Leserstimmen zu
Mittagsstunde

Dörte Hansen

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„Altes Land“ war das erste Buch in unserem Lesekreis, bei dem wir uns alle einig waren, dass es einfach großartig ist. Ein wenig fürchteten wir uns vor Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“. Konnte dieses Buch wieder genauso gut werden? Oder gar noch besser sein? Auch dieses Mal waren wir uns wieder einig: „Mittagsstunde“ war fantastisch, vielseitig und unbedingt lesenswert! Dörte Hansen schreibt intensiv und wortgewandt über die Menschen in Brinkebüll und es gelingt ihr auf nur 320 Seiten ein umfassendes, lebendiges Bild über die Jahrzehnte zu zeichnen. Man lebt, liebt und leidet mit den Menschen, die so liebevoll, authentisch und einprägsam gezeichnet sind, dass man sie persönlich zu kennen glaubt. Dabei wird so gekonnt mit wenigen Worten vieles nur angedeutet, was man sich selbst zwischen den Zeilen erschließen kann. Dadurch ist dieses Buch ein Buch für Jedermann und Jederfrau – man erkennt sich selbst, seine Nächsten, seine Nachbarn, sein Dorf. Selbst die Städter unter uns. Für die eine ist es die Geschichte von Ingwer Feddersen, dem unehelichen Sohn der verrückten Marret. Ein Mann, der zurückblickt, sich in der Mitte des Lebens selbst und seinen Platz in der Familie findet. Für die andere ist es die Geschichte von Sönke Feddersen, der aus dem Krieg in ein verändertes Leben zurückkam. Für mich war es die Geschichte von Brinkebüll, der sich unter dem rasanten Fortschritt verändernden Gemeinde. Das Aufkommen und Verschwinden der Mähdrescher, begleitet von der alten Musikbox im Dorfkrug, mit deren Musik Dörte Hansen durch die Kapitel ihres Romans trägt. „Mittagsstunde“ ist eine Geschichte vom Niedergang des alten Dorflebens, der alten Strukturen in den Gemeinden, aber es geht auch um Aufbruch und Chancen. Chancen für die, die auf dem Dorf „verkümmern“ würden, Chancen für junge Frauen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Natürlich ist auch Trauer um das Vergangene ein Thema. Die Sehnsucht nach dem Alten und Bewährten auf dem Lande. Städter, die aufs Land ziehen, um etwas zu suchen, das aus ihrem Leben verschwunden ist. So entstehen neue Gemeinden mit neuen Schwerpunkten und einem anderen Lebensgefühl. Es bleiben die Heimatvereine, Bewahrervereine und Hinweisschilder, die die Landschaft einem Museum gleich machen, und an das erinnern, was war. Für mich, und ich denke auch für unseren Lesekreis, ist Dörte Hansens „Mittagsstunde“ schon jetzt ein absolutes Lesehighlight in diesem Jahr und ich kann das Buch unbedingt allen empfehlen, die es noch nicht kennen. © Tintenhain

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Mittagsstunde

Von: Nanni

08.01.2020

"Mittagsstunde" fühlt sich an wie ein Tag auf dem Land. Ein Besuch in einem Dorf, das ein Dorf meiner Heimat sein könnte. Ich fühle mich zurückversetzt zu all den kleinen Problemen und Wehwehchen, zu den Geheimnissen, die mal mehr, mal weniger schwer wiegen, zu Hoffnungen, Sehnsüchten, Träumen und dem Abschied von eben diesen. Wie auch "Altes Land" ist "Mittagsstunde" in einem ruhigen Ton erzählt, der von Sprecherin Hannelore Hoger perfekt aufgegriffen wurde. Es gibt keine Spannungsbögen und doch muss ich immer wieder zurückkehren zum Roman. Es ist die Dramatik der kleinen Dinge, der kleinen Wendungen, der einzelnen Schicksale, die an den Roman und vor allem an dessen Figuren fesselt. Wer Hansen liest / Hoger hört, muss zurückfahren. Entschleunigen. Darf keine Rasanz erwarten. Weder im Erzählstil, noch in den Handlungen. Es gibt etliche Geheimnisse, die manchmal keine sind, und es gibt Wendungen. Wenige, kaum unerwartete. Hansen hat ihren eigenen Stil. Passend für ihre Romane, die gefühlt aus der Zeit fallen. So wie auch ihre Figuren. Charaktere, von denen man glaubt, dass es solche nicht mehr gibt, und die doch vielerorts noch anzutreffen sind. Auf dem Dorf. Darf ich als Dorfkind sagen. Die Stimmung, die Mittagsstunde transportiert, ist etwas, das mir auch schon im echten Leben begegnet ist. In Dörfern, in denen der Altersdurchschnitt steigt, weil die jungen Leute weggehen. In die Stadt ziehen. Junge Menschen, die beim Heimkommen eine gewisse Sehnsucht verspüren und doch wieder weggehen. Die immer seltener wiederkommen und immer länger fortbleiben, bis das Vergessen das Heimweh weggespült hat. Hansen erzählt von einem Wechsel der Generationen, einem Wechsel der Ansprüche und der Wünsche. Vom Verfall einer vertrauten Welt und davon, dass etwas Neues etwas Gutes sein kann. Dass aus dem Wagnis, den eigenen Ort der Sicherheit zu verlassen, etwas Gutes entspringen kann. In ihrem Erzählton, den Hoger wiedergibt, als wäre es ihr eigener. Der mir in "Altes Land" extrem gut gefallen und in "Mittagsstunde" etwas zu langsam war. Ich spreche gerne eine Empfehlung für die Kombi Hansen / Hoger aus.

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Melancholische und liebevolle Reise ins Geestland.. Ingwer Feddersen ist Archäologe, knapp vor der 50 und lebt in einer 3er WG in Kiel. Er stammt aus Brinkebüll, einem kleinen bäuerlichen Dorf bei Husum. Aufgewachsen ist er bei seinen Großeltern, die eine Gastwirtschaft betreiben. Jetzt, im Alter, brauchen sie seine Hilfe und Unterstützung. Seine Großmutter wird dement und sein tattriger Großvater hält stur die Stellung im Dorfkrug. Darum kehrt Ingwer heim und wir mit ihm. Ich finde die Tonart, in der Dörte Hansen schreibt deutlich melancholischer als in „altes Land“ da dieses Dorf im Sterben liegt. Nach der Flurbereinigung der 70er Jahre ist hier nichts mehr wie es war, Höfe geben auf, Mittagsstunde kann sich keiner mehr erlauben, Ingwers Großeltern haben um ihre Existenz zu kämpfen. War der Gasthof Schauplatz vieler Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und Mittelpunkt des Dorflebens, vereinsamt er nun zunehmend. Auf vielen Höfen leben nun Städter, die es zurück in die Natur zieht. Wir tauchen tief ein in die Dorfgemeinschaft, lernen Freud und Leid der Bewohner kennen und Dörte Hansen schaffe es sprachlich zu fesseln und uns Norddeutschland nahe zu bringen. Ein Roman sich zu besinnen auf die gute alte Zeit, die nicht immer nur „besser“ war, sondern auch hart und arbeitsintensiv.

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In den letzten Tagen habe ich ein kleines Resümee meines Lesejahres gezogen und bin dabei an einem Roman hängen geblieben, den ich (Premiere) ausnahmsweise nicht gelesen, sondern gehört habe: "Mittagsstunde" von Dörte Hansen. In diesem Buch behandelt die Autorin ein Thema, welches mich selbst wohl etwas zu sehr beschäftigt, als es mich meines Alters entsprechend beschäftigen sollte. Das Aussterben alter Dorfstrukturen, die viel zu schnelle Urbanisierung und der damit verbundene rasende Gesellschaftswandel. Der Roman ist eine Bilanz, die unter dem letzten Jahrhundert gezogen wird und gleichermaßen das Portrait zweier Generationen, die einander fremd geworden sind: Die "Alten", die von der modernen, immer digitaleren Gesellschaft nicht mehr mitgenommen wurden und die "Jungen", die euphorisch und unverbraucht den Wandel begrüßt haben und nun nicht mehr zurück zu ihren Wurzeln finden. Mit Hannelore Hoger als Vorleserin gewinnt die Erzählung an Ruhe, die dem hektischen Leser eventuell entgangen wäre. Ich habe mich ein bisschen so gefühlt, als würde ich zur Mittagszeit in der stillen Küche bei meiner Oma sitzen und ihren Kindheitserinnerungen lauschen. Selbst wenn ich "in Wirklichkeit" am Bahnhof in der Stadt stand und auf meinen (überfüllten) Zug wartete. Die Worte haben mich auf eine seltsam vertraute Art und Weise berührt mich nachdenklich zurückgelassen. Schaffe ich es, meine Wurzeln zu pflegen und gleichzeitig nicht den Anschluss in dieser sich rasend schnell verändernden Welt zu verpassen?

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Dörte Hansen liefert mit ihrem zweiten Roman "Mittagsstunde" eines der Lesehighlights 2018. Das Buch ist Familienroman, Heimatroman und Gesellschaftskritik zugleich. Mich hat es vor allem sprachlich überzeugt. "De Welt geiht ünner", sagt Marret Feddersen immer wieder. Marret ist etwas wirr im Kopf, die obligate Dorfverrückte, die überall Zeichen für den Untergang der Welt zu sehen meint. Und ein Stück weit hat sie recht. Zumindest steht das fiktive Dorf Brinkebüll in Nordfriesland vor grossen Veränderungen. Da wären die grosse Flurbereinigung, die moderne Technik, die die Landwirtschaft umstrukturiert, ein neuer Lehrplan - ohne Heimatkunde und Gewalt! -, Neuzuzüger, die keine Ahnung haben vom Landleben - und von der heiligen Mittagsstunde! "Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde." (S. 22) Drei Generationen Dorfmenschen Marret ist die Tochter von Ella und Sönke Feddersen, den Wirtsleuten von Brinkebüll. Na, zumindest auf dem Papier. Die Flurbereinigung bringt nicht nur dem Dorf eine neue grosse Strasse, eine neue, effizientere Landeinteilung, sondern dank einem der Landvermesser auch ein Kind für Marret. Ingwer wird aber hauptsächlich von seinen Grosseltern aufgezogen. Und dieser Ingwer ist einer der wenigen, der den Absprung aus dem Dorf schafft. Immerhin vorübergehend lebt er in Kiel, in einer Dreier-WG bzw. in einer Dreierbeziehung, ist Professor für Archäologie. Schliesslich zieht es jedoch auch ihn zurück aufs platte Land. Dörte Hansen erzählt die Geschichte eines Dorfes und seiner unausweichlichen Veränderung. Sie tut das in diesem Fall entlang dreier Generationen der Familie Feddersen. Das weitere Personal - der Dorfschullehrer, der Metzger, der Landwirt, die Ladenbesitzerin, der Bäcker, die Stadtmenschen - spielt nur Statistenrollen. Und sie tut es wie bei ihrem Debüt "Altes Land" mit ironischem Blick und viel Sprachgewalt, im positiven Sinne. Den ersten Teil von "Mittagsstunde" habe ich gelesen wie ein Gedicht oder ein Lied. Unglaublich, wie viel Rhythmus Dörte Hansen in einen Text bringen kann und in welch rasantem Takt sie neue Sprachbilder raus haut. Und das Ganze ist immer wieder durchsetzt von plattdeutschen Einschüben, so dass man die windschiefen, verschrobenen, wettergegerbten Menschen direkt vor sich sieht. Und ab und zu darf man auch herzhaft lachen, so skurril und doch so realistisch gebärden sich die Dorfbewohner. "Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgeliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte. Auch das ein Fall fürs Handschuhfach, Klappe zu und keine Kommentare, besten Dank." (S. 18) Zuhause daheim? Dörte Hansen reiht sich mit ihrem Roman in andere moderne Heimatromane wie Juli Zehs "Unterleuten" oder Kathrin Gerlofs "Nenn mich November" ein. Sie erfindet nichts Neues, erzählt von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die wir Landmenschen auch aus eigener Erfahrung kennen. Sie fokussiert auf zwischenmenschliche Beziehungen, auf Schicksale, wie es sie tatsächlich zu tausenden gibt. Im Literaturclub des Schweizer Fernsehens war man sich denn auch ziemlich uneinig darüber, ob das nun lesenswert oder blutleer und oberflächlich, ja teils sogar kitschig sei. Für Iris Radisch (Der Sog der Heimat, Die Zeit, 21.11.2018) ist "Mittagsstunde" ein Dorfroman, der verlorenes Terrain in der deutschen Provinz neu vermisst. Der Reiz von "Mittagsstunde" liegt für mich neben der Sprache in den fein gearbeiteten Verflechtungen zwischen den Generationen, zwischen den verschiedenen Dorfbewohnern und wie sich uns so mehr und mehr die wahre Geschichte hinter dem Schein des wohlgeordneten, wohlanständigen, über Jahrhunderte eingeübten Dorflebens offenbart. Fazit Mit "Mittagsstunde" liefert uns Dörte Hansen erneut ein Panorama des Dorflebens, geschickt verflochten mit der Geschichte einer Familie, ihren Sorgen und Nöten und ihrem Umgang mit den äusseren Einflüssen - seien dies nun Krieg, Landvermesser oder egozentrische Städter. Sprachlich ist der Roman eine Wucht. Man kann sich so richtig in Hansens Sprachbildern verlieren, die Ironie geniessen und tief in die Gefühlswelt ihrer Protagonisten eintauchen. Ein literarisches Highlight von 2018, das ich nicht nur Landeiern empfehlen kann, sondern auch Stadtmenschen mit Interesse an Dorfgeschichten.

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Der Wind bleibt der gleiche.

Von: Manfred Fuerst aus Kirchbichl

06.08.2019

Nordfriesland, wie das Land, so die Leut. Hansen richtet unerbittlich ihr Brennglas ein halbes Jahrhundert auf Dorf, Stadt und Land und Leut. Dass sich das Landleben geändert hat und ändert: Landflucht, technischer Fortschritt, vermeintlich Moderne und „back tot he roots“ ist allen Lesern geläufig, aber das WIE, wie es von Hansen in Wortform gegossen wird ist herausragend. Hansen seziert das Dorf, die Gesellschaft, die Menschen im Stile einer peniblen Gerichtsmedizinerin unbarmherzig und schonungslos, während andere Augen, Nase und Mund verschließen. Keine Spur von Sentimentalität oder nostalgisch romantische Verklärung, fast schmerzt die unfassbare Direktheit. Man hätte vielleicht einen verklärten Rückblick erwartet, aber nichts von dem. In jede Wunde wird nicht einen Finger gesteckt, sondern zwei. Fossilien fürs nächste JT. Ich liebe Ingwer, getrocknet als Tee, nicht pur, sondern mit grünem Darjeeling. Ingwer hat etwas von mir - ich bin auch ein Fensterputzerfan. Wenn man Hansen heißt, dann muss man solche Bücher schreiben. Wie Thomas Bernhard. Meinen nächsten Urlaub mache ich in Nordfriesland. „The Times They Are A-Changin' „, der neue Header. Elegie und Melancholie bis zum geht nicht mehr. Hansen schildert den Pflegealltag von Ingwer bei Ella und Sönke. Der Leser erschrickt wie treffend und pointiert die Realität beschrieben wird. Jeder Richter müsste Verständnis für einen Pfleger haben, wenn dieser „durchdreht“ – er muss ja nicht gleich zum Killer werden. Ingwer (48 Jahre) sinniert während der Ganzkörperpflege von Sönke über sein Leben: Zweieinhalb Jahre in einer Dreier-WG mit Claudius und Ragnhild (50, rat gebende Kämpferin oder herrschende Göttin - sucht’s euch aus). Drei verlorene Seelen - fossilisiert. Ein Fressen für Psychologiestudenten, eine nichtteilnehmende Beobachtung mit „open end.“ Das „Platt“ hat die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht, die Gesellschaft hat sich verändert, der Wind ist immer noch der gleich, ein literarisches Meisterwerk.

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Kurzmeinung: Ein wundervoller, atmosphärischer Roman über das Leben auf dem Dorf, über Liebe, Einsamkeit und das Altwerden. Das alles verpackt in poetischer Sprache, gespickt mit schönen Metaphern und wohlklingenden Sätzen auf Plattdeutsch. Große Leseempfehlung, auch wenn das Buch für mich nicht ganz an das Debüt "Altes Land" heranreichen kann. Aber da liegt die Messlatte auch wirklich hoch. Meine Meinung: Wieder ein wundervoller Roman von Dörte Hansen, auch wenn er mich nicht ganz so sehr begeistern konnte, wie ihr Debüt "Altes Land". Doch auch hier hat mir wieder die charmante Darstellung der Dorfbewohner*innen und die Idylle des Dorflebens, ohne es jedoch zu romantisieren, sehr gut gefallen. Hansen beschreibt den Wandel, den norddeutsche Dörfer in den letzten Jahrzehnten erlebt haben und die Herausforderungen, vor die es die Bauern/ Bäuerinnen und Dorfbewohner*innen gestellt hat. Sie fängt die Stimmung, das Lebensgefühl der alten nordfriesischen Dörfer sehr gut ein. Das etwas Mürrische, Ursprüngliche, Echte. Aber das Landleben wird nicht idealisiert. Es werden auch die Entbehrungen beschrieben, die damit einhergehen. Sie fängt auch die Dynamiken des Zusammenlebens und den Geist der Gemeinschaft sehr gut ein. Die Engstirnigkeit und die Vorurteile, die in der kleinen Dorfgemeinschaft herrschen. Das Getratsche, aber auch den Zusammenhalt. Auch die poetische Sprache und die eingestreuten Sätze auf Plattdeutsch haben mir unglaublich gut gefallen. Und der norddeutsche Humor. " >>Sind je Lungentorpedos, wat du dor smöökst.<<, sein Lachen ging in einen schweren Hustenanfall über. Er wusste offenbar, wovon er redete." (S. 79) Bei den schönen Klängen dieser Sätze habe ich direkt Lust bekommen, mein Plattdeutsch endlich mal wieder etwas aufzufrischen und zu vertiefen. Auch sonst hat mich die Sprache in diesem Roman absolut verzaubert. Ich habe mir viele Sätze im Buch markiert, die mich sehr berührt haben. Das Buch steckt voller schöner Metaphern und Vergleiche. Schüler*innen werden als "kleine Saatkartoffeln" bezeichnet, die "aus dem sandigen Boden gerüttelt und ins Gymnasium gesteckt werden, damit aus ihnen mal was wird." (S.21). Oder die Beschreibung von Erstsemestern, die "sich mit ihren Bücherlisten durch die Gänge [der Bibliothek] wühlten wie Frischlinge durchs Unterholz." (S.19). Auch die Passagen über die Altenpflege und wie Ingwer seine Eltern pflegt, haben mir so manches Mal die Tränen in die Augen getrieben. So feine Beobachtungen, die Gefühle so gut eingefangen. Und dann immer der Gedanken, dass es uns allen einmal so gehen wird. Vorher selbstständige Menschen, Menschen zu denen wir aufgeschaut haben, die uns Halt gegeben haben, die nun Hilfe für die einfachsten Dinge brauchen. Die dann unseren Halt brauchen. Das man sich die Anstrengung, das Mitleid, die Traurigkeit nicht ansehen lassen darf. Das alles beschreibt Dörte Hansen so ehrlich und dabei so einfühlsam, dass es mich wirklich tief berührt hat. Sehr interessante Gedanken stecken in diesem Roman auch über das Thema Einsamkeit und Beziehungen. Darüber, was man will im Leben. Über die Entscheidungen, die man trifft. Und vielleicht später bereut. Sie beschreibt Paare, die sich nicht mehr lieben, sich nicht mal mehr in die Augen schauen mögen. Die nur noch aus Gewohnheit oder Angst vor dem Alleinsein zusammen sind. Aber auch Paare, die schon so lange zusammen sind, dass ein Leben ohne den anderen unmöglich erscheint. Die sich die Zärtlichkeit und die Liebe bewahrt haben, auch wenn sie sich über die Jahre verändert hat. Fazit: "Mittagsstunde" von Dörte Hansen ist ein wirklich guter Roman mit tollen Themen und schöner Sprache, den ich sehr gern gelesen habe. Sätze aus dem Buch haben mich noch lange begleitet und mir Stoff zum Nachdenken gegeben. Dennoch hat mich die Geschichte ingesamt nicht ganz so verzaubert, wie "Altes Land". Aber zugegeben: das ist auch wirklich eine sehr hohe Messlatte. Empfehlen kann ich euch "Mittagsstunde" allemal.

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Der Autor schafft eine starke Atmosphäre in einem stabilen Umfeld, in dem Sie so originell wie glaubwürdige Charaktere spielen, die Sie gerne beim Fahren beobachten. Übrigens verändert sich das Landleben und am Ende der Protagonist. Und was Heimat ausmacht, beschreibt der Autor viel besser als jeder Wissenschaftler, der mit diesem Begriff kämpft und am Ende scheitert. Trotzdem ist das zweite Werk nur halb so erfolgreich wie "Altes Land", weil zwischen den erfolgreichen Zeilen einfach die Handlung fehlt. Ein kleiner Fehler ist auch die überflüssige Verwendung des Wortes "scheinbar", was besonders dann auffällt, wenn die Verwendung des Wortes "anscheinend" besser gewesen wäre. Das hätte einen guten Rezensenten anziehen sollen.

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