešto što se preko tanke niti međusobno kalemi te u vijencu izdiže na „Vijarac“ i nudi mi čas odgovor, a čas otvara pitanje. Istini za volju, valjda što mi sudbina liči onoj od tvojih roditelja, čitajući sam ponekad zaustio nešto da dodam, a onda sam sa osmjehom na nekoj stranici pročitao. Neka Vas hvali netko drugi, umješniji, mene je ganulo i to mi je dovoljno. Hamburg i Višegrad leže uz rijeke različitog karaktera što se ni slivom ne dotiču, a mi ljudi naše miješamo, voljom ili nevoljom i to na svim meridijanima. S toga je Vaša priča kako domaćinu tako i došljaku, kako prognaniku tako i progonitelju, odlična platforma i poziv za akceptiranje različitih pečata, a u interesu trajnog i istinskog suživljavanja, a mi ga u vremenu globalizma trebamo više nego ikada.

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Als ich "Herkunft" im September las, stand das Buch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019. Für mich war es der erste Roman von Saša Stanišić und eine große Entdeckung. Dann hörte ich ihn nach der Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse bei einer Lesung – er las das Kapitel über den schlesischen Zahnarzt Dr. Heimat – und begriff, dass es hier noch eine Steigerung zur Lektüre gibt: das von ihm selbst gelesene Hörbuch. Zwar beinhalten die fünf CDs mit einer Gesamtlaufzeit von gut fünfeinhalb Stunden nur ausgewählte Texte des Romans, aber ich habe sicher dreimal solange gebraucht, so oft habe ich einzelne Tracks wiederholt und immer wieder Neues entdeckt. „Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“ Herkunft war für Saša Stanišić kein Thema, bis seine bosnische Großmutter ihn mit in das Heimatdorf seiner Vorfahren und auf den dortigen Friedhof nahm. Und auch dann war ihm das Thema zunächst eher peinlich, denn die „Herkunftsfolklore“ und der „Zugehörigkeitskitsch“ waren Ursache dafür, dass es Jugoslawien, das Land, in dem er geboren wurde, heute nicht mehr gibt. Die Flucht vor dem Balkankrieg nach Heidelberg, das Ankommen in Deutschland, der Erwerb der deutschen Sprache, die Freunde von der Aral-Tankstelle, die Scham über die prekären Lebensumstände, die Angst vor der Abschiebung, die erste Liebe und schließlich das Glück, in Deutschland bleiben zu können, während die Eltern trotz aller Anstrengungen das Land wieder verlassen mussten, bildet den einen Teil des Romans. Den anderen Teil widmet Saša Stanišić der Erinnerung an die Kindheit in Bosnien, dem Ende des Vielvölkerstaats, als Herkunft plötzlich eine immer größere Rolle spielte und selbst die Identifikation mit dem Fußballclub Roter Stern Belgrad die verschiedenen Nationalitäten nicht mehr verband, und der in Višegrad zurückgebliebene Großmutter, der mit zunehmender Demenz die Erinnerungen abhandenkamen. Der ganz eigene Charme von Stanišićs Lesung Verfügt der Roman bereits über eine große emotionale Bandbreite von der Melancholie bis zur blanken Komik, so kamen alle diese Gefühle für mich beim Zuhören noch deutlich stärker zum Tragen. Saša Stanišić liest seine Texte so engagiert und pointiert, mit so viel Dynamik, Betonung, Gefühl und dem passenden Akzent, dass ich ständig zwischen Lachen und Traurigkeit schwankte. Ein ausgebildeter Schauspieler hätte sie zwar mit größerer Perfektion, aber niemals mit vergleichbarer Intensität vortragen können. Hatte mich beim Lesen das Ankommen in Deutschland noch mehr bewegt als die Geschichten aus Bosnien, so waren die beiden Aspekte beim Hören mindestens gleichwertig, die Trauer über die Erkrankung der Großmutter und die spürbare Betroffenheit und Hilflosigkeit des Enkels sogar berührender. Auch das Spiel mit der Sprache, das den Roman neben den inhaltlichen Aspekten für mich so ganz besonders macht, war beim Zuhören eine Quelle der Freude. Der genau richtige Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019 Noch nie war ich mit der Jury des Deutschen Buchpreises so einer Meinung wie in diesem Jahr. "Herkunft" ist ein berührendes, kluges, hochaktuelles Buch, das ich eigentlich jedem ans Herz legen möchte, am besten zuerst als Lektüre und danach als Lesung.

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Das sollen wohl die Višegrader in der stürmischen Nacht von Saša Stanišićs Geburt gedacht haben, teuflisch war jedoch nur der Krieg vor dem der Ex-Jugoslawe mit seiner Familie flüchtete. Herkunft ist ein Roman über das Leben eines Mannes dessen Geburtsland es gar nicht mehr gibt. Über einen Mann der dem Dorf seines Großvaters viel näher scheint als seinem Višegrad. Einen Autor der beim Erzählen seiner Vergangenheit immer wieder ins Erfinden fällt. So wie es uns wohl auch gehen würde. Geprägt durch eine lebendige Sprachgewandtheit mit der Stanišić seine Vergangenheit spielen lässt und Erdachtes ergründet ist dies ein sehr kurzweiliges Buch. Auch die Verbindung zur slawischen Mystik, besonders auf dem Berg Vijarac, band mich an das Buch. Interessant ist sein Ankommen in dem uns bekannten Deutschland, für ihn die Fremde. Der Hauptfaden jedoch gehört seiner Großmutter, der Frau mit den einst violetten Haaren und den mafiaartigen Unternehmungen, die langsam aber sicher in die Demenz abrutscht. Ohne gestellt zu werden zerlegt sich die Frage, was macht unsere Herkunft aus uns? Und wie wirkt sie auf andere, wenn ich zum Beispiel in der Verkehrskontrolle beweisen muss, dass ich nicht Kroate bin, wie mein Nummernschild es vortäuscht, um einer sinnlosen Bestrafung zu entgehen? Ist eine Geschichte gut, interessiert es mich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ob sie wahr oder erfunden ist, "Herkunft" hat das erreicht. Womit das Buch meine Leseerfahrung zusätzlich unglaublich bereichert hat, ist dass es ohne jegliche Klischees, Kitsch, Aphorismen und Nachgeschwatztem daherkommt, überhaupt ist es ein freies Buch das ich sehr gerne empfehle. Danke für das Leseexemplar, lieber Luchterhand Verlag.

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Man kann über eine Flüchtlingsbiografie voller Dramatik schreiben, über das Ankomen in der Fremde voller Schmerz oder voller Wut. Sasa Stanisic hat für seinen autobiografischen Familienroman "Herkunft" einen leicht ironischen Untertun und viel Wärme gefunden, mitunter leichte Distanz und Reflektion. "Herkunft", das ist die eigene Geschichte, aber auch die Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt und eines Landes, das sich verändert. Auch um Zufälligkeiten geht es - ist Herkunft unverrückbar an den Ort der Geburt gebunden, ist es etwas, dass man sich aneignet, sind es Sprache und Zugehörigkeitsgefühl - und wer entscheidet, wer wohin gehört? Eine Geschichte voll liebevoller Erinnerungen und der Liebe zu einer Großmutter, die aufgrund fortschreitender Demenz ihre Erinnernung verzerrt und vergisst. Eine Geschichte des Friedhofs in dem fast schon mytholigisch-verwunschenen Bergdorf, wo fast alle Grabsteine den eigenen Familiennamen tragen, und Heidelberg als Ort detuscher Romantik, den sich der Erzähler ebenso wie die neue Sprache und die Literatur zu eigen macht. "Herkunft ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. Herkunft ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist", schrieb Stanisic selbst über sein Buch, das gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde Im Rahmen der #vonHier- und #MeTwo-Debatten, gibt es manchen Text, der eher anklägerisch ist, Abgrenzung heraufbeschwört, bisweilen larmoyant ist. Nichts von alldem ist in "Herkunft" zu finden. Doch die Geschichte vom Ankommen in der Fremde, von der buchstäblichen Verheimatung, von der Gemeinschaft derjenigen, die sich als irgendwie anders und doch dazugehörig defininieren hat Stanisic ein Buch geschrieben, in dem wohl sowohl "Bio-Deutsche" als auch "neue Deutsche" vieles wieder erkennen dürften. Sasa Stanisic wurde in Visegrad geboren - heute Bosnien, damals Jugoslawien, das Land, an das vor allem sein Großvater Pero, ein glühender Kommunist, voller Überzeugung glaubte. Ein Teil der Familie serbisch, der andere bosnisch-muslimisch - im Vielvölkerstaat Jugolawien zumindest offiziell kein Thema. In dem Moment, in dem nationale Bewegungen das Trennende heraufbeschwören, sind solche Familien die ersten, die die Konsequenzen spüren. Die Grausamkeiten des Krieges, der ein Land und viele Familien zerriss, werden nur angedeutet und sind doch ständig präsent. So war es auch für die Familie Stanisic. Ihre Flucht endete in Deutschland, Großmutter Kristina blieb in Visegrad zurück. Die Erinnerungen Sasas springen von der Gegenwart zwischen kleinem Sohn und der Sorge um die demente Großmutter und der Vergangenheit hin und her - die Kindheit am Ufer der Drina, die Jugend in Heidelberg, wo das Ankommen auch das Aneignen der Sprache war, als der junge Sasa , ermuntert von seinem Deutschlehrer begann, seine Gedichte auf Deutsch und nicht länger auf Serbokroatisch zu schreiben. Das Leben zwischen zwei Welten, mit Freunden aus deutschen Akademikerfamilien und den Jungs, die sich an der Aral-Tankstelle im Migrantenviertel fanden - Jugos und Türken, polnischsprachige Schlesier. Die hässlichem Seiten des neuen Landes, Fremdenhass und Vorurteile, zeigen sich in vergleichsweise harmloser Ausprägung. Der Junge aus Bosnien fasst schnell Fuß, Integration durch Sprache funktioniert. Für die Eltern ist es schwieriger - keine Zeit zum Spracherwerb, keine Arbeit gemäß ihrer Qualifikation, am Ende die Abschiebung - sie finden ein neues Leben in Amerika, ihr Sohn erhält dank seines Studiums die Duldung. Für den Lebenslauf für die Ausländerbehörde setzt er sich mit seiner Vergangenheit auseinander... Jeder, der neu in ein Land kommt, schleppt sein individuelles Gepäck mit sich, finder es einfacher oder schwieriger, mit der neuen Sprache, Mentalität oder Kultur zu leben. Viel hängt von den Menschen ab, die man dabei findet. Mit "Herkunft" hat Sasa Stanisic ein kluges Buch geschrieben, in dem sich sowohl diejenigen, die sich neu in ein anderes Land integrieren mussten und diejenigen, die schon länger da sind, gleichermaßen wiederfinden dürften.

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Saša Stanišić schenkt uns mit „Herkunft“ einen wundervollen, sprachlich beeindruckenden Roman. Darin verwebt der Autor autobiografische Erinnerungen an eine Kindheit in Višegrad, Jugoslawien, an die Migration nach Deutschland, aber auch die Erinnerungen seiner Großmutter und seiner Verwandten zu einem wundervollen Text gegen das Vergessen. Er begibt sich darin auch an den Ort seiner Kindheit, merkt wie fragil die eigenen Erinnerungen sein können und uns selbst zuweilen täuschen können. Der Schreibstil ist ironisch und witzig, oft poetisch, und wenn er aus der Sicht seines jugendlichen Ichs erzählt, fast kindlich. Es ist so viel Weisheit in dem Text, so viele traurig schöne Momente und Geschichten stecken in dem Buch, daß man es nur ungern aus der Hand legt. Das Ende hat mich überrascht, nie hätte ich gedacht, daß man heute einen Roman so enden lassen kann, ja darf. Daß sich ein Autor traut seinen Leser formal dermaßen herauszufordern hat mich begeistert. Ein mehr als kreativer Roman, unbedingte Leseempfehlung.

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