Leserstimmen zu
HERKUNFT

Saša Stanišić

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Hardcover
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Das neue Buch von Saša Stanišić ist ein biografischer Roman, in dem er seiner eigenen Herkunft nachgeht. Er war 14 Jahre alt, als der Krieg in Jugoslawien ausbrach und seine Familie fliehen musste. Er sprach kein Wort Deutsch, als er damals in Heidelberg ankam. Heute ist ein Meister der deutschen Sprache, was auch sein vierter Roman belegt. In Herkunft geht er also seiner eigenen Geschichte nach, sucht nach Erinnerungen aus der Kindheit in Višegrad, wo die Familie bis 1992 gelebt hat. Und erzählt von der Ankunft in Deutschland, über die erste Zeit an einer internationalen Schule, wo keiner in der Klasse Deutsch sprach, und über die Jahre am Gymnasium, wo er nach und nach auch deutsche Freunde fand. Gleichzeitig ist dieses Buch aber auch eine Herkunftsgeschichte seiner Großmutter, die inzwischen dement ist. Er hatte als Kind eine sehr enge Beziehung zu ihr, sie hat sich um ihn gekümmert, als er klein war und die Eltern in der Arbeit waren. Er hat sich damals schon viele Geschichten ausgedacht und das war auch ein Spiel, das sie mit der Großmutter zusammen gespielt haben. Nun erkennt ihn die Großmutter kaum noch und er versucht mit aller Kraft mehr über sie zu erfahren. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit und auch eine Zwickmühle. Die Großmutter kann sich oft weder in Zeit noch im Raum orientieren, und jeder Versuch, sie zurückzubringen, ist ein Schock für sie, wenn sie sich dann tatsächlich in der Realität wiederfindet. Ist es nicht schonender, doch lieber Geschichten zu erzählen? Die Kindheit im sozialistischen Jugoslawien und danach der plötzliche Wechsel in ein kapitalistisches Land bringt lustige Situationen mit sich, ist aber auch nicht einfach für einen Teenager, der nicht hervorstechen will. Der Wunsch nach einer baldigen Integration und danach, wegen des Kriegs nicht bemitleidet zu werden, fördern die natürliche Veranlagung des Jungen, Geschichten zu erzählen. "Zu neuen Bekanntschaften sagte ich also dann und wann, ich käme aus Slowenien. Die Alpenrepublik war am wenigsten in den Schlagzeilen gewesen, ich würde eher als Skifahrer denn als Opfer gesehen, hoffte ich." (Seite 147) Als Flüchtlinge durften die Familienmitglieder damals nur so lange in Deutschland bleiben, bis der Krieg vorbei war. Danach mussten sie nach Bosnien zurükkehren. Die Umstände in Bosnien ließen eine Rückkehr jedoch nicht zu und der Familie drohte die Abschiebung. Als Saša Stanišić 18 war, sind seine Eltern in die USA ausgewandert und er blieb in Deutschland. Er konnte auch nur bleiben, weil ein Beamter ihm geholfen hat – eine reine Glückssache also. Und eine Geschichte, die sich heute zu wiederholen scheint, und das mit weit größeren Massen an Flüchtlingen und deutlicher gezogenen Grenzen. Wie es auch im Roman erwähnt wird, würde die Familie Stanišić heute den Weg gehen wollen, den sie damals auf der Flucht gegangen ist, würde sie an der ungarischen Grenze am Stacheldrahtzaun steckenbleiben. So, wie es vielen heute ergeht. Wir kennen nur ihre individuellen Geschichten nicht. Bei der Erkundung der Herkunft der Großmutter besucht Saša auch Oskoruša, das Dorf des Großvaters, in dem heute nur noch dreizehn Menschen leben – wie die Erinnerungen der Großmutter, ist auch dieses Dorf im Verschwinden. In diesem Dorf lebt die Geschichte um den Heiligen Georg, den Drachentöter bis heute ganz stark – allerdings scheinen die Dorfbewohner eher auf der Seite des Drachen zu stehen. Diese fast religiöse Drachenverehrung gibt dem Dorf und auch der ganzen Geschichte eine mythisch-mystische Färbung. Einen perfekten Abschluss kriegt der Roman in der Form einer Abenteuergeschichte, geschrieben wie Bücher, die ich in meiner Jugend auch geliebt habe, in denen wir Leser entscheiden konnten, wie die Geschichte weitergehen soll. Die Räuberbande nähert sich, versuchst du dich irgendwie aus der Situation herauszureden und sie überzeugen, dass du keine Bedrohung darstellst? Dann lese auf Seite 312 weiter. Versuchst du lieber, dich irgendwie zu verstecken, lese weiter auf Seite 245. In Herkunft geht es darum, die Großmutter zu einem Abenteuer zu begleiten oder zu versuchen, sie in die Realität zurückzubringen. Ich habe an der Seite der Großmutter Drachen bekämpft und fühlte mich auch in meine eigene Kindheit zurücktransportiert, eine ganz seltsame und gute Erfahrung. Ich bin Saša Stanišić sehr dankbar für dieses Buch. Nicht nur, weil er darin einen Einblick in seine eigene Geschichte und die kostbare Beziehung zu seiner Großmutter gewährt. Auch dafür, dass er in diesem Buch ein individuelles Flüchtlingsschicksal aufzeichnet, denn wir brauchen gerade heute mehr davon. Und auch dafür, dass er mich über meine eigene Herkunft und meinen eigenen Weg nach Deutschland und in die deutsche Sprache nachdenken ließ.

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Saša Stanišićs Geburtsstadt Višegrad ist der Ort in "Die Brücke über die Drina" von Ivo Andrić, der Ort, an dem über Jahrhunderte Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionszugehörigkeiten mehr und auch weniger friedlich nebeneinander lebten. Gegenwärtig haftet jeder Ecke eine Erinnerung der ethnischen Säuberungen an, denn das vor allem von Tito zusammengehaltene Jugoslawien zerbrach in den 90er Jahren endgültig nicht nur in Einzelteile, diese schnitten sich dabei noch die Kehle durch. "Jede Herkunft konnte die falsche sein." . Im Gegensatz dazu sind die Teile in Stanišićs neuem Buch "Herkunft" ein ineinandergreifendes Potpourrie an Versatzstücken, Einschüben, wiederkehrenden Erzählsträngen. Seine nun an Demenz erkrankte Großmutter, jahrzehntelang Višegrad in sympathischem Mafiosostil in der Hand habend, ist der rote Faden, während wir nicht chronologisch sein 1992 in Bosnien gekapptes Leben, wie auch das seiner Eltern, in Heidelberg neu starten sehen (oder eben an der Aral-Tankstelle, parallel zur internationalen Gesamtschule), ergänzt von Vergangenheitszitaten wie Rostock-Lichtenhagen, Roter Stern Belgrad auf dem Gipfel des europäischen Fußballs und der Gegenwart mit den letzten Flüchtlingsbewegungen über die nun geschlossene Balkanroute und so unglaublich vieles mehr. . Tragisches, ja Dramatisches verhält sich leise in "Herkunft", aber keineswegs blass. Auf die Menschen blickt Stanišić warm, zugeneigt und sein mal präzises, dann sich beinahe verlierendes Erzählen von Abläufen und Gegebenheiten lässt beim Lesen lächeln und traurig sein, Abstruses blinkt auf. Poetisch klingt das oder lakonisch, auch witzig, wie er berichtet, erinnert, fabuliert - autofiktional, biografisch, romanhaft, sich aus dem Fantasygenre bedienend, eine Familienchronik auffächernd. . Migration ist Stanišić nach gängigen Normen gut gelungen - wir halten hier sein viertes, in deutscher Sprache verfasstes Buch in der Hand, Sprache, die er anmutiger, gekonnter als so ziemlich jeder nutzt. Nach dem großartigen Roman "Vor dem Fest" ist "Herkunft" ein tolles Folgebuch, auch wenn Literatur laut ihm nur ein schwacher Kitt ist für eine zerrissene Familie. Warum? Lest selbst.

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Endlich wieder ein Lebenszeichen von Saša Stanišić, dem Autor, der 2014 mein persönliches Buch des Jahres geschrieben hat. Nach der darauf folgenden Storysammlung FALLENSTELLER – die mir offen gestanden nicht so zusagte – führt uns der Autor diesmal in seine Heimat Bosnien, die er 1992 vierzehnjährig mit seinen Eltern verlassen musste. Als Sohn einer Bosniakin und eines Serben wurde es nach der Besetzung seiner Heimatstadt Višegrad im Zuge des Bosnienkrieges lebensbedrohlich zu bleiben. Sie flohen nach Heidelberg und ließen den Großteil ihrer Familie zurück. Unter anderem Großmutter Kristina, die eigentliche Heldin dieses Buches – mit ihr beginnt es und mit ihr endet es. Stanišić schreibt in HERKUNFT vom Aufwachsen in einem fremden Land, dem Erlernen einer fremden Sprache und den Reisen zurück in seine Heimat, und dort vor allem von den Begegnungen mit seiner Großmutter, die zwar allmählich in der Demenz verschwindet, ihn aber nach wie vor liebevoll beleidigend einen Esel nennt. Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern packt eine Anekdote an die andere, zaubert Erinnerungen hervor wie Kleidungsstücke aus der Mottenkiste und verziert sie mit der für ihn so typischen ironisch-poetischen Sprache. Dass ihn das Gedächtnis manchmal trügt, daraus macht er keinen Hehl und arbeitet den Kampf um die richtige Erinnerung in den Text ein, schmückt aus, erfindet neu. Somit ist HERKUNFT weder Biographie noch Roman, sondern eine Mischform aus beidem, die gerade aus der Unzuverlässigkeit des Autors ihren Reiz gewinnt. Auf den letzten sechzig Seiten greift Stanišić nochmal richtig in die Trickkiste und bezieht uns Leser in seine Geschichte ein. In dem interaktiven Abschlusskapitel DER DRACHENHORT müssen wir als Saša unsere Großmutter aus dem Pflegeheim befreien und auf ihrer letzten Reise zu ihrem geliebten Mann Pero begleiten, der seit Jahrzehnten im Jenseits auf sie wartet. Es lauern viele Gefahren, allerlei Getier aus der slawischen Mythenwelt will uns an den Kragen und wir müssen entscheiden, welchen Weg wir gehen, damit Großmutter glücklich wird. Choose-Your-Own-Adventure-Bücher waren vor allem in den 1980er Jahren sehr populär und erfreuen sich spätestens seit der Black-Mirror-Folge BANDERSNATCH auf Netflix wieder großer Beliebtheit, zumindest im Filmformat. Dass Stanišić diese Literaturgattung von der Staubschicht befreit und ihr wieder Leben einhaucht, gehört auch in die Rubrik Erinnerung an die Jugend (und ist – ganz unter uns – die schönste und rührendste Liebeserklärung an eine Großmutter, die ich je gelesen habe). Zugegeben: Das Thema Heimat und Herkunft ist seit einigen Jahren omnipräsent und besonders auf dem Literaturmarkt stark überbeansprucht. Dennoch ist Stanišićs Buch ein wichtiger Beitrag zur Debatte und eine Bereicherung für die Literatur, eben weil er mit HERKUNFT nicht nur ein Flüchtlingsdrama oder Emigrantenschicksal erzählt, sondern mit viel Witz und Poesie einen persönlichen, verspielten und aufrichtigen Lebensbericht geschrieben hat. Ich bleibe dabei: Saša Stanišić ist einer der besten Schriftsteller seiner Generation und es ist ein großes Glück, dass wir ihn haben.

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In Herkunft wendet sich Saša Stanišić den Schauplätzen der eigenen Biografie zu. Auf seiner literarischen Spurensuche – die von Višegrad über Heidelberg nach Hamburg und wieder zurück führt – fragt er jedoch nicht nur nach dem Einfluss der Orte auf die eigene Identität. Mit seinen Erzählungen von Krieg, Flucht und Neuanfang führt er zudem eindrücklich vor, warum es längst an der Zeit ist, Begriffe wie Heimat und Zugehörigkeit aus ihrer nationalen Fixierung zu lösen.  Die Geschichte, die Stanišić in Herkunft erzählt, findet ihren Anfang im Sommer 2009. Gemeinsam mit seiner Großmutter reist er in diesem Jahr in ein abgeschiedenes bosnisches Bergdorf namens Oskuruša, dem Geburtsort seines Großvaters.  Der Besuch am Grab seiner Vorfahren, die Gespräche mit den wenigen verbliebenen Einwohnern des aussterbenden Dorfes, all dies bildet den Ausgangspunkt für ein sehr persönliches "Selbstporträt mit Ahnen". Mit seinem episodenartigen Erzählstil,  dem beständigen Hin- und Herspringen zwischen Zeiten und Orten, präsentiert sich der autobiografische Text dabei als eine Art literarisches Erinnerungsmosaik, das sich aus den Lebensläufen dreier Generationen zusammensetzt. Um die Rekonstruktion einer Familiengeschichte im klassischen Sinne geht es Stanišić dabei jedoch eher am Rande. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Suche nach der eigenen Position in einem spezifischen Gefüge von Menschen und Orten – oder kurz gesagt die Frage: Was hat das eigentlich alles mit mir zu tun? Denn während für die bis dato unbekannten Verwandten in Oskuruša feststeht, dass der inzwischen in Deutschland lebende Autor selbstverständlich ,einer von hier' ist, bleibt Stanišić selbst deutlich skeptischer gegenüber allzu einfachen Herkunftsdefinitionen. So wird seine ebenso persönliche wie poetische Annäherung an die Vergangenheit vor allem auch von grundlegenden Zweifeln begleitet: Lässt sich – aus der Perspektive des Jahres 2018 – überhaupt bedenkenlos über Heimat und Abstammung nachdenken, ohne damit jene Politik der Ausgrenzung fortzuschreiben, die ja gerade diese Begriffe zu ihren zentralen Schlagworten erhoben hat? Es ist nicht zuletzt diese Frage, auf die Stanišić mit seinen schlaglichtartigen Einblicken in die eigene Biografie, aber auch die Lebensgeschichten seiner Eltern und Großeltern, eine Antwort zu geben versucht. Dabei greift er erneut Themen auf, die bereits Eingang in seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) fanden. So erzählt er von seiner Kindheit in Jugoslawien, von den ersten Vorboten des Krieges und schließlich auch dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaats. Davon, wie er zu Beginn der 1990er Jahre mit der Mutter vor der eskalierenden Gewalt nach Deutschland flüchtet und Schritt für Schritt nicht nur in einem fremden Land, sondern auch einer fremden Sprache Fuß fasst. Wie er noch als Schüler erste Schreibversuche unternimmt und schließlich durch die Tätigkeit als Schriftsteller eine Aufenthaltserlaubnis und damit auch eine dauerhafte Bleibeperspektive in Deutschland erschreibt.  Doch die Anekdoten vom Ankommen, von  Selbstbehauptung und erfolgreichen Neuanfängen, markieren nur die eine Seite einer Geschichte, zu der auch gehört, dass eine Familie infolge des Krieges auseinandergerissen und über verschiedene Länder und Kontinente zerstreut wird. Dass eine Rückkehr in die frühere Heimat unmöglich geworden ist. Nicht nur, weil das Land, in dem man geboren ist, nicht mehr existiert, sondern auch, weil die einst vertrauten Orte zu Schauplätzen der Gewalt geworden sind. Weil die persönlichen Erinnerungen überlagert werden von dem Wissen um die hier vollzogenen Gräueltaten. Dass sich Stanišićs  Auseinandersetzung mit Identität und Zugehörigkeit vor diesem Hintergrund kaum mit nationalen Begriffen erfassen lässt, wird dabei schnell deutlich. Etwa dann, wenn er Herkunft als etwas beschreibt, das – mit der Großmutter in Bosnien, der Mutter in Kroatien und dem Sohn in Hamburg – stets an mehreren Orten zugleich stattfindet. Oder dann, wenn er – frei von jeglichem "Zugehörigkeitskitsch" – einer Heidelberger ARAL-Tankstelle eine mindestens ebenso identitätsstiftende Wirkung wie dem eigenen Geburtsort zuschreibt. Vor allem aber und besonders eindrücklich auch dann, wenn er an die ,unerhörte Selbstverständlichkeit' erinnert, mit der in den 1990er Jahren überall in Jugoslawien plötzlich die Rassisten aufmarschierten. Wenn er mit seiner Warnung vor dem "zersetzenden Potenzial der Nationalismen" eine Brücke in die Gegenwart des Jahres 2018 schlägt. Einer Zeit also, in der Grenzen, die er selbst noch überschreiten konnte, längst unüberwindbar geworden sind, die AfD Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich erzielt und in Chemnitz ein "Hitler-Gruß [...] über der Gegenwart" hängt.   So sehr Stanišić dabei einerseits als Chronist des Gegenwärtigen und  Vergangenen in Erscheinung tritt, widmet er sich zugleich insbesondere auch der Unaufhaltsamkeit des Verschwindens und Vergessens. So lässt sich Herkunft vor allem auch als ein Abschiedsbuch lesen, ein Buch, das sich nicht nur mit verschiedenen Aspekten des Heimatverlustes beschäftigt, sondern auf einfühlsame Weise auch davon berichtet, wie sich die Großmutter nach und nach in der Demenz verliert. Wie schon in vorausgegangenen Texten liegen dabei Fakt und Fiktion, Erinnern und Erfinden stets eng beieinander. Spätestens wenn der Leser die Großmutter des Autors aus einem Altenheim befreien oder auf Drachenjagd begleiten und auf diese Weise selbst am Ende der Geschichte mitwirken darf, tritt zum wiederholten Male jene unbändige Freude am Fabulieren zutage, die Stanišić zu seinem literarischen Markenzeichen gemacht hat. So besticht Herkunft letztlich nicht nur als kluger zeitpolitischer Kommentar, sondern vor allem auch als ebenso kunstfertiges wie kreatives Spiel mit der Sprache und den Mitteln und Möglichkeiten der Literatur.  

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Reichtum ist anders

Von: Nora aus Am Ettersberg

23.03.2019

Liebe ist Offenbarung, und eine Offenbarung ist jedes Buch. Wir schreiben weiter, jeden Tag ... Vielen Dank, Saša Stanišić!

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Herkunft - Saša Stanišić Beschreibung des Verlages: HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh. HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist. In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden. Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišić. Mein Bezug zu Bosnien: Wie kann ich sagen, was Saša Stanišić mit seinem neuen Roman bei mir ausgelöst hat? Wie kann ich es sagen, ohne meinen Bezug zu Bosnien zu ausufernd zu erwähnen? Vielleicht gar nicht, deshalb zuerst einmal: Bosnien ist seit wenig mehr als acht Jahren das Land, aus dem die Liebe meines Lebens in die Schweiz gefunden hat. Bosnien sind Geschichtenerzähler, Gastarbeiter auf Dächern, Schwein am Spiess und die Frage "aber was isst du denn, wenn du kein Fleisch isst?". Bosnien sind unendlich schöne, weite, hügelige Landschaften, Dörfer, in denen Kirchen neben Moscheen stehen, in denen man Strafzettel umgeht, indem man dem Polizisten sagt, mit wem man verwandt ist. Bosnien, das ist eine nicht enden wollende Gastfreundschaft, eine Herzlichkeit, die meistens ehrlich ist, eine Melancholie, die nie vergeht, das sind gemeinsam gesungene Lieder und ganz viele Hochzeiten, das ist eine Grossmutter mit einer Harley in der Garage und einem Hund im Gitterkäfig, das sind viele Gebete, viele zerstörte und wenige wieder aufgebaute Häuser. Bosnien ist Andrić, es ist ein immer wieder gespaltenes und immer wieder (scheinbar) vereintes Land, ein Land, in dem die Menschen müde sind von denen, die etwas zu sagen haben, ein Land, das so viele Religionen, Lieder und Gerichte zu bieten hat, ein Land, in dem verstorbene Grossväter noch regelmässig ihren Stimmzettel ausfüllen, aber keine Steuern mehr bezahlen. "Herkunft": Die emotionale Verwirrung um die Herkunft eines Menschen, die Frage "Wessen bist du?", und die krampfhaft versuchte Zuordnungen zu irgendwelchen Stammbäumen kenne ich wohl genau deshalb (und eigentlich indirekt) sehr gut aus Bosnien, das mittlerweile ein wenig eine zweite Heimat für mich geworden ist. Aber "Heimat" ist nicht "Herkunft". "Heimat" ist da, wo die Menschen sind, die man liebt. "Herkunft" ist - vielleicht und unter anderem - wo Menschen, von denen man irgendwie abstammt, auf Friedhöfen liegen. Das sind Gräber, die man besucht und pflegt, an denen man einen Schnaps trinkt. https://samtpfotenmitkrallen.blogspot.com/2013/06/dieses-buch-empfehle-ich-von-herzen.html Und schon sind wir mitten in einer Rezension zu einem Buch angelangt, das mich tief berührt und immer wieder dazu gebracht hat, mich zu erinnern. Einem Buch des grossartigsten zeitgenössischen Erzählers aus dem Land, in dem das Erzählen erfunden wurde. Wie ich auf Saša Stanišić aufmerksam geworden bin? Ich denke, dass es der Bruder des Liebsten war (der mich auch mit der Liebe zu Andrić infiziert hat), der mich auf "Wie der Soldat das Grammofon reapariert" aufmerksam gemacht hat. Und auch wenn ich "Vor dem Fest" und "Fallensteller" (noch) nicht gelesen habe, wollte ich "Herkunft", ein weiteres Buch, das Bosnien thematisiert und vor allem das bisher persönlichste Buch Stanišićs ist, unbedingt lesen. Ein Buch, in dem sich Erinnerungen an eine Kindheit als Geflüchteter, an hart arbeitende Eltern, die ersten Geh- und Schreibversuche in einer neuen Sprache und die erste Liebe zu einer Frau aber vor allem auch ganz viele Ausflüge in die Vergangenheit, die Suche nach Antworten und viel bosnische Erzählkunst und Melancholie zu einem grossartigen Ganzen vereinen. Meine Meinung: Von den ersten Seiten an war ich mitten in der Geschichte, mitten in meinen und mitten in Stanišićs Erinnerungen und Erlebnissen und fühlte mich sofort verstanden. Ich bin immer noch begeistert und zwar nicht nur von dieser grossartigen Sprache, die niemanden kalt lässt, mit viel Liebe zu einem Land und dessen Leuten erzählt aber auch die Ernüchterung über die Machtlosigkeit gegenüber gewaltsamen Systemen durchscheinen lässt. Sondern auch von der Form dieses Buches, Tagebuch, Briefroman, Fantasy-Abenteuer (das zum Drachenhort führt) und Familienchronik zugleich, die mich den Hut ziehen lässt. Und Stanišić darf getrost ein Meister seines Fachs genannt werden, weil er es schafft, all diese Elemente zu verknüpfen und trotzdem authentisch zu bleiben. Nichts wirkt aufgesetzt oder konstruiert, vielmehr werden einfach alle Möglichkeiten, die "Sprache" zu bieten hat, ausgereizt. Und was dabei resultiert ist "Herkunft", ein Roman, der von Herkunft, aber auch von Heimat erzählt, eine Familienchronik, die sich über einige Generationen und Orte erstreckt, eine Liebesgeschichte an ein Land, das vieles durchmachen musste und noch nicht ganz über dem Berg ist (und wie es mit Liebesgeschichten so ist, sind sie nicht immer nur glücklich und unbeschwert) und eine Sprache, die einem den Boden unter den Füssen entzieht, die nach Luft schnappen lässt, zum Weinen und Lachen bringt, zum Nachdenken anregt und ganz viel Zartheit und Kraft vereint und von der ich nie genug bekommen werde. Inhalt und Sprache: "Herkunft" ist geschrieben in einer Sprache, die mit Liebe erzählt, reich an Bildern und Metaphern ist und nichts mehr von den Anstrengungen beinhaltet, die nötig waren, sie zu erlernen. Vielmehr sind da nun Dankbarkeit und das Wissen um das Geschenk der Sprache und somit der Kommunikation und eine fahle Erinnerung an das Gefühl, sich nicht ausdrücken zu können, nicht verstanden zu werden. In "Herkunft" erzählt Stanišić von seiner Familie, seiner dementen Grossmutter, die ihn stets zärtlich "mein Esel" oder "meine Sonne" nennt, seinen Eltern, die alles aufgeben mussten und ein neues Leben gefunden haben, seinen Mitschülern und einer Gruppe Jugendlicher an einer Tankstelle, die zu einer zweiten Familie geworden sind. Besonders berührt haben mich übrigens neben den Erzählungen von liebevollen und kostbaren Erinnerungen und Begegnungen mit seiner Grossmutter die kurzen Sequenzen, in denen Stanišić von seiner Flucht erzählt. Gemeinsam mit seiner Mutter ist er nach Deutschland geflüchtet, während der Vater noch in der Heimat bleiben und sich um seine Mutter kümmern wollte. "Herkunft" lebt aber nicht nur von Erinnerungen, sondern auch von Leerstellen, welche diese Dinge nicht sagen, die man nicht sagen kann, die von einem Minenfeld, einer Narbe am Oberschenkel und vielen Soldaten erzählen würden, wenn sie könnten. Und immer wieder geht es in Gedanken zurück zur Grossmutter, der einzigen Verwandten, die in Višegrad geblieben ist und so zugleich für die Vergangenheit steht und für ein Land, das nun ein neues Land, ein Dorf, das nun ein anderes Dorf ist. Was in "Wie der Soldat das Grammofon repariert" die Drina ist, die von alten Märchen erzählt, den Krieg überdauert hat (und viele Kriege zuvor) und nach dem Krieg alles reinwäscht und wie eine Festung, ein Mahnmal in der Landschaft fliesst, ist nun die Grossmutter, welche die Fäden der Familienchronik zusammenhält und doch langsam und unaufhaltsam vergisst und die von Stanišić, dem ewigen Erzähler, 2018 besucht wird. "Herkunft" ist ein Festhalten an Erinnerungen, an Menschen, an Vergangenem, eine Suche nach Wurzeln und Antworten und ein sehr persönliches, bewegendes, kluges und faszinierendes Buch. Meine Empfehlung: Saša Stanišić hat sich selber übertroffen und mit "Herkunft" ein Buch geschrieben, das auf den Punkt bringt, wie schwer es sein kann, sich und seine eigene Geschichte und die vielen Facetten der eigenen Herkunft zu ergründen, sich zwischen den Welten zu fühlen, stets auf der Suche, nie angekommen und doch glücklich zu sein und weil sich dies so berührend und spannend und charmant und so wundervoll melancholisch liest, empfehle ich euch dieses Buch von Herzen weiter. Zusätzliche Infos: Titel: Herkunft Autor: Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sein Debütroman »Wie der Soldat das Grammofon repariert« wurde in 31 Sprachen übersetzt. Mit »Vor dem Fest« gelang Stanišić erneut ein großer Wurf; der Roman war ein SPIEGEL-Bestseller und ist mit dem renommierten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Für den Erzählungsband »Fallensteller« erhielt er den Rheingau Literatur Preis sowie den Schubart-Literaturpreis. Saša Stanišić lebt und arbeitet in Hamburg. Hardcover mit Schutzumschlag: 360 Seiten Sprache: Deutsch Verlag: Luchterhand Erschienen am: 18. März 2019 ISBN: 978-3-630-87473-9 Weiterführende Literatur aus und über Bosnien: Wesire und Konsuln - Ivo Andrić Die Brücke über die Drina - Ivo Andrić Das Fräulein - Ivo Andrić Der verdammte Hof - Ivo Andrić Die verschlossene Tür - Ivo Andrić Lyrik und lyrische Prosa/Ex Ponto - Ivo Andrić Wie der Soldat das Grammofon repariert - Saša Stanišić Der Derwisch und der Tod - Meša Selimović Lazarus - Aleksandar Hemon Lodgers - Nenad Veličković (Englisch)

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