Leserstimmen zu
Die Unerwünschten

Dimitri Verhulst

(1)
(1)
(0)
(0)
(0)
€ 18,00 [D] inkl. MwSt. | € 18,50 [A] | CHF 25,90* (* empf. VK-Preis)

Heimkinder. Man weiß, dass es sie irgendwo gibt, dass es manche in eine Pflegefamilie schaffen aber die meisten nicht. Dass sie oft abrutschen: in die Drogen, ins Verbrechen, in den Selbstmord. Man weiß davon, so wie man von Elendsvierteln in afrikanischen Großstädten weiß: weit weg, in sicherer Entfernung. Und dann kommt dieses Buch und reißt ein Loch in meine Welt, lässt mich frieren im warmen Wohnzimmer. Ich schlage es zu und schaue hinüber zu meiner Tochter, die gerade auf dem Arm ihres Großvaters eingeschlafen ist. Drei Monate alt, so wie das Baby in der zweiten Geschichte. Aber in "Die Ankunft am bleichen Morgen" hat das Mädchen einen großen Bruder, und die Eltern sind im Heim aufgewachsen. Eines Tages beschließen sie, ihre Kinder umzubringen. Sie reden darüber, wie man eine Wand anschaut und sagt, dass man die Wohnung neu streichen sollte. Dimitri Verhulst, selbst ein ehemaliges Heimkind, schreibt brutal. Er schlägt mir seine Heimkinder-Realität ins Gesicht, Wort-Gewalt. Und niemand darf mehr behaupten, die unerwünschten Kinder wären gut aufgehoben in der "familienähnlichen Wohngruppe". Da können Heimleiter und Erzieher die besten Absichten haben, aber es bleibt eine lieblose Welt, die lieblose Menschen macht. Ich hebe meine Tochter aus dem Arm ihres Großvaters, der ebenfalls eingeschlafen ist, trage sie zu ihrem Bett und decke sie zu. Ihren ganzen Mittagsschlaf lang schaue ich immer wieder hinüber oder gehe zu ihr und fühle, ob sie es warm genug hat. "Die Unerwünschten" wird mich lange verfolgen.

Lesen Sie weiter

Schon die erste Geschichte erschüttert. Dennoch hat mich die zweite weitaus mehr schockiert. Zunächst einmal gefallen mir Sprache und Schreibstil von Verhulst sehr gut. Er hat eine eigene bittere Poesie, um all die schlimmen Dinge zu berichten. Die Schilderungen wirken authentisch, was sicherlich seinen eigenen Erfahrungen geschuldet ist. (Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie viel davon autobiografisch ist.) Die beiden Geschichten selbst haben unterschiedliche und für mich ungewöhnliche Erzählweisen. In der ersten spricht der Erzähler quasi mit sich selbst. Er erinnert sich an die Vergangenheit, ruft sich Ereignisse wieder ins Gedächtnis und zeigt sie so auch dem Leser. Die zweite Geschichte wirkt wie eine Unterhaltung. Als säßen Sarah und Stefaan in einem Raum und unterhielten sich, während der Leser sie im Nebenraum durch ein Fenster beobachtet. Und ihm zur Seite steht der Erzähler, der zum Gespräch ergänzende Informationen gibt. Dies wirkt äußert surreal und in Anbetracht des Themas auch überaus krank. Es klingt so komisch, wenn ich sage, dass ich dieses Buch einen kleinen Schatz finde. Allein wegen der Sprache und der Art zu erzählen, die Verhulst hat. Uneingeschränkt empfehlen kann ich es aber natürlich nicht, denn der Inhalt ist nicht für jeden was. Bevor Ihr Euch das Buch kauft, lest lieber erstmal rein.

Lesen Sie weiter