Leserstimmen zu
Mittagsstunde

Dörte Hansen

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Dörte Hansen liefert mit ihrem zweiten Roman "Mittagsstunde" eines der Lesehighlights 2018. Das Buch ist Familienroman, Heimatroman und Gesellschaftskritik zugleich. Mich hat es vor allem sprachlich überzeugt. "De Welt geiht ünner", sagt Marret Feddersen immer wieder. Marret ist etwas wirr im Kopf, die obligate Dorfverrückte, die überall Zeichen für den Untergang der Welt zu sehen meint. Und ein Stück weit hat sie recht. Zumindest steht das fiktive Dorf Brinkebüll in Nordfriesland vor grossen Veränderungen. Da wären die grosse Flurbereinigung, die moderne Technik, die die Landwirtschaft umstrukturiert, ein neuer Lehrplan - ohne Heimatkunde und Gewalt! -, Neuzuzüger, die keine Ahnung haben vom Landleben - und von der heiligen Mittagsstunde! "Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde." (S. 22) Drei Generationen Dorfmenschen Marret ist die Tochter von Ella und Sönke Feddersen, den Wirtsleuten von Brinkebüll. Na, zumindest auf dem Papier. Die Flurbereinigung bringt nicht nur dem Dorf eine neue grosse Strasse, eine neue, effizientere Landeinteilung, sondern dank einem der Landvermesser auch ein Kind für Marret. Ingwer wird aber hauptsächlich von seinen Grosseltern aufgezogen. Und dieser Ingwer ist einer der wenigen, der den Absprung aus dem Dorf schafft. Immerhin vorübergehend lebt er in Kiel, in einer Dreier-WG bzw. in einer Dreierbeziehung, ist Professor für Archäologie. Schliesslich zieht es jedoch auch ihn zurück aufs platte Land. Dörte Hansen erzählt die Geschichte eines Dorfes und seiner unausweichlichen Veränderung. Sie tut das in diesem Fall entlang dreier Generationen der Familie Feddersen. Das weitere Personal - der Dorfschullehrer, der Metzger, der Landwirt, die Ladenbesitzerin, der Bäcker, die Stadtmenschen - spielt nur Statistenrollen. Und sie tut es wie bei ihrem Debüt "Altes Land" mit ironischem Blick und viel Sprachgewalt, im positiven Sinne. Den ersten Teil von "Mittagsstunde" habe ich gelesen wie ein Gedicht oder ein Lied. Unglaublich, wie viel Rhythmus Dörte Hansen in einen Text bringen kann und in welch rasantem Takt sie neue Sprachbilder raus haut. Und das Ganze ist immer wieder durchsetzt von plattdeutschen Einschüben, so dass man die windschiefen, verschrobenen, wettergegerbten Menschen direkt vor sich sieht. Und ab und zu darf man auch herzhaft lachen, so skurril und doch so realistisch gebärden sich die Dorfbewohner. "Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgeliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte. Auch das ein Fall fürs Handschuhfach, Klappe zu und keine Kommentare, besten Dank." (S. 18) Zuhause daheim? Dörte Hansen reiht sich mit ihrem Roman in andere moderne Heimatromane wie Juli Zehs "Unterleuten" oder Kathrin Gerlofs "Nenn mich November" ein. Sie erfindet nichts Neues, erzählt von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die wir Landmenschen auch aus eigener Erfahrung kennen. Sie fokussiert auf zwischenmenschliche Beziehungen, auf Schicksale, wie es sie tatsächlich zu tausenden gibt. Im Literaturclub des Schweizer Fernsehens war man sich denn auch ziemlich uneinig darüber, ob das nun lesenswert oder blutleer und oberflächlich, ja teils sogar kitschig sei. Für Iris Radisch (Der Sog der Heimat, Die Zeit, 21.11.2018) ist "Mittagsstunde" ein Dorfroman, der verlorenes Terrain in der deutschen Provinz neu vermisst. Der Reiz von "Mittagsstunde" liegt für mich neben der Sprache in den fein gearbeiteten Verflechtungen zwischen den Generationen, zwischen den verschiedenen Dorfbewohnern und wie sich uns so mehr und mehr die wahre Geschichte hinter dem Schein des wohlgeordneten, wohlanständigen, über Jahrhunderte eingeübten Dorflebens offenbart. Fazit Mit "Mittagsstunde" liefert uns Dörte Hansen erneut ein Panorama des Dorflebens, geschickt verflochten mit der Geschichte einer Familie, ihren Sorgen und Nöten und ihrem Umgang mit den äusseren Einflüssen - seien dies nun Krieg, Landvermesser oder egozentrische Städter. Sprachlich ist der Roman eine Wucht. Man kann sich so richtig in Hansens Sprachbildern verlieren, die Ironie geniessen und tief in die Gefühlswelt ihrer Protagonisten eintauchen. Ein literarisches Highlight von 2018, das ich nicht nur Landeiern empfehlen kann, sondern auch Stadtmenschen mit Interesse an Dorfgeschichten.

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Der Wind bleibt der gleiche.

Von: Manfred Fuerst aus Kirchbichl

06.08.2019

Nordfriesland, wie das Land, so die Leut. Hansen richtet unerbittlich ihr Brennglas ein halbes Jahrhundert auf Dorf, Stadt und Land und Leut. Dass sich das Landleben geändert hat und ändert: Landflucht, technischer Fortschritt, vermeintlich Moderne und „back tot he roots“ ist allen Lesern geläufig, aber das WIE, wie es von Hansen in Wortform gegossen wird ist herausragend. Hansen seziert das Dorf, die Gesellschaft, die Menschen im Stile einer peniblen Gerichtsmedizinerin unbarmherzig und schonungslos, während andere Augen, Nase und Mund verschließen. Keine Spur von Sentimentalität oder nostalgisch romantische Verklärung, fast schmerzt die unfassbare Direktheit. Man hätte vielleicht einen verklärten Rückblick erwartet, aber nichts von dem. In jede Wunde wird nicht einen Finger gesteckt, sondern zwei. Fossilien fürs nächste JT. Ich liebe Ingwer, getrocknet als Tee, nicht pur, sondern mit grünem Darjeeling. Ingwer hat etwas von mir - ich bin auch ein Fensterputzerfan. Wenn man Hansen heißt, dann muss man solche Bücher schreiben. Wie Thomas Bernhard. Meinen nächsten Urlaub mache ich in Nordfriesland. „The Times They Are A-Changin' „, der neue Header. Elegie und Melancholie bis zum geht nicht mehr. Hansen schildert den Pflegealltag von Ingwer bei Ella und Sönke. Der Leser erschrickt wie treffend und pointiert die Realität beschrieben wird. Jeder Richter müsste Verständnis für einen Pfleger haben, wenn dieser „durchdreht“ – er muss ja nicht gleich zum Killer werden. Ingwer (48 Jahre) sinniert während der Ganzkörperpflege von Sönke über sein Leben: Zweieinhalb Jahre in einer Dreier-WG mit Claudius und Ragnhild (50, rat gebende Kämpferin oder herrschende Göttin - sucht’s euch aus). Drei verlorene Seelen - fossilisiert. Ein Fressen für Psychologiestudenten, eine nichtteilnehmende Beobachtung mit „open end.“ Das „Platt“ hat die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht, die Gesellschaft hat sich verändert, der Wind ist immer noch der gleich, ein literarisches Meisterwerk.

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Kurzmeinung: Ein wundervoller, atmosphärischer Roman über das Leben auf dem Dorf, über Liebe, Einsamkeit und das Altwerden. Das alles verpackt in poetischer Sprache, gespickt mit schönen Metaphern und wohlklingenden Sätzen auf Plattdeutsch. Große Leseempfehlung, auch wenn das Buch für mich nicht ganz an das Debüt "Altes Land" heranreichen kann. Aber da liegt die Messlatte auch wirklich hoch. Meine Meinung: Wieder ein wundervoller Roman von Dörte Hansen, auch wenn er mich nicht ganz so sehr begeistern konnte, wie ihr Debüt "Altes Land". Doch auch hier hat mir wieder die charmante Darstellung der Dorfbewohner*innen und die Idylle des Dorflebens, ohne es jedoch zu romantisieren, sehr gut gefallen. Hansen beschreibt den Wandel, den norddeutsche Dörfer in den letzten Jahrzehnten erlebt haben und die Herausforderungen, vor die es die Bauern/ Bäuerinnen und Dorfbewohner*innen gestellt hat. Sie fängt die Stimmung, das Lebensgefühl der alten nordfriesischen Dörfer sehr gut ein. Das etwas Mürrische, Ursprüngliche, Echte. Aber das Landleben wird nicht idealisiert. Es werden auch die Entbehrungen beschrieben, die damit einhergehen. Sie fängt auch die Dynamiken des Zusammenlebens und den Geist der Gemeinschaft sehr gut ein. Die Engstirnigkeit und die Vorurteile, die in der kleinen Dorfgemeinschaft herrschen. Das Getratsche, aber auch den Zusammenhalt. Auch die poetische Sprache und die eingestreuten Sätze auf Plattdeutsch haben mir unglaublich gut gefallen. Und der norddeutsche Humor. " >>Sind je Lungentorpedos, wat du dor smöökst.<<, sein Lachen ging in einen schweren Hustenanfall über. Er wusste offenbar, wovon er redete." (S. 79) Bei den schönen Klängen dieser Sätze habe ich direkt Lust bekommen, mein Plattdeutsch endlich mal wieder etwas aufzufrischen und zu vertiefen. Auch sonst hat mich die Sprache in diesem Roman absolut verzaubert. Ich habe mir viele Sätze im Buch markiert, die mich sehr berührt haben. Das Buch steckt voller schöner Metaphern und Vergleiche. Schüler*innen werden als "kleine Saatkartoffeln" bezeichnet, die "aus dem sandigen Boden gerüttelt und ins Gymnasium gesteckt werden, damit aus ihnen mal was wird." (S.21). Oder die Beschreibung von Erstsemestern, die "sich mit ihren Bücherlisten durch die Gänge [der Bibliothek] wühlten wie Frischlinge durchs Unterholz." (S.19). Auch die Passagen über die Altenpflege und wie Ingwer seine Eltern pflegt, haben mir so manches Mal die Tränen in die Augen getrieben. So feine Beobachtungen, die Gefühle so gut eingefangen. Und dann immer der Gedanken, dass es uns allen einmal so gehen wird. Vorher selbstständige Menschen, Menschen zu denen wir aufgeschaut haben, die uns Halt gegeben haben, die nun Hilfe für die einfachsten Dinge brauchen. Die dann unseren Halt brauchen. Das man sich die Anstrengung, das Mitleid, die Traurigkeit nicht ansehen lassen darf. Das alles beschreibt Dörte Hansen so ehrlich und dabei so einfühlsam, dass es mich wirklich tief berührt hat. Sehr interessante Gedanken stecken in diesem Roman auch über das Thema Einsamkeit und Beziehungen. Darüber, was man will im Leben. Über die Entscheidungen, die man trifft. Und vielleicht später bereut. Sie beschreibt Paare, die sich nicht mehr lieben, sich nicht mal mehr in die Augen schauen mögen. Die nur noch aus Gewohnheit oder Angst vor dem Alleinsein zusammen sind. Aber auch Paare, die schon so lange zusammen sind, dass ein Leben ohne den anderen unmöglich erscheint. Die sich die Zärtlichkeit und die Liebe bewahrt haben, auch wenn sie sich über die Jahre verändert hat. Fazit: "Mittagsstunde" von Dörte Hansen ist ein wirklich guter Roman mit tollen Themen und schöner Sprache, den ich sehr gern gelesen habe. Sätze aus dem Buch haben mich noch lange begleitet und mir Stoff zum Nachdenken gegeben. Dennoch hat mich die Geschichte ingesamt nicht ganz so verzaubert, wie "Altes Land". Aber zugegeben: das ist auch wirklich eine sehr hohe Messlatte. Empfehlen kann ich euch "Mittagsstunde" allemal.

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Der Autor schafft eine starke Atmosphäre in einem stabilen Umfeld, in dem Sie so originell wie glaubwürdige Charaktere spielen, die Sie gerne beim Fahren beobachten. Übrigens verändert sich das Landleben und am Ende der Protagonist. Und was Heimat ausmacht, beschreibt der Autor viel besser als jeder Wissenschaftler, der mit diesem Begriff kämpft und am Ende scheitert. Trotzdem ist das zweite Werk nur halb so erfolgreich wie "Altes Land", weil zwischen den erfolgreichen Zeilen einfach die Handlung fehlt. Ein kleiner Fehler ist auch die überflüssige Verwendung des Wortes "scheinbar", was besonders dann auffällt, wenn die Verwendung des Wortes "anscheinend" besser gewesen wäre. Das hätte einen guten Rezensenten anziehen sollen.

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Man braucht als Autorin ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn im Meer der Neuerscheinungen zu etwas Besonderem und Verkaufsreichem macht. Dörte Hansen hat ihre in ihrem Debüt-Roman "Altes Land" gefunden und nun erfolgreich in "Mittagstunde" entwickelt. Mit narrativen und stilistisch einfachen Mitteln schafft es eine Atmosphäre, die Hunderttausende von Lesern fasziniert, die in einer chaotischen und verwirrenden Welt nach Frieden, Heimat und Gewissheit suchen. Im Zentrum der Roma steht Brinkebüll, ein fiktiver Kaff in der schleswig-holsteinischen Pampa, der in den sechziger Jahren durch eine großflächige Flurbereinigung einem bis heute andauernden Strukturwandel unterworfen wurde. Gerade zu diesem Zeitpunkt war der geistig behinderte Marret "Übergang" Feddersen im Alter von siebzehn Jahren von einem der anwesenden Vermesser schwanger und brachte Ingwer zur Welt, den Protagonisten der "Mittagsstunde". Er dachte nicht einmal daran, die Farm seines Großvaters zu übernehmen und floh nach Kiel, um am Ende seines Abitur zu studieren. Jetzt nähert er sich den 50ern, lebt noch in einer WG, kifft, hält alles in Beziehungsfragen offen und arbeitet wenig erfolgreich an der Uni. Im Rahmen eines Sabbaticals kehrt er nach Brinkebüll zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern, für die er wie ein Sohn war. Ella ist jetzt wahnsinnig und aggressiv, Sönke geistig noch am Damm, aber körperlich ein Wrack. Beste Voraussetzungen also, um zu klären, was Sie wirklich vom Leben wollen. "Noon Hour" ist kein naiver ländlicher Fluchtkitsch, der das Leben im Dorf als die einzige dem Menschen angemessene Lebensweise feiert. Im Gegenteil, das Leben in Brinkebüll wird als gnadenlos brutal dargestellt: Der Lehrer schlägt, die Eltern schlagen, jeder schaut weg, jeder imprägniert jeden und jeder spielt dieses Spiel, und der normale Alkoholiker ist immer eine gute Sache. Und doch gibt es ein Gefühl der Melancholie, der Melancholie über eine Lebensform, die zum Untergang verurteilt ist, eine Lebensform, die kaum jemand zurückhaben möchte, die aber in Zeiten einer hyperbeschleunigten Gegenwart immer noch eine gewisse Ausprägung zu haben scheint Charme auf die Leserschaft. Die Atmosphäre in diesem Spannungsfeld verleiht dem Roman das gewisse Etwas, das ihn zu Recht an die Spitze der Bestsellerlisten katapultierte.

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Die Kunst, den Alltag treffend zu beschreiben, und die Leserschaft dennoch bei Laune zu halten, beherrschen nur wenige Autoren. Oft werden lieber ganz besondere Momente im Leben der Protagonisten ins Zentrum des Buches gerückt oder dramatische Ereignisse thematisiert. Das Alltagsleben, das Banale, Normale, das ja oft langweilig sein mag, aber manchmal gerade in seiner Monotonie fast schon wieder skurril-spannend sein kann, zu skizzieren, vermag nicht jeder. Dazu muss man genau beobachten, ohne zu beschönigen, entlarven, ohne zu verletzen und sich selbst zurücknehmen. Dörte Hansen ist eine echte Künstlerin in diesem Metier. Bereits ihr Überraschungs-Erstling „Altes Land“, der gleich ein Bestseller wurde, hatte genau diese Alltagsthematik zum Inhalt. Damals waren es die Hamburger Stadtwesen, die beim Besuch im vermeintlich idyllischen Alten Land von der Romantik übermannt wurden und die angesichts der Urwüchsigkeit der dortigen Landschaft beschlossen, alle Zelte in der grauen Großstadt abzubrechen, um aufs Land zu ziehen. Sie scheiterten grandios als Zugereiste in der kargen, schroffen Obstplantage Hamburgs … In ihrem voll Spannung erwarteten zweiten Roman „Mittagsstunde“ nimmt Hansen vordergründig ein sehr ähnliches Thema zum Gegenstand ihrer Beobachtungen. Wieder geht es um das ländliche, norddeutsche Leben, das in krassem Gegensatz zum städtischen Leben steht. Brinkebüll heißt das kleine Geestdorf, das im Zentrum ihres Romans steht. Der Ort ist frei erfunden – man sucht ihn vergebens auf der Landkarte -, doch er könnte überall auf dem platten Land in Norddeutschland wirklich vorkommen. Eingerahmt von karger Landschaft, von Äckern und Feldern, die immer weniger bewirtschaftet werden. Bauer sein ist kein Spaß. Man muss verzichten können, auf den normalen Luxus anderer Berufe, Kühe wollen gemolken und gefüttert werden, ausschlafen ist da nicht. Kein Job für Feiglinge. Ingwer Feddersen kommt aus diesem Kuhnest, doch, wie den meisten jungen Leuten, wurde es ihm zu eng dort, er zog aus, studierte, kam immer seltener zurück, promovierte, wurde Hochschullehrer für Archäologie und blieb in der Stadt. Den Kontakt brach er, im Gegensatz zu manch anderen, nicht ab, denn er war nicht voller Groll auf seine alte Heimat fortgegegangen. Ingwer, im besten Midlife-Crises-Alter, beantragt an seiner Universität ein Sabbatical, also eine kreative Auszeit vom alltäglichen Wahnsinn. Zu seinem großen Glück wird der Antrag bewilligt und er kann seiner Sackgassen-Beziehung mit einer egomanischen Architektin und den sturen Studenten entfliehen. Zumindest auf Zeit. Er beschließt, „die Alten“ zu pflegen, die in Brinkebüll die Dorfkneipe betreiben, obwohl sie beide schon steinalt sind. Eigentlich wäre er der legitime Nachfolger gewesen, der designierte Wirt des „Dorfkrugs“. Doch er war ja ein Bücherwurm, interessierte sich mehr für Wissenschaft als für die Dorfwirtschaft, war klug, aufstrebend, neugierig – so gar nicht interessiert daran, in diesem kleinen Nest zu versacken. Die Alten haben es ihm nie ganz verziehen, dass er sie im Stich ließ – doch was sollten sie tun. Sie waren ja froh, dass „de Jung“ überhaupt noch ab und zu vorbeischaute. „Die Alten“ sind Ingwers Großeltern. Trotzdem nennt er sie Vadder und Mudder. Seine leibliche Mutter heißt Marret und ist ein verwirrtes Menschenkind. Die Tochter von „den Alten“. Überall sieht sie Zeichen, hat Vorahnungen, die sie meist gegen den Willen der Zuhörer allen und jedem kundtut, der ihr über den Weg läuft. Sie kann schlecht an einem Ort sitzen bleiben, lieber schlurft sie durch die Gegend, klappert auf ihren Holzpantoffeln durch das Örtchen und schnackt mit den Leuten. Marret Ünnergang wird sie nur genannt, denn über wenig anderes redet sie, als über den bevorstehenden „Untergang“. Marret war 17 als sie schwanger wurde, wer der Vater ist, hat sie nie verraten – doch das Dorf hat da so eine Ahnung. Zu der Zeit gab es nämlich drei Landvermesser, die im Dorfkrug ein und ausgingen – sicher war einer dieser jungen, feschen Herren der „Übeltäter“. Marret Ünnergang kümmert sich auf ihre Weise liebevoll um den kleinen Jungen, doch eine wirkliche Mutter kann sie nicht sein, zu sehr ist sie mit sich und ihren eigenen Absonderlichkeiten beschäftigt. Und so rücken Vadder und Mudder immer stärker in die Elternrolle. Für den aus dem Krieg zurückgekehrten und an Seele und Leib verwundeten Vadder Sönke ein echtes Glück – Ingwer ist für ihn der Sohn, den er nie hatte. Und so fehlt es Ingwer an nichts. All das, die ganze norddeutsch-zurückhaltende Zuneigung, ja sicherlich sogar Liebe, möchte er den beiden Alten nun als Erwachsener zurückgeben. Er will ihnen den Gang ins Altersheim ersparen und kümmert sich nach Beginn des Sabbaticals hingebungsvoll um die beiden. Rührend ist das und anstrengend. Mudder Ella ist dement, muss wie ein kleines Kind rund um die Uhr bewacht und beschäftigt werden, Sönke hingegen ist fit, nur der Körper ist allmählich zu alt für all das, was der Geist noch könnte. Ingwer hilft bei allem und kehrt so wieder zurück in den Schoß der Dorfgemeinde. Im Wirtshaus treffen sich alle, er kriegt viel mit, trifft alte Weggefährten wieder. Philosophisch wird es dann immer wieder, denn wer ist denn nun selbstbestimmter – er, der fortging, oder die, die blieben? Da gibt es ganz unterschiedliche Gestalten, zum Beispiel den Cowboy-Fan Heiko, der früher immer windelweich geschlagen wurde von seinem Vater. Alle wussten es, aber keiner tat etwas, um dem armen Kerl zu helfen. Doch Heiko fand seinen eigenen Weg aus der Misere: Sein erklärtes Lebensziel war es, dem Vater nicht die Genugtuung zu geben, Schmerz, Trauer oder gar Angst in seinem Gesicht lesen zu können. Er ertrug stoisch all das Leid. Er überlebte das ganze Drama – und, man freut sich als Leser mit ihm – er blieb wohl weitgehend seelisch unverletzt durch seine eigene Umgangsweise mit diesem miesen Vater. Heiko ist so schräg wie früher, doch er macht sein Ding. Ganz cool. Er leitet eine Line-Dance-Gruppe. Er leitet sie! Das kleine Würmchen von früher stellt sich an die Spitze einer Gruppe und macht ihnen etwas vor. Und, was Ingwer noch mehr erstaunt: er ist wirklich talentiert! Und er hat seine große Liebe gefunden. „Dat Heupeerd“, wie Sönke sie gnadenlos hinter vorgehaltener Hand Ingwer gegenüber nennt. Eine wenig attraktive, korpulente Rothaarige, deutlich größer als Heiko – doch mit dem Herzen am rechten Fleck. Sie umsorgt ihren „Cowboy“ liebevoll und wenn die beiden zusammen tanzen, sind sie fast wie Ginger und Fred … nun ja … fast 😉 Doch Ingwer sieht, was Heiko hat und er nicht: eine liebevolle Partnerschaft, ein Hobby, in dem er voll aufgeht, und eine Gruppe zu der er gehört – kurz: ein ausgefülltes Leben! Dörte Hansen springt in ihrem Roman kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her – auf sehr gekonnte Weise. So erfährt die Leserschaft viele liebevoll beobachtete Begebenheiten aus dem Dorfalltag, seien sie von früher, seien sie von heute. Und obwohl manche Figur nur für ein Kapitel auftaucht, schafft es die Autorin, die Persönlichkeiten so zu skizzieren, dass man sich ihnen nah fühlt. Wenn ihnen dann überraschend etwas zustößt, fasst einen das ganz schön heftig an. Doch es wäre eben nicht Dörte Hansen mit ihrem nüchtern-norddeutschen Blick auf die Dinge, wenn solche Vorkommnisse, Dramen und Tragödien des Alltags nicht auch thematisiert werden würden. Hier wird das (Land-) Leben realistisch beschrieben, ohne jeden Kitschfilter. Am Ende steht über allem die Frage der persönlichen Einstellung zum Gang des Lebens. Und so legt die Autorin ihrem Protagonisten Ingwer ein paar schöne, schlichte und sehr wahre Gedanken zurecht: Die Zeit der Bauern ging zu Ende. Man blies das Feuer aus, man brach die Zelte ab und ließ die Sesshaften zurück. […] Zeitalter fingen an und endeten, so einfach war das. Für einen, der vom Fach war, hatte er erstaunlich lang gebraucht, das zu kapieren. […] Und so ist es wohl: Liest man das großartige Buch, wird man stellenweise melancholisch und möchte sie fast miterlebt haben, diese Zeit, in der alles noch wirklich von Hand gemacht wurde auf dem Land. Als der Bauer keine Massentierhaltung haben musste, um sich zu finanzieren. Als ehrliche Arbeit noch ehrlich wertgeschätzt wurde. Doch wenn man weiterüberlegt und ehrlich bleibt, weiß man, dass dies immer nur die eine Seite der Medaille war. Die andere war die dunkle, anstrengende, ungehobelte Seite … Es ist also einfach, wie es ist. Etwas geht zu Ende oder ist schon zu Ende gegangen und man kann es nicht rückgängig machen. Aber wo eine Tür geschlossen wird, geht eine andere auf und so bleibt alles beständig in Bewegung – auch auf dem nordfriesischen Land.

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Dieser Roman hat es mir nicht leicht gemacht ihn zu lieben. Vor einigen Tagen, nach 70 Seiten habe ich es abgebrochen, mit der Gewissheit, das ist nichts für mich. Aber irgendwann blieb hängen, halte nach... also griff ich erneut dazu. Ganz von vorne, mit mehr Ruhe. Und dann hatte es mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Dörte Hansen erzählt eine Geschichte die tief berührt. Die Geschichte eines norddeutschen Ortes. Etwas skurril, schonungslos und unfassbar fesselnd. Ich habe dieses Buch einfach nur genossen. Geweint, gelacht mit vorgehaltene Hand und verstanden. Jeden der Protagonisten ins Herz geschlossen, ich weiß gar nicht wer mir der liebste war.

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Wie schon in „Altes Land“ erzählt Dörte Hansen vom vermeintlich beschaulichen Dorfleben damals und heute. Doch an ihren Debütroman mit den liebenswert-schrulligen Figuren reicht „Mittagsstunde“ nicht heran. Ingwer Feddersen arbeitet als Archäologe an der Kieler Universität. Er nutzte die erstbeste Gelegenheit, um dem Dorfleben und seiner schwierigen Familiengeschichte zu entkommen. Seine Lebenssituation in Kiel stellt sich als das beständige Provisorium einer Dreier-WG mit benefits dar. Auf dem sterbenden Dorf sitzen die Großeltern, die ihn aufgezogen haben und deren Kneipe nun irgendwie abgewickelt werden muss. Von der Midlife-Crisis gepeinigt, packt Ingwer seine Koffer und nutzt sein sabbatical, um die alten Großeltern zu pflegen. Dörte Hansen kocht beim zweiten Roman nach dem Erfolgsrezept des ersten: ein mittelalter orientierungsloser Protagonist und Figuren, die an ihrem Lebensabend auf verpasste Chancen und die Umwälzungen im Dorfleben der letzten Jahrzehnte zurückblicken. Setting ist ein fiktives sturmgepeinigtes Dorf in Norddeutschland. Als Fan von „Altes Land“ las sich alles irgendwie vertraut, doch mit den Figuren wurde ich bis zuletzt nicht so recht warm. Gerade Ingwer Feddersen war für mich nicht richtig „rund“: Im Zeitpunkt der Romanhandlung wird er als orientierungslos und frustriert gezeichnet; seiner Familiengeschichte traut er nicht, bemüht sich aber auch nicht um Aufklärung. Dazu passte für mich nicht, dass er aus eigenem Antrieb dem dörflichen Leben den Rücken gekehrt und es als Archäologe in Kiel zu einer wohl (unbefristeten) Stelle an der Uni gebracht hat. Dabei ist das doch ein stark umkämpftes Feld. Vielleicht spielt hier auch meine persönliche Präferenz hinein: Die hemdsärmelige anpackende Vera aus dem ersten Roman war mir einfach sympathischer. Bei der Geschichte der beiden „Alten“ wird dann aber Dörte Hansens erzählerische Kraft deutlich: Die Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft und des danach schwierigen Ehelebens schildert sie auf außerordentlich berührende Weise. Das empfand ich schon bei der Geschichte um die Vertriebenen in „Altes Land“ so. Hansens Talent liegt darin, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Ginge es nach mir, könnte sie einen ganzen Roman aus der Sicht ihrer alten Protagonisten schreiben, ohne eine Anbindung ans Heute zu forcieren. So oder so – ich warte auf Dörte Hansens nächsten Roman.

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