Leserstimmen zu
Der stumme Zeuge

Edney Silvestre

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São Paulo, Brasilien: Ein kleiner blonder Junge wird mit einer Luxuslimousine von der Schule abgeholt. Minuten später ist der Fahrer des Wagens tot, das Kind in der Gewalt einer Söldnertruppe. Mit der Entführung soll der Vater des Kindes, der mächtige Medienmogul Olavo Bettencourt, zur Aufdeckung eines Korruptionsskandals der brasilianischen Politikelite gezwungen werden. Doch Bettencourt reagiert nicht auf die Forderungen und den Entführern läuft die Zeit davon. Sie bekommen Zweifel: Haben sie den richtigen Jungen in ihrer Gewalt? Ein weiteres Mal habe ich mich für die Weltenbummlerchallenge mit einem Rezensionsexemplar eingedeckt, das ich nur wegen des Schauplatzes gewählt habe. Und schon wieder bin ich dabei in den Besitz eines Buches gelangt, das ich ohne diesen Anlass nie gelesen hätte und das ich nicht bereue, gelesen zu haben. Vorneweg sei gesagt, dass s sich hier nicht um einen klassischen Kriminalroman handelt. Die Geschichte der Entführung ist so etwas wie Aufhänger und Nebenhandlung. Vielmehr ist es ein Psychogramm einer Gesellschaft und ein sehr bedrückender Blick in das Leben in Brasilien. Die Olympischen Spiele letztes Jahre haben es ja immer mal wieder anklingen lassen, dass Brasilien ein Land ist, in dem die Schere zwischen Arm und Reich extrem auseinanderklafft, so sehr, dass man es sich hier in Europa eigentlich gar nicht wirklich vorstellen kann. Olavo und seine Frau gehören dieser Oberschicht an, die sich angenehm zurücklehnt in ihren bewachten Villen, deren Wohlstand in vielen Fällen aber nicht nur harter Arbeit sondern auch einem gehörigen Maß an Korruption und Verbrechen zuzuschreiben ist. Und wenn sich dann herausstellt, dass es sich bei dem entführten Kind eben nicht um den Spössling aus gutem Hause, sondern um den taubstummen Sohn der Putzfrau handelt, ist man schnell in der Überlegung, ob man sich dann für "so einen" vor den Karren der entführer spannen lässt oder nicht ... Olavos Ehefrau Mara stammt aus einem ganz anderen Hintergrund, der im Laufe der Handlung immer deutlicher wird. Silvestre arbeitet mit sehr gelungenen Erzählpassagen, in denen viele verschiedene Blickwinkel aufgegriffen werden. Beim Lesen muss man in der Hinsicht aber sehr am Ball bleiben, die Perspektivwechsel geschehen absatzweise und sind nicht immer direkt erkennbar. Das Buch ist allerdings kurz genug, um trotz dieser Erzählweise nicht die Lust zu verlieren, sondern sich immer mehr einzulassen auf die Figuren, ihren Hintergrund, ihre Motive und auch Silvestre sehr gelungene Schilderungen. Alles in allem also ein tolles Buch für dieses Jahr.

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Achtung! Mit diesem Buch kann man sich schwer vertun. Wer hier einen klassischen Whodunit erwartet, liegt falsch und wird enttäuscht. Cover, Seitenzahl und Untertitel lassen darauf schließen, es handele sich um einen dieser kurzen, spannenden Krimis, die man in einem Rutsch durchliest und sich am Ende freut, dass mal wieder die Guten gewonnen haben und der Böse im Knast sitzt. IMG_20160818_115454 Hier bekommt man im Gegenteil einen Einblick in das korrupte Brasilien Anfang der 90er Jahre, fest gemacht an der misslungenen Entführung des Sohnes eines einflussreichen Werbemanagers. Am Ende spielen alle falsch. die Familie, die Polizei und die Politik. Nur bei den Ganoven und kleinen Leuten findet man noch so etwas wie Gewissen und die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden. Wer sich also auf das Buch von Edney Silvestre, ein in seinem Heimatland bekannter Journalist und Fernsehmoderator, einlässt, bekommt einen kleinen, psychologischen Roman zu lesen, der sehr fein die einzelnen Charaktere aus den verschiedensten Bevölkerungsschichten herausarbeitet. Die Entführung des taubstummen Kindes der Hausangestellten ist nur der Aufhänger für einen Plot, der sich nach und nach in Zeitsprüngen und Perspektivwechseln entwickelt. Wie viel ein Menschenleben wert ist, bemisst sich hier nur nach seinem erpressbaren Marktwert. Wer Geld hat, bestimmt, in welche Richtung die Polizei ermittelt und wer für eine Tat verantwortlich gemacht werden kann. Auf die Wahrheit kommt es nicht mehr an. Kein schneller Krimi also, sondern ein durchaus nachwirkender und nachdenklich machender Roman. Sehr lesenswert!

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Zwar setzt Silvestre die Ereignisse dieses Thrillers (der eher als Milieustudie fast zu bezeichnen wäre) deutlich in die Vergangenheit (ins Jahr 1989), dennoch kann man für dieses Buch sagen, dass es (pünktlich zu den olympischen Spielen in Rio) die Grundstrukturen des Lebens in Brasilien auch für die heutige Zeit deutlich mitabbildet. Indem Silvestre eine verstrickte Aktion im „Kampf gegen die Korruption“ mit der Entführung eines Kindes (auch noch das falschen Kindes) und einem tiefen Einblick in die innere Erlebniswelt der je Beteiligten koppelt, und zudem mittels seiner eleganten, sehr bildreichen und sehr differenzierten Sprache eine plastische, dichte Atmosphäre des Lebens in Brasilien zu zeichnen versteht, ergibt sich für den Leser ein facettenreicher, ebenso intensiver Einblick in das stark auseinanderdriftende Lebensgefüge des Landes. Einerseits die Favelas, die arme Seite, voll von Drogen, Kriminalität, locker sitzenden Waffen und den allgegenwärtigen Träumen vom sozialen Aufstieg. Eine Seite Brasiliens, die Silvestre in der Ehefrau des führenden Werbetreibenden des Landes kongenial darstellt. Maria, genannt „Mara“ ist unzweifelhaft die wichtigste Figur im Roman. Hin- und hergerissen zwischen dem „goldenen Käfig“, den sie überaus zu schätzen weiß (sie hat schon ganz andere Lebensweisen erlebt und sich auf viel direktere Weise verkauft, als bei Olavo, dem Chef der Werbeagentur). Doch ihr Widerwille wird größer. Gegen den Mann, gegen dieses Leben, gegen ihren eigenen Sohn, dem sie, wenn sie ehrlich ist, eher distanziert gegenübersteht. Wobei hier zudem noch deutliche und, im Lauf der Ereignisse, immer klarer werdende Fragen nach dem Sinn eines Lebens „im Shopping Wahn“ ganz grundsätzlicher Natur hinzutreten. Ausgelöst durch eine Entführung. Die ihren Sohn treffen sollte, aber durch eine Verwechslung das taubstumme Kind einer Angestellten nun betrifft- Ein Kind, für das Olavo keine Centime lockermachen würde. Eine Gefahr für dieses so unbedeutend erscheinende Leben, die Maria aber sehr wohl zunehmend als Bürde, als Verantwortung erlebt. Während Olavo lange Zeit mit nichts Anderen beschäftigt ist, als die ermittelnde Polizei möglichst weit von sich und seinen Geschäften fernzuhalten. Denn Werbung macht er zwar auch, vor allem aber wandelt er vielfache „Nebeneinnahmen“ der High Society in legale Anlagen um, kauft über Strohkonten Wohnungen im Ausland und ist auf Du und Du mit Ministern, Politikern und Wirtschaftsgrößen. „Überall in den Werbeagenturen fielen ein paar Peanuts ab und in den Steueroasen häufte sich so ein Vermögen an“. Und wenn das Peanuts sind, ist leicht vorstellbar, was denn jene auf Seite schaffen, die über die Mittel zu verfügen haben. Immer wieder setzt Silvestre diese „Hand-auf“ Mentalität in scharfen Kontrast zur „normalen“ Bevölkerung. Zum „Major“, dem Leibwächter Olavos, der seiner Tochter ersparen möchte, für einen Englisch-Kurs putzen zu müssen, für Irene, die Mutter des entführten Kindes, die nur fleißig mit ihrem Mann genügend Sparen möchte, um in die alte Heimat zurückzukehren. Doch in Sao Paulo, im Moloch der Großstadt, im scharfen Kontrast zwischen reichen Villengegenden, Luxusgeschäften und Bretterbuden als Obdach bleiben Träume für die Meisten auf der Strecke. Das zudem noch der Fall selbst an Spannung zunimmt, dass der Leser mitfiebert, wie das Ergehen des blonden Jungen mit den blauen Augen sich entfalten wird, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und durchaus Sympathie für die Entführer entstehen wird, all das gibt dem Roman noch die abschließende Würze. Eine sehr empfehlenswerte, sprachlich und inhaltlich ausgefeilte und mitnehmende Lektüre.

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