Leserstimmen zu
Das Echo der Bäume

Sara Nović

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"Die bringen sie um", sagte der Mann. "Wen?", fragte mein Vater [...]. "Jeden." (Seite 68) Kroatien im Jahre 1991: Die zehnjährige Ana verbringt zum ersten Mal den Sommer in Zagreb und nicht an der Küste, denn die Serben haben die Straßen zum Meer blockiert. Auch in Zagreb kommt es schließlich zu Kampfhandlungen, Luftangriffen, Lebensmittelknappheit - der Krieg hat die Hauptstadt erreicht. Anas acht Monate alte Schwester Rahela ist schon länger krank, und nachdem die Eltern bereits Hilfe in Slowenien gesucht haben, machen sie sich nun zu viert auf den Weg nach Sarajevo, wo Rahela zurückgelassen wird, damit sie in den USA eine Chance auf Heilung und ein Leben ohne Krieg erhält. Auf der Rückfahrt von Sarajevo nach Zagreb werden Ana und ihre Eltern von paramilitärischen Gruppen der Serben angehalten, aus dem Auto geholt und in einen nahegelegenen Wald gebracht. Dort werden Anas Eltern erschossen, doch Ana kann durch einen Trick ihres Vaters überleben. Zehn Jahre später lebt und studiert Ana in New York. Als sie bei der UNO einen Vortrag über ihre Kriegserfahrungen in ihrer Kindheit hält, brechen alte Wunden wieder auf. Die von Albträumen geplagte Ana, die zehn Jahre lang ihre Herkunft verschwiegen hat, beschließt, dass sie erst Frieden finden kann, wenn sie zurück in ihre alte Heimat Kroatien reist. Das Echo der Bäume ist der Debütroman von Sara Nović und nimmt den Leser mit ins Kroatien der 1990er Jahre und des 21. Jahrhunderts. Nović zeigt darin, wie in einem Land, in dem jahrzehntelang "Brastvo i Jedinstvo" - Brüderlichkeit und Einheit - gepredigt wurden, wieder der Unterschied zwischen Ethnien betont und Hass gesät wurde, was schließlich in den Kriegen auf dem Balkan gipfelte. Das Echo der Bäume wird eindringlich erzählt und gibt den Verlauf der Ereignisse im Jahre 1991 zum Teil recht detailliert wieder, so dass man als Leser einen guten Einblick in die Geschichte Kroatiens und die Chronologie des Kroatienkrieges erhält. Nović schreibt sehr anschaulich vom Leben in Zagreb und im Dorf, wo Ana nach dem Tod ihrer Eltern unterkommt. Sie hat in ihrem Roman den Geruch von verbranntem Holz, Kunststoff und Fleisch, die aufsteigenden Rauchsäulen, die Erschütterungen von den Bombardierungen, die Angst und Hilflosigkeit, die Veränderungen der Handlungsorte sehr lebendig eingefangen, doch bisweilen fand ich ihre Schilderungen etwas hölzern, distanziert und bemüht emotional, was gegebenenfalls daran liegt, dass die Autorin nicht von eigenen Erlebnissen schreibt, ihr deshalb möglicherweise eine authentische emotionale Färbung fehlt. Gefallen haben mir die Ausführungen zur Suche nach sich selbst, nach verlorenen/vergessenen/verdrängten Teilen von Anas Leben, die sie nach und nach wieder zusammenfügt, sowie Novićs Beschreibungen von Anas Zerrissenheit zwischen den Kulturen. Trotz meiner - kleineren - Kritikpunkte kann ich den Roman sehr empfehlen, vor allem denjenigen, die sich mehr mit der Geschichte Kroatiens und des Balkans beschäftigen wollen. Sara Nović: Das Echo der Bäume. Aus dem Englischen von Judith Schwab. btb, 2018, 317 Seiten; 22 Euro.

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In ihrem Debütroman Das Echo der Bäume erzählt Sara Nović von einer kroatischen Kindheit im Krieg und einem Neuanfang in den USA. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem auch die Frage, wie eine Rückkehr in die Normalität und ein Weiterleben mit der traumatischen Erinnerung möglich ist.  Sommer 1991. Ana hat gerade ihren zehnten Geburtstag gefeiert, als der Krieg in ihre Heimatstadt Zagreb einfällt. Während die Tage nun zusehends von Bombenangriffen und Schreckensmeldungen aus dem Fernsehen bestimmt werden, versuchen sich Ana und ihre Freunde ihre kindliche Normalität weiterhin so gut es geht zu bewahren. Sie gehen zur Schule, machen auf dem Fahrrad die Stadt unsicher oder spielen auf den Sandsäcken der Barrikaden. Doch als brächte der Krieg allein nicht schon genug Sorgen mit sich, ist da auch noch die Sache mit Anas kleiner Schwester Rahela: Da der Säugling schwer nierenkrank und die medizinische Versorgung mehr als schlecht ist, beschließen die Eltern, das Mädchen vorübergehend zu einer Pflegefamilie in die USA zu geben und ihr so die lebensnotwendige OP zu ermöglichen. Rahela befindet sich bereits in der Obhut einer Hilfsorganisation, als Ana und ihre Eltern nach einem Besuch in Sarajevo in eine Straßensperre geraten. Was dann folgt, ist an Grausamkeit und Brutalität kaum zu überbieten. Gemeinsam mit weiteren Gefangenen wird die Familie von serbischen Soldaten zu einer Grube in einem Waldstück getrieben. Nur der Geistesgegenwart des Vaters – der sie im richtigen Moment auffordert, sich tot zu stellen – ist es dabei zu verdanken, dass Ana die Gruppenhinrichtung als Einzige überlebt. Wie aber kann ein Weiterleben nach der Katastrophe gelingen? Lässt sich das Trauma  – und mit ihm das Schuldgefühl der Überlebenden – irgendwann überwinden?  Dies sind die zentralen Fragen, die Nović zum Ausgangspunkt ihres Romans macht. Stück für Stück rekonstruiert sie im Verlauf der Handlung die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin. So erfährt der Leser, dass diese unmittelbar nach der Ermordung der Eltern Unterschlupf in einem nahe gelegenen Dorf fand und sich dort einer bewaffneten Untergrundarmee anschloss. Er erfährt auch, wie Ana nach ihrer Rückkehr nach Zagreb mithilfe ihres Patenonkels und einer UNO-Mitarbeiterin außer Landes geschafft und schließlich von den amerikanischen Pflegeeltern ihrer Schwester adoptiert wurde. Zehn Jahre später scheint Ana in ihrem neuen Leben angekommen zu sein. Sie studiert, hat einen fürsorglichen Freund und ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Adoptiveltern Laura und Jack. Doch der Schein trügt. Denn hinter der Fassade der vermeintlichen Normalität kämpft Ana mit den Geistern ihrer Vergangenheit. Während ihre Schwester, die bereits als Baby in die USA kam, kaum Erinnerungen an das frühere Leben in Kroatien besitzt, fühlt sich Ana innerlich regelrecht zwischen zwei Welten zerrissen. Das Gefühl, "anderswo hinzugehören", ist ihr ständiger Begleiter.  Wie eine unsichtbare Wand schiebt sich die Vergangenheit dabei zwischen Ana und ihre Umwelt. In Amerika muss Ana so immer wieder schmerzhaft erfahren, wie unbegreiflich das von ihr Erlebte für Menschen ist, die selbst nie mit der Gewalt des Bürgerkrieges in Berührung gekommen sind, wie schwer es für Außenstehende zu verstehen ist, warum sich selbst ein Kriegsgebiet  "immer noch wie Heimat anfühlen kann." Das Sprechen über die eigene Biografie, über ihre Erinnerungen, Sorgen und Ängste, wird zum Ding der Unmöglichkeit. So entwirft Ana alternative Kindheitsgeschichten: Statt um heulende Sirenen und verschwundene Angehörige geht es darin um Klingelstreiche und Spiele in Luftschutzkellern, bis Zagreb ihren Zuhörern "am Ende wie ein spaßiger Rummelplatz erscheinen musste."  Doch je älter Ana wird, desto unerträglicher wird auch das Gefühl, dass in ihrem amerikanischen Umfeld niemand – nicht einmal sie selbst – wirklich weiß,  wer sie eigentlich ist. In der Hoffnung, der eigenen Identität wieder näherzukommen, fasst sie so eines Tages den Entschluss nach Kroatien zu fahren und sich dort auf die Spuren der eigenen Geschichte zu begeben. In Zagreb trifft Ana ihren alten Freund Luka wieder, mit dem sie nach und nach die Orte ihrer Kindheit aufsucht. Anas Reise in die Vergangenheit beschreibt Nović dabei als den verspäteten Abschied von einem Zuhause, das unwiederbringlich zerstört ist – in der Erinnerung aber mit all seinen Facetten, den grausamen wie den schönen, fortbesteht. Mit klarer, anschaulicher Sprache gelingt es Nović, in ihrem Roman die Schrecken des Krieges und seine traumatischen Folgen greifbar zu machen, ohne dabei in unnötigen Gewaltvoyeurismus zu verfallen. Auf einfühlsame Weise lässt sie den Leser in  Das Echo der Bäume am Schicksal einer jungen Frau teilhaben, die in der Gegenwart nicht ankommen und der Vergangenheit nicht entfliehen kann. Dass Nović dabei einfache Lösungen zur Aufhebung dieses Konfliktes gar nicht erst anbietet, zählt dabei zu den Stärken des Romans – macht er doch auf diese Weise die Langlebigkeit und Tiefe der Verletzungen der Überlebenden des Krieges umso spürbarer. 

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Vielen Dank an das Bloggerportal und an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars, was aber in keiner Weise meine Meinung beeinflusst. Mein Eindruck: Zitat (S. 33) „Als Begleiterscheinung der modernen Kriegsführung hatten wir das besondere Privileg, uns die Zerstörung unseres Landes im Fernsehen anschauen zu können.“ Ich möchte gleich am Anfang erwähnen, dass die Autorin mit diesem Buch absolut nicht wertend in Bezug auf die Nationalitäten der sich damals bekriegenden Seiten ist. Die Autorin gibt in ihrem Buch lediglich mit ein paar Fakten und einer Geschichte, die so hätte passieren können, einen kleinen Einblick in den damaligen Krieg. Was, wie ich finde, ihr sehr gut gelungen ist. Ich habe das Buch vorgestern beendet und ich muss zugeben, ich bin immer noch sehr aufgewühlt von Anas Geschichte. Eine Geschichte über eine Kindheit, die überschattet ist von Krieg, Hunger, Tod und Verlust. Aber es ist auch eine Geschichte über eine Studentin, die nach einem Vortrag in New York auf der Suche nach ihren Erinnerungen, dem Heimatgefühl und einer Freundschaft ist. Sara Novic führte mich mit ihrem gefühlvollen Schreibstil auf sanfte Art und Weise durch das Buch und ich war erstaunt, wie schnell ich durchgelesen hatte. Die Seiten flogen nur so dahin, so sehr hat mich das Buch von der ersten Sekunde an gefesselt. Hat mich mit nach Zagreb gezogen und mir gezeigt, wie es für ein Kind sein kann in einem Kriegsgebiet zu leben, ihn hautnah zu erleben und um sein Leben kämpfen zu müssen. Durch die bildlichen „Effekte“ des Schreibstils sah ich selbst jeden einzelnen Stein auf dem Boden, jeden Keller und jeden Baum so deutlich vor mir, als ob ich selbst dabei gewesen wäre und durch Zagrebs Straßen lief oder durch das „Geheimhaus“. Ana mochte ich von Anfang an. Ein Mädchen voller Lebensfreude, das gerne mit ihrem besten Freund Luka Fußball spielt, mit dem Rad durch Zagreb fährt und ihre kleine Schwester Rahela abgöttisch liebt. Die Autorin hat Ana so viel Leben eingehaucht, das man das Gefühl hatte, man geht mit ihr gemeinsam zur Schule, fährt mit ihr Fahrrad oder sitzt im Auto neben ihr, als sie mit ihren Eltern nach Sarajevo fährt. Dadurch fiel es mir nicht schwer, mich in sie hineinzuversetzen, mich mit ihr zu freuen, mit ihr gemeinsam wütend zu sein oder in ihren schwersten Stunden mit ihr zu weinen. Ab und an kam natürlich auch der Mutterinstinkt hoch und ich hätte sie dann am liebsten in den Arm genommen und getröstet und ihr gesagt „sve ce biti u redu“ – es wird alles wieder gut. Unabhängig davon, ob sie 10 Jahre alt ist oder auch schon 20 und nachts nicht schlafen wollte, weil sie Angst vor den immer wiederkehrenden Alpträumen hatte. Aber nicht nur Ana wurde mit viel Liebe dargestellt, sondern auch Luka, Anas bester Freund und auch Anas Eltern. Sie waren mir alle sehr sympathisch und ich schloss sie genauso schnell wie Ana in mein Herz. Man fühlte sich, als ob man mit zur Familie gehörte und mit ihnen am Tisch saß. Dadurch, dass die Autorin mitunter serbokroatische Wörter und Begriffe miteinfließen hat lassen, hat es das Buch für mich noch authentischer gemacht. Das Cover und der Titel sind absolut passend zum Buch und gut gewählt. Ich finde, es spiegelt die Stimmung des Buches perfekt wider. Fazit: Ein wundervolles Buch über ein Mädchen, dass sehr schnell erwachsen werden musste und sich später auf die Suche nach Erinnerungen und sich selbst begibt, um endlich abschließen zu können. Ein authentisches und gefühlvolles Buch, das man gelesen haben sollte und daher eine absolute Leseempfehlung von mir.

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Das Buch besteht aus 4 Teilen, in denen wir erst die 10-jährige Ana kennenlernen und ihr dann in Etappen die nächsten 10 Jahre folgen. Der erste Teil war für mich der schmerzhafteste. Hier erfahren wir über Ana, wie der Krieg sich angefühlt hat und welche Auswirkungen er auf die Bevölkerung, insbesondere in der Hauptstadt Zagreb, hatte. Ana lebt mit ihren Eltern und ihrer noch sehr kleinen Schwester Rahela, gerade mal ein paar Monate alt, in einer Wohnung in Zagreb. Die Autorin zeigt hier deutlich, wie schnell Kinder im Krieg erwachsen werden müssen und welche Nieschen sie sich schaffen, um sich einen gewissen kindlichen Alltag zu bewahren. Gerne folgte ich ihr und ihrem Schulfreund Luka auf ihren Fahrrädern durch die Stadt und in die Schule. Sie nehmen Entbehrung fast klaglos hin, denn es hilft nichts. Es ist Krieg und man muss froh sein, am Leben zu sein. Und dann kommt dieser eine schlimme Tag, der schlimmste im Leben eines unbedarften 10-jährigen Mädchens. Erst muss sie ihre sehr nierenkranke Schwester nach Amerika ziehen lassen, damit diese eine Chance hat gesund zu werden und leben zu können und dann verliert sie von einer Sekunde auf die andere ihre Eltern und ihren Halt im Leben. Das war ein Moment in meinem Lesen, an dem ich selbst mit meiner inneren Stimme nicht mehr weiter lesen konnte. Etwas zerbrach auch in mir. Hier gönnt uns Sara Novic dann eine emotionale Pause, für die ich ihr sehr dankbar bin! Geschickt unterbricht sie hier den Handlungsstrang der Vergangenheit und konfrontiert den Leser mit der 20-jährigen Ana, die mit ihrer Schwester eine "neue" Familie gefunden hat. Viele Fragen werden hier aufgeworfen, die sich im Laufe der nächsten beiden Teile auflösen. Ana hat ihre Vergangenheit und all das, was sie erlebt hat, in sich verschlossen. Bis auf ihre Familie weiß niemand, wo sie ursprünglich herkommt. Durch dieses Verdrängen hat Ana jedoch keinen inneren Frieden. Eine Rede, die sie vor der UNO hält, wühlt sie sehr auf. Dabei wollte sie damit eigentlich mit ihrer Vergangenheit abschließen. Und so bleibt nur eine Konsequenz, Ana muss zurück nach Kroatien, sich ihren Erlebnissen stellen und Antworten auf einige Fragen suchen, die sie seit 10 Jahren plagen. Die Autorin hat es geschafft, dass einen die Geschichte aufwühlt, gleichzeitig hält sie sich jedoch an Fakten und betreibt mit ihrer Erzählweise keine Verurteilung der gegnerischen Nation. Ein Krieg ist immer etwas sehr Schreckliches und sehr leicht fängt man an zu verurteilen und zu hassen. Doch Sara Novic schürt keinen Hass. Dass ihr das gelungen ist, rechne ich ihr sehr hoch an! Sie schafft es, durch das Einfließen lassen von kroatischen Worten und Begriffen, der Geschichte einen ganz bestimmten Flair zu geben. Ich fühlte regelrecht die Menschen und das Kroatien, das ich aus meiner Jugend kannte. Der Schreibstil der Autorin ist sehr schön und flüssig. Die Geschichte packte mich von Anfang an und endete authentisch. An der Protagonistin Ana kann man sehr gut nachvollziehen, was für seelische Schäden ein Krieg auslöst und welche Stufen oftmals durchlaufen werden müssen, bis man als Mensch wieder einigermaßen zu sich selbst findet. Fazit: Die Autorin zeigt dem Leser einen kleinen Ausschnitt aus dem damaligen Jugoslawienkrieg. Ein runde Story, die tief unter die Haut geht, eine Leidensgeschichte erzählt, wie sie damals so oder so ähnlich sicherlich vorgekommen war. Ein Leseerlebnis, der ganz besonderen Art. Absolut empfehlenswert!

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