Leserstimmen zu
Tagebuch eines alten Narren

Jun'ichiro Tanizaki

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Lass Dich, geneigter Leser, geneigte Leserin, nicht von der Verlagswerbung verführen, die im Zusammenhang mit dem Tagebuch eines alten Narren von einem Klassiker der erotischen Weltliteratur spricht. Lass Dich, geneigter Leser, geneigte Leserin, auch nicht abschrecken von den ersten zwei Seiten des Romans. Er steckt voller Fachtermini und Namen aus der Szene des traditionellen japanischen Kabuki-Theaters. Das kommt nachher nicht mehr vor, und der Roman enthält sich auch sonst im Grossen und Ganzen Hinweisen auf typisch Japanisches oder eine traditionelle japanischen Sichtweise. Wir haben hier das Tagebuch eines alten (nämlich 76 Jahre alten) Mannes vor uns, der nach einem leichten Hirnschlag, den er vor ein paar Jahren erlitten hat, immer hinfälliger wird. Wir befinden uns im Japan der Mitte der 1960er. Der alte Mann, Utsugi, scheint recht wohlhabend zu sein; er kann sich jedenfalls ein Haus in Tokio und auch sonst so einiges leisten. Im Erdgeschoss des Hauses wohnen er und seine Frau, im ersten Stock sein Sohn Utsugi Jōkichi und die Schwiegertochter Satzuko. Der alte Utsugi schreibt Tagebuch. Es setzt ein mit dem Besuch einer Kabuki-Aufführung, die den Alten dazu bringen, sich früherer von ihm besuchter Aufführungen zu erinnern, sich früherer Schauspieler zu erinnern. Im Kabuki-Theater werden auch die Frauenrollen von Männern gespielt. Der Darsteller der Frauenrolle fasziniert Utsugi. Utsugis Gedanken wandern – doch nicht hin zu einem Vergleich von früher und heute, wie man es vielleicht erwarten könnte. Er erinnert sich daran, wie er einst für gutes Geld einen solchen Frauen-Darsteller dazu gebracht hat, mit ihm zu schlafen, wie wenn er tatsächlich eine Frau wäre. Noch jetzt erinnert sich Utsugi daran, dass es dem Schauspieler ganz und gar gelunen war, ihm die Illusion, mit einer Frau zu schlafen, zu lassen – und das, obwohl Utsugi durchaus den prächtigen Penis des Mannes bemerkt hat. (Das ist denn auch – bemerkenswert für einen vermeintlich erotischen Roman – das einzige Mal, dass dieses Organ genannt wird. Das weibliche Sexualorgan, Brüste oder Hinterteile werden gar nie erwähnt.) Es scheint, als ob Utsugi schon immer Schönheit nur über Sexualität hätte ganz verstehen können. Utsugi ist, trotz Kabuki-Besuchs, keineswegs ein der Tradition verhafteter Mann, im Gegenteil. Er hat sich z.B. in seinem Haus ein Badezimmer nach westlichem Massstab einbauen lassen, mit Kacheln und ganz in Weiss. Seine Frau hingegen benutzt noch immer ein traditionelles Badezimmer, ganz aus Holz. So trifft die moderne Lebensweise in derselben Familie auf die traditionelle. Utsugi hat sein Tagebuch begonnen, weil er sich einer Veränderung seines Denkens bewusst wird: Seine Sexualität, die sich schon lange nur noch in seinem Kopf abspielt, hat ein neues Ziel bekommen. Er begehrt seine Schwiegertochter, bzw. er begehrt von ihr herunter gemacht zu werden. Satzuko war früher Tänzerin in einem Variété. Sie ist ein selbstsüchtiges Biest, das sich für kleine Liebesdienst vom Schwiegervater teuer bezahlen lässt. Zugegeben, der hat auch nur noch kleine Wünsche: Er möchte ihre Füsse nackt sehen, ihre Zehen küssen. Schon ihr Anblick in traditioneller japanischer Bekleidung, in jenen Socken, bei denen der grosse Zeh separat gehalten wird, bringt ihn in Ekstase. Wir haben also masochistische Tendenzen vor uns, gepaart mit einem Fuss-Fetischismus. Als der Alte seiner Schwiegertochter einmal die Füsse küssen darf und anschliessend wieder in sein Krankenzimmer zurückkehrt, erschrickt die immer anwesende Pflegerin ob seines hochroten Kopfs. Dabei ist es nur natürlich, dass dem Alten, dem das Blut nicht mehr in den Kopf seines Penis steigt, das Blut nun dorthin steigt, wo seine Sexualität einzig noch stattfindet. Tanizaki Jun’ichirō stellt in seinem Roman Schönheit und Sexualität einander gegenüber, ebenso Alter und Tradition. Der Frauendarsteller des traditionellen Theaters als Objekt der sexuellen Begierde wird zur Tänzerin im modernen Variété. Tanizaki Jun’ichirō stellt aber auch Schönheit und Sexualität zusammengefasst der zusammengefassten Welt von Alter und Tradition gegenüber. Denn das Alter ist auch die Hässlichkeit. Ob nun Utsugi mit vielen Details sein hässliches, zahnloses Altmännergesicht beschreibt, oder ob beschrieben wird, wie er sich bei seinen Schwächeanfällen im Bett liegend einnässt, seine Ausscheidungen weder vorne noch hinten halten kann: das Alter ist nichts Schönes. Der Autor ist ganz für das Neue: Als Utsugi nach einem Besuch aus Kyoto heimkommt, wo er sein Grab ausgesucht hat, wird er von der Familie abgeholt und in einem Rollstuhl aus dem Bahnhof gebracht. Es ist nur ein Satz, den der Alte dabei über seine Frau verliert. Die alte Dame, selber nicht mehr gut zu Fuss, bleibt weit zurück. Selbst im Rollstuhl kommt das Neue schneller und besser voran als das Traditionelle. Im Übrigen, und das ist der besondere Trick von Tanizaki Jun’ichirō, ist es gar nicht so sicher, ob die Schwiegertochter tatsächlich so ein selbstsüchtiges Biest ist, wie sie uns im Tagebuch vorgestellt wird. Wir haben als Leser keine Kontrolle, was vom Erzählten Realität ist, was der Phantasie des alten Manns entsprungen ist. Selbst die zum Schluss angehängten Berichte von Ärzten und weiteren Verwandten Utsugis helfen nur bedingt weiter. Wir erfahren zwar so, als die Aushubarbeiten für einen Swimming Pool beginnen, den der Alte für Satzuko anlegen lassen will (sie wünscht es, weil sie nicht ständig in ein öffentliches Bad gehen will, um schwimmen zu können, er will es bauen lassen, damit er die Möglichkeit hat, Satzuko im Badeanzug zu sehen – das heisst vor allem, ihre nackten Füsse sehen zu können), dass gerade die als selbstsüchtiges Biest geschilderte junge Frau den Bau einstellen lassen will: Im Sommer kann ojisan bestimmt nicht mehr aus dem Haus! Und es ist ausgerechnet der Sohn Jōkichi, den der Vater nie mochte, eigentlich nie beachtete und von dem er bis heute nicht weiss, womit er eigentlich sein Geld verdient – ausgerechnet dieser Sohn ist es, der für den Vater einsteht: Allein die Tatsache, dass Vater den Arbeitern am Schwimmbassin zusehen kann, erlaubt ihm die verschiedensten Fantasien! Wohl kaum ein Klassiker der erotischen Weltliteratur also – aber eine durchaus lesenswerte Parabel über das Altern und das Sterben, über das Alte und das Neue, über die Vergänglichkeit des Neuen und die Permanenz des Alten.

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Ein Erotikroman, der aus dem Japan der 60er stammt. Was heute reine Normalität ist, war damals ein Skandal- das gilt auch für dieses Buch. 1961 war das eigentliche Erscheinungsjahr dieses Prachtstücks und damit war dieses Buch für die Japaner ein echter Schock. So viel Erotik und intimität in einem Schriftstück- damals war das einfach nur schokierend. Für mich war das ein Grund mehr, dieses Buch endlich zu lesen. Wie der Titel bereits erahnen lässt, handelt es sich hierbei um ein Buch, welches in Tagebuchform geschrieben ist. Im Mittelpunkt des Romans steht der 77-jährige Tokusuke, der mit seiner Familie (Ehefrau, Sohn, Schwiegertochter und Bediensteten) in einer Villa in Japan wohnt.Er schuf sich ein Tagebuch um mit den Folgen seines Alters und seinen Begierden klarzukommen. Denn nur weil Tokusuke schon zur älteren Generation gehört bedeutet das nicht, dass er keinerlei sexuelle Bedürfnisse mehr hat. Eines Tages passiert es ihm, dass er sich in seine deutlich jüngere Schwiergertochter Satsuko verliebt. Diese ist eigentlich mit seinem Sohn verheiratet,der allerdings wenig mit seinem Vater zu tun hat und auch generell sehr selten Zuhause ist. Von der Story habe ich mir genau das erhofft, was mir geboten wurde. Die idee und die umsetzung stimmten einfach. Das Tagebuch könnte wirklich von einem solchen Mann sein, dass bemerkt man an seiner Wortwahl und den vielen niedergeschriebenen Erinnerungen. Einige Kleinigkeiten haben mich dann doch gestört. Dazu gehörte zum Einen der Gesundheitszustand des Mannes. Trotz Herz- und Nervenleiden schreibt er jeden Tag munter weiter und beklagt sich relativ selten über Schmerzen. Zum Anderen hatte das Büchlein an einigen Stellen seine Längen. Das Cover passt hervorragend zum Inhalt. Mit gefällt das schlichte Designe, welches nicht zu sehr vom eigentlichem Inhalt ablenkt. Es ist mit sehr schlichten Farben gespielt wurden, die nicht besonders hervorstechen, aber trotzdem neugierig machen. Dieses Buch ist vollkommen zurecht ein Klassiker. 4 von 5 Sternen für dieses herrlich unverblümte Tagebuch!

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Natürlich ist Satsuko dies alles ziemlich gleichgültig. Ob sie wenigstens so tut, als weine sie? Wie werde ich wohl als Toter aussehen? Tokusuke Utsugi ist ein Familienpatriarch der alten Schule. Mit mittlerweile 77 Jahren trifft noch immer er die Entscheidungen in seiner Familie. Geplagt von den Zipperlein des Alters beginnt er ein Tagebuch zu führen. Nicht nur über den stetigen Verfall seines Körpers, sondern auch über die intimen Gedanken, die ihn beim Anblick und der Gesellschaft seiner Schwiegertochter Satsuko überkommen. Denn auch wenn die Impotenz auch vor ihm nicht Halt gemacht hat, für schöne Frauen interessiert Tokusuke sich noch immer. Und ganz besonders für die Frau seines Sohnes, die sich dieser ungehörigen Zuneigung mehr als bewusst ist und sie schamlos ausnutzt. Erst als der alte Mann mit dem Gedanken spielt, Satsuko sogar auf seinem Grabstein zu verewigen, kommen Zweifel auf. Ist Satsuko wirklich dieses berechnende, kalte Biest? Japan ist, sowohl kulturell wie auch geographisch, ein Land, in das ich mich in den Büchern, die ich lese, bisher wenig bis gar nicht vorgewagt habe. Allerdings hat mich der Klappentext gelockt, der das Tagebuch eines alten Mannes verspricht, der sich beinahe besessen in seine Schwiegertochter vernarrt. Das konnte alles bedeuten und nichts. Neugierig überließ ich mich also Tokusukes Aufzeichnungen. Tatsächlich beginnt alles recht harmlos. Tokusuke, ojiisan (japanisch für Großvater) genannt, bringt Satsuko mehr Sympathie entgegen als seinen eigenen Töchtern, macht ihr Geschenke und geht mit ihr aus, um sie glücklich zu machen. Wo am Anfang eigentlich nicht viel dabei ist, merkt man aber schnell: Satsuko ist sich der Zuneigung ihres Schwiegervaters mehr als bewusst. Sie macht ihm kleine, manchmal wirklich klitzekleine Zugeständnisse und verlangt dafür horrende Gegenleistungen - die Tokusuke ihr nur zu gerne gibt. Langsam aber sicher erhält man immer mehr Einblick in die Gedankenwelt des alten Familienpatriarchen. Nicht nur erfährt man so gut wie jedes Detail über die verschiedenen Krankheiten, die ihn zeitweise ans Bett fesseln, weil das Alter sie nun einmal mitbringt, sondern man entdeckt auch eine dunkle, ja, irgendwie garstige Seite an ihm. Tokusuke verliert sich in seinen Fantasien über Satsuko, stößt währenddessen seine eigenen Kinder vor den Kopf und behandelt seine Frau, mit der er alt geworden ist, herablassend und geringschätzig. Es ist wirklich schwer, ihm in diesen Momenten irgendeine wie auch immer geartete Sympathie zukommen zu lassen. Auf den ersten Blick klingt es alles sehr nach einem Erotikroman. Eine Affäre zwischen dem auf die achtzig zugehenden Tokusuke und seiner so viel jüngeren Schwiegertochter Satsuko. Doch wer dabei an Shades of Grey und Konsorten gedacht hat, ist hier völlig falsch. Die Beziehung zwischen Tokusuke und Satsuko entspinnt sich auf viel subtilere Art und Weise, was mir persönlich sehr positiv aufgefallen ist. Ganz davon abgesehen, dass Jun'ichiro Tanizaki, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 50. Mal jährt, einer ganz anderen Generation entstammt, hat er hier nicht stupide auf das Konzept "Sex sells" gesetzt. Dieses Buch ist tiefergehend und ja, an manchen Stellen auch irgendwie erschreckend, ohne mit explizitem Inhalt aufzuwarten. Abgesehen von Tokusuke selbst bleiben die Charaktere sehr dünn, gerade auch was seine eigene Familie angeht, aber irgendwie hat es in die gewählte Tagebuchform gepasst. Denn wer von uns, der schon mal ein Tagebuch geführt hat, ergeht sich darin seitenweise über die Eigenschaften, Vorlieben und Abneigungen der Menschen um sich herum? Den Fokus eines Tagebuchs bildet natürlich der Schreiber - und so steht auch hier Tokusuke mit seinen Gedanken, Gefühlen und Sorgen im Vordergrund. Sehr sympathisch war mir außerdem, dass viele japanische Anreden und Vokabeln in dieser Ausgabe nicht übersetzt wurden. Das hatte eine Menge blättern zum Fußnotenverzeichnis hinten zur Folge, trug aber ungemein zur Stimmung des Buches bei. Ich wusste beispielsweise nicht, dass es so viele verschiedene gehörige wie ungehörige Anreden für Familienmitglieder gibt. Dadurch bekommt man einen ganz anderen Eindruck vom Buch. Ein alter Narr, der sich in ein honigsüßes Biest verschießt und ihr alles zu Füßen legt. Jun'ichiro Tanizakis "Tagebuch eines alten Narren" glänzt mit kultureller Stimmung, subtilen Fäden, die gezogen werden und einem hin und wieder durch und durch unsympathischen, aber dadurch zumindest auch ehrlichen Protagonisten. Von mir gibt es dafür vier Blümchen.

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Das „Tagebuch eines alten Narren“ ist der letzte vollständige Roman, den Jun’ichiro Tanizaki im Jahre 1961 veröffentlichte. Dieser hat damals im doch recht konservativen Japan für einen kleinen Skandal gesorgt, da es für diesen „Erotikroman“ viel zu früh war. Tanizaki ist als großer Romanschreiber und Essayist bekannt geworden und dieses Büchlein hat definitiv meine Begeisterung für diesen Autor geweckt. Wie es der Titel bereits anklingen lässt, wird uns hier ein Roman in Tagebuch-Form dargeboten, die Eintragungen beginnen am 16. Juni. Die Hauptfigur des Romans ist der 77-jährige Tokusuke, der mit seiner Familie (Ehefrau, Sohn, Schwiegertochter und Bediensteten) in einer Villa in Japan wohnt. Dieser Mann schuf sich ein privates Tagebuch, in dem er ganz offen über sein Alter, seine Sexualität und seine Impotenz und den Umgang mit dem Tod spricht. Dies sind Themen, die in den 60er-Jahren in Japan wohl niemand öffentlich diskutiert hätte. Dadurch wirkt die Wahl des Tagebuchs höchst funktional für das Buch. Mit seiner Familie lebt er recht zurückgezogen, jedoch besuchen sie noch kulturelle Veranstaltungen – das Buch beginnt z.B. mit dem Besuch eines Kabuki-Theaters. Der Einstieg in das Werk ist etwas erschwert, da uns auf den ersten Seiten bereits vielerlei Schauspielnamen und fremde Begrifflichkeiten vorgesetzt werden, die man als Nicht-Japan-Kenner womöglich noch nie gehört hat. Dieses Buch besitzt allerdings ein umfangreiches Glossar, das uns dabei hilft, diese fremde Kultur zu verstehen. Tokusuke ist ein alter Mann und das merken wir bei jedem Wort und jedem Gedanken, das/den er niederschreibt. Er hat allerdings ein sehr grundständiges Bedürfnis nach Sexualität und eines Tages passiert es ihm, dass er sich in seine deutlich jüngere Schwiergertochter Satsuko verliebt. Diese ist natürlich mit seinem Sohn verheiratet, doch mit diesem Sohn verbindet ihn so gut wie nichts und dieser ist häufig nicht daheim, es wird ebenfalls spekuliert, ob dieser nicht eine Affäre habe – Tokusuke sucht also bewusst nach einer Legitimation für sein Zusammensein mit Satsuko. Die beiden (Tokusuke & Satsuko) verbringen sehr viel Zeit miteinander und mögen sich sehr, necken sich oft und ziehen sich bei gewöhnlichen Routinen des Alltags auf. Irgendwann kommt es zu gewissen Grenzüberschreitungen, die eher sinnlich und skurril sind als höchstgradig erotisch. Wer hier einen schlimmen SM-Roman erwartet, so etwas wird - Gott sei Dank - nicht geboten. Der Roman vermittelt auf diese Weise das Bedürfnis nach Sexualität der unterschiedlichen Generationen, was ich als sehr wichtig empfinde, dass es thematisiert wurde. Dieses Buch hat mir im Gesamtbild sehr gefallen. Sprachlich habe ich mir etwas mehr erhofft, allerdings verfasst ein alter Mann hier unverblümt und reflektierend, fernab der Öffentlichkeit seine Gedanken, er muss niemandem etwas beweisen und kann alles so einfach halten, um sich letztlich auch an alles zu erinnern. Was ich sehr bewundere an der Hauptfigur war die Tatsache, dass dieser Mann trotz Herz- und Nervenleiden versucht jeden Tag das Schreiben aufrechtzuerhalten. Dieses Mittel der Kommunikation und Erinnerung scheint seiner Gesundheit öfter zuträglich zu sein, er schildert aber oft auch nur kurz, dass es mit dem Schreiben gerade nicht geht, er Schmerzen auszustehen habe, die er nicht erträgt. Trotz allem versucht er sein Leben zu beschreiten, oft bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Dieser Durchhaltewillen ist sehr bewundernswert. Jun’ichiro Tanizaki gehört für mich zurecht zu den modernen Klassikern der japanischen Literatur und ich bin gespannt auf weitere Bücher aus seinem Gesamtwerk. Eine klare Leseempfehlung!

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Hinweis: In dieser Besprechung verwende ich die gebräuchlichere Schreibweise "Junichiro Tanizaki" ohne Apostroph im Vorname. Japan 1961/1962 Tagebuch eines alten Narren Autor: Junichiro Tanizaki Originaltitel: Fūten Rōjin Nikki Veröffentlichung: 1962 in Japan bei Chuokoron-Shinsha, 13. Juli 2015 als überarbeitete Neuauflage beim Manesse Verlag Übersetzung und Fußnoten: Oscar Benl Nachwort: Eduard Klopfenstein Genre: Erotik-Drama "Vielleicht liebe ich Satsuko deswegen, weil sie mir bis zu einem gewissen Grade zu dieser Illusion verhilft. Sie ist ein bisschen boshaft, ziemlich ironisch und lügt auch ganz gern. Mit ihrer Schwiegermutter und den Schwägerinnen versteht sie sich schlecht. Auch ihr Kind scheint sie nicht besonders zu lieben. In der ersten Zeit nach ihrer Heirat zeigte sich das nicht so deutlich, aber in den letzten zwei, drei Jahren dafür umso mehr. Mir macht es manchmal geradezu Spaß, sie noch mehr gegen die Frauen des Hauses aufzustacheln. Sie hat eigentlich keinen üblen Charakter. Sie ist im Grunde gutartig, aber unversehens überwältigt sie die Lust am Bösen, und dann brüstet sie sich geradezu damit. Ob sie es tut, weil sie merkt, dass mir das gefällt? Aus irgendeinem Grund behandle ich sie liebevoller als meine Töchter, und ich sähe es nicht einmal gern, wenn sie sich besser mit ihnen verstünde. Je gehässiger sie zu ihnen ist, desto reizvoller erscheint sie mir." - Tagebuch eines alten Narren. Übersetzung: Oscar Benl Heute jährt sich bereits der 50. Todestag von Junichiro Tanizaki (24. Juli 1886 - 30. Juli 1965), ein Schriftsteller, der einen großen Beitrag an die noch immer junge, moderne japanische Literatur geleistet hat. Tanizakis Einfluss auf die Weltliteratur ist unbestritten, dabei ist er aber weniger bekannt als Romancier, als viel mehr der Autor zahlreicher Essays und Novellen. Das "Tagebuch eines alten Narren" war Tanizakis letztes großes Werk. Rund 3 Jahre später, kurz nach seinem 79 Geburtstag, verstarb er im hohen Alter an Herzversagen. Das Tagebuch dieses lüsternen alten Mannes, den Tanizaki hier so brillant beschreibt, war praktisch sein Abschiedsgeschenk an die Weltliteratur. Der original japanische Titel des Romans ist dabei noch etwas markanter als der, der deutschen Ausgabe. 瘋癲老人日記 (Hepburn: Fūten Rōjin Nikki) heißt übersetzt so viel wie "Tagebuch eines verrückten alten Mannes". Ich finde die Benutzung des Wortes "Narren" hier aber angebrachter. Denn Protagonist Utsugi Tokusuke agiert dermaßen naiv und besessen, der Titel des Narren steht ihm viel besser als der des Verrückten. Tanizakis Roman gehört zum in Japan prominenten Genre des Nikki Bungaku (Tagebuch-Romanen). Hier muss aber noch angemerkt werden, Tanizakis Geschichte basiert komplett auf Fiktion (auch wenn vielleicht leichte autobiografische Elemente nicht abgestritten werden können). Erzählt wird praktisch die Geschichte von der Schönen und dem Biest außerhalb der Märchenwelt. Der Familienpatriarch Utsugi Tokusuke beherbergt eine große Familie. Finanziell hat er vor langer Zeit ausgesorgt und durch seinen Sohn Jokichi ist bereits für eine verlässliches Erbe gesorgt. Mit siebenundsiebzig Jahren möchte Tokusuke eigentlich nur noch seine verbleibende Zeit genießen. Die Gesundheit will dies aber nicht so ganz zulassen. Vor einiger Zeit erlitt er einen leichten Schlaganfall, von dem er sich nun erholt. Sein Spiegelbild erblickt der alte Mann nur noch mit Sarkasmus. Seine Zähne sind ihm unlängst ausgefallen, seine Haut ist verschrumpelt und faltig und man kann nur noch schwerlich sein Gesicht darunter erkennen. Auch die Impotenz machte letztendlich vor ihm nicht halt. Die Lust an schönen Frauen hat Tokusuke aber noch lange nicht verloren. Im Gegenteil. Er ist seiner Schwigertochter Satsuko regelrecht verfallen. Immer tiefer verstrickt sich der alte Mann in erotische Fantasien und frisst seiner gerissenen Schwiegertochter aus der Hand. Doch Tokusuke ist noch nicht so senil, um nicht zu bemerken, wie die Frau ihn benutzt. Doch darin liegt seine Passion, Tokusuke genießt es, benutzt zu werden. In seinem Tagebuch beschreibt er aufrichtig, wie er Satsuko, die Ehefrau seines Sones, verehrt und er sie jederzeit seiner eigenen Familie vorziehen würde. In (auf den ersten Blick) simplen Tagebucheinträgen vermag es Tanizaki, eine anspruchsvolle Geschichte zu erzählen, die einen nicht selten mit einer hängenden Kinnlade zurücklässt. Immer neue Geständnisse des alten Mannes kommen ans Licht. Bewundernswert dabei ist, wie authentisch Tanizaki die beiden Protagonisten Tokusuke und Satsuko beschreibt (seht zu dieser Authentizität trägt auch Oscar Benls Übersetzung bei, da er typisch japanische Begriffe und Anreden wie Ojiisan und Obaasan komplett unangetastet gelassen hat). Jeder Tagebucheintrag nimmt verstricktere Züge an und der Leser muss sich fragen, ob der alte Mann ein armseliger Lustmolch ist oder man ihm seine seltsamen Neigungen durchgehen lassen soll. Doch schützt das Alter wirklich vor dem Narrentum? Vermutlich nicht. Dabei ist sich Tokusuke bewusst, ausgenutzt zu werden. Es lässt all dies zu, sein Stolz kommt ihm dabei irgendwann völlig abhanden. Ist eine schöne, geheimnisvolle Frau es wert, sein komplettes Vermächtnis als Mensch aufs Spiel zu setzen? Erneut stellt Junichiro Tanizaki wichtige Fragen und lässt seine Leser mit vielen Fragen zurück. Gerne wird das Tagebuch eines alten Narren als erotischer Roman beworben. Allerdings darf man sich hier kein Ausmaß vorstellen, wie es bei aktuellen Genrevertretern der Fall ist. Dafür hat Tanizaki zu viel Stil, verpackt seine Worte beinahe dabei in geschmeidige Seite. Jedes Wort ist genau überlegt und durchdacht. Der erotische Aspekt dieses Romans geschieht auf eine wesentlich anspruchsvollere weise. Wer also tatsächlich wilde erotische Abenteuer in den Tagebucheinträgen dieses alten Mannes erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Der erotische Aspekt, von dem ich gerade sprach, ist ganz alleine Satsuko die mit ihren eigenen Waffen den Männern ihre Gedanken regelrecht vernebelt. Zur deutschen Ausgabe: Erneut hat sich der Manesse Verlag einem japanischen Klassiker angenommen. Seit ihrer hochwertigen Neuauflage zum Prinzen Genji und des großen Haiku und Tanka Sammelbandes Japanische Jahreszeiten freue ich mich auf sämtliche Ankündigungen des Verlages. In der vollständig durchgesehenen Neuauflage des "Tagebuch eines alten Narren" setzt man wie bei der Geschichte um den Prinzen Genji erneut auf eine Übersetzung des Japanologen Oscar Benl (1914-1986). Wieder einmal wird eine sehr moderne, sprachlich starke Übersetzung präsentiert die den Klassiker flüssig und verständlich lesbar präsentiert. Dazu gibt es zahlreiche Fußnoten zu japanischen Begriffen im Anhang und ein ausführliches Nachwort von Eduard Klopfenstein. Die Hardcover-Ausgabe ist mit einem Schutzumschlag versehen (sehr passendes, modernes Design). Die eigentliche Seele dieser Ausgabe befindet sich aber unter dem Schutzumschlag. Genau wie die Geschichte des Prinzen Genji, ist das Buch in Leinen gebunden. Somit fügt sich diese Ausgabe bestens zur Sammlung hinzu, sollte man bereits die Neuauflage für den Prinzen Genji besitzen. Präsentiert wird wieder einmal eine vorbildliche Ausgabe für bibliophile Sammler (ganz besonders für Liebhaber der japanischen Literatur). Resümee Das "Tagebuch eines alten Narren" ist eine ungewöhnliche Geschichte über das Altern. Die privaten Geständnisse eines greisen Patriarch einer wohlhabenden japanischen Familie ist ein Roman, wie er typisch japanischer nicht sein kann. Alle Elemente, die die japanische Literatur so besonders macht, bringt Junichiro Tanizaki in den Tagebucheinträgen unter. Teilweise mit Staunen wird der Leser diese Tagebucheinträge verschlingen, auch wenn ich davon abraten kann. Die Tagebucheinträge dieses alten Narren lesen sich am besten, wenn man sie sich für mehrere gemütliche Abende aufhebt. Am besten man genießt sie wie einen teuren Whiskey. Nicht alles auf einmal, sonst ärgert man sich, wie schnell die Flasche leer war. In einer schönen bibliophilen Ausgabe hat der Manesse Verlag dem japanischen Schriftsteller einen schönen Tribut zu seinem 50. Todestag gezollt. Ein Roman, der in einer gut sortierten Sammlung japanischer Literatur nicht fehlen sollte. Anmerkung: Original Rezension auf dem Blog ist teilweise bebildert.

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