Leserstimmen zu
Mittagsstunde

Dörte Hansen

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Die Kunst, den Alltag treffend zu beschreiben, und die Leserschaft dennoch bei Laune zu halten, beherrschen nur wenige Autoren. Oft werden lieber ganz besondere Momente im Leben der Protagonisten ins Zentrum des Buches gerückt oder dramatische Ereignisse thematisiert. Das Alltagsleben, das Banale, Normale, das ja oft langweilig sein mag, aber manchmal gerade in seiner Monotonie fast schon wieder skurril-spannend sein kann, zu skizzieren, vermag nicht jeder. Dazu muss man genau beobachten, ohne zu beschönigen, entlarven, ohne zu verletzen und sich selbst zurücknehmen. Dörte Hansen ist eine echte Künstlerin in diesem Metier. Bereits ihr Überraschungs-Erstling „Altes Land“, der gleich ein Bestseller wurde, hatte genau diese Alltagsthematik zum Inhalt. Damals waren es die Hamburger Stadtwesen, die beim Besuch im vermeintlich idyllischen Alten Land von der Romantik übermannt wurden und die angesichts der Urwüchsigkeit der dortigen Landschaft beschlossen, alle Zelte in der grauen Großstadt abzubrechen, um aufs Land zu ziehen. Sie scheiterten grandios als Zugereiste in der kargen, schroffen Obstplantage Hamburgs … In ihrem voll Spannung erwarteten zweiten Roman „Mittagsstunde“ nimmt Hansen vordergründig ein sehr ähnliches Thema zum Gegenstand ihrer Beobachtungen. Wieder geht es um das ländliche, norddeutsche Leben, das in krassem Gegensatz zum städtischen Leben steht. Brinkebüll heißt das kleine Geestdorf, das im Zentrum ihres Romans steht. Der Ort ist frei erfunden – man sucht ihn vergebens auf der Landkarte -, doch er könnte überall auf dem platten Land in Norddeutschland wirklich vorkommen. Eingerahmt von karger Landschaft, von Äckern und Feldern, die immer weniger bewirtschaftet werden. Bauer sein ist kein Spaß. Man muss verzichten können, auf den normalen Luxus anderer Berufe, Kühe wollen gemolken und gefüttert werden, ausschlafen ist da nicht. Kein Job für Feiglinge. Ingwer Feddersen kommt aus diesem Kuhnest, doch, wie den meisten jungen Leuten, wurde es ihm zu eng dort, er zog aus, studierte, kam immer seltener zurück, promovierte, wurde Hochschullehrer für Archäologie und blieb in der Stadt. Den Kontakt brach er, im Gegensatz zu manch anderen, nicht ab, denn er war nicht voller Groll auf seine alte Heimat fortgegegangen. Ingwer, im besten Midlife-Crises-Alter, beantragt an seiner Universität ein Sabbatical, also eine kreative Auszeit vom alltäglichen Wahnsinn. Zu seinem großen Glück wird der Antrag bewilligt und er kann seiner Sackgassen-Beziehung mit einer egomanischen Architektin und den sturen Studenten entfliehen. Zumindest auf Zeit. Er beschließt, „die Alten“ zu pflegen, die in Brinkebüll die Dorfkneipe betreiben, obwohl sie beide schon steinalt sind. Eigentlich wäre er der legitime Nachfolger gewesen, der designierte Wirt des „Dorfkrugs“. Doch er war ja ein Bücherwurm, interessierte sich mehr für Wissenschaft als für die Dorfwirtschaft, war klug, aufstrebend, neugierig – so gar nicht interessiert daran, in diesem kleinen Nest zu versacken. Die Alten haben es ihm nie ganz verziehen, dass er sie im Stich ließ – doch was sollten sie tun. Sie waren ja froh, dass „de Jung“ überhaupt noch ab und zu vorbeischaute. „Die Alten“ sind Ingwers Großeltern. Trotzdem nennt er sie Vadder und Mudder. Seine leibliche Mutter heißt Marret und ist ein verwirrtes Menschenkind. Die Tochter von „den Alten“. Überall sieht sie Zeichen, hat Vorahnungen, die sie meist gegen den Willen der Zuhörer allen und jedem kundtut, der ihr über den Weg läuft. Sie kann schlecht an einem Ort sitzen bleiben, lieber schlurft sie durch die Gegend, klappert auf ihren Holzpantoffeln durch das Örtchen und schnackt mit den Leuten. Marret Ünnergang wird sie nur genannt, denn über wenig anderes redet sie, als über den bevorstehenden „Untergang“. Marret war 17 als sie schwanger wurde, wer der Vater ist, hat sie nie verraten – doch das Dorf hat da so eine Ahnung. Zu der Zeit gab es nämlich drei Landvermesser, die im Dorfkrug ein und ausgingen – sicher war einer dieser jungen, feschen Herren der „Übeltäter“. Marret Ünnergang kümmert sich auf ihre Weise liebevoll um den kleinen Jungen, doch eine wirkliche Mutter kann sie nicht sein, zu sehr ist sie mit sich und ihren eigenen Absonderlichkeiten beschäftigt. Und so rücken Vadder und Mudder immer stärker in die Elternrolle. Für den aus dem Krieg zurückgekehrten und an Seele und Leib verwundeten Vadder Sönke ein echtes Glück – Ingwer ist für ihn der Sohn, den er nie hatte. Und so fehlt es Ingwer an nichts. All das, die ganze norddeutsch-zurückhaltende Zuneigung, ja sicherlich sogar Liebe, möchte er den beiden Alten nun als Erwachsener zurückgeben. Er will ihnen den Gang ins Altersheim ersparen und kümmert sich nach Beginn des Sabbaticals hingebungsvoll um die beiden. Rührend ist das und anstrengend. Mudder Ella ist dement, muss wie ein kleines Kind rund um die Uhr bewacht und beschäftigt werden, Sönke hingegen ist fit, nur der Körper ist allmählich zu alt für all das, was der Geist noch könnte. Ingwer hilft bei allem und kehrt so wieder zurück in den Schoß der Dorfgemeinde. Im Wirtshaus treffen sich alle, er kriegt viel mit, trifft alte Weggefährten wieder. Philosophisch wird es dann immer wieder, denn wer ist denn nun selbstbestimmter – er, der fortging, oder die, die blieben? Da gibt es ganz unterschiedliche Gestalten, zum Beispiel den Cowboy-Fan Heiko, der früher immer windelweich geschlagen wurde von seinem Vater. Alle wussten es, aber keiner tat etwas, um dem armen Kerl zu helfen. Doch Heiko fand seinen eigenen Weg aus der Misere: Sein erklärtes Lebensziel war es, dem Vater nicht die Genugtuung zu geben, Schmerz, Trauer oder gar Angst in seinem Gesicht lesen zu können. Er ertrug stoisch all das Leid. Er überlebte das ganze Drama – und, man freut sich als Leser mit ihm – er blieb wohl weitgehend seelisch unverletzt durch seine eigene Umgangsweise mit diesem miesen Vater. Heiko ist so schräg wie früher, doch er macht sein Ding. Ganz cool. Er leitet eine Line-Dance-Gruppe. Er leitet sie! Das kleine Würmchen von früher stellt sich an die Spitze einer Gruppe und macht ihnen etwas vor. Und, was Ingwer noch mehr erstaunt: er ist wirklich talentiert! Und er hat seine große Liebe gefunden. „Dat Heupeerd“, wie Sönke sie gnadenlos hinter vorgehaltener Hand Ingwer gegenüber nennt. Eine wenig attraktive, korpulente Rothaarige, deutlich größer als Heiko – doch mit dem Herzen am rechten Fleck. Sie umsorgt ihren „Cowboy“ liebevoll und wenn die beiden zusammen tanzen, sind sie fast wie Ginger und Fred … nun ja … fast 😉 Doch Ingwer sieht, was Heiko hat und er nicht: eine liebevolle Partnerschaft, ein Hobby, in dem er voll aufgeht, und eine Gruppe zu der er gehört – kurz: ein ausgefülltes Leben! Dörte Hansen springt in ihrem Roman kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her – auf sehr gekonnte Weise. So erfährt die Leserschaft viele liebevoll beobachtete Begebenheiten aus dem Dorfalltag, seien sie von früher, seien sie von heute. Und obwohl manche Figur nur für ein Kapitel auftaucht, schafft es die Autorin, die Persönlichkeiten so zu skizzieren, dass man sich ihnen nah fühlt. Wenn ihnen dann überraschend etwas zustößt, fasst einen das ganz schön heftig an. Doch es wäre eben nicht Dörte Hansen mit ihrem nüchtern-norddeutschen Blick auf die Dinge, wenn solche Vorkommnisse, Dramen und Tragödien des Alltags nicht auch thematisiert werden würden. Hier wird das (Land-) Leben realistisch beschrieben, ohne jeden Kitschfilter. Am Ende steht über allem die Frage der persönlichen Einstellung zum Gang des Lebens. Und so legt die Autorin ihrem Protagonisten Ingwer ein paar schöne, schlichte und sehr wahre Gedanken zurecht: Die Zeit der Bauern ging zu Ende. Man blies das Feuer aus, man brach die Zelte ab und ließ die Sesshaften zurück. […] Zeitalter fingen an und endeten, so einfach war das. Für einen, der vom Fach war, hatte er erstaunlich lang gebraucht, das zu kapieren. […] Und so ist es wohl: Liest man das großartige Buch, wird man stellenweise melancholisch und möchte sie fast miterlebt haben, diese Zeit, in der alles noch wirklich von Hand gemacht wurde auf dem Land. Als der Bauer keine Massentierhaltung haben musste, um sich zu finanzieren. Als ehrliche Arbeit noch ehrlich wertgeschätzt wurde. Doch wenn man weiterüberlegt und ehrlich bleibt, weiß man, dass dies immer nur die eine Seite der Medaille war. Die andere war die dunkle, anstrengende, ungehobelte Seite … Es ist also einfach, wie es ist. Etwas geht zu Ende oder ist schon zu Ende gegangen und man kann es nicht rückgängig machen. Aber wo eine Tür geschlossen wird, geht eine andere auf und so bleibt alles beständig in Bewegung – auch auf dem nordfriesischen Land.

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Dieser Roman hat es mir nicht leicht gemacht ihn zu lieben. Vor einigen Tagen, nach 70 Seiten habe ich es abgebrochen, mit der Gewissheit, das ist nichts für mich. Aber irgendwann blieb hängen, halte nach... also griff ich erneut dazu. Ganz von vorne, mit mehr Ruhe. Und dann hatte es mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Dörte Hansen erzählt eine Geschichte die tief berührt. Die Geschichte eines norddeutschen Ortes. Etwas skurril, schonungslos und unfassbar fesselnd. Ich habe dieses Buch einfach nur genossen. Geweint, gelacht mit vorgehaltene Hand und verstanden. Jeden der Protagonisten ins Herz geschlossen, ich weiß gar nicht wer mir der liebste war.

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Wie schon in „Altes Land“ erzählt Dörte Hansen vom vermeintlich beschaulichen Dorfleben damals und heute. Doch an ihren Debütroman mit den liebenswert-schrulligen Figuren reicht „Mittagsstunde“ nicht heran. Ingwer Feddersen arbeitet als Archäologe an der Kieler Universität. Er nutzte die erstbeste Gelegenheit, um dem Dorfleben und seiner schwierigen Familiengeschichte zu entkommen. Seine Lebenssituation in Kiel stellt sich als das beständige Provisorium einer Dreier-WG mit benefits dar. Auf dem sterbenden Dorf sitzen die Großeltern, die ihn aufgezogen haben und deren Kneipe nun irgendwie abgewickelt werden muss. Von der Midlife-Crisis gepeinigt, packt Ingwer seine Koffer und nutzt sein sabbatical, um die alten Großeltern zu pflegen. Dörte Hansen kocht beim zweiten Roman nach dem Erfolgsrezept des ersten: ein mittelalter orientierungsloser Protagonist und Figuren, die an ihrem Lebensabend auf verpasste Chancen und die Umwälzungen im Dorfleben der letzten Jahrzehnte zurückblicken. Setting ist ein fiktives sturmgepeinigtes Dorf in Norddeutschland. Als Fan von „Altes Land“ las sich alles irgendwie vertraut, doch mit den Figuren wurde ich bis zuletzt nicht so recht warm. Gerade Ingwer Feddersen war für mich nicht richtig „rund“: Im Zeitpunkt der Romanhandlung wird er als orientierungslos und frustriert gezeichnet; seiner Familiengeschichte traut er nicht, bemüht sich aber auch nicht um Aufklärung. Dazu passte für mich nicht, dass er aus eigenem Antrieb dem dörflichen Leben den Rücken gekehrt und es als Archäologe in Kiel zu einer wohl (unbefristeten) Stelle an der Uni gebracht hat. Dabei ist das doch ein stark umkämpftes Feld. Vielleicht spielt hier auch meine persönliche Präferenz hinein: Die hemdsärmelige anpackende Vera aus dem ersten Roman war mir einfach sympathischer. Bei der Geschichte der beiden „Alten“ wird dann aber Dörte Hansens erzählerische Kraft deutlich: Die Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft und des danach schwierigen Ehelebens schildert sie auf außerordentlich berührende Weise. Das empfand ich schon bei der Geschichte um die Vertriebenen in „Altes Land“ so. Hansens Talent liegt darin, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Ginge es nach mir, könnte sie einen ganzen Roman aus der Sicht ihrer alten Protagonisten schreiben, ohne eine Anbindung ans Heute zu forcieren. So oder so – ich warte auf Dörte Hansens nächsten Roman.

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Ich wohne in einem kleinem Dorf auf dem Land, es ist nicht flach und karg wie in Dörte Hansens Brinkebüll, das waldigwiesige hügelige Gegenteil, und auch das Idiom unterscheidet sich gewaltig. Bei uns am Schwarzwald/Heckengäurand sprechen sie Schwäbisch, dessen Auswirkungen auf die Mundmuskulatur eher an Wiederkäuer erinnert, das norddeutsche Platt erscheint da schon sehr fremdartig. Als Südländerin muss ich, wenn die Autorin ihre Figuren Platt schnacken lässt, extrem aufpassen um mir das Gehörte zusammenzureimen, aber meist funktioniert es. Dankenswerterweise spricht die großartige Hannelore Hoger meist auf Hochdeutsch. Was sie da erzählt ist eine wunderbare Geschichte, der man lange und mit Hochgenuß lauschen kann. Verschmitzt, ernsthaft, realistisch, todtraurig, lebensprall zieht hier das Dorfleben von früher bis heute an einem vorbei. In der Hauptrolle Ingwer Feddersen, knapp 50, ein echter Dorfjunge, der sich einst aufgemacht hatte, um Professor zu werden und nun sein Sabbatical nimmt, um seine Großeltern „Vadder“ Sönke und „Mudder“ Ella zu pflegen. Sie haben ihn großgezogen, nachdem sich ihre Tochter, seine ledige junge Mutter, als ungeeignet erwiesen hatte. Es ist weniger eine Schuld die er abträgt, mehr eine freiwillige Selbstverpflichtung, die seiner weiteren Orientierung der Lebensrichtung dienen soll. Durch seine Augen erleben die Hörer das Dorf von annodunnemals bis heute. Ingwer schleppt so einiges mit sich, ganz befreit vom Dorf hat er sich nie, es ist in ihm, ebenso wie die fürchterlichen Schlager-Ohrwürmer, die ihn, passend zu jeder Lebenssituation, begleiten und auch nicht durch seinen geliebten Neil Young zu ersetzen waren. Zäsuren wie die Flurbereinigung, unerwartete Tode, alltägliches Leben nach den Jahreszeiten, das ewige Rackern, der Wind und das Klima, fast lullt es einen ein wenig ein, macht duldsam und so genügsam wie die Bauern auf der Geest, bis zum nächsten Ereignis, das Dörte Hansen den Bewohnern und Ingwer auftischt. Ihre leicht skurrilen, dabei authentisch anmutenden Charakterskizzen sind so bildhaft, dass die Menschen scharf und klar hervortreten, lebhaft präsent sind. Intelligent, auf den Punkt, feinsinnig humor- und respektvoll wird da geschildert, wie sich das Dorfleben abspielt und sicher nicht nur in Brinkebüll, wo die Mittagsstunde noch sakrosankt ist … So verwundert es nicht, dass diese ruhige und doch ausschweifende Erzählung eine Nominierung für den Deutschen Hörbuchpreis erhielt. Ginge es nach mir dann hätte ihn Mittagsstunde. Ohne meine Mitbuchstoffsüchtige und Kumpanin „Das lesende Satzzeichen“ wäre mir dieses dörflich, literarische Kleinod fast entgangen. Daher herzlichen Dank für deine ausnehmend verlockende und bezaubernde Besprechung des gedruckten Exemplares und eine tiefe Verneigung vor Dörte Hansens Kunstfertigkeit. Es ist mein erster Roman von ihr, ich habe viel geschmunzelt, ergriffen gelauscht, laut gelacht, war tief berührt und habe diese 9 CDs unglaublich genossen. Freue mich schon auf ihren Erstling und weitere Bücher, die hoffentlich folgen.

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Mittagsstunde in Brinkebüll… Ingwer Feddersen ist in dem kleinen Dorf Brinkebüll in Nordfriesland aufgewachsen. Doch später zog es ihn zum Studieren und Arbeiten nach Kiel. Nun kehrt er mit 47 Jahren zurück – denn er hat noch etwas gutzumachen. Seine Großeltern, beide inzwischen über neunzig, leben weiterhin dort – in einem Dorf, das Stück für Stück verschwindet. Angefangen mit dem Niedergang hat es in den 1970er Jahren nach der Flurbereinigung und dem Verschwinden der Hecken und Vögel. Auch Ingwer verschwand – nach Kiel. Doch im alten Gasthof, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat, hält Ingwers Großvater Sönke weiterhin die Stellung. Doch Ingwer macht sich zunehmend Sorgen, auch um seine verwirrte Großmutter Ella. Er blickt zurück und überdenkt sein eigenes Leben… „Die Arbeit der Vermessungsingenieure war getan, sie hatten Brinkebüll bereits erledigt, abgehakt. In ihren Flurkarten und Plänen gab es dieses alte Dorf nicht mehr, es war auf dem Papier schon ausradiert, berichtigt und begradigt.“ – Seite 31,eBook Nach ihrem Debüt „Altes Land“ ist „Mittagsstunde“ der zweite Roman der Autorin Dörte Hansen. Schauplatz hier ist das fiktive nordfriesische Dorf Brinkebüll, das Mitte der 1960er Jahre große Veränderungen durchmachte und danach Stück für Stück weniger wurde. Was Dörte Hansen hier besonders gelungen ist: Die detailreiche und atmosphärisch dichte Beschreibung des Dorfes – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Sie fängt viele einzelne kleine Momente des typischen Dorflebens ein und gibt sie auf ihre ganz eigene Art wieder. Ob Sommerhitze und klirrend kalter Winter – bildgewaltig schildert sie die jeweiligen Gegebenheiten. Aber auch die Charaktere sind sehr gut und stark beschrieben. Die Handlung spielt in der Gegenwart, springt aber auch oft in die Vergangenheit. Dort wird vor allem das Leben von Ingwers Mutter und das der Großeltern beschrieben, sowie seine eigene Kindheit. So setzt sich nach und nach ein Bild zusammen – sowohl von den Haupt- und Nebencharakteren, als auch vom Dorf selbst, wie es langsam auf das Vergessen zustrebt. Auch kommt hier das typische Dorfleben zur Geltung – Jeder scheint alles zu wissen, es gibt Geheimnisse und oft wird auch einfach weggeschaut: „Sie hörte alles. Alle hingehaltenen Wahrheiten, wer wen mit wem betrogen hatte, wer Schulden nicht bezahlen konnte, wer schlug und wer geschlagen wurde. (…) Sie kannte dieses Dorf von seiner Unterseite, wusste Dinge, die der Pastor gar nicht wissen durfte und die Polizei auch besser nicht.“ – Seite 113, eBook Es wird tragisch und auch mal traurig, es gibt Abschiede und ein Neubeginn, aber auch überraschende Entwicklungen. Nach und nach entfaltet sich die Geschichte des Dorfes und deren Bewohnern und ergibt am Ende ein vollständiges Bild. Mein Fazit: Ein atmosphärisch dichter Roman, der den Leser schnell packt. Dörte Hansen gibt hier das Damals und das Heute eines fiktiven Dorfes mit ihren ganz eigenem und besonderem Schreibstil wieder. Einen halben Stern ziehe ich ab, da die Zeitenwechsel manchmal etwas durcheinander waren und man sich neu orientieren musste. Doch das ist nur ein winziger Kritikpunkt. „Mittagsstunde“ ist mal komisch, mal herzlich, aber oft auch berührend – bildgewaltig geschrieben und sehr lesenswert. 4,5 von 5 Sternen.

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Ingwer Feddersen, Archäologe und Hochschullehrer, lebt mit seinen fast 50 Jahren noch immer, wie vor 25 Jahren, in einer Kieler Wohngemeinschaft. Er beschließt eine Auszeit zu nehmen um seine Großeltern Ella und Sönke, die ihn wie einen Sohn aufgezogen haben, zu betreuen. Die beiden leben in dem fiktiven nordfriesischen Örtchen Brinkebüll. Ella vergisst langsam aber sicher ihr komplettes Leben und Sönke, der mit über 90 Jahren immer noch seinen Gasthof für einzelne Stammgäste bewirtschaftet, hat wohl ebenfalls seine besten Zeiten hinter sich. Ingwer erkennt die alte Heimat kaum wieder. Alles hat sich verändert. Es gibt keine Schule mehr, keinen Tante-Emma-Laden, keine Störche, keine Kühe … Selbst die heilige Mittagsstunde der Dorfbewohner wird nicht mehr wie früher eingehalten. Dörte Hansen hat nach ihrem Debüt „Altes Land“ wieder einen sehr gefühlvollen und berührenden Roman verfasst, der noch lange nachklingt. Die wenigen Worte, die unter den Brinkebüllern fallen schreibt die Autorin in Plattdeutsch. Anfangs habe ich mich damit etwas schwer getan und mein Lesen war etwas holprig, aber irgendwie macht das diese Geschichte sehr authentisch und lässt uns in das Dasein dieser Menschen regelrecht versinken. Außer dem Leben der Familie Feddersen werden uns von der Autorin die Schicksale einiger anderen Dorfbewohner sehr anschaulich und herzergreifend erzählt. Der Protagonist Ingwer war mir ungemein sympathisch. Er kümmert sich liebevoll um seine Großeltern, sorgt in seiner Kieler Wohngemeinschaft für Sauberkeit und Ordnung, hat Verständnis für seine Schüler an der Uni, denkt in vielen Lebenssituationen an bestimmte Schlagerlieder, die seine Mutter Marret immer vor sich hingesungen hat und zur Entspannung gönnt er sich ab und an etwas beruhigendes zum Rauchen. Er nennt sich selbst „die Hitparade auf zwei Beinen“, weil er ständig Lieder wie „Einsamkeit hat viele Namen“ … in seinem Kopf hat. Auch das Ehepaar Ella und Sönke hat mein Herz berührt. Nicht immer lief alles glatt in ihren gemeinsamen Jahren und auch die Vergesslichkeit von Ella macht ein Zusammenleben nicht leicht. Doch trotz ihrer Träumereien von alten Zeiten und trotz den blauen Flecken, die sie Sönke immer wieder zufügt, steht dieser zu ihr und plant ihre Gnadenhochzeit. 70 Jahre verheiratet. Ingwer kann durch sein Dasein Mudder und Vadder, wie er seine Großeltern nannte, etwas von der Liebe zurückgeben, die sie ihm all die Jahre geschenkt haben. „Dat is min Jung“ „Minsch warmt Minsch“ … Marret war selbst noch ein hilfloses junges Ding, als sie ihren Sohn Ingwer zur Welt brachte aber Sönke hat ihn stolz durchs alte Dorf getragen und Ella hat ihn behütet wie ihr eigenes Kind. Nun war das Vater-Mutter-Kind-Spiel umgedreht. Die Rollen wurden getauscht und Ingwer sorgt sich um seine alten, gebrechlichen Großeltern. Ein wundervoller, berührender Roman, den ich am liebsten gleich noch mal lesen würde, weil er einfach das ganz normale Leben mit Höhen und Tiefen, den Verlauf der Zeit und des Älterwerdens beschreibt. Alle Emotionen schleichen sich im Laufe des Lesens hoch. Schmunzeln, Lachen, Erschütterung und Traurigkeit …Erinnerungen an die eigene Kindheit und die Frage, was wird uns im Laufe der Jahre noch erwarten … alles gehört zur Mittagsstunde von Dörte Hansen. Ganz großes Gefühlskino! 5 Sterne

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Die Meinungen zu Mittagsstunde von Dörte Hansen, die ich bisher gelesen hatte, waren durchweg positiv und so war ich extrem gespannt auf das Buch. Wir befinden uns im norddeutschen Brinkebüll, wo der knapp 50-jährige Ingwer aufwuchs, bevor er für sein Studium aus dem Dorf in die Stadt zog und blieb. Nun kehrt er zurück, um seine Eltern zu pflegen, die dort einen Gasthof besitzen, und eigentlich gar nicht seine Eltern, sondern seine Großeltern sind. Jeder weiß das, keiner spricht es aus - ein Motiv, das sich durch das Buch zieht. Ganz wunderbar - und stellenweise erschreckend - zeichnet die Autorin ein Bild über das Dorf und die Bewohner, und jedes Dorfkind findet wohl massig Situationen und Charaktere wieder, die es aus der eigenen Jugend kennt. Es sei ein stilles Buch, und doch sprachlich und inhaltlich packend, habe ich im Vorfeld gelesen - und kann dem zustimmen. Ich muss jedoch sagen, dass es mich emotional nur an vereinzelten Stellen wirklich "gekriegt" hat. Meist dann, wenn es um die Beziehung zwischen Ingwer und seinen Eltern geht; beispielsweise um Jahrzente zurückliegende, eigentlich nichtige, zwischenmenschliche Episoden, die einem Sohn/Tochter noch als Erwachsener in Form eines schlechten Gewissens im Magen liegen können. Dennoch habe ich mich sehr gern in Brinkebüll befunden, fand die Charaktere authentisch und, das finde ich extrem wichtig, nicht immer nur schwarz/weiß. Eine klare, schöne Sprache, die gut zur Geschichte passte, die Entwicklung eines Dorfes, das gezwungen ist sich modernen Gegebenheiten anzupassen, und sich vereinzelt doch erfolgreich wehrt - all das werde ich positiv in Erinnerung behalten.

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Ingwer Feddersen, Archäologe und Hochschullehrer, kehrt seinem Kieler Domizil, den Rücken, um nach 25 Jahren in sein nordfriesisches Heimatdorf Brinkebüll zurückzukehren. Seine Großeltern benötigen seine Hilfe. Die Großmutter Ella ist demenziell erkrankt und der Großvater Söhnke, versucht in seinem hohen Alter noch die Stellung in seinem verlebten Gasthof zu halten. Ingwer selbst hat das Sabbatical gewählt, schon um seinen Großeltern bei zu stehn, aber auch um in verschiedenen Angelegenheiten seines Lebens eine klarere Sicht zu erlangen. Er wohnt seit vielen Jahren in einer WG, mit Ragnhild, mit ihr führt er eine langjährige Beziehung, und mit Claudius. Die Luft ist raus. Doch was nun ? Brinkebüll hat sich sehr verändert, der Fortschritt hat auch hier nicht halt gemacht. Es gibt keine Schule mehr im Dorf, keinen Bäcker und keinen Kaufmann. Auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Doch noch immer steht Söhnke Feddersen hinter seinem Tresen. Mit großer Geduld umsorgt Ingwer seine Großeltern, die ihn wie ihren Sohn aufzogen, da seiner Mutter, dies nicht möglich war. Viele Geheimnisse werden im Dorf gehütet, nur ab und an wollen sie an die Oberfläche, um sie dann wieder für lange Zeit zu ignorieren. > Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes.< Dörte Hansen hat ein ruhiges Buch geschrieben, ein sehr ruhiges Buch! In wunderschönen Worten, wie eine liebevoll gehäkelte Spitzeborte, führt sie uns nach Brinkebüll. Sie erzählt von der Gegend und den Menschen, sie sagt aber nichts. Der Plot ist im wahrsten Sinne – platt! Klar, gibt es auch gelungene Geschehnisse, doch die sind leider für die 319 Seiten einfach zu wenig. Mittagsstunde hat mich in einem Moment getroffen, an dem ich nicht sehr empfänglich für in die Länge gezogene Beschreibungen war. Schade ! 3 von 5

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