Leserstimmen zu
Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson

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hrer Cover-Version von Shakespeares Das Wintermärchen stellt die Autorin eine Inhaltsangabe des Originals voran und beginnt ihre Nacherzählung dann damit, dass der verwitwete Shep in La Bohemia, Louisiana, gemeinsam mit seinem zwanzigjährigen Sohn Clo zuerst mit dem Auto in eine Schießerei gerät und dann, einer Eingebung folgend, ein Baby aus einer Babyklappe hebt und mitnimmt. Zwischen dem Baby und der Schießerei besteht ein Zusammenhang, da ist Shep sich sicher. Das Baby hat auch einen Namen, Perdita, und in der Folge erfahren wir, dass sie die Tochter des in London lebenden Investmentbankers Leo und seiner Frau MiMi ist. Kurz vor der Geburt des Mädchens war Leo vollkommen ausgerastet: von der fixen Idee besessen, Xeno, sein engster Freund seit der gemeinsamen Zeit im Internat, sei der Vater des Ungeborenen, hatte er MiMi aus dem Haus getrieben. Mit der irrwitzigen Vorstellung, auf diese Art vielleicht seine Ehe retten zu können, hatte Leo dann seinen Angestellten Cameron beauftragt, den „Bastard“ außer Landes zu schaffen. Dank der Inhaltsangabe haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie es weitergehen wird. Meine Meinung: Im Interview erzählt Jeanette Winterson, selbst ein Adoptivkind, sie habe die Geschichte des Findelkindes Perdita schon ihr gesamtes Erwachsenenleben lang wie einen Talisman mit sich herumgetragen und sei von ihr getragen worden. Jetzt habe sie den Roman geschrieben, weil sie in ihrem Alter dazu in der Lage sein sollte, meint sie. Und sie ist dazu in der Lage. Im Laufe dieser lebenslangen Beschäftigung mit dem Text hat die Autorin wohl unzählige Ideen gesammelt, die nun in den Roman Eingang gefunden haben. Dieses Mosaik aus Regieeinfällen nach Shakespeare-Motiven, beispielsweise eine Szene in der Pariser Buchhandlung Shakespeare and Co, wirkte zu Beginn auf mich etwas konstruiert, aber dieser erste Eindruck verschwand sehr schnell. Im schon zitierten Interview weist Winterson darauf hin, dass das Original in Shakespeares späte Schaffensperiode fällt, in der er seine Frauengestalten anders als in früheren Stücken am Leben lies. Leo ist rasend eifersüchtig wie Othello, aber MiMi ist nicht Desdemona. Dadurch wird aus der Tragödie der ersten drei Akte eine Komödie, ein anderes Level also. Damit das gelingt, lässt Shakespeare den Gauner Autolycus auftreten. Dieser mutiert bei Winterson zu einem Autohändler. Den Dialog, in dem Autolycus Clo erläutert, wie die Tragödie des Ödipus durch einen Kreisverkehr abzuwenden gewesen wäre, fand ich ebenso witzig wie die Tatsache, dass er Clo einen DeLorean aufschwatzt. Dass Shakespeares Stücke zeitlos sind ist ein Gemeinplatz, aber wer hätte gedacht, dass sich ein Wagen aus Zurück in die Zukunft ebenso gut einfügt wie ein Motiv aus einem Superman-Film oder Textzeilen aus Hits der 50er- bis 80er-Jahre. Auch hier bleibt der Roman Shakespeare treu: dieser lockerte sein Stück mit sechs Gesangs- und zwei Tanzeinlagen auf. Die Liste der Parallelen zwischen Stück und Roman ließe sich bei gründlicher Recherche bestimmt noch lange fortsetzen, aber dann wäre es mit dem sich Verlieren wohl vorbei und der Spaß verdorben, daher zum Schluss nur noch eine Anmerkung zur deutschen Ausgabe: Sabine Schwenk ist eine Übersetzung gelungen, der man die Übersetzung nicht anmerkt. Spaß gerettet.

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Shakespeares Wintermärchen ist eines der kompliziertesten Beziehungsdramen. Es fällt in eine Kategorie zusammen mit Goethes Die Wahlverwandschaften was positive Ereignisse angeht. Erzählt wird im Original, sowie in Wintersons Nacherzählung die Geschichte von Leo (Leontes), dessen bester Freund Xeno (Polixenes) einige Zeit bei ihm und seiner schwangeren Frau Mimi (Hermione) lebt. Nachdem die drei einige Zeit glücklich zusammen leben, beginnt Leon zu glauben, dass Mimi und Xeno eine Affaire haben. Er ist sich dessen so sicher, dass er sogar darauf besteht, dass ihr gemeinsames Kind nicht seines ist, sondern eigentlich zu Xeno gehört. Kurz vor der Geburt konfrontiert Leo Xeno mit seinem Verdacht und vertreibt ihn unter Todesdrohungen aus der Stadt. Als das Kind schließlich geboren wird lässt Leo es zu Xeno schicken, doch durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gelangt es niemals dort hin. Leos Gärtner, der das Kind überbringen soll, wird auf offener Straße überfallen und ermordet. Die kleine Perdita wird von einem Vater und seinem Sohn aufgenommen und wächst als Teil ihrer Familie auf. Jahre vergehen und Perdita lernt Zel (Florizel) in einer Bar kennen und verliebt sich in ihn. Wie sich herausstellt ist er ausgerechnet Xenos Sohn, der mit ihr gemeinsam ihr Vergangenheit zu entrollen sucht. Poetische Nacherzählung, nah am Original Winterson zeigt mit ihrer Fassung von Das Wintermärchen, dass sich eine Nacherzählung nah am Original bewegen kann ohne unoriginell zu werden. Ihre Figuren sind lebendig und poetisch. Sie spielen mit Worten und schimmern im Neonlicht, welches sie ständig zu umgeben scheint. Sie bewegen sich in unserer Zeit und dennoch dazwischen. „Einer der Arbeite wollte das alles nicht, hielt es für falsch, für unmoralisch, denke ich. Für ein Zeichen der Zeit. Aber die Zeit hat so viele Zeichen, wenn wir sie alle läsen, würden wir an gebrochenem Herzen sterben.“ — Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit In Der weite Raum der Zeit wird nicht nur Shakespeares Vorlage nacherzählt, es wird durch Hintergrundgeschichten erweitert. Winterson erklärt, weshalb es zu den Spannungen zwischen Leo und Xeno kommt, indem sie ihre Vergangenheit aufrollt und das erste Treffen mit Mimi schildert. Sie belebt Perditas Ziehfamilie zum Leben, indem sie Hintergrundmotive für das komplizierte Familienleben findet. Und sie gibt vor allem Perdita und Zel einen wirklich Grund dafür, weshalb sie zusammen sein wollen. Alles eingebettet in der Frage danach was Zeit ist und wie sie sich auf Beziehungen auswirkt. Dabei fokussiert sich die Geschichte in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge zunächst auf die Ereignisse zwischen Mimi und Leo, dann Leo und Xeno, um schließlich mit Xeno und Mimi zu schließen und den Kreis perfekt zu machen. Winterson gelingt hierbei, woran St. Aubyn bei seiner zu nahen Nacherzählung von Shakespeares King Lear gescheitert ist: Sie macht die Welt zu ihrer eigenen. Die Geschichte bleibt beinahe vollständig erhalten und dennoch schaft sie es die Geschichte in eine neue Zeit, die vollkommen losgelöst von unserer zu existieren scheint, zu transformieren. „In Booten machten wir uns auf den Weg. Die Sterne waren wie Lichter an den Spitzen unserer Masten. Wir wussten nicht, dass Sterne Fossilien sind, Abdrücke der Vergangenheit, und ihr Licht ausstreuen wie eine Botschaft, wie einen letzten Wunsch.“ — Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

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Das ist das zweite Buch, welches ich von Jeanette Winterson gelesen habe. Ihr Weihnachtsbuch "Wunderweiße Tage" hat mir Weihnachtsmuffel das Fest schmackhaft gemacht. Nun wurde ich in eine Welt entführt, die skurril und äußerst erschreckend anmutet. Bei "Der weite Raum der Zeit" hat die Autorin bewiesen, dass sie aus einem Klassiker erschreckende Gegenwartsliteratur machen kann. Leo ist ein steinreicher Investmentbanker, dessen Verstand ich stark angezweifelt habe. In der Liebe nimmt er es nicht so genau. Es darf auch gerne mal ein Mann sein. Bei Leos Fantasien wusste ich oftmals nicht, ob ich fasziniert oder angewidert sein soll. Meist habe ich mich für Zweiteres entschieden. Leo war eifersüchtig auf seinen besten Freund. Er war felsenfest der Meinung, dass Xeno ein Verhältnis mit seiner Frau MiMi hat. Seine Sekretärin und auch andere Menschen in seinem näheren Umfeld, haben versucht ihn zur Vernunft zu bringen. Doch Leo hat sich festgebissen. Leo ist irre vor Hass. Leo verstößt seine Frau und das neugeborene Kind. Er erkennt sein Töchterchen Perdita nicht als sein eigen Fleisch und Blut an. Ich bin der Meinung, Perdita konnte nichts besseres passieren. Der dunkelhäutige Shep ist voller Trauer. Er hat seine Frau verloren. Er entdeckt ein kleines Mädchen in der Kindergrippe eines Krankenhauses. Perdita! Sie darf liebevoll aufwachsen. So ein schönes Leben hätte ihr ihr leiblicher Vater niemals bieten können. Mit samt seinem Geld nicht! Eine für mich etwas verstörende Geschichte, die an das Wintermärchen von Shakespeare angelehnt ist. Welcher Irrsinn in einem menschlichen Gehirn Platz findet, wird hier besonders deutlich. Nach dem harmonische Weihnachtsbuch von Miss Winterson war diese Geschichte eine große Überraschung für mich. Die seelischen Abgründe eines Menschen beherrschen die Geschichte. Eine Geschichte die verstört, amüsiert und oft zum Nachdenken anregt. Danke Jeanette Winterson.

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"Der weite Raum der Zeit" ist ein weiterer Band der Hogarth Shakespeare-Reihe, in der bekannte Autoren Werke von Shakespeare auf ihre ganz besondere Art nacherzählen. In diesem Falle hat sich Jeanette Winterson dem "Wintermärchen" gewidmet. Die 1959 in Manchester geborene Winterson bekam schon für ihr Erstlingswerk "Orangen sind nicht die einzige Frucht" den angesehenen Whitbread-Prize. Inwischen ist sie eine weithin bekannte Feministin und Autorin, die diverse Bestseller veröffentlicht hat. Leo, MiMi und Xeno sind bereits sehr lange befreundet. Doch urplötzlich vermutet Leo, seine hochschwangere Frau MiMi habe eine Affaire mit seinem Jugendfreund Xeno. In rasender Eifersucht versucht er Xeno zu ermorden, lässt das neugeborene Mädchen Perdita wegschaffen und verliert bei dem Versuch, das Land zu verlassen, seinen älteren Sohn Milo am Flughafen. Nachdem auch MiMi gegangen ist, bleibt Leo allein zurück. Jahre später. Aus der kleinen Perdita ist eine junge Frau geworden, die sich durch Zufall in den Sohn Xenos verliebt. Und nach und nach lösen sie gemeinsam die Rätsel ihrer Vergangenheit. Wintersons Interpretation bewegt sich sehr nah am Original. Im Grunde ist der Roman eine Übertragung der Geschehnisse in die heutige Zeit. Erstaunlich ist, welche Wucht diese uralte Erzählung entwickelt, wenn man das Märchenhafte vorsichtig abstreift und Sprache und Setting dabei anpasst und wie glaubhaft diese doch eigentlich völlig unglaubhafte Geschichte dadurch wird. Winterson gibt ihren Charakteren einen Unterbau, eine Herkunft, die ihre Handlungsweise erklärt und sie nutzt die Gegebenheiten, die unsere Welt heute bietet. Es ist einfach, in einer Großstadt wie Paris spurlos zu verschwinden, ein Mädchen kann im ländlichen Amerika unbemerkt vom in London weilenden Vater aufwachsen und trotzdem ist alles nur wenige Flugstunden voneinander entfernt. Einzig der Strang um das Computerspiel mit den verlorenen Engeln ist für mich zu übertrieben, will sagen esoterisch dargestellt. Und eigentlich hätte das Buch ihn gar nicht gebraucht, denke ich, denn die Wirkung ist auch ohne herumflatternde Federn enorm. Das Schöne an den Büchern der Hogarth-Reihe ist, dass jeder Autor einen anderen Weg wählt, Zugang zu den Werken Shakespeares zu finden. Dass jedes Buch völlig anders ist in Stil, Umsetzung und Herangehensweise. Das zeigt, wie vielseitig dieses Werk ist, aber auch, wie viele Interpretationsmöglichkeiten es gibt. "Der weite Raum der Zeit" ist für mich eine sehr gelungene Mischung aus einem Teil Shakespeare und einem Teil Winterson. Jeanette Winterson verschwindet nicht hinter dem Meister, sie bringt ihren eigenen Stil und ihre eigenen Schwerpunkte in die Geschichte und schafft damit, nicht ganz mühelos, aber trotzdem sehr wirkungsvoll, den Spagat zwischen Alt und Neu, zwischen Gestern und Heute. Ich danke dem Knaus Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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Ich finde das Shakespeare-Projekt sehr reizvoll, bei dem seine Themen in modernen Romanen aufgegriffen werden. Dieser Roman lässt mich allerdings etwas zwiegespalten zurück. Ich hatte unglaubliche Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzufinden. Gerade am Anfang gibt es einige Zeitsprünge, die mich sehr verwirrt haben. Vielleicht lag dies aber auch an der Formatierung des e-Books, bei dem die Absätze bei einem Abschnittswechsel nicht wirklich zu erkennen waren. Darum musste ich mich immer wieder neu orientieren, um den Faden wiederzufinden. Mit fortschreitender Handlung wird diese allerdings auch geradliniger, die Rückblenden weniger und der Lesefluss immer besser. Und nach ca. 1/3 hatte mich die Geschichte dann doch gepackt und lies sich zügig zu Ende lesen. Die Story an sich ist so tragisch, dass sie Shakespeare alle Ehre macht, sie regt zum Nachdenken an und wartet mit einem Ende auf, das den Leser einfach nur zufrieden zurücklässt. So kann ich sagen, dass ich nach den oben beschriebenen Startschwierigkeiten bestens unterhalten wurde. Die Charaktere sind glaubwürdig und tiefgründig genug, um Shakespeare zu genügen. Es gibt einige, die man ins Herz schließen kann, aber keinen, den von Herzen verabscheuen muss. Von mir gibt es 3,5 Sterne. Möglich, dass es mit der Printausgabe in der Hand auch 4 geworden wären. Klare Leseempfehlung an Freunde der Klassik (auch wenn sie hier modern daher kommt), an alle, die an Familienschicksalen interessiert sind und an alle anderen, die sich einfach mal gut unterhalten lassen wollen. Fazit: Klassiker in neuem Gewand. Auch diese Hogarth-Shakespeare-Adaption ist durchaus gelungen.

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Manchmal ist es egal, dass es irgendeine Zeit gab vor dieser Zeit. Manchmal ist es egal, ob Nacht ist oder Tag oder jetzt oder damals. Manchmal ist das, wo du bist, genug. Es ist nicht so, dass die Zeit stehen bleibt oder nie begonnen hat. Das hier ist Zeit. Du bist hier. Dieser erhaschte Moment, der in ein Leben mündet. Jeanette Winterson erzählt im Zuge des Hogarth Shakespeare Projekts „Das Wintermärchen“ von Shakespeare neu. Das Original habe ich nicht gelesen, aber Winterson macht es einem leicht und fügt vor ihrer Neuerzählung noch eine knappe Zusammenfassung der Geschehnisse des Originals bei. Und dann geht es auch schon spannend los: Shep und sein Sohn Clo werden Zeuge eines Überfalls auf einen alten Mann, der scheinbar verfolgt wurde und von zwei Männern brutal zusammengeschlagen wird. Diesen Überfall vorausahnend, hat der Mann einige Augenblicke vorher ein Baby samt Aktenkoffer in der naheliegenden Babyklappe deponiert, mit der Absicht, es später wieder zu holen. Doch so weit kommt es leider nicht. Der Mann stirbt am Ort des Überfalls und kurzerhand birgt Shep das Baby sowie den Aktenkoffer aus der Babyklappe, nicht ahnend, dass es dabei noch zu einigen Verstrickungen kommen wird. Zu einem früheren Zeitpunkt in England lässt der paranoide Leo Überwachungskameras in das Schlafzimmer seiner schwangeren Frau MiMi einbauen, denn er hat sie im Verdacht, eine Affäre mit seinem besten und ältesten (und schwulen) Freund Xeno zu haben. Als das Baby später zur Welt kommt, verfällt Leo in eine wilde Raserei, tötet Xeno beinahe und entreißt MiMi in einem durchgeplanten Akt dann das Baby, um es von seinem Angestellten Tony in die USA zu Xenos Anwesen zu bringen, da er der Meinung ist, ebendieser sollte sich gefälligst um sein Kind kümmern. Das Baby schafft es jedoch nie zu Xeno, und hier treffen sich die beiden Erzählstränge. Der weitere Teil der Geschichte spielt 16 Jahre später und das Baby, zur 16-Jährigen Perdita herangewachsen, beginnt Fragen zu ihrer Herkunft zu stellen. Sie lernt über Umwege den jungen Zel kennen, der zufälligerweise der Sohn Xenos ist, und gemeinsam machen die beiden sich auf den Weg nach England, um ihren Vater ausfindig zu machen. In der Woche nach seiner Geburt kamen wir nicht aus dem Bett. Wir schiefen und aßen, das Baby zwischen uns. Die ganze Woche mussten wir ihn immerzu anschauen. Wir hatten ihn gemacht. Ohne Qualifikationen oder Fortbildungen, ohne College-Diplome oder Fortschungsdollars hatten wir einen Menschen gemacht. Was ist das für eine verrückte, unbekümmerte Welt, in der wir Menschen machen können? Winterson erzählt hier in einer wahnsinnig tollen, leichten und aktuellen Sprache das „Wintermärchen“ neu. Da ich das Original nicht gelesen habe, war dies für mich eine komplett neue Geschichte. So verwirrend die Namensgebung anfangs doch war, so spannend war es doch, die Handlung zu verfolgen, vom Überfall auf Tony bis hin zur Familien-Reunion (mehr dazu später). Unglaublich witzige und wortgewandte Dialoge haben mir viel Freude beim Lesen bereitet, unter anderem wurde die Geschichte des Ödipus, neu frisiert, erzählt. Auch die zahlreichen Anspielungen auf Shakespeare oder „Das Wintermärchen“ fand ich richtig gelungen! 🙂 Die Charaktere waren ausreichend ausgefleischt, wenn teilweise auch etwas übertrieben dargestellt, zum Beispiel der doch sehr wahnsinnige Leo oder das gerissene Schlitzohr Autolycus. Vergebung ist ein Wort wie Tiger: Es gibt Bilder von ihm, und seine Existenz ist eindeutig bewiesen, doch nur wenige von uns haben wirklich aus der Nähe Bekanntschaft mit diesem wilden Tier gemacht. Insgesamt fand ich die Geschichte sehr gut, Winterson hat ihre Neuinterpretation hervorragend erzählt, jedoch fand ich die letzten Kapitel, in denen es um die Familienzusammenkunft ging, etwas übereilt. Ich weiß nicht, wie es im Original gehandhabt wurde, aber alle waren meiner Meinung nach viel zu schnell „heile Familie“ und haben sich ziemlich schnell zusammengerauft, was angesichts Leos und Perditas Beziehung zueinander doch sehr ungewöhnlich schien. Alles in allem war es aber ein gelungenes Spekakel und ich kann diese Shakespeare-Neuerzählung eigentlich nur jedem ans Herz legen, der ein bisschen Spannung, viel Witz und eine tolle Schreibe schätzt! 🙂

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#Shakespeare400: Das Wintermärchen – das Original Mit William Shakespears „Das Wintermärchen“ beschäftigt sich die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson im Rahmen des Projekts #Shakespeare400 und erschafft dabei mit ihrem Roman „Der weite Raum der Zeit“ eine moderne Familiengeschichte. „Das Wintermärchen“ entstand Anfang des 17. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte des von Eifersucht und Neid getriebenen sizilianischen Königs Leontes, der seine schwangere Frau der Untreue bezichtigt. #Shakespeare400: Der weite Raum der Zeit Leo ist Investmentbanker und er hat alles, was man sich nur wünschen kann: neben viel Geld und Macht ist er Vater eines kleinen Sohnes, den er abgöttisch liebt. Seine Frau erwartet das zweite gemeinsame Kind und Leos Leben könnte problemlos sein, wäre da nicht dieser nagende Zweifel an der Treue seiner Ehefrau MiMi, der sich in Eifersucht verwandelt. Ehe sich Leo versieht, hat seine entbrannte Paranoia nicht nur seine Frau schwer verletzt, seinen besten Freund vertrieben sondern auch seine neu geborene Tochter Perdita in die unbekannte Fremde entsandt. Sie bliebt spurlos verschwunden. Das Wüten eines Mannes: die Zerstörung einer Familie – #Shakespeare400 In blinder Wut zerstört Leo seine gesamte Familie und nicht nur das, auch seinen besten Freund aus Jugendtagen, Xeno, verliert er mit den haltlosen Anschuldigungen. Realität und Wahn verschwimmen aus Leos Perspektive und werden zu einem Gemisch aus Lug und Trug. Seine Eifersucht auf andere macht ihn rasend. Für die Argumente seiner Freunde, wie etwa der lebensfrohen und loyalen Pauline, ist er nicht mehr offen. Mit seiner unüberlegten, aber durchaus perfide geplanten Tat zerstört er nicht nur sein eigenes Lebens, sondern stürzt alle Figuren seiner näheren Umgebung in Chaos, hinterlässt Trauer und Verlust. Das Schicksal: der Beginn einer neuen Familie – #Shakespeare400 Doch aus Lügen, Wahn und Neid kann auch etwas Gutes entstehen. Zufällig oder schicksalhaft sind der klavierspielende Shep, der ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, und sein Sohn Clo Zeugen als ein Mann mitten auf der Straße zu Tode geprügelt wird. In der nahen Babyklappe liegt ein Mädchen mit einem Koffer voller Geld. Shep nimmt sich der kleinen Perdita an und eine neue Familie entsteht, die dank des Geldes ein besseres Leben führen können. Über Glauben und Moral: die Vergangenheit Die Vergangenheit ist ein wichtiges Element in Jeanette Wintersons Roman, denn „Der weite Raum der Zeit“ erzählt die Geschichte von unterschiedlichsten Figuren, deren Vergangenheit und Gegenwart miteinander kollidieren. Jede Figur hat ihre Persönlichkeit im Laufe dieser Zeitspanne verändert, wie etwa Leo, der von einem draufgängerischen Jugendlichen, der seine wahre Sexualität sucht, zu einem paranoiden Mann geworden ist und im Zuge seiner Taten eine Kettenreaktion ausgelöst hat; er bliebt einsam zurück. Ereignisse der Vergangenheit interpretiert er in einer Art und Weise, die sein Handeln dazu in logische Konsequenz setzen. Aus der einstigen Freundschaft zwischen Leo und Xeno wird ein tödliches Spiel, das auch Xenos Familie zu einer unglücklichen Familie werden lässt. Zu seinem Sohn hat er nur wenig Kontakt, denn seine dauernde Abwesenheit hat die einst gute Beziehung immens getrübt. Stattdessen arbeitet er als Entwickler schon seit Jahren an einem Spiel mit dem Titel „Der weite Raum der Zeit“. Mit diesem Spiel verarbeitet er die Vergangenheit auf, vermischt Fiktion und Realität und lässt die Figuren seines Lebens in Rollen schlüpfen. Perdita hingegen wächst behütet am anderen Ende der Welt auf. Mit ihrem Vater und Bruder führt sie ein gutes Leben, bis sie sich in Xenos Sohn verliebt und die Wahrheit über ihre Herkunft herausfindet. „Der weite Raum der Zeit“ ist ein Spiel der Figuren, der Vergangenheit und – natürlich – auch der Zeit. Bestimmte Momente und Entscheidungen dehnen sich wie eine zähe Masse, lassen das Leben aus den Fugen geraten und der Rückblick auf diese vergangenen Zeitpunkte erscheinen als unveränderliche Gegenwart. Jeanette Wintersons Roman „Der weite Raum der Zeit“ ist ein spannendes Buch, denn es besteht aus mehreren Ebenen und hat tiefgründige Figuren. Keine von ihnen ist schwarz oder weiß, gut oder böse, sie alle sind eine graue Mischung – abgesehen vielleicht von Wintersons Liebespaar, die durch ihre Jugend in das Chaos ihrer Familien hineingeboren wurden. Aber von einer klassischen Liebesgeschichte kann bei „Der weite Raum der Zeit“ nicht die Rede sein, denn Winterson verpackt ihren Roman in ein Familiendrama in der Vergangenheit und lässt die Figuren in der Gegenwart aus dem angerichteten Chaos herauskriechen – jede auf ihre Art. Eine gewisse Sogwirkung entwickelt sich dabei, wenn der Leser die vorangestellten Ereignisse so langsam in den Kontext der Gegenwart setzen kann – spannend, verwickelt und durchaus lesenswert. Mich hat „Der weite Raum der Zeit“ auf sehr positive Weise überrascht. Ich bin in das Buch hineingestolpert und konnte es am Ende nicht mehr weglegen.

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Leons Frau MiMi ist schwanger, doch er ist sich sicher, dass das Kind das Ergebnis einer Affäre mit seinem besten Freund Xeno ist. Nach Perditas Geburt soll das Kind zu Xeno geschafft werden, er will es nicht sehen und glaubt den Unschuldsbeteuerungen seiner Frau kein Wort. Doch Perdita kommt nicht bei Xeno an. Jahre später will Perdita mit ihrem Freund Zel mehr über ihre Vergangenheit herausfinden und stößt auf Leons Geschichte. In „Der weite Raum der Zeit“ bearbeitet Jeanette Winterson Shakespeares „Wintermärchen“ neu und sehr modern. Trotzdem bleibt das Grundkonzept erhalten, die Namen erinnern an die Originale und die Story ist auch sehr ähnlich, wird jedoch in eine moderne, sehr kapitalistische Welt katapultiert. Mir hat der Schreibstil von Winterson besonders gut gefallen, die Story wird dadurch spannend und beim Lesen taucht man völlig ein in die Welt von Perdita und Leon. Die blinde Eifersucht, die ihn treibt und damit MiMi sogar fast das Leben kostet, ist beängstigend und nur schwer nachvollziehbar für mich, aber er zerstört damit nicht nur sein Leben, sondern auch das aller Menschen um sich herum. Nach diesem speziellen Tag, an dem er Perdita weg gibt, ist nichts mehr wie es je war, weder für seine Frau, noch für Xeno oder Leons Sohn Milo. Sehr gut beschreibt Winterson die umfassende Gewalt, die in der der destruktiven Kraft der Eifersucht wohnt. Perdita bildet einen regelrechten Gegenpol, behütet aufgewachsen glaubt sie an die Kraft von Liebe und Vertrauen und ist von ihrer Vergangenheit sehr schockiert. Jeanette Wintersons Bearbeitung von Shakespeares „Wintermärchen“ für das Hogarth Shakespeare Projekt ist spannend, bewegend und sehr modern geschrieben. Auch ohne die Kenntnis vom Originalstoff ist das Buch absolut empfehlenswert.

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