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Leserstimmen (69)

Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten Blick ins Buch

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-630-87487-6

Erschienen: 08.03.2016
Dieser Titel ist lieferbar.

Bestseller Platz 20
Spiegel Hardcover Belletristik

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Ein Blick hinter die Idylle

Von: Martina Meyen Datum : 28.05.2017

www.eseloehrchen.de

Ein kleines Dorf in Ostdeutschland hat sich Juli Zeh für ihre Gesellschaftsanalyse ausgesucht und ihm den treffenden Namen „Unterleuten“ gegeben. Schon an diesem Titel erkennt man, wie geschickt sie mit Sprache umgeht.

Juli Zeh hat ihren Roman in sechs Teile gegliedert und lässt in 62 Kapiteln ein knappes Dutzend der Dorfbewohner zu Wort kommen. Und so schwappt nicht nur die Vergangenheit allmählich ans Tageslicht, sondern ich als Leser betrachte das Ganze ständig aus einem anderen Blickwinkel. Das macht die Faszination dieses Dramas aus, denn genau das ist es für mich. An dieser kleinen Dorfgemeinschaft stellt Juli Zeh sehr anschaulich dar, wie jeder nur an seinen Vorteil denkt und sich dabei auch noch im Recht fühlt, wie jeder gegen jeden intrigiert und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Handlung bewegt sich dabei kontinuierlich weiter und kann auch mit einigen Thrillerelementen aufwarten. Denn mit Cliffhangern geizt Juli Zeh absolut nicht.

Die Personen waren mir allesamt zunächst unsympathisch, das muss man auch mal schaffen. Und je mehr ich über jeden einzelnen erfahren habe, um so mehr verschwammen die Grenzen zwischen Antipathie und Sympathie.

Sprachlich finde ich Unterleuten absolut brillant, der Schreibstil ist zweideutig, sarkastisch, humorvoll und auch spannend und bei all der Vielseitigkeit doch gut zu lesen. Ich mag schöne Sprache, aber ich muss passen, wenn es zu kompliziert oder zu abgehoben wird. Das ist es hier ganz und gar nicht der Fall. Ich bin beeindruckt von so viel Zweideutigkeit, von so vielen Sätzen, bei denen ich erstaunt die Augenbraue hebt um dann beim zweiten oder dritten Lesen das gesamte Zwischenspiel zu erfassen. Das ist schon genial und mir in dieser Form noch nicht bewusst begegnet.

Vordergründig geht es natürlich um den geplanten Windpark und wie jeder am besten seinen Vorteil daraus zieht. Aber gleichzeitig hat Juli Zeh noch viele andere Themen angesprochen wie die Stadtflucht, Ehekrisen, Schuld und Sühne und die Verarbeitung der DDR Geschichte.
Mir ging es beim Lesen nicht immer gut, manches zog sich, einige Figuren blieben etwas blass und manchmal waren mir die gemeinen Intrigen einfach zu viel. Unterleuten ist alles andere als ein Wohlfühlroman und hat das Potential, romantische Vorstellungen vom Landleben zu zerstören. Aber über allem steht dann doch die brillante Sprache, die ich in vollen Zügen genossen habe und eine Story, die man nicht so schnell vergisst.

Fazit: Landleben ist nicht immer idyllisch und schöne Sprache beschreibt nicht immer schöne Dinge. Mit Unterleuten hat Juli Zeh mir einen Blick hinter die Idylle gewährt und ein Gesellschaftsbild gezeichnet, das mich sehr nachdenklich gemacht hat.

Mit Leuten - Unter Leuten

Von: Kati Datum : 22.05.2017

www.50percentgreen.de

Beim Titel „Unterleuten“ setzte ich im Kopf zunächst ein Leerzeichen dazwischen – unter Leuten. Der Titel ist bewusst gewählt, denn auch wenn Unterleuten ein fiktives Dorf ist, geht es genau darum. Leben unter Leuten, auf dem brandenburgischen Land. Ein Hipster-Pärchen aus Berlin – er alternder Dozent, sie seine junge Studentin und inzwischen auch Mutter seines Kindes – leben den Traum, den viele Großstadtpaare, die Eltern geworden sind, träumen, und ziehen aufs Land. Ins ehemals ostdeutsche Hinterland, sozusagen.

Dort ist man von Neuankömmlingen und generell allem, was neu ist, wenig begeistert, und vor allem eines: skeptisch. Denn: früher war alles besser. Ging seinen gewohnten Gang. Man wusste, wer man war, und wohin man gehörte, hatte einen Job, hatte Familie. Hatte vielleicht nicht die größten Perspektiven, aber einen Platz und einen Nutzen. Dann kam die Wende. Jobs gingen verloren, Familien zerfielen, Traditionen wurden gebrochen und so manch einer der Dorfbewohner hat seinen Sinn im Leben aus den Augen verloren.

Der alternde Dozent nimmt eine Stelle als Vogelschützer an, seine Freundin hingegen merkt, dass die anfänglich idyllische Vorstellung vom ruhigen Leben auf dem Land mehr als fragil ist. Zu guter Letzt soll rund um den Ort nun auch noch ein Windpark errichtet werden – der Vogelschützer geht auf die Barrikaden und die Lage im Dorf eskaliert.


Genormt, bespaßt und verwaltet – eine Bürgerherde.

Die Handlung des Buches ist vielleicht keine ganz neue, keine ganz außergewöhnliche. Bei Zehs Romanen ist das häufig so – sie leben von der detaillierten, auf den Punk gebrachten Beschreibung der Charaktere – so auch in diesem Roman, der aus der Sicht der verschiedenen Bewohner erzählt wird.

Hierbei wird keine der Figuren weichgezeichnet, idealisiert oder stigmatisiert, viel mehr beginnt der Leser, Verständnis aufzubauen – für Wendegewinner, Wendeverlierer und gänzlich unbetroffene, zugezogene. Für Bauern und Unternehmer, die ihre fast schon traditionsgewordene Fehde weiter kultivieren, obwohl keiner so Recht weiß, worin diese ihren Urpsprung hat. Für eine Mutter, die nur das Beste für ihr Kind will, und darüber vergisst, was sie eigentlich möchte. Für den Nachbarn einen Zaun weiter, der rücksichtslos in ihren Wohnraum eindringt. Für Affären, für Totgeschwiegenes, für Bürgermeister- und für Bürgerinteressen.

War denn der Kommunismus eine so schlechte Idee, wenn ein alteingesessenen Ostdeutschen, der vergangenen Zeiten hinterhertrauert und diese idealisiert, aktuelle Entwicklungen so pointiert kritisiert, dass man kurz stockt und sich denkt: Recht hat er?

Unterleuten ist ein wirklich großartiger Roman, dabei aber ganz unaufgeregt. Ein Pageturner, den man aber trotzdem zwischendurch aus der Hand legen kann -und vielleicht auch muss – um die Geschehnisse nachwirken zu lassen. Zwischen den Zeilen wird so vieles angesprochen, wird Kritik an so vielen aktuellen Entwicklungen geübt, dass jeder etwas aus diesem Buch für sich mitnehmen kann. Best-Bewertung dafür von mir und eines der Bücher, das im Regal bleiben darf – auf Lebenszeit.

Windige Zeiten in Juli Zehs Unterleuten

Von: Fluffy Words Datum : 16.05.2017

fluffywordsblog.wordpress.com

Gerhard Fließ schaut bestimmt, aber freundlich in die Kamera. Er hat ein Anliegen, das wird beim Betrachten seines Gesichtsausdrucks bereits deutlich. Der umgebende Text erklärt, dass Fließ sich für den Vogelschutz engagiert, wobei ihm die rare Gattung der Kampfläufer besonders am Herzen liegt. Der Tierschützer ist einer von vielen Bewohnern des Dorfs Unterleuten, durch deren unterschiedliche Perspektiven Juli Zeh ihren gleichnamigen Roman zum Leben erweckt.

In Unterleuten, das Zeh in Brandenburg, gerade weit genug weg und nah genug dran am brodelnden Berlin, situiert, wohnen neben dem frisch aus der Hauptstadt zugezogenen Fließ die alteingesessene Crazy-Cat-Lady Hilde Kessler, die Erzfeinde Gombrowski und Kron oder die Pferdenärrin und Jungunternehmerin Linda Franzen. Die Liste ist lang, genau wie Juli Zehs Roman. Auch nach seinen 640 Seiten will dieser kein Ende nehmen; stattdessen hat Juli Zeh ein Gesamtkunstwerk komponiert, das ihren Figuren eigene Facebook- oder Xingprofile zukommen lässt sowie dem Dorfrestaurant und eben auch dem Vogelschutzverein, inklusive Foto des Vorsitzenden, eine eigene Homepage einräumt. Es gibt Newsletter, Tagesgerichte oder Hintergrundinformationen zur alten LPG „Gute Hoffnung“, die das Dorf und ihre Bewohner entzweit hat, als die BRD und DDR sich hingegen von der Mauer verabschiedeten. Während jedoch die virtuelle Variante heimelig wirkt, konfrontiert Juli Zeh ihr Figurenensemble zwischen den Buchdeckeln mit lauten Rasenmähern am Sonntagmorgen und der Frage nach dem Stellenwert des Gemeinwohls gegenüber den eigenen Bedürfnissen. Wie auch schon bei „Adler und Engel“ oder „Spieltrieb“ bleibt Zeh nicht dabei, zu informieren, sondern sie betrifft und zieht den Leser mit hinein in psychische Untiefen der Dorfbewohner und in den Untergrund von Unterleuten.

Zehn Jahre hat die studierte Juristin, die selbst gerade die Stadtresidenz gegen ein Landhaus getauscht hat, voller Akribie und laut eigener Aussage mit gelegentlichem Realitätsverlust an ,,Unterleuten“ gearbeitet. Online ist sie dabei zu beobachten, wie sie vor einer eigens angefertigten Flurkarte ihres Romanschauplatzes steht. Jedes Grundstück der Bewohner Unterleutens ist eingezeichnet, ebenso wie ein Windpark, der, Fortschritt und saubere Energie versprechend, in Unterleuten entstehen soll. An den Windrädern kumuliert sich das dörfliche Chaos, winkt mit finanziellem Segen für den einen und überrollt den anderen. Nicht zuletzt sieht auch Neu-Unterleutner und Vogelfreund Gerhard Fließ sich und die Kampfläufer bedroht und beginnt zu verstehen, wie Unterleuten funktioniert: „Er hatte gerade eins der großen Rätsel der Menschheit gelöst, nämlich die Frage, warum es so viel Gewalt auf der Welt gab. Die Antwort lautete: Weil Gewalt verdammt einfach war.“

Volltreffer

Von: Goldene Seiten Datum : 08.05.2017

goldeneseiten.blogspot.de/

Warum es sich zu lesen lohnt:

2016 ist noch nicht ganz vorbei, ich lege mich dennoch schon jetzt fest: "Unterleuten" ist das Beste, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Volltreffer.

Juli Zeh beschreibt ein Dorf und seine BewohnerInnen mit ihren Lebensentwürfen, Moralvorstellungen, familiären Verstrickungen, Sehnsüchten und politischen und persönlichen Interessen.

Ich habe einen Faible für Bücher, in denen Geschichten aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. In diesem Buch kommen kapitelweise verschiedene Personen, die in Unterleuten leben, zu Wort und beschreiben die Situation in dem kleinen Dorf aus ihrer Sicht. Die Charaktere, die bisweilen Klischees erfüllen, und die Themen des Dorfes, lassen sich problemlos auf unsere Gesellschaft übertragen.

Eine Mutter, die nur das Wohl ihres Kindes im Sinn hat und vom Leben auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Ein Umweltschützer, dem die Kraniche dann doch im letzter Konsquenz egal sind. Eine Pferdenärrin, die vor Ehrgeiz und Selbstbeherrschung strotzt und ihre Interessen durchsetzt, egal wie. Eine durchgeknallte Alte, die mit 20 Katzen in einem Haus lebt. Ein Bürgermeister, der nur das Beste für sein Dorf im Sinn hat. Und ein Energiekonzern, der einen Windpark in Unterleuten errichten will.

Juli Zeh ist es gelungen einen Gesellschaftsroman zu schreiben, der sich wie ein Krimi liest. Großartig.

Ganz im Ernst: Nichts für Tierliebhaber

Von: Martina Kämpfe aus Halle Datum : 21.04.2017

Zu dem Buch ist viel Lob gesagt worden. Ich habe es empfohlen bekommen und mit Interesse gelesen, Interesse nicht an Stadt-Land-Kontexten oder Umweltschutz, sondern an der Frage, wie eine Autorin ihre vielschichtigen Figuren und Probleme letztlich auflöst. Gut gelungen ist die spannende Erzählweise, das Buch trägt durchaus krimihafte Züge, aber insgesamt ist mein Eindruck nicht nur positiv. Einiges finde ich (zu) konstruiert, man fragt sich an mehreren Stellen unweigerlich, ob sich Leute tatsächlich so verhalten würden. Fiktive Personen sind Sache des Künstlers, wo er ggf. künstlich übertreibt, das gehört dazu, allerdings wirft dieses Mittel dann auch die Hinterfragung auf, ob es für die Erzählung der Story nötig ist. Und damit ist man bei der Plausibilität der Charaktere und der Gesamtgestaltung. Bei den zahlreichen Grausamkeiten in diesem Buch kommt man oft an diesen Fragepunkt. Stellvertretend nur ein Bsp. vom Schluss: dass Fidi, die Hündin, derart verabschiedet wird, finde ich unnötig grausam und auch unplausibel, was das Verhalten der betroffenen Personen betrifft. Paradoxerweise verhält sich der Mensch ja bekanntlich zu Tieren menschlicher als zu seiner eigenen Gattung, zumindest in konkreten Mensch-Tier-Beziehungen, wie es bei der Hundehaltung ja besonders der Fall ist. Die (abstrakte) Arterhaltung einer bedrohten Vogelart, die im Buch ja auch Thema ist, interessiert hingegen ja meist nur "abstrakt" eben Tierschützer. Die Farce dieser Art Tierschutz wird wiederum gut herausgearbeitet.

"Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv."

Von: Travel Without Moving Datum : 18.03.2017

www.travelwithoutmoving.de

Das brandenburgische 200-Seelen-Dorf Unterleuten wirkt auf den ersten Blick wie die perfekte Idylle: Obstbäume, eine Dorfgemeinschaft, die sich schon lange kennt, Natur pur. Doch unter der Oberfläche brodeln Konflikte, die weit zurück in die Vergangenheit der Dorfbewohner führen und die sich dramatisch verstärken, als ein Windpark in unmittelbarer Nähe des Dorfes errichtet werden soll. Bald machen sich die verschiedenen Konfliktparteien gegenseitig das Leben schwer, und das idyllische Unterleuten wird immer mehr zur Hölle.

Juli Zeh hat mit Unterleuten einen Gesellschaftsroman über das 21. Jahrhundert geschrieben, in dem nur noch der Einzelne zählt und die Gemeinschaft immer mehr zerfällt. Dabei gelingt es ihr hervorragend, dem Leser das Leben in Unterleuten nahe zu bringen, indem sie ihre Protagonisten detailreich und lebensnah zeichnet und die Beziehungen zueinander mit viel Feingefühl herausarbeitet.

Auch wenn der Roman im Verlauf bisweilen Längen aufweist, fand ich die Art und Weise, wie Zeh ihren Protagonisten Leben einhaucht, beeindruckend, denn jede einzelne Figur wurde komplex gezeichnet und beschrieben, wobei man anfangs sympathische Personen im Verlauf bisweilen für abstoßend hält und initial widerwärtige Menschen nach und nach besser verstehen und akzeptieren kann. Diese vielschichtigen Protagonisten empfand ich als extrem spannend und zusammen mit den verflochtenen Beziehungen zwischen ihnen als Höhepunkt des Romans. Auch die Schilderungen der Handlungsorte sind Zeh außerordentlich gut gelungen, und beim Lesen fühlt man sich des Öfteren nach Brandenburg versetzt.

Sprachlich empfand ich Unterleuten als anspruchsvoll, ohne dass sich der Roman sperrig lesen ließ. Vielmehr handelt es sich um ein flüssig lesbares Buch, das sprachlich sehr natürlich wirkt und inhaltlich packend ist.

Juli Zeh: Unterleuten. Luchterhand Literaturverlag, 2016, 639 Seiten; 24,99 Euro.

Grandios

Von: Silke Wagenitz aus Bad Saarow Datum : 26.01.2017

Ich bin mitten ins Herz getroffen. Unterleuten ist überall um mich herum. Als Brandenburgerin bin ich fassungslos, wie die mich umgebende Gesellschaft punktgenau offen gelegt wird. Ich bin begeistert von dieser Sprache, diesem sprachlichen Humor und dieser treffsicheren Beschreibung der gegenwärtigen Verhältnisse. Ich befinde mich mitten drin in diesem Unterleuten und freue mich an der Leichtigkeit die mir durch dieses Buch vermittelt wird, manches bisher schwer zu ertragende nun mit einem Schmunzeln zu lassen.... DANKE!

Unterleuten

Von: Bingereader Datum : 17.11.2016

bingereader.org/

Juli Zeh ist eine der wenigen deutschen Autoren, von denen ich jedes Buch lese und am liebsten gleich, wenn es vom Stapel läuft. Ein Roman über ein Dorf in der Provinz ist nun normalerweise nicht das, bei dem ich atemlos und vor Freude jauchzend zugreife, denn als arroganter Städter klingt das für mich in etwa so attraktiv wie tot überm Zaun hängen (sorry, not sorry). Aber gut, wenn Frau Zeh das zum Thema macht, dann eben auch Dorf, Provinz, Ornithologen, junge Mütter und Windräder.

„Die jungen Leute von heute besaßen erstaunliche Talente. Zum Beispiel ungeheure Effizienz bei vollständiger Abwesenheit von Humor.“

Und wer hat nicht selbst genügend Erfahrungen mit dysfunktionalen Beziehungen, mit Idealisten, die dann doch irgendwie auf die Dark side gewandert sind, mit anstrengenden Hipstern, mit den dauerpolitisierenden vermeintlichen Sieger- oder Verlierertypen.

Wer sich also mindestens einmal zu entsprechenden Erfahrungen bekennen muss, der wird wahrscheinlich einen Großteil von sich selbst und seinem Bekanntenkreis in dem Protagonisten-Reigen des Romanes wiederfinden.
Ok, es macht vielleicht nicht immer unbedingt Spaß, den Spiegel vorgehalten zu bekommen und man sich sieht in seiner verknitterten, augenberingten Glorie, aber da muss man durch. Frau Zeh ist da unerbittlich, in Technicolor und 3D beleuchtet sie die Düsternis in der vermeintlichen Idylle des Dorfes „Unterleuten“. Windräder spalten ein ganzes Dorf, die zugezogenen Natur-Naivlinge wünschen sich unveränderte Naturschönheit, sie sind schließlich nicht aus der Stadt weggezogen um jetzt wieder mit dem Fluch des Fortschritts konfrontiert zu werden, die knorrigen Dörfler hoffen auf Geld und Zukunft für ihr Dorf und man fragt sich ständig während des Lesens, wo würde man selbst wohl stehen.

„Was ihn so gebannt zu hören ließ, war die Art, wie Frederick und Lina miteinander sprachen. Die beiden gehörten zu einer fremden Spezies. Nichts an ihnen war gedämpft. Nichts an ihnen war unsicher, zurückhaltend, zweiflerisch oder bescheiden. Diese jungen Menschen, in Meilers Augen halbe Kinder, agierten als Repräsentanten eines neuen Jahrhunderts. Sie arbeiteten nicht mehr für Vorgesetzte. Sie kannten keine überheizten Büros, keine grauhaarigen Sekretärinnen und keine Telefone, die über Kabel mit der Wand verbunden waren. Sie kannten keine Abteilungen und deren Abteilungsleiter, keine kurzen und lange Dienstwege und auch nicht den Geruch von frisch gesaugten Teppichböden, der die Arme schwer, den Rücken krumm und die Schritte langsam machte. Sie waren selbständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts. Wenn sich Meiler die neue Generation vorstellte, sah er eine Armee von jungen Leuten mit ausgestrecktem rechten Arm, nicht zum Führergruß, sondern um das eigene Gesicht mit dem Smartphone aufzunehmen.

Zeh versteht es, die Dynamiken dieses Mikrokosmos zu erfassen und jeder der Charaktere des Romans hat Substanz und ist glaubhaft, ganz egal welchen Hintergrund oder welches Alter eine Person hat. In keinem ihrer Romane hat Zeh mich so sehr an Franzen erinnert wie in diesem, in der Dichte, Länge und auch im Anspruch habe ich mich häufiger an „Freedom“ erinnert gefühlt. Zeh läßt uns durch ein Kaleidoskop schauen, jedes Mal wenn man glaubt erkannt zu haben, was Sache ist, gibt es eine neue überraschene Wendung.

Im Grund geht es auch in „Unterleuten“ um Freiheit, persönliche und gesellschaftliche, wie wir sie ausleben und die daraus entstehenden Konsequenzen.

Mir hat „Unterleuten“ trotz oder wegen der dörflichen Provinz sehr gut gefallen. Gut geschrieben, spannend, humorvoll auch wenn keine der Figuren einem wirklich ans Herz wächst und sie eigentlich alle mehr oder weniger bemitleidenswert sind. Ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.

Gewinner gibt es keine in diesem Roman, so ist es wohl das Leben in der Provinz und Juli Zeh muss das wissen, die ist schießlich vor ein paar Jahren ins Havelland gezogen.

Hier noch eine weitere Rezension zu „Unterleuten“ von Brasch & Buch, der auch ein Interview mit Erfolgsguru Manfred Gortz geführt hat��

Interessante und spannende "Milieustudie"

Von: Burgherr Datum : 12.11.2016

meinblogistmeineburg.blogspot.de/

Immer wenn ich mal wieder gar nicht weiß was ich lesen soll, greife ich zu Genres oder Titeln, die mir denkbar fremd sind. Der Verlag nennt "Unterleuten" einen Gesellschaftsroman, ich kann mich nicht erinnern, jemals zu einem solchen gegriffen zu haben. Vom Leben in einem ostdeutschen Dorf hatte ich nur dunkle Vorstellungen. So erschien "Unterleuten" auf den ersten Blick als "mutige" Wahl mit Aussicht auf Erkenntnisgewinne. Und ich wurde in jeder Hinsicht positiv überrascht.

Im Kern geht es in "Unterleuten" um den Bau von Windkrafträdern auf dem Gebiet der brandenburgischen Gemeinde Unterleuten. Daraus macht Juli Zeh einen Roman über 600 Seiten mit ca. 30 handelnden Personen. Zuerst subtil und später offensichtlich entwickelt sich eine spannende Geschichte. Es will schon etwas heißen, wenn ich ein Hardcover dieses Gewichts zeitweise ins Reisegepäck aufnehme.

"Zugezogene" (u. a. ein Vogelschützer, angelockt von den Kampfläufern und Stadtflüchtlinge auf der Suche nach ländlicher Idylle) treffen auf alteingesessene Dorfeinwohner und zudem verfolgt ein westdeutscher Investor seine Agenda. Die Konflikte sind vorprogrammiert. Und dann gibt es noch den Zwist zwischen den Alphatieren des Dorfs, der bis in DDR-Zeiten zurückreicht. Die Kungelei um die Windräder und die geschickte Verstrickung der Lebenswege der Dorfbewohner ergeben zusammen eine Geschichte, die zwar nicht ganz ohne Klischees auskommt, aber trotzdem sehr realistisch erscheint. Die Erzählweise der erfolgreichen Autorin Juli Zeh wird ihrem Ruf gerecht. So wird z. B. an der Figur der ehrgeizigen Linda Franzen gezeigt, wie sich der Glaube an "Lebenshilfe- und Motivationsbücher" auswirkt. Als Vorlage hält das reale Buch "Dein Erfolg" von Manfred Gortz her. Realität und Fiktion verschwimmen in "Unterleuten" immer wieder. Auf der Website zum Buch werden das Dorf und seine Bewohner vorgestellt, selbst auf die Website der Dorfkneipe wird verwiesen.

So sehr den Geschichten und Charakteren Raum für ihre Entwicklung gelassen wird, so sehr überschlagen sich gegen Ende die Ereignisse. Diese Beschleunigung hätte ich nicht gebraucht. Trotzdem gibt es von mir eine nachdrückliche Leseempfehlung. An "Unterleuten" kann wirklich jeder Leser Gefallen finden. Trotz der 635 Seiten wird die Geschichte allerdings nicht für den ganzen Winter reichen, dafür liest sich das Buch einfach zu schnell und zu gut.

Unterlegten ist überall

Von: Ft aus Irgendwo im Westerwald Datum : 01.11.2016

Ein tolles, spannendes und realistisches Buch. Wenn man selbst aus der Stadt aufs Land gezogen ist, stellt man fest, dass es viele Parallelen gibt. Unterlegten ist Realität gleich wo in Deutschland.

Authentisches Dorfleben

Von: Gela Datum : 21.10.2016

gelas-home-of-books.blogspot.de/

Fernab von aller Großstadt-Hektik liegt das Dorf "Unterleuten" in Brandenburg. Hier kennt noch jeder jeden und Zugezogene haben es nicht leicht, denn wer sich nicht an die dörflichen Regeln hält, wird zum Außenseiter. Ein geplanter Windpark und die damit verbundenen Flächennutzungen lassen das Geflecht aus ungeschriebenen Schuldverhältnissen und gegenseitigen Gefälligkeiten auseinanderfallen. Jeder will ein Stück des Kuchens ergattern und bringt damit das Dorfgefüge ins Wanken. Lange unterdrückte Missgunst, alte DDR-Seilschaften und falschen Ambitionen von Neubürgern ergeben eine explosive Mischung.

Juli Zeh beschreibt ein Dorf, das sicherlich viele schon so vor Augen hatten. Auf den ersten Blick eine ländliche unberührte Idylle, die man erst auf der Karte suchen muss. Die 250 Bewohner lieben es schlicht und ruhig. Die ehemalige LPG, jetzt ein Agrarbetrieb mit Bio-Siegel ist der einzige große Arbeitgeber weit und breit. Neu ist der Aufwand, der um das Buch herum betrieben wurde. Die Autorin sagt selbst über das Buch: "'Unterleuten' hatte von Anfang an die Tendenz, über die Buchdeckel hinaus zu wuchern." Im Internet findet man eine eigene Website http://www.unterleuten.de/, die nicht nur das Dorf mit Ortsplan und die Bewohner akribisch genau in Steckbriefen beschreibt, sondern auch Medien wie facebook und youtube nutzt, um Charaktere des Buches "lebendig" werden zu lassen. Zum Verständnis der Handlung sind diese zusätzlichen Angebote aber nicht erforderlich.

Nach Veränderung strebt in Unterleuten niemand. Die Charaktere sind nicht sympathisch, glatt und nett anzuschauen, sie polarisieren. Jeder hat sich sein eigenes kleines Weltbild geschaffen und lässt daran nicht rütteln.

"Am liebsten sprach er davon, dass das Drama der modernen Politik im fanatischen Streben der Menschen nach Veränderung liege. Die
Menschen von heute konnten nichts lassen, wie es war, auch das Gute nicht. Wenn etwas funktionierte, machten sie es mit ihrer Änderungswut kaputt, bis es wieder Probleme gab, mit deren Lösung sie sich profilieren konnten."

Die Handlung, die nicht mehr als zwei Monate (Juli und August 2010) einnimmt, überrascht durch immer neue Wendungen. Man bewegt sich von der Oberfläche in immer tiefere menschliche Abgründe. So wie man seinen Nachbarn vermeintlich kennt, hat man auch bei den Unterleutenern schnell Schubladen geöffnet und sich eine Meinung gebildet. Doch es kommt anders, dramatisch und unvorhersehbar.

Das Spiel um Missverständnisse und Schuldzuweisungen wird von der Autorin gekonnt inszeniert. Ein gesellschaftskritisches Lesevergnügen der besonderen Art.

Sehr lesenswert!

Von: Karthause Datum : 13.09.2016

https://karthause.wordpress.com/

„Dörfer wie Unterleuten hatten die DDR überlebt und wussten, wie man sich den Staat vom Leibe hält. Die Unterleutener lösten Probleme auf ihre Weise. Sie lösten sie unter sich.“ (S. 28 Unterleuten Juli Zeh)

Gleich vorweg, ich hatte nicht all zu große Erwartungen an das Buch, fast hatte ich ein wenig gezweifelt, ob dieses Buch, das quer durch alle Medien hinweg gelobt wurde, auch mich begeistern würde.

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen ebenso beeindruckenden wie großen Gesellschaftsroman vorgelegt. Anhand des kleinen brandenburgischen Dorfes Unterleuten schreibt sie vom Zusammenleben der Menschen, von Störenfrieden und unterschiedlichen Lebensvorstellungen und -plänen, die letztlich das ganze Dorf betreffen. Von persönlichen Animositäten bis hin zum großen Konflikt lernt der Leser alles über die nur zum Teil eingeschworene Gemeinschaft. Es gibt die Alteingesessenen, die Neu-Unterleutener, die ewig Gestrigen, die Wendehälse, die Karrieristen und die Aussteiger, die Wir-lassen-alles beim Alten- und die Wir-wollen-alles-besser-machen-Menschen. Die Charaktere sind als Typen, mitunter etwas überspitzt, dargestellt. Sie sind nicht immer liebenswert, manche kauzig, andere egoistisch, einige weltfremd. Aber alle wirken in ihrem Tun (und Lassen) durchaus glaubhaft, ehrlich und überzeugend. Alle kamen mir doch auf die eine oder andere Art bekannt vor, weil die Autorin das Spezielle, die für den Brandenburger typischen Eigenschaften so treffend auf den Punkt brachte. Hätte ich diesen Roman gelesen, ohne zu wissen, in welcher Gegend er angesiedelt wurde, zielsicher hätte ich auf meine alte Heimat getippt.
Trotz des durchaus vorhandenen Lokalkolorit ist dieser Roman weit entfernt von einem Abbild einer heilen Welt. Unterschwellige, seit Jahrzehnten sich entwickelnde Konflikte treten mehr oder weniger offen zu tage, alte Seilschaften brechen auseinander, neue entstehen. Die verschiedenen Interessen sind kaum vereinbar.

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh nicht nur dem Blick des Lesers auf einen kleinen Ort im Brandenburgischen gelenkt. Sie lenkt ihn damit auch auf Probleme unserer gesamten Gesellschaft, für die sie durchaus kritische Worte findet.

Eine wirkliche Herzensperson, mit der man mitfiebern kann gibt es in diesem Roman nicht, jedenfalls für mich nicht. Vielmehr rücken die verschieden, zum Teil auch unvereinbaren Interessen in den Blickpunkt des Betrachters.

Es wurde auch nicht von Beginn an deutlich, wer mit wem oder gegen wen agierte, die Beziehungen verändern sich recht häufig, doch im Laufe der Handlungsentwicklung ergibt sich ein sehr umfassendes, komplexes Bild der dörflichen Gemeinschaft.

„Unterleuten“ ist ein gesellschaftskritischer Roman, der zum Nachdenken und diskutieren anregt. Für mich ist er ein Lesehighlight geworden. Mit viel Interesse besuchte ich auch die Seite im Internet, die neben dem Plan des Dorfes auch einen zusammenfassenden Einblick in das Who is who der Dorfgemeinschaft gibt.

Weiterführende Links
http://www.unterleuten.de/unterleuten.html#bewohner

Personenentwicklung im Bonustrack

Von: Kerstin Lück aus Berlin Datum : 31.08.2016

literarische-mediation.de/mediation-roman-unterleuten-juli-zeh-2015/

Ein großartiger fein komponierter Roman. Ich habe mich dazu hinreißen lassen, die Figuren weiterzuentwickeln, um ihr Potential zu konstruktiven Lösungen auszuloten. Der Bonustrack zu einem Roman, der wie kein anderer das Konfliktverhalten von Dörflern wie Städtern, Ossis und Wessis, Männern und Frauen aufspießt. Außerdem habe ich viel über LPG-Umwandlungen nach der Wende bei den Recherchen für meinen Blog gelernt. Ein heißes Thema. Danke Juli Zeh.

Ein großartiges Buch!

Von: Prof.Dr.Caterina Maderna aus Heidelberg Datum : 11.08.2016

Selten habe ich eine so intelligente und feinfühlige, die Perspektiven so vieler 'Prototypen' unserer Gesellschaft bis in die Tiefe auslotende Analyse in einer derart reichen, zum Schmunzeln ebenso wie zum ernsthaften Nachdenken anregenden Sprache verfasst, gelesen! Ich bin begeistert.

Gerne 10 Sterne

Von: Nomadenseele Datum : 10.08.2016

nomasliteraturblog.wordpress.com/

Gombrowski, der sich für das Dorf und dessen Wohlergehen einsetzt und trotzdem angefeindet wird. Sein Gegenspieler Kron, der in der DDR schon ein 100%er war. Hilde, mit ihren 20 Katzen. Jule und Gerhard, ein Akademiker - Pärchen, welches so gar nicht aufs Land gehört, sich dies aber nicht eingestehen möchte. Und Linda und Frederic, die Pferdefrau, er Software-Entwickler. Dazu kommen dann noch Nebenfiguren wie die Kinder der genannten und Nachbar Schaller, der seine Nachbarn mit brennenden Autoreifen einnebelt.

Andauernd befinden sich die Charaktere *unter Leuten* und gegenseitiger Schuld und Abhängigkeit. Wie ein Thriller liest sich der Roman um altes und neues Unrecht, zerplatzte Träume, Untreue und Eifersucht.

Sehr bitter war das Ende des Romans, welches nur Beschädigte kennt, zudem hätte ich mir einen anderen Gewinner beim Tauziehen um das Gelände gewünscht.

Zwei Ungenauigkeiten habe ich gefunden, auf Seite 627 ist von Walfischen die Rede, dabei sind dies Säugetiere und die Olympiade ist die Zeit zwischen den Olympischen Spielen und nicht die Spiele selbst (Seite unbekannt).

Fazit
Ein faszinierender Roman über die Komplexität menschlicher Beziehungen.

Ein Dorf ist gegen Windkraft - oder auch nicht

Von: Inas Bücherkiste Datum : 30.07.2016

inasbuecherkiste.blogspot.de

Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein. Auch die, in ein kleines, entlegenes Dorf zu ziehen. Alle, die von einem idyllischen Landleben, hilfsbereiten Nachbarn, einer Dorfkneipe und ganz viel Ruhe träumen, empfehle ich Unterleuten. Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh räumt nachhaltig auf mit der Dorfromantik, wie sie sich Stadtmenschen gerne er
träumen.


Das Dorf Unterleuten mit seinen 250 Einwohnern mitten in Brandenburg gibt es zwar nicht, aber bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es stellvertretend für zahlreiche andere Dörfer steht. So oder so ähnlich. Unterleuten wirkt wie aus der Zeit gefallen: Es gibt weder eine Arztpraxis noch eine Schule, kein Internet, und die Renten der alten Bewohner sind so klein, dass der Tauschhandel blüht. Doch da geht es nicht um Geld gegen Naturalien, sondern um „Eine Hand wäscht die andere“. Probleme werden innerhalb der Dorfgemeinschaft gelöst, die Polizei wird nicht gebraucht. Alles, was außerhalb des Dorfes passiert, ist für die Bewohner uninteressant.

Aber auch ein auf den ersten Blick so rückständiges Dorf verändert sich. Es kommen neue Menschen hinzu, die sich hier ein „neues Leben“ aufbauen wollen. Da ist zum Beispiel der frühere Soziologieprofessor Gerhard Fließ, der als neuer Mitarbeiter des Vogelschutzbunds Unterleuten Gefallen daran findet, bei jedem Bauantrag beinahe zwanghaft Einspruch einzulegen, weil er die Existenz des seltenen Kampfläufers bedroht sieht. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass er sich damit keine Freunde und das Leben zur Hölle macht. In seinem Schlepptau sind seine 22 Jahre jüngere Ehefrau Jule und ihre gemeinsame sechs Monate alte Tochter Sophie. Jule war bei Gerhard Studentin und muss im Verlauf der Handlung erkennen, dass ihr Mann ein anderer Mensch ist, als sie geglaubt hat.
Doch auch Linda Franzen, die mit ihrem Freund Frederik Wachs ein heruntergekommenes Gutshaus gekauft hat, das sie jetzt renovieren will, ist mit ihrem ausgeprägten Ehrgeiz ein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft. Ihr ist fast jedes Mittel recht, um an eine Baugenehmigung zu kommen, die es ihr möglich macht, einen Stall für ihr Pferd Bergamotte zu bauen. Hat es etwas zu bedeuten, dass alle vorherigen Bewohner des Gutshofs nur kurz dort gelebt haben, weil es sie frühzeitig dahingerafft hat?
Konrad Meiler ist der große Unbekannte des Dorfes. Er hat bei einer Versteigerung riesige Flächen rund um Unterleuten gekauft, ohne zu wissen, was er damit tun soll. Doch seine Ratlosigkeit dauert nur kurze Zeit. Wohnen wird er dort nicht.

Die Zugezogenen sehen sich den Alteingesessenen gegenüber, die teilweise seit Jahrzehnten ihre Konflikte so ausdauernd pflegen wie andere Leute einen seltenen Bonsai. Die Unterleutener, die schon zu Zeiten der DDR dort gewohnt haben, sind in einem von außen nur mühsam zu durchschauenden Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht miteinander verbunden, in dem Alte gegen Junge, Frauen gegen Männer, Betriebsleiter gegen LPG-Veteranen und alle zusammen gegen ihr Leben arbeiten.


2010 wird für das fast 700 Jahre alte Unterleuten ein Schicksalsjahr. Das Flurstück „Schiefe Kappe“, eine bislang karge und uninteressante Anhöhe, rückt in den Mittelpunkt des Dorfinteresses, als es zum Eignungsgebiet für einen neuen Windpark erklärt wird. Die Aufregung ist groß, viele Einwohner befürchten eine Verschandelung der Landschaft. Doch es gibt auch Nachbarn, die sich davon ein einträgliches Geschäft versprechen, dessen Ertrag sie für den Rest ihres Lebens unabhängig machen würde. Es beginnt ein Krieg, in dessen Verlauf Konflikte, die bisher dicht unter der Oberfläche schwelten, aufbrechen. Die Situation eskaliert, es wird intrigiert und gelogen, aber nicht wirklich kommuniziert. Der Dorffunk behält dabei immer die Oberhand; den Gerüchten, die er transportiert, wird vorbehaltlos geglaubt. Kein Wunder, dass Unterleuten sich mit jedem neuen Gerücht vom Frieden immer weiter entfernt. Da ist es fast schon zwangsläufig, dass auch gestorben wird. Schließlich kommt kein Krieg ohne Tote aus.


Unterleuten nimmt seine Leser mit in die Unterleutener Heide mitsamt aller zwischenmenschlichen Verwerfungen. Es ist egal, wo man das Dorf ansiedelt: Zerwürfnisse, wie sie in diesem Roman geschildert werden, gibt es zuhauf auch woanders. Auch das Thema, das hier wie der Funke an der Lunte wirkt, ist austauschbar: In Unterleuten ist es ein Windpark, in anderen Orten sorgen Neubaugebiete oder neue Straßen dafür, dass Nachbarn aufeinander losgehen. Juli Zeh hat ihren Roman spannend auf mehr als 630 Seiten inszeniert und durch überraschende Wendungen, von denen oft nur der Leser erfährt, dafür gesorgt, dass es nie langweilig wird.

Unterleuten

Von: Miss.mesmerized Datum : 26.07.2016

miss-mesmerized.blogspot.de/

Brandenburg, das idyllische Dorf „Unterleuten“. Ein Sammelsurium alteingesessener Bewohner, die die DDR überlebt haben und heute noch genauso leben wir vor 40 Jahren. Auch ein paar Zugezogene gibt es, die Nähe zu Berlin ist ideal, um Stadtleben und Landleben zu verbinden. Was so harmonisch sein könnte, wir durch alte Fehden bestimmt und von älteren Männern, die nicht vergessen können oder wollen und die die tradierten Feindschaften pflegen. Als die Option auf einen Windpark besteht, der die Dorfkasse sanieren könnte, droht die kleine Gemeinschaft zu zerbrechen. Zünglein an der Waage wird eine Neubürgerin, die nicht versteht, in welchen Krieg sie sich begeben hat und dass sie durch ihr Handeln alle ins Unglück stürzen wird.


Ein großer Roman, der das Dorfleben glaubwürdig und authentisch einfängt. Die wirtschaftlichen Zwänge, die nur marginal die über Jahrhunderte festgefahrenen Strukturen beeinflussen, sind Anlass und Auslöser für die akute Krise. Der Windpark – ein hochaktuelles Thema und landauf landab Zerreißprobe für viele kleine Gemeinschaften mit sich widersprechenden Erwartungen und Bedürfnissen – kann tauglich das Chaos auslösen. Dabei bleiben die Figuren mit all ihren Eigenarten, Unzulänglichkeiten und ihrem oftmals irrationalen Verhalten jedoch immer im Vordergrund. Sie sind das Zentrum, in ihren Eigenarten individuell und doch repräsentativ für die Menschen, die man überall finden kann. Ein Stück deutsche Geschichte heruntergebrochen auf ein kleines Dorf im nirgendwo und doch symptomatisch für unsere Zeit und beispielhaft für das, was uns bewegt.

Buch der Woche - Unterleuten von Juli Zeh

Von: Susanne Becker Datum : 24.07.2016

lobedentag.blogspot.de/

"Unterleuten war ein Instrument, auf dem ein Virtuose jede beliebige Melodie erzeugen konnte."

Unterleuten ist in gewisser Weise ein Gesellschaftsroman. Er greift viele Themen der Gegenwart in der für Juli Zeh typischen, präzisen Erzählweise auf. Kaum eine beherrscht ihr Handwerk so gut wie sie. Das macht es einem leicht, ihre Bücher zu lesen, sie sind, wie eine Kritikerin vermerkte: Pageturner.
Manchmal aber sind sie mir persönlich auch zu konstruiert, erinnern an amerikanische Schreibratgeber und Diagramme, die den Verlauf einer gelungenen Geschichte verdeutlichen. Es fehlen mir die Abgründe, die Unwägbarkeiten, es fehlt mir die Poesie des Menschseins.
Aber obwohl diese Kritik für mich auch bei Unterleuten zutrifft, ist es ein Buch, das ich gerne gelesen habe, vor allem bis zur Mitte habe ich es verschlungen, weil es intelligent ist und sehr gut geschrieben. Jeder Satz führt unvermeidlich zum nächsten, jedes Kapitel dient der Handlung in beinahe perfekter Weise. Als Leserin geht man nicht eine Zeile verloren. Man wird mit sicherer Hand durch die Handlung geführt. Dass diese Handlung in Brandenburg angesiedelt ist, in einem Dorf, das mich an jeder Ecke an das Dorf erinnert, in dem ich meinen Garten habe, macht die Freude an dem Buch noch größer. Persönlicher Bezug ist ja nie verkehrt, wenn man liest, also zumindest bei mir nicht.

"Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählen."

Unterleuten ist ein Buch über die permanenten Missverständnisse, die es zwischen Menschen gibt. Es zeigt, wie oft genug diese Missverständnisse es sind, die ganze Existenzen formen, unter Umständen gar der Sinnlosigkeit entreißen, ganze Lebenszusammenhänge, alles basiert auf Geschichten, die man sich selbst über andere erzählt, die aber nichts mit der Realität zu tun haben müssen und doch glauben wir sie, als wären sie wahr. Diese Geschichten und das daraus resultierende Verhalten kreiert einen großen Teil der menschlichen Realität. Sie sind wie eine Metaebene, auf der wir alle leben, verstrickt in unsere Missverständnisse über uns selbst und andere, weit entfernt von dem entfernt, was sein könnte, wenn die Menschen nicht beständig ihre innere Leere mit Vermutungen füllen würden.

"In den 61 Jahren ihres Lebens und vor allem in den zwei Jahrzehnten seit Püppis Auszug hatte Elena gelernt, dass die wahre Geißel des Menschen Langeweile hieß. Langeweile verdarb den Charakter. Sie weckte die Sehnsucht nach Skandalen und Katastrophen. Friedliche Menschen verwandelten sich in Schandmäuler, die anderen Böses wünschten, nur damit sie etwas zu besprechen hatten. Im Kampf gegen die Langeweile entschied sich, ob man als Teufel oder als Engel durchs Leben ging. Weil Elena dies verstand, hatte sie sich stets verboten, schlecht über Nachbarn zu reden, auch wenn es bedeutete, dass die Leute sie für hochnäsig hielten. Wenn man die Gerüchteküche mied, gab es an Gartenzäunen, Straßenecken oder Doppelkopftischen wenig zu verhandeln."

Menschen erzählen sich in ihren Köpfen und einander Geschichten über ihre Nachbarn, ihre Ehepartner, ihre Freunde, sogar über ihre Kinder und diese Geschichten werden zu Realitäten, weil man diesen Geschichten eher glaubt als nichts über andere zu wissen, ihnen offen und vorurteilslos entgegen zu treten. Dass Fremde sich gegenseitig falsch einschätzen, mag noch klar sein. Aber in Unterleuten erzählt Juli Zeh, wie sehr diese Interpretation des anderen, in die Irre geführt, auch in engsten Beziehungen durchaus den Ausschlag geben kann. Menschen stehen einander nahe und wissen nichts voneinander. Sie sind einander Projektionen der eigenen Befürchtungen und Befindlichkeiten. Dabei gehen sie aber davon aus, alles voneinander zu wissen, und auf dieser Annahme bauen sie ihr Leben, ihr gesamtes Verhalten auf. Unsere Leben basieren zu großen Teilen auf Vorurteilen. Da die meisten Menschen im Kern verletzt und unsicher sind und sich nach Anerkennung und Liebe sehnen, bestehen viele dieser Geschichten aus Unterstellungen von Übervorteilung, Betrug und Gemeinheit, natürlich auch aus Selbstgerechtigkeit. Wer sieht sich nicht gerne als Opfer und bezieht daraus entscheidende Teile seiner Identität? In Unterleuten wimmelt es von Menschen, die sich von anderen mies behandelt fühlen und dafür nach Rache streben.
Kron, der Kommunist, zündete Gombrowskis Heim an, als dieser ein Teenager war, weil die Eltern die Großgrundbesitzer waren, der Sozialismus begann, Kron glaubte, das Eigentum der Kapitalisten vernichten zu dürfen, weil eine neue Ordnung aufzog. Gombrowski, der nach der Wende die alte LPG und damit Arbeitsplätze fürs Dorf retten konnte, indem er sich sie, und somit den alten Familienbesitz, wieder aneignete, weshalb sich Kron als sein Opfer versteht und soweit geht, Gombrowski des Mordes zu bezichtigen. Zu Recht? Unterleuten ist beinahe auch ein Krimi. Der Tote wurde doch von einem Baum erschlagen, in einem Unwetter. Und ist Hilde, die Frau des Toten, wirklich Jahrzehntelang die Geliebte von Gombrowski gewesen? Ist ihre Tochter Betty, die bei Gombrowski arbeitet, auch seine Tochter?
Unterleuten ist ein Gesellschaftsroman, ein großer Wurf, geradlinig und schnörkellos erzählt. Kapitel für Kapitel werden wir durch dieses Dorf und seine Verstrickungen geführt und dieses Dorf ist ein Abbild der ganzen Welt. Mit der Sprache muss man sich nicht lange aufhalten. Sie ist in diesem Buch kein Selbstzweck, sondern exakt konstruiertes Fahrzeug zum Transport einer sehr präzise durchdachten Geschichte, eines Plots. Eine Geschichte über Beziehungen im Hier und Heute vor dem Hintergrund von Ost und West und alten sowie neuen Verstrickungen am Beispiel eines brandenburgischen Dorfes, in dem ein Windpark errichtet werden soll. Wer Brandenburg kennt, seine Windräder vor Landschaft, der weiß, wie nah Juli Zeh die Gegenwart ausgelotet hat. Wer Juli Zeh und ihre Klugheit, sowie ihr gesellschaftliches Engagement kennt, der weiß auch, wie wahr all dies sein könnte. Erfunden und doch wahr.

Das Personal besteht aus alteingesessenen Ossis und neu dazu gezogenen Wessis. Die Ossis teilen sich in ehemals regimetreu und regimekritisch auf, so dass ohne die leiseste Ahnung der Wessis die jahrzehntealten Konflikte unterschwellig mit großer Heftigkeit schwelen. Die Zugezogenen, die diese Konflikte gar nicht verstehen können, die sowieso in Unterleuten sind, weil sie in irgendeiner Form das Paradies und absolute Ruhe jenseits des Leistungsdrucks der Stadt für sich suchen, teilen sich in Träumer und in eher kalkulierende Realisten, die in eben diesem Paradies verwirklichen wollen, was in der Stadt nicht möglich ist.
Schließlich gibt es noch Meiler, den Millionär aus Ingolstadt, der eher zufällig bei einer Versteigerung ein großes Stück Land bei Unterleuten erworben hat. Er hat keine Beziehung zum Ort und doch gehört ihm dort so einiges, welches er eventuell nutzen kann, um seinen drogenabhängigen Sohn in die Familie zurück zu holen.
Die Personen werden, das ist ein geschickter Erzählkniff, sowohl aus der eigenen Perspektive geschildert, als auch mit den Augen der anderen, so dass man ständig die Sichtweise der anderen auf eine Person und ihre Handlungen erfährt, und auch die wirklichen Motive und Gedanken. Dabei ist keine der Personen so sympathisch, dass man sich als Leser jemals ganz mit ihr identifizieren würde. Man muss sagen, dass Juli Zeh ihre Charaktere teilweise auch ein wenig vorführt. Keine kommt dabei so unsympathisch rüber, dass man mit Bestimmtheit sagen würde: so ein Schwein. Naja, vielleicht Gombrowski, der jahrelang Frau und Tochter verprügelt hat, der kommt dem schon sehr nahe, und doch schafft Zeh es, auch ihn aus so vielen Perspektiven zu zeigen, dass er einem eher leid tut. Was ich in einem solchen Zusammenhang auch ein wenig fatal fand.

"Eine Geschichte wird nicht klarer dadurch, dass viele Leute sie erzählen." Nach diesem Motto ist der Roman im Grunde aufgebaut. Alle Protagonisten sind auch Erzähler, beziehungsweise immer abwechselnd, Kapitel für Kapitel, berichtet ein auktorialer Erzähler immer wieder mit einem anderen der Protagonisten im Zentrum. So wird die Geschichte wie ein Puzzlestein zusammen gesetzt. Es entstehen Spannungsmomente, die einen weiterziehen.

Als ein Windpark auf dem Gebiet geplant wird, das zum Teil Meiler gehört, zu einem anderen Gombrowski, Kron und einer Wessipferdefrau namens Linda Franzen, formieren sich die Pro- und Contragruppen schnell, und die Konflikte treten in all ihrer Heftigkeit zutage. Denn ein Windpark kann nur errichtet werden, wenn das Grundstück groß genug ist. Einer muss daher verkaufen. Der Käufer wird reich werden.
Konflikte, die zu einem großen Teil auf den falschen Annahmen der Menschen übereinander basieren, fressen sich immer brutaler ins Sozialgefüge des Dorfes hinein.
So hat Unterleuten fast das Zeug zu einem groß angelegten Lustspiel, mit den ganzen Irrtümern und Verwirrungen, wenn nicht auch eine große Tragik und Ernsthaftigkeit all dem beiwohnen würde. Das Buch zeigt die Komplexität, aber auch die Einfachheit, ja Trivialität menschlicher Motive zu handeln, auch und gerade, wenn es darum geht, groß zu handeln. Eitelkeit, Beleidigtsein, Selbstgerechtigkeit formieren in diesem Roman einen nicht unerheblichen Teil der menschlichen Realität, und wer wagt es, dieser Sicht ernsthaft zu widersprechen?
Dennoch: Vielleicht ist dies der für mich größte Kritikpunkt an der Geschichte: dass Juli Zeh die Handlungsmotive relativ konsequent und fast ausnahmslos alle in diese Richtung schreibt. Das macht beim Lesen eine lange Weile Spaß, weil es unterhaltsam ist, aber ab der Hälfte etwa begann es, mich ein wenig zu nerven. Denn Menschen sind, bei aller Liebe, nicht so eindimensional. Sie sind nicht ständig so berechnend. Deshalb ist für mich der große Wurf, den so viele Rezensenten postulieren, nicht wirklich ganz gelungen. Unterleuten spiegelt uns ein bestimmtes Bild von Menschen zurück, welches relativ negativ, auch ein bisschen lächerlich und wie gesagt, sehr eindimensional bleibt. Es fehlen die Liebe, die Größe, die Tiefe des Menschen. Es stimmt, ich habe, trotz allem, was in den letzten Monaten geschieht, immer noch die rosarote Brille auf und glaube an etwas Großes in den Menschen, in jedem Menschen. Es ist mir in Juli Zehs Roman nicht begegnet. Dort gibt es Mittelmaß und sehr viel Mickrigkeit. Das hat mich irgendwann frustriert. Das Buch erinnerte mich zu weiten Teilen mehr an eine Karikatur als an einen wirklich großen Roman. Die Charakterisierungen der Protagonisten schrammen immer wieder nur sehr knapp am Klischee vorbei. Manchmal landen sie auch mitten darin und das Ende ist sowieso Klischee, wie in der Schreibschule vorgegeben, war es für mich der schwächste Teil des ganzen Buches. Alle Enden noch schnell verknoten, damit keines im Leeren baumelt. So gerne ich, bei aller Kritik, Unterleuten gelesen habe, weil es spannend, unterhaltsam und leicht zu lesen ist, weil es sich wunderbar als Ferien- und Urlaubslektüre zum Wegschlürfen eignet. Es kommt nicht an Juli Zehs Meisterwerke Spieltrieb und Adler und Engel heran und es erfüllt nicht die Kriterien, die ich an einen großen Wurf lege.

Ein großer Dank dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

(c) Susanne Becker

heiliges Ego

Von: der Michi Datum : 04.07.2016

www.seilerseite.de

In der Regel ist der Gesellschaftsroman ein klassisches Genre, zu dem man in Schule oder Studium aufgrund seiner Sperrigkeit erst genötigt werden muss. Zeh gelingt es, eben diese Nische auf elegante Art für immer noch relevant zu erklären. Ihre Unterleutner stellen eine ebenso realistische wie dezent kritisch betrachtete Auswahl verschiedenster Typen dar, die ihren Begierden nach und nach erliegen. Der Streit um die Windräder, der schon manches real existierende Dorf entzweit haben dürfte, ist letztendlich nur der Auslöser für das, was bei jedem einzelnen längst unter der Oberfläche brodelt. Unterdrückte Konflikte brechen urplötzlich wieder hervor, zur Tradition gewordene Feindschaften werden neu belebt. Die redenden Namen von Orten und Gegenden sprechen für sich. In Unterleuten ist man nun einmal wohl oder übel "unter Leuten". Wer im benachbarten "Groß Väter" lebt, kann man sich auch denken und die beinahe ausgestorbenen "Kampfläufer" sind aus gutem Grund nur in diesem Landstrich zu finden.
Jedes Kapitel widmet sich abwechselnd einem der Dorfbewohner, den der Leser darin so gut kennen lernt, dass er seine Motive gelegentlich fast nachvollziehen will. Wenig später wendet man sich aber beschämt von seiner Lieblingsfigur ab. Diese mit scharfem Blick porträtierten Persönlichkeiten sind das eigentliche Highlight in Unterleuten. Das Geschehen ist punktuell durchaus spannend, kommt sogar (fast) ohne Mord und Totschlag aus, die Unberechenbarkeit der Beteiligten macht den Roman aber erst richtig packend. Eindeutige Sympathieträger sucht man vergeblich, man stellt vielmehr bald fest, dass auch Altkommunisten, Kapitalisten, Naturschützer, linksliberale Bildungseliten, Konservative, Wendeverlierer, Karierrefrauen, Politiker, Unternehmer, Hipster, Streber und schräge Randgestalten unter den richtigen Umständen zum Schlimmsten fähig sind. Ideologie und Idealismus sind hier in der Regel nur Vorwände für das Erreichen der eigenen Ziele. Anhand dieser exemplarischen Mini-Gesellschaft wird ganz nebenbei der individuelle Egoismus als eigentliche Triebkraft und zentrales Übel der Jetztzeit entlarvt.
Fazit: Ein großer Roman, eine kritische Gesellschaftsanalyse, eine romantikbefreite Hommage an Land und Leute und vieles mehr. Juli Zeh hat es spätestens jetzt geschafft, mit vollem Recht in einem Atemzug mit Autoren wie Dave Eggers oder Uwe Tellkamp genannt zu werden. Noch dazu ist ihre gleichzeitg klare und doch poetische literarische Sprache ein Genuss und wiegt sogar einige wenige Flauten in der Handlung wieder auf. Wer Literatur nicht nur zur Gedankenberieselung nutzt, für den ist "Unterleuten" Pflichtlektüre.
Das Buch ist übrigens mehr, als man zwischen den Buchdeckeln findet. Einrichtungen wie der "Märkische Landmann" und die Vogelschutzwarte Unterleuten haben eigene Internetauftritte, einzelne Figuren betreiben eigene Facebookprofile, ein im Buch erwähntes anderes Buch ist tatsächlich erschienen. Deutlicher kann man den Bezug zur realen Welt gar nicht mehr machen.

Seitenzahl: 640
Format: 14,9 x 22,6 cm, gebunden
Verlag: Luchterhand

Juli Zeh - Unter Leuten (Luchterhand)

Von: Barbara Hauschild & Christian Funke Datum : 04.07.2016

www.wewantmedia.de/

Juli Zeh
Unter Leuten
(Luchterhand)


„Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf Unterleuten irgendwo in Brandenburg. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …
Mit Unterleuten hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?“ (Luchterhand)
In der Tat ist es ein „großer Gesellschaftsroman“, den die vielfach ausgezeichnete Autorin hier vorlegt. Weniger der Umfang von 634 Seiten, als vielmehr das breite Spektrum menschlicher (und unmenschlicher) Befindlichkeiten und deren bedrückende Entwicklung macht die literarische und psychologische Größe des Werkes aus.
Die Gesellschaft des brandenburgischen Kaffs Unterleuten präsentiert sich in facettenreich ausgearbeiteten Charakteren – das gelingt der Autorin so sorgfältig und anschaulich, dass man sich eigentlich mit keinem von ihnen identifizieren möchte - deren Handeln beobachtet, beschrieben und analysiert wird. Das ist eigentlich alles.

Jedes Kapitel ist aus der Sicht eines anderen Protagonisten erzählt, so dass dem Leser nach und nach verschiedene Sichtweisen und Wertungen der fortschreitenden Handlung präsentiert werden. Das ist an sich reizvoll und abwechslungsreich, die Vielzahl der Charaktere erschwert allerdings mitunter die Orientierung.
„Inzwischen kann ich behaupten, Unterleuten recht gut zu kennen, was nicht bedeutet, dass ich etwas verstanden habe“ resümiert die (fiktive) Erzählerin des Epilogs (S. 628). Diese Erkenntnis wird der eine oder andere Leser teilen.

Dass der Roman stellenweise echte Pageturner-Qualitäten aufweist, liegt eingangs an der Einführung der sehr unterschiedlichen Figuren, die dem Leser von Anfang an ein leichtes Unwohlsein verursacht. Gegen Ende nimmt die Handlung noch einmal deutlich Fahrt auf Richtung Showdown, den manch ein Unterleuter Bürger nicht überlebt.
Dazwischen gibt es Längen im Mittelteil, die der stagnierenden Handlung bei leicht verworrener Figurenführung anzulasten sind – auch eine Kindesentführung hilft hier nicht wirklich weiter.
Im Blick auf Stil und Sprache ist „Unterleuten“ allerdings der pure Genuss. Zwischen zarter Ironie und bitterem Sarkasmus steuert Juli Zeh das Dorf mit seinen Insassen dem vorhersehbaren Kollaps entgegen. Zwischendurch hält eher die sprachliche Ausdruckskraft als die Handlung den Leser am Ball. Manche Passage liest man gleich noch mal – weil es so schön ist.

Über die Buchdeckel hinaus haben Verlag und Autorin keine Kosten und Mühen gescheut, die Unterleuten-Gesellschaft auch in der pseudorealen social-media-Welt zu verorten:
Der fiktive Gasthof des fiktiven Dorfes veröffentlicht seine Speisekarte online („Fischeintopf wieder erhältlich“), einige Romancharaktere betreiben facebook-Profile und auf der Website des fiktiven Vogelschutzbundes (Motto „Bei uns piepts!“) kann man durchaus reale Shirts bestellen…
Größter Kunstgriff ist dabei wohl die reale Veröffentlichung des im Roman viel zitierten „Erfolgs-Ratgebers von Manfred Gortz“ bereits ein Jahr vor Erscheinen des Romans selbst. Selbst die FAZ müht sich, der Autorin im Interview Aussagen über die Existenz des Manfred Gortz und eine potentielle Verbindung zu entlocken – vergeblich.

Wer den Roman mag, hat sicher auch Spaß an diesen Meta-Spielereien. Nötig wäre das nicht gewesen: „Unterleuten“ ist ein starkes Stück Literatur, gesellschaftskritisch und wortgewaltig. „Großer Gesellschaftsroman“ eben, in jeder Hinsicht.


Barbara Hauschild & Christian Funke

Positive Überraschung

Von: zitroschs Leseland Datum : 01.07.2016

zitroschsleseland@blogspot.de

Die Geschichte spielt im Umland Brandenburgs, eine Stunde von Berlin entfernt, in dem kleinen Dörfchen "Unterleuten".
Dort leben zwar nicht viele Menschen, doch deckt die Bewohnerschaft die ganze Bandbreite verschiedener Charaktere ab.
Da gibt es zum Beispiel den alteingesessenen Ex-DDR Bürger, der immer noch verbissen an den alten Werten festhält und sich von seinen kapitalistischen Mitmenschen betrogen fühlt, die Großstadtflüchtigen, die der abgeschiedenen, ländlichen Idylle nur positives abgewinnen können, der etwas aggressive, erfolgreiche Geschäftsmann, dem egal was er tut Negatives unterstellt wird, oder die selbstbewusste, aufstrebende, junge Geschäftsfrau, die mit dem "typischen" Frauenbild bricht.
Dieses Dorf mit seiner "illustren" Gesellschaft wird nun, völlig unerwartet, von der Planung eines Windparks bedroht und sofort kocht in dem beschaulichen Unterleuten die Stimmung hoch. Obwohl doch jeder nur das Beste für sich, seine Mitmenschen bzw. für seinen Wohnort will, läuft bald alles gehörig aus dem Ruder.

Ganz unerwartet überzeugte mich Juli Zeh mit einem mitreißenden, flüssigen und verständlichen Schreibstil. Manchmal laut, manchmal aber auch ganz leise zeigt sie sowohl die jeweiligen Charaktereigenschaften ihrer Protagonisten als auch deren Handlungsmotivation auf. Die Autorin widmet sich in jedem Kapitel einer anderen Figur und erzählt die Geschehnisse aus deren Sicht. Dadurch fällt es dem Leser leicht sich in die betreffende Person hineinzuversetzen und muss ihm/ ihr am Ende des Kapitels, zumindest ein bisschen, zustimmen.

Fazit:
Eine faszinierende Geschichte, mit soziologischen Charakter, die mich begeistert hat.

Einfach großartig!!

Von: Beate Leinweber aus Leipzig Datum : 10.06.2016

Buchhandlung: Buchhandlung Hugendubel, Petersstr.12, 04109 Leipzig

"Teilweise Spoiler"!
Ich finde: Dieser neueste Roman von Julie Zeh ist einfach großartig und unbedingt lesenswert:
Was als Roman, oder auch als eine Art Stück Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte beginnt, entwickelt sich nach und nach und immer mehr zu einem äußerst klugen, psychologischen Kammerspiel, über menschliche Abgründe. Der Roman zeigt auf (anfangs sehr subtil, später immer deutlicher und drängender), was Neid und Missgunst, jahrelange, unter der Oberfläche brodelnde, unterdrückte Wut und lang gehegte, unausgesprochene Konflikte, gepaart mit einer gut funktionierenden Gerüchteküche im Menschen an sich und in einer kleiner Dorfgemeinschaft, wo die Nachbarn sich ein Leben lang kennen, anrichten können- wenn man nur einen passenden „Aufhänger“ findet, der den schon lange Zeit vor sich hin schwelenden Vulkan schließlich zum emotionalen Ausbruch bringt.
Und wie erschreckend einfach es ist, eine kleine Gemeinschaft von Leuten so gegeneinander aufzuhetzen und so sich gegenseitig auszuspielen, dass Würde, Freundschaft und Anstand auf der Strecke bleiben- man braucht dazu nur ein paar gezielte Seitenhiebe.
„Unterleuten“ mag zwar an manchen Textstellen etwas überspitzt wirken, aber im Kern trifft Juli Zeh mit ihrer ganz eigenen Beobachtungsgabe völlig ins Schwarze, meiner Meinung nach; sie legt quasi ihren Finger in die noch immer aktuelle, brisante Wunde, die (stellvertretend dafür) das Dörfchen Unterleuten in verschiedene Lager spaltet: Auf der einen Seite stehen die Menschen, die nach der Wende nie mehr so richtig auf die Beine kamen, dann sind da noch die Menschen, die den „alten Zeiten“ nachtrauern, oder die Einwohner, die die „neue Zeit“ als Chance sehen und schließlich kommen noch die vermeintlich reichen Zugezogenen aus dem „Westen“- und mittendrin ein Windpark, der neu gebaut werden soll... Und der letztenendes das Fass zum Überlaufen bringt, bzw. die vor sich hin brodelnden Probleme der Dorfgemeinschaft zum Überkochen. (Denn hier zeigt sich ganz deutlich ein weiteres gesellschaftliches Phänomen: Viele Bürger sind für die Abschaffung der Atomkraftwerke und wollen gerne die Energiewende haben- aber „bitte nicht vor der eigenen Haustür“.)
Beeindruckend finde ich, mit welcher Genauigkeit die Autorin unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält: Unwillkürlich musste ich beim Lesen an solche Redewendungen wie „Schuld sind immer die Anderen“, oder „Jeder ist jedermanns Feind“, oder auch „Jeder ist sich selbst der Nächste“ denken, denn solche Sätze werden in diesem großartigen Gesellschaftsroman zur bedrückenden Realität. Toll finde ich den Schreibstil der Autorin: Sie schreibt einfach über gesellschaftliche und persönliche Abgründe, ohne dem Leser ihre eigene, ganz persönliche Meinung aufzudrängen, nein - sie schreibt ganz einfach so, dass man sich beim Lesen in die Protagonisten hineinversetzen kann, ob man dies nun will oder nicht, und Juli Zeh regt mit ihrem Roman „Unterleuten“ zum Nachdenken an.
Also: Wie schon oben gesagt: Unbed

Buch der Saison!

Von: kinderdok Datum : 09.06.2016

kinderdoc.wordpress.com

Ein Lieblingsbuch der Deutschen in diesem Frühjahr. Die intelligente Juli Zeh bringt einen neuen Roman raus, manche ihrer Bücher waren mir zu seicht oder zu konstruiert, das hier ist ein Hammer, sicher ihr bestes Werk bisher. Erzählt wird das Leben in einem ostdeutschen Dorf, in dem Windkrafträder aufgestellt werden sollen. Dass das beim Öko-Zugezogenen, beim Ex-Stasi, beim alt eingesessenen Bauern und dem Neu-Kapitalisten, außerdem beim ganz normalen Volk zu Wirrungen führt, kann man sich denken. Exemplarisch vielleicht für Vorgänge in vielen anderen Dörfern destilliert Juli Zeh jeden einzelnen Charakter auf seine dunklen und hellen Seiten. Die Zustände und Meinungen wechseln während des Buches, die Winkelzüge der Kommunalpolitiker und Dorfältesten sind raffiniert, die Klischees der Zugezogenen treffsicher beschrieben. Dazu noch eine süffige runde Sprache. Lesen!
Ganz lustig übrigens: Ich habe das Buch als ebook gelesen, und die erwähnten Hyperlinks im Buch lassen sich tatsächlich anklicken und führen den Leser auf (konstruierte?) Websites zu Windkraftanlagen oder Pferdezüchtern. Witzig. (5/5)

Dorfroman im Kommunikationszeitalter

Von: Martin Kulik Datum : 29.05.2016

www.postmondaen.net

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen Gesellschaftsroman geschrieben. Einen Roman, der den Mikrokosmos des Dorflebens in all seinen Eigenarten und Besonderheiten seziert. Dass gerade die Sozialdynamiken des Dorfes die Folie für diesen Gesellschaftsroman bilden, ist kein Zufall, denn das dichte Netz aus Perspektiven, Gerüchten und Geschichten exemplifiziert eine Art der Kommunikation, die mehr denn je unsere Realität konstituiert. Ein exzellentes Mosaik moderner menschlicher Beziehungen!

Ausführliche Rezension: http://postmondaen.net/2016/05/29/juli-zeh-unterleuten-dorfroman-im-kommunikationszeitalter/

Ich war unter Leuten

Von: Gisela Simak aus Landshut Datum : 25.05.2016

lese-himmel.blogspot.de/2016/05/meine-meinung-zu-unterleuten-von-juli.html

Meine Meinung

Ich war ein paar Tage in Unterleuten. Das Dorf in der ehemaligen DDR hat mich stellenweise das Fürchten gelehrt. Wer nun denkt, das fiktive Örtchen in der Priegnitz im westlichen Brandenburg wäre ein lauschiges Plätzchen, liegt falsch! Im Gegenteil! Die Anonymität einer Großstadt lässt einen viel freier leben. Der Lärm und die Menschenmassen sind einkalkulierbar. Den Bürgermeister kennt man selten persönlich.
Damit kann Unterleuten nicht dienen. Die wunderbare Landschaft und die idyllischen Häuschen bergen skurrile Charaktere. Da wird einem Ehepaar, mit einem kleinen Kind, Atemluft und Stille madig gemacht. So etwas passiert, wenn der Nachbar eine Autowerkstatt im Garten nebenan errichtet und oft Rauchschwaden zu den Nachbarfenstern ziehen. Da erübrigt sich das Öffnen der Fenster. Wer tauscht schon gerne Naturluft mit verbranntem Gummi ein? Bei hohen Temperaturen wird das Haus schnell mal zur Sauna.
Wer denkt, in Unterleuten dürfte es kein Problem sein, eine Pferdekoppel zu errichten, wird bald eines Besseren belehrt. Eine Genehmigung von Naturschützern zu erhalten, kann da leicht zu einer Lebensaufgabe werden. Noch dazu, wenn das heiß ersehnte Pferd noch in Berlin lebt.
Die wunderbare Natur, mit ihren seltenen Vögeln, soll mit Windrädern verziert werden. Das führt bald dazu, dass in einigen Dorfbewohnern die korrupte Seite auf Hochtouren läuft.
Die Charaktere und ihre Handlungen kamen mir oft ziemlich aus der Luft gegriffen vor. Nach längerem Überlegen habe ich aber festgestellt, dass jeder solche Menschen kennt. Würde ich heute über die Menschen, die ich bisher in meinem Leben kennengelernt habe, eine Geschichte schreiben, wäre ich auf der Stelle in Unterleuten angekommen. Ich muss sie nicht mal alle persönlich kennen. Mal ganz ehrlich ... können wir immer verhindern, was die Politik uns vorschreibt? Sind wir immer damit einverstanden, welche Veränderung ein Bürgermeister in Städte und kleinere Ortschaften bringt?
Selbst wenn man gute Nachbarn hat, kennt man doch jemanden, der sich mit seinen Nachbarn ständig ärgern muss.
Wer kennt sie nicht, die alte Frau die nur noch für Katzen lebt? Oder eine junge Frau, die einen älteren Mann heiratet? Nicht immer hat die junge Frau einen Grund, zu ihrem älteren Mann aufzuschauen. Das wird besonders in dieser Geschichte deutlich. Oder das junge Paar, wo ein Partner ausschließlich seine eigenen Interessen vertritt. Nicht selten verlässt eine Ehefrau ihren brutalen Ehemann, nach vielen Ehejahren.
Irgendwie ist in Unterleuten einer dem anderen was schuldig. Ein Todesfall ist auch nach Jahren noch nicht geklärt.

Fazit

Ich habe mir die Namen der Personen gespart. Ihr werdet die Leute alle selber kennen lernen. Ich bin mir sicher, Ihr kennt sie schon. Intrigen und eine sehr detaillierte Schreibweise haben Unterleuten zu einem Ort gemacht, den ich jetzt wirklich kenne. Gewalt, Lügen und Intrigen hauchen der Geschichte 635 Seiten Spannung ein.
Hundeliebhaber wird es bei einer bestimmten Szene Tränen in die Augen treiben.
Stimmt, ich wollte keine Namen nennen. Ich habe es mir anders überlegt! Einen nenne ich Euch. Von einem Mann, der mich in dieser Geschichte am meisten beeindruckt hat. Ich wusste lange nicht, ist dieser große, dicke Mann, mit Tränensäcken und Hängebacken, nun eigentlich gutmütig oder gefährlich? Meint er es mit sämtlichen Menschen wirklich gut? Ich dachte eigentlich schon. Er wirkte auf mich oft unbeholfen und traurig. Wie ein armes Hündchen kam er mir vor. Sein Name ist: GOMBROWSKI!!!!
Gombrowski hat mich am Ende total schockiert! Ich habe mich sehr geekelt. Ihr werdet Euch auch ekeln! Sagt bitte hinterher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt!
Juli Zehs Gesellschaftsroman wird nicht umsonst so hochgelobt. Mich konnte die Geschichte überzeugen.

Vielen Dank Juli Zeh. Unterleuten ist eines der besten Bücher, die ich bisher gelesen habe.

Mein Dank gilt dem Luchter-Verlag

Ich war unter Leuten

Von: Gisela Simak Datum : 25.05.2016

lese-himmel.blogspot.de/

Meine Meinung

Ich war ein paar Tage in Unterleuten. Das Dorf in der ehemaligen DDR hat mich stellenweise das Fürchten gelehrt. Wer nun denkt, das fiktive Örtchen in der Priegnitz im westlichen Brandenburg wäre ein lauschiges Plätzchen, liegt falsch! Im Gegenteil! Die Anonymität einer Großstadt lässt einen viel freier leben. Der Lärm und die Menschenmassen sind einkalkulierbar. Den Bürgermeister kennt man selten persönlich.
Damit kann Unterleuten nicht dienen. Die wunderbare Landschaft und die idyllischen Häuschen bergen skurrile Charaktere. Da wird einem Ehepaar, mit einem kleinen Kind, Atemluft und Stille madig gemacht. So etwas passiert, wenn der Nachbar eine Autowerkstatt im Garten nebenan errichtet und oft Rauchschwaden zu den Nachbarfenstern ziehen. Da erübrigt sich das Öffnen der Fenster. Wer tauscht schon gerne Naturluft mit verbranntem Gummi ein? Bei hohen Temperaturen wird das Haus schnell mal zur Sauna.
Wer denkt, in Unterleuten dürfte es kein Problem sein, eine Pferdekoppel zu errichten, wird bald eines Besseren belehrt. Eine Genehmigung von Naturschützern zu erhalten, kann da leicht zu einer Lebensaufgabe werden. Noch dazu, wenn das heiß ersehnte Pferd noch in Berlin lebt.
Die wunderbare Natur, mit ihren seltenen Vögeln, soll mit Windrädern verziert werden. Das führt bald dazu, dass in einigen Dorfbewohnern die korrupte Seite auf Hochtouren läuft.
Die Charaktere und ihre Handlungen kamen mir oft ziemlich aus der Luft gegriffen vor. Nach längerem Überlegen habe ich aber festgestellt, dass jeder solche Menschen kennt. Würde ich heute über die Menschen, die ich bisher in meinem Leben kennengelernt habe, eine Geschichte schreiben, wäre ich auf der Stelle in Unterleuten angekommen. Ich muss sie nicht mal alle persönlich kennen. Mal ganz ehrlich ... können wir immer verhindern, was die Politik uns vorschreibt? Sind wir immer damit einverstanden, welche Veränderung ein Bürgermeister in Städte und kleinere Ortschaften bringt?
Selbst wenn man gute Nachbarn hat, kennt man doch jemanden, der sich mit seinen Nachbarn ständig ärgern muss.
Wer kennt sie nicht, die alte Frau die nur noch für Katzen lebt? Oder eine junge Frau, die einen älteren Mann heiratet? Nicht immer hat die junge Frau einen Grund, zu ihrem älteren Mann aufzuschauen. Das wird besonders in dieser Geschichte deutlich. Oder das junge Paar, wo ein Partner ausschließlich seine eigenen Interessen vertritt. Nicht selten verlässt eine Ehefrau ihren brutalen Ehemann, nach vielen Ehejahren.
Irgendwie ist in Unterleuten einer dem anderen was schuldig. Ein Todesfall ist auch nach Jahren noch nicht geklärt.

Fazit

Ich habe mir die Namen der Personen gespart. Ihr werdet die Leute alle selber kennen lernen. Ich bin mir sicher, Ihr kennt sie schon. Intrigen und eine sehr detaillierte Schreibweise haben Unterleuten zu einem Ort gemacht, den ich jetzt wirklich kenne. Gewalt, Lügen und Intrigen hauchen der Geschichte 635 Seiten Spannung ein.
Hundeliebhaber wird es bei einer bestimmten Szene Tränen in die Augen treiben.
Stimmt, ich wollte keine Namen nennen. Ich habe es mir anders überlegt! Einen nenne ich Euch. Von einem Mann, der mich in dieser Geschichte am meisten beeindruckt hat. Ich wusste lange nicht, ist dieser große, dicke Mann, mit Tränensäcken und Hängebacken, nun eigentlich gutmütig oder gefährlich? Meint er es mit sämtlichen Menschen wirklich gut? Ich dachte eigentlich schon. Er wirkte auf mich oft unbeholfen und traurig. Wie ein armes Hündchen kam er mir vor. Sein Name ist: GOMBROWSKI!!!!
Gombrowski hat mich am Ende total schockiert! Ich habe mich sehr geekelt. Ihr werdet Euch auch ekeln! Sagt bitte hinterher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt!
Juli Zehs Gesellschaftsroman wird nicht umsonst so hochgelobt. Mich konnte die Geschichte überzeugen.

Vielen Dank Juli Zeh. Unterleuten ist eines der besten Bücher, die ich bisher gelesen habe.

Mein Dank gilt dem Luchter-Verlag

Rezension zu Juli Zehs Roman »Unterleuten« – einer soziologischen Studie eines Mikrokosmos

Von: Laila Mahfouz Datum : 24.05.2016

www.kultumea.de

In ihrem aktuellen Roman »Unterleuten« entwirft Juli Zeh ein ganzes Dorf, das durch die Zwangsansiedlung eines Windparks und durch eine alte Fehde der Dorfchefs gespalten ist. Mit feinem Humor, wunderbaren Figuren und grandiosen Perspektivenwechseln gelingt es Juli Zeh, den Leser mit der Führung durch das Innenleben eines Dorfes zu fesseln.

Fazit: Juli Zehs Roman »Unterleuten« ist ein großer Gesellschaftsroman, der durch die Aktualität der Handlung, seinen feinen Humor und seine Scharfzüngigkeit besticht. Warum auf »Unterleuten« noch kein Regen an Auszeichnungen niederging, kann ich nicht begreifen. Die Autorin nutzt ihre besondere Fähigkeit, starke Figuren in allen Nuancen der menschlichen Zwischentöne zu zeichnen. Die Spannung wird über mehr als 600 Seiten gehalten und der Leser immer wieder mit sich selbst konfrontiert, denn Juli Zeh gelingt es, noch Sympathien für die verachtenswertesten Charaktere zu wecken und zwingt damit den Leser aus der Komfortzone sichergeglaubter Positionen. Ein Roman, den ich jedem empfehlen kann, der spannende Bücher mit einprägsamen Charakteren, Niveau und Humor mag! Ein großer Wurf!

Die ganze Rezension lesen Sie unter https://www.kultumea.de/2016/05/24/rezension-zu-juli-zehs-roman-unterleuten-einer-soziologischen-studie-eines-mikrokosmos/?preview=true

Jeder sollte diesen Roman lesen

Von: Eva-Maria Obermann Datum : 23.05.2016

In Unterleute soll eine Windkraftanlage gebaut werden. Dass die Anwohner das durchweg weniger gut finden, interessiert den Staat herzlich wenig. Und insgeheim sind durchaus einige der Dorfbewohner bereit, ihr Land anzubieten, denn natürlich lockt auch dafür das Geld. Die große Frage, wo die Räder stehen sollen, löst ungeahnte Machtkämpfe und Intrigen aus und führt zu Wunden der Vergangenheit. Die neu Zugezogenen etwa, die Vögel und Pferde schützen wollen, oder der Dorfteufel, der sowieso an allem Schuld ist, selbst der Bürgermeister bleibt nicht unparteiisch im Wirrwarr, dem klassischen Kampf gegen Windmühlen.
In Unterleuten ist man Unter Leuten. So viel zum Wortwitz. Auf den ersten Blick sind diese Leute vielfältig. Neu Zugezogene aus der Großstadt, die im Kampf mit den Alteingesessenen bereit von vorne herein verloren haben, der ewig wiedergewählte Bürgermeister, der komische Kauz, der Großgrundbesitzer und ihre Anhänger. Und dann ist da noch die Pferdeflüsterin, die in allen Menschen doch auch nur Pferde sieht. Und Macht heißt, zu bewegen. Also bewegt sie.
Wer hier tatsächlich wen beweg und in welche Richtung ist ausschlaggebend, um hinter die Fassade zu blicken. Mehrere personale Erzähler kommen hier zusammen, begleiten stets eine der Figuren. Dass tatsächlich ein Ich-Erzähler dahinter steckt – ein netter Trick, denn Zeh beispielsweise schon in Spieltrieb angewandt hat – erkennt der Leser erst zum Ende. Dann kommt die Zusammenfassung, ein bisschen Jura, ein trockenes Ende, die Distanz zur Geschichte und den Figuren, die nach dem grausigen und extremen Höhepunkt auch bitter nötig ist.
Unterleuten zieht in den Bann. Das Dorf seine Bewohner, das Buch seine Leser. Es zeichnet das Große im Kleinen wieder, die Welt ist ein Dorf und dieses Dorf heißt Unterleuten. Nichts mehr und nicht weniger. So gekonnt ist dieses Bild, so ausführlich, realistisch, unnachgiebig, dass jeder sich irgendwo wiederfinden kann. Tatsächlich schafft Zeh es, den Dorfverrückten vernünftig zu zeigen, den Dorfteufel als verdrehten Mephisto, der Gutes will und Böses tut. Gerade so viel Verständnis, so viel Nähe, erlaubt die Geschichte, dass der Sprung zum Mitleid mit einem Mann, der Frau und Kind schlägt, ein kurzer wäre. Den letzten Schritt verweigert der personale Erzähler trotzdem, gerade weil er wertungsfrei bleibt.
Diese große Stärke des zehschen Stils ist ihren Lesern bekannt und triumphiert auch hier. Unterleuten gewährt einen geradezu erschreckenden und einnehmenden Einblick in Gesellschaft per se, führt den Leser in die Enge, die eigene Dynamik des dörfischen Lebens und klammert so paradoxerweise das Außen aus, zu dem er gehört. Ein mitreisender, ein großartiger und bewegender Roman, der Mensch und Gesellschaft auf eine einmalige Art und Weise zeigt, das Böse im Kleinen, das Richtige im Aufgeben, die Hoffnung im Ende. Jeder sollte dieses Buch gelesen haben.

Bissig und großartig geschrieben

Von: Vanessas Bücherecke Datum : 10.05.2016

vanessasbuecherecke.wordpress.com

Inhalt aus dem Klappentext:
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

Meinung:
An diesem Buch kommt man im Moment ja kaum vorbei, ist es doch in aller Munde. Und auch ich wollte es unbedingt lesen und mitreden können. Schließlich ich man ja selber "vom Lande" und gespannt auf die Machenschaften.
Im Roman starten wir auch direkt mit der ersten "Fehde". Das Ehepaar Fließ könnte so schön am Ortsrand wohnen, wäre da nicht der ungeliebte Nachbar Schaller, deine eine mehr oder weniger legale Autowerkstatt betreibt und das idyllische Landschaftsbild mit seinem Schrott verschandelt. Schallers Umbaumaßnahmen am Hof will der Vogelschützer Fließ amtlich stoppen lassen, woraufhin Schaller Autoreifen anzündet, um die Familie "auszuräuchern". Doch dieser Kleinkrieg ist nicht der Einzige im Roman. Viele kleine private Streitigkeiten laufen hier zusammen und gipfeln zu einer großen Schlacht aus, als es um die Vergabe eines Windparks geht. Ein mögliches Gebiet, drei Parteien und deren Grundstücke, Windkraftgegner und Privatkriege kommen hier zusammen und lassen Unterleuten zu einem Hexenkessel werden.
Juli Zeh hat mit diesem Roman sehr starke, gut strukturierte und authentische Charaktere geschaffen. Von jedem Beteiligten bekommt der Leser ein klares Bild vor Augen und obwohl mir persönlich nicht jeder Charakterzug zugesagt hat, konnte ich doch jede Motivation und Einstellung nachvollziehen. Und das nicht nur bei den vielen Hauptfiguren, auch bei den Nebendarstellern entstand mühelos diese Empathie. So etwas passiert mir selten beim Lesen.
Sowieso strotzt dieser Roman vor lauter kritischen und thematisch passenden Aussagen und Ansichten. Am liebsten wäre ich mit einem Marker durch den Roman gegangen um auch ja keine Passage zu verpassen. Da ich aber Kritzeleien in Büchern nicht ausstehen kann, habe ich es verständlicherweise gelassen :) Den Schreibstil der Autorin kann man nur als fesselnd bezeichnen. Klug und eloquent hat Juli Zeh mich von der ersten bis zur letzten Seite an das Buch gefesselt. Der Plot ist gut durchdacht, spannend, wendungsreich, überraschend und verdammt gut recherchiert. Und obwohl die Handlung in Brandenburg spielt und somit auch den Ost-/Westkonflikt mit aufgreift, hätten viele Szenen genauso gut auch meiner eigenen, ländlichen Haustür ereignen können. Einzig dass einige Fragen am Ende noch offen blieben hat mich etwas gestört. Da hätte ich es schön gefunden, wenn diese auch noch geklärt worden wären. Da diese aber für die Haupthandlung nicht von Belang sind, muss da wohl meine Fantasie herhalten.
Die Kapitel an sich haben eine angenehme Länge. Oft enden diese meist relativ offen, was die Spannung zusätzlich erhöht, denn man erfährt erst nach und nach, was eigentlich passiert ist. Erzählt wird in der dritten Person, wobei die Sichtweise in jedem Kapitel wechselt und viele Charaktere zu Wort kommen. So erhält am als Leser eine gute Übersicht über alle Ereignisse. Trotz der Vielzahl an Personen fiel es mir nicht schwer den Überblick zu behalten. Und wer trotzdem mal nachschauen muss, wer hier wer ist, der kann auf der Internetseite: http://www.unterleuten.de/ neben einem Glossar auch eine Flurkarte zur besseren Orientierung in Unterleuten finden. Außerdem lohnt es sich, alle im Links im Buch mal aufzurufen und sich zur weiteren Recherche einladen zu lassen ;)
Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fazit:
Dieser Roman wird nicht umsonst so hoch gelobt. Sprachlich ein Meisterwerk, fesselnd wie ein Thriller, kritisch und pointiert. Der Kleinkrieg in Unterleuten ist kein Einzelphänomen und kann in dieser oder ähnlicher Art überall, nicht nur "drüben" passieren. Großartig!
Von mir gibt es 5 von 5 Punkten.

Von Vogelschutzgebieten und anderen Provinznestern

Von: Mel Bücherwurm Datum : 06.05.2016

melbuecherwurm.blogspot.de/

Ein absolut gelungener, wenn auch etwas kritischer Gesellschaftsroman, der mich wirklich fasziniert hat. Ein fiktiver Ort, nahe Berlin, wo die Uhren und Zeitgenossen noch anders ticken. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben und die Wende noch nicht erfolgt. Die Bewohner des Ortes Unterleuten regeln ihre Dinge selbstständig, ohne das Zutun von Obrigkeiten. Es ist vorprogrammiert, dass auch in Unterleuten irgendwann ein Umdenken nötig ist und das Chaos ausbrechen wird, denn niemand kann in der Zeit verharren, wenn sich die Uhren woanders weiterdrehen. Mich hat manches köstlich amüsiert, da es sehr authentisch wirkt, auf der anderen Seite aber auch nachdenklich gestimmt, denn man muss auch die kritische Seite des Romans erkennen. "Unterleuten" ist absolut gelungen in Schrift und Bild, da es Dinge vertieft, die wenn wir uns umsehen, genauso geschehen könnten. Es ist also nicht alles Fiktion, sondern könnte einer gewissen Beobachtungsgabe der Autorin unterliegen. Ein Roman, der sich einer gewissen Personenpsychologie bemächtigt und mich dadurch wirklich gefesselt hat. Für mich war das Lesen überraschend hochwertig und ich werde definitiv noch weitere Bücher der Autorin lesen wollen, da ihre Wortwahl und Sprachgewaltigkeit regelrecht überzeugt hat. Natürlich muss man einiges kritisch betrachten, aber andererseits vielleicht auch die eine oder andere Wahrheit zwischen den Zeilen entdecken können,
Die wechselnden Perspektiven machen "Unterleuten" sehr lebendig. Die Darstellung und Handlungen der verschiedenen Protagonisten hauchen wirklich Leben ein und verdeutlichen immer wieder, dass die Welt in "Unterleuten" stehengeblieben ist. Kommunist trifft auf Neureiche und das Chaos ist vorprogrammiert, denn plötzlich weht ein ganz anderer Wind und für Erneuerungen sind die Menschen nicht bereit. Es werden Dinge aufgegriffen, die oftmals in Vergessenheit geraten sind und dennoch zu unserem Zeitgeschehen hinzugefügt werden müssen. Lehrreich, amüsant und absolut lesenswert! Leseempfehlung!

Alle wollen das Beste. Trotzdem passiert Schreckliches.

Von: Jules Barrois Datum : 28.04.2016

https://julesbarrois.wordpress.com

Unterleuten, ein fiktives Dorf in der Priegnitz im westlichen Brandenburg, eine perfekte Idylle? Dieser Mikrokosmos ist überschaubar, die Charaktere und die Konflikte ebenfalls. Neider und alte Kommunisten gibt es, Großstadtflüchter und Naturnaivlinge aus Berlin, eine sehr taffe Pferdenärrin und dann noch ein schwerreicher Investor aus Bayern. Also alles bereit für Krieg auf dem Dorf, in dem es um Nutzflächen, um Windräder und viel Geld, aber auch um DDR-Geschichte, Ehefrustrationen, Abhängigkeiten und einfach nur um Neurosen und Verrücktheiten geht, wie sie auf dem Dorf ja auch blühen: so wie bei der kleinen dürren Frau mit den unzähligen Katzen, die als Geliebte des Großbauern gilt und praktischerweise direkt neben ihm wohnt. 
Streit ist vorprogrammiert bei diesem vielfältigen Personal aus Alteingesessenen und Zugezogenen: enthusiastische Zugezogene aus Berlin, frustrierte Wendeverlierer und schrullige Ossis. Und auch die enorm vielen großen und kleinen Themen bergen ihren Zündstoff:Landflucht, Ehekrisen, Kapitalismuskritik, DDR, Überwachungsstaat, Geschlechterkonflikte. Konflikte um altes und neues Unrecht, um Untreue, Eifersucht und verpasstes Glück steigern sich zum echten Thriller. und es gibt viele Stellen, die man sich anstreichen möchte, weil die Figuren so pointiert formulieren. Die Geschichte in Kurzform: Exkommunist gegen Neukapitalist.
Juli Zeh erzählt kapitelweise in wechselnden Perspektiven. Dadurch gelingt es ihr, sie aus der Innen- und Außenperspektive zu zeigen, mal massiv unsympathisch, mal gezeichnet vom Schicksal und höchst bemitleidenswert. Diese Perspektivenwechsel machen den eigentlichen Reiz des Romans aus, der ganz auf Handlung und psychologische, sehr pointierte Figurenzeichnung setzt.
Herausgekommen ist ein kulturkritischer Gegenwartsroman. Viel Sachkenntnis,perfekte Recherche wird mit Spannung vereint. Die großen Konflikte werden im Kleinen ausgearbeitet und gezeigt. Eine sehr gelungene Sozialstudie eines Brandenburger Dorfes, das typisch für viele deutsche Landschaften ist. Juli Zeh weiss wovon sie schreibt. Sie lebt in der Gegen und kennt die Psyche solcher Orte aus eigener Anschauung.
Die Sprache des Romans würde ich als eher konventionell bezeichnen. Aber die Sprache ist dem Dorf und der Sache durchaus angemessen. Juli Zeh hat ein besonderes Händchen für Handlungsführung und Figurenpsychologie. Und vor allem zeigt sie die Schwächen unseres Landes und auch unserer Zeit schonungslos auf.
Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend – ein großer Roman. Juli Zeh entwickelt sich langsam aber sicher zu einer großen Erzählerin. Unbedingt lesen. Ein ganz großer Wurf.

In Gesellschaft von Spaßverderbern

Von: Thomas Brasch Datum : 26.04.2016

https://thomasbrasch.wordpress.com

Im vergangenen Jahr las ich die Essay-Sammlung „Nachts sind das Tiere“ von Juli Zeh und resümierte das unter dem Titel „Kann man mit Juli Zeh Spaß haben?“. Die Resonanz auf mein Vergnügen mit ihren Texten war auffallend heftig zwiegespalten. Es gibt wohl nur wenige Autorinnen, die derart polarisieren. Häufiger Vorwurf gegen sie war, sie würde salbadern, sei selbst eine ewig krittelnde Spaßbremse und fabriziere nur öde Belehrungsliteratur.

Ihre Spaß vermissenden Kritiker wird Juli Zeh mit ihrem neuen Roman sicher nicht umstimmen können, auch wenn der meines Erachtens sehr unterhaltsam, amüsant und zudem auch noch spannend daherkommt. Es ist eine Moritatengeschichte über ein Soziotop, ein Kaff, ca. eine Autostunde von der Hipster-Metropole Berlin entfernt, bewohnt von gottverlassenen (es gibt zwar eine Kirche, aber offenbar keine Kirchenvertreter) Hinterwäldlern, die es nicht mal für nötig befinden, eine Kanalisation in ihrer Idylle der Ursprünglichkeit bauen zu lassen. Das Idyllische und Ursprüngliche zieht denn auch noch ein paar das Landleben verklärende Aussteiger an.

Das Panoptikum an Dorfbewohnern, das Juli Zeh zusammenstellt und aus deren jeweiligen Blickwinkeln sukzessive die Geschichte kapitelweise und chronologisch erzählt wird, entspricht im etwa dem, was ein ARD-Castingteam für eine mögliche Vorabendserie „Vorpommern“ zusammenstellen würde. Im Mittelpunkt stehen zwei alte Männer, die seit Generationen die verfeindeten Machtzentren im Dorf bilden. Da ist zum einen Gombrowski, Spross eines Großgrundbesitzers, dessen Besitztum ihm zwar während der DDR-Zeiten enteignet wurde, der jedoch traditionell die Macht im Dorf als Leiter der daraus sich bildenden LPG innebehielt. Sein Widersacher ist Kron, ehemalige Brigadeführer in der LPG, dessen Neid und Wut gegenüber Gombrowski sich mit jeder politischen und aktuell wirtschaftlichen Wende steigert. Denn Gombrowski bleibt auch nach der Wiedervereinigung der bestimmende, Arbeit gebende Mann im Dorf, dem es mit seiner Gefälligkeiten-Philosophie geschickt gelingt, viele Menschen loyal an sich zu binden.

Dieses antagonistische Konstrukt zwei Machtmänner in einem Dorf erinnert mich an die herrlich komischen, italienischen Filmhelden in meiner Kindheit: Don Camillo und Peppone. Doch während dort die Konflikte komödiantisch gelöst werden und der Autor Giovannino Guareschi unterschwellig geschickt seinen Landsleuten vermittelt, dass nicht Ideologien, sondern Humanität am Ende gewinnt, endet hier die Geschichte von „Unterleuten“ tragisch und hoffnungslos. Und da dies letztlich auch eine Moral von der Geschichte ist, könnten die Kritiker von Juli Zeh wieder fehlenden Humor anprangern.

Auch in dem Dorf „Unterleuten“ leben – wie überall – nun mal überwiegend Spaßverderber, oder wie der im Roman öfter zitierte Erfolgsguru Manfred Gortz sagen würde: Killjoys. Die Killjoys machen den wenigen Movern in unserer Gesellschaft das Leben verdammt schwer. Unabhängig ob Frau oder Mann, alt oder jung, Wessi oder Ossi, Bauer oder Dozent, die meisten sind Jammerer und Hasenfüße, die das ihnen bekannte Unglück der vagen Chance auf das Glück vorziehen.

Und schlimmer noch: Killjoys verderben anderen auch noch den Spaß, den sie selbst nicht haben. Der Prototyp hierfür ist Gerhard, ein ausgestiegener Soziologie-Dozent, der mit seiner 20 Jahre jüngeren Frau Jule und dem Baby Sophie als Vogelschützer sich in dieser vermeintlichen Idylle niedergelassen hat. Im Gegenteil dazu gibt es die rare Spezies der Mover, die sich nicht von Zweifeln und dialektischen Bedenken bremsen lässt, sondern deren Zugehörige fokussiert ihre Ziele vor Augen haben, vorangehen und überzeugt davon sind als Beweger sowohl ihre und damit auch die Welt im allgemeinen besser zu machen. Den „Mover“ in Unterleuten repräsentiert – neben dem alten Gombrowski – die junge, zugezogene Linda Franzen, die auch ganz beseelt von Manfred Goltz Erfolgsphilosophie ist. Die Mitzwanzigerin hat nur ein Ziel: mit ihrem schon lange gehegten Hengst ein Gestüt in Unterleuten zu begründen. Menschen werden von einem Mover wie ihr nur danach wertgeschätzt wie nützlich bzw. hinderlich sie für das Erreichen ihres Ziels sind.

Diese abgeklärte, junge Generation taucht in Unterleuten auch in Person des Vertreters eines Windkraftanlagenbetreibers namens Pilz auf. Arne, der Bürgermeister von Unterleuten, staunt nur:

„Die jungen Leute von heute besaßen erstaunliche Talente. Zum Beispiel ungeheure Effizienz bei vollständiger Abwesenheit von Humor. Einem wie Pilz ging es nicht mehr ums gute Leben, es ging ihm nicht einmal um Geld. Was diese Generation antrieb, war der unbedingte Wunsch, alles richtig zu machen.“

Juli Zeh erzählt sehr klug und vielschichtig. Man kann den Roman zunächst als gesellschaftliche Analogie lesen. Ob zeitlos oder eher zeitgeistig ist wohl individuell unterschiedlich. Ich las über einen ebenso archaischen wie auch anarchischen Mikrokosmos, der mir die Dynamik veranschaulicht, wie sich in Gesellschaften immer wieder Machtverhältnisse ausbilden, die sich über kurz oder lang in brutalen Konflikten entladen.

Man kann den Roman auch als psychologische Studie aktueller Stereotypen in unsere Gesellschaft lesen. Jede Figur repräsentiert da wohl eine von den im Mainstream sich aktuell herausbildenden Soziotypen. Interessant hierbei ist, dass eigentlich keine Figur so angelegt wurde, dass man sich mit ihr identifizieren mag. Das sollte uns als Leser selbstkritisch werden lassen. Ein Spiel ließe sich unter mitlesenden Freunden veranstalten. Veranschaulichen wir uns – vielleicht nicht schmeichelhaft – unser Fremdbild: jeder soll die Figuren/Rollen im Roman mit seinen Freunden besetzen. Das kann man anonym austauschen und erfährt vielleicht so, welchen Stereotyp man aus Sicht seiner Freunde repräsentiert.

Nicht zuletzt kann man „Unterleuten“ auch als Schauerballade und Abgesang auf die verklärte Landliebe lesen. Die naive Sehnsucht nach der (noch) heilen Welt wird hier herbe ernüchtert von einer, die es bekanntlich wissen muss: Juli Zeh lebt ja seit einige Jahren auf dem Land. Ich denke, sie wird dort aber dennoch auch ihren Spaß haben.

Es ist ein intelligent konstruierter und in klarer, flüssiger Prosa formulierter Gesellschaftsroman mit vielen gleichberechtigten Akteuren, die alle eins vereint: sie entwickeln sich nicht. Alle treten am Ende aus der Geschichte genauso heraus wie sie eingetreten sind. Manche fliehen, manche sterben und andere bleiben. Doch keiner hat etwas dazu gelernt, keiner hat Einsichten erlangt, keiner verändert sich.

Es ist also kein Entwicklungsroman. Das macht es leicht, den Roman zuzuklappen und sich zu denken: Nicht meine Welt. Doch eines sollte man sich danach beantworten können: Bin ich ein Killjoy oder ein Mover? Oder gleich den Ratgeber „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz lesen.

Vom Leben auf dem Lande

Von: Elke Heid-Paulus Datum : 25.04.2016

www.lovelybooks.de/mitglied/Havers/rezensionen/

Unterleuten ist ein fiktiver Ort in Brandenburg und der Titel des neuen Romans von Juli Zeh. Die mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Autorin seziert mit klarem Blick eine dörfliche Gemeinschaft im Osten Deutschlands nach der Wende. Möglicherweise hat Zeh hier auch eigene Erfahrungen verarbeitet, lebt sie doch seit geraumer Zeit im Havelland.

Die Bewohner von Unterleuten haben wechselhafte Zeiten hinter sich. Zumindest ein Teil von ihnen. Bezahlte Arbeit war und ist knapp, im Wesentlichen leben sie von den Erträgen ihres Grund und Bodens. Die Enteignungen im Zuge der Zwangskollektivierung in den sechziger Jahren haben sie weggesteckt, ebenso die Umverteilungen nach der Wende. Natürlich gibt es innerhalb des Dorfes Gewinner und Verlierer, und die daraus entstandenen Animositäten prägen den Umgang miteinander. Und dann sind da noch die Zugezogenen, Stadtflüchtlinge aus Berlin, die in Unterleuten ihren Traum vom Landleben verwirklichen möchten. Konflikte mit den Alteingesessenen sind hier schon fast vorprogrammiert. Es geht um Rivalitäten, um Intrigen, um Wendegewinner und Altkommunisten, um Abhängigkeiten finanzieller und emotionaler Natur, um Liebe und Hass. Und um einen projektierten Windpark und somit natürlich um Geld.

Es sind sehr unterschiedliche Charaktere, die die Handlung tragen: Jule und Gerhard, sie eine Übermutter in Reinkultur, er ein verkrachter Soziologe, der nun als Vogelwart die seltene Spezies der Kampfläufer in der Unterleutner Heide schützt und sämtliche Bebauungswünsche der Einwohner durch Einsprüche blockiert. Linda, von ihrem Partner insgeheim „Rossfrau“ genannt, eine willensstarke Pferdeflüsterin aus Berlin, die sich und ihren Vierbeiner in der Villa Kunterbunt ein neues Heim schaffen möchte. Grombowski, Großgrundbesitzer und Geschäftsführer der Ökologica, schon zu DDR-Zeiten auf der Siegerstraße, der skrupellos in der Wahl seiner Mittel ist. Kron, ein kämpferischer Altkommunist, vom Leben gezeichnet und seiner Behinderung gehandicapt. Und Schaller, ein Typ raue Schale, weicher Kern, der begnadete Mechaniker und Nachbar von Jule und Gerhard, die ihn nur „das Tier“ nennen - meine Lieblingsfigur.

Die Autorin lässt in ihrem umfangreichen Roman einen auktorialen Erzähler die Geschehnisse aus den wechselnden Perspektiven der Unterleutner schildern. Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit dem Namen des Protagonisten überschrieben, sodass die Zuordnung sehr einfach ist. Der Leser entwickelt Nähe zu diesen Menschen, aber kaum Sympathien, da (fast) jeder in Unterleuten seine eigenen Ziele verfolgt.

Sie geizt auch nicht mit spitzen Bemerkungen zur politischen Situation in diesem unserem Lande, aber immer in dem passenden Kontext. Natürlich kann sie das eine oder andere Klischee nicht vermeiden, wenn Stadt und Land aufeinandertreffen. Aber darüber kann und sollte man großzügig hinwegsehen, es fällt auch kaum ins Gewicht. Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen Gesellschaftsroman geschrieben, wie man es in erster Linie von den amerikanischen Autoren kennt. Mir fällt hier spontan Jonathan Franzen ein. Ein großer Wurf von einer der besten Autorinnen, die wir momentan in Deutschland haben – Lesen!

Wenn eine Gesellschaft sich selbst zerstört

Von: Sarahs Bücherregal Datum : 19.04.2016

https://sarahs-buecherregal.blogspot.com

Unterleuten ist ein Ort, der seit Jahren nach den gleichen Regeln funktioniert. Es gibt die Zugezogenen, die sich auf dem Land mehr Lebensqualität erhoffen, den Besitzer der „Ökologica“, einem landwirtschaftlichen Betrieb, der als Nachfolger der LPG nahezu einziger Arbeitgeber im Ort ist. Dann die klassischen „Wendeverlierer“, die nicht akzeptieren wollen, dass die Welt sich verändert hat. Dazwischen stehen ihre Familien, Kinder und Bekannte, die alle ihren festen Platz in dem Netz aus Beziehungen haben. Als Unterleuten zum Fördergebiet für erneuerbare Energien werden und zahlreiche Windkrafträder bekommen soll, brechen plötzlich alte Kämpfe wieder auf, Rollen werden neu verteilt und das lange so stabile Beziehungsgeflecht droht zu zerbrechen.
Juli Zeh ist mit „Unterleuten“ das Portrait einer fragilen Gesellschaftsstruktur gelungen, die sich plötzlich in einem Kampf wiederfindet. Systematisch legt sie die Schwachstellen einer Gesellschaft offen, die ohne Außenkontakt völlig in sich selbst verkeilt scheint. Personen, die von außerhalb in den Ort gezogen sind, stehen am Anfang noch distanziert am Rande und glauben, sich in diese Struktur nicht hereinziehen lassen zu wollen, doch unglaublich schnell finden sie sich selbst als Teil dieses Abhängigkeitssystems wieder, das am Ende in einen Kampf auf Leben und Tod endet. Frei nach dem Motto „Was ich nicht bekomme, soll auch keiner anderer haben!“ schraubt sich das Aggressionspotenzial sowohl im Subtilen als auch in offener Gewalt auf einer nach oben scheinbar offenen Skala immer weiter hoch, bis Entscheidungen getroffen werden, die zu Beginn noch keiner für möglich erachtet hätte.
Die Autorin beschreibt beeindruckend kühl und distanziert vom Niedergang der menschlichen Gemeinschaft angesichts der Aussicht auf Geld und Einfluss. Deprimierend einfach zerlegt sie die gesellschaftlichen Strukturen, bis am Ende nur noch Individuen stehen, die hilflos um sich schlagend ihre Position verteidigen. „Unterleuten“ ist ein großer Roman über die großen Probleme der Gesellschaft und in seiner gleichzeitig mitreißenden und spannenden Schreibweise ganz sicher herausragend in der aktuellen Literaturlandschaft.

Ganz einfach und unglaublich schwer

Von: Buchrevier Datum : 18.04.2016

www.buchrevier.com

Ich weiß gar nicht, ob ich in jungen Jahren offener oder noch verstockter war als ich es jetzt bin. Man sagt ja älteren Männern eine nachlassende Aufgeschlossenheit nach. Zu Recht, denn genügend Erfahrungen wurden schließlich gemacht, das Weltbild steht. Wann, wenn nicht jetzt, ist die richtige Zeit für eine klare Meinung? “Hab ich doch gesagt” und “Ist so”” sind zu Lebens-Leitsprüchen geworden. Und davon gibt es bei mir von Jahr zu Jahr immer mehr. Einer lautete bisher: “Juli Zeh geht gar nicht”.

Ob Vorratsdatenspeicherung, NSA-Affäre oder sonstige politische Debatten – Juli Zeh saß in gefühlt jeder zweiten TV-Talkrunde mit im Stuhlkreis. Wenn ich ihr engagiertes, sendungsbewusstes Gesicht sah, habe ich regelmäßig umgeschaltet. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, ein Buch von ihr zu lesen.

Doch dann habe ich auf einem Blog die erste hymnische Besprechung über ihren neuen Roman gelesen. Ein paar Tage später noch eine und dann noch eine. Und da kam ich dann schon ins Grübeln. Sollte ich vielleicht mal mein Urteil überdenken? Schließlich hatte ich Juli Zeh bisher noch gar nicht als Autorin, sondern nur als nervige TV-Debattiererin kennengelernt. Im Zweifel könnte ich ja meine Antipathie weiterführen und einen schönen Verriss schreiben. In einem Anflug von Altersmilde bestellte ich mir also das Buch, auch um mal zu schauen, was an Volker Weidermanns Zitat auf dem Backcover dran ist, der da sagt: “Im Grunde ist Juli Zeh genau jene Schriftstellerin, nach der sich alle sehnen.”

Eines kann ich schon mal vorwegnehmen. Weidermann hat Recht. Juli Zeh ist eine grandiose Schriftstellerin. Ihr Roman hat alles, was ein großer Gesellschaftsroman haben muss: Ein glaubwürdiges Setting, vielschichtige und interessante Charaktere, einen spannenden Plot mit aktuellen Bezügen und einen lebendigen, flüssigen und abwechslungsreichen Erzählstil. Das alles lässt einen Seite für Seite wie im Rausch umblättern. Ja, Unterleuten ist ein echter Pageturner. Kommt dick daher wie ein Tausendseiter, erscheint einem beim Lesen wie ein dünner Zweihundertseiter, hat aber tatsächlich 635 Seiten. Man bleibt dran, ist am Haken und hat in ein paar Tagen diesen Roman ausgelesen. Und seien wir doch mal ehrlich, das ist doch genau das Leseerlebnis, wonach wir alle immer wieder suchen. Dieses Eintauchen, dieses Sich-Verlieren in einer Geschichte, lesen bis einem spät in der Nacht die Augen zufallen, nur um morgens beim ersten Kaffee schon wieder weiterzulesen. Lesen in der Mittagspause, lesen als Beifahrer im Auto, in der Bahn und auf dem Klo. Ja, Volker Weidermann hat vollkommen recht – wenn ein Autor oder eine Autorin es schafft, diesen Leseflow zu erzeugen, dann ist das der perfekte Schriftsteller.

Was mich persönlich an diesem Roman so fasziniert hat, ist nicht der Plot, nicht das Setting in der Brandenburgischen Provinz, nein, das waren die Charaktere. Juli Zeh hat sich die Zeit genommen, jeden einzelnen der zahlreichen Romanfiguren detailliert und liebevoll einzuführen. Da ist der alte Kron, einer dieser Hundertprozentigen aus der alten DDR, einer, der das alte Regime, die alte Ordnung noch immer in sich trägt. Oder sein Gegenspieler Gombrowski, ein Bär von einem Mann, einer der alles aufgrund seiner schieren Leibesfülle dominiert, einer der sich einsetzt, der alles gibt, Gutes tut, aber was auch immer er auch tut, immer Feindbild bleibt. Oder Jule und Gerhard, ein stadtflüchtendes Akademiker-Paar, er alt, sie jung, mit Kind und Tragetuch. Dann wären da noch Frederic und Linda, er Computernerd und Spieleentwickler, sie Pferdeflüsterin und dominante Powerfrau, die rücksichtslos ihre Interessen durchsetzt. Alle diese Figuren, ihre Denkmuster, Zwänge und Handlungsroutinen lernen wir im Verlauf dieses Romans detailliert kennen. Juli Zeh baut auf, beschreibt, berichtet und erzählt ihre Geschichte auf eine angenehm zurückhaltende Weise. Ich hätte jetzt klare politische Standpunkte erwartet, das mir aus den TV-Talkshows bekannte Sendungsbewusstsein, aber nichts davon. Ich fühle mich als Leser nicht gedrängt, nicht in eine bestimmte Richtung manövriert. Zeh legt selbst die Figuren, die nicht ihrem gesellschaftspolitischen Weltbild entsprechen, mit großer Empathie und Sympathie an.

Ich muss sagen, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich hatte Juli Zeh als Überzeugungstäterin eingestuft, eine, die jedem immer und überall ihre Weltsicht aufs Auge drückt. Eine politische Autorin, die wie Sartre oder Brecht in erster Linie deswegen schreibt, um Missstände anzuprangern, Dinge zu verändern, wachzurütteln. Vielleicht will sie das insgeheim auch, aber wenn, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Trotzdem ist Unterleuten ein politischer Roman, hier kommt alles das zusammen, was in unserer Gesellschaft an Kräften agiert. Das Kapital, das Gestern, das Morgen, Ego-Shooter, Verkopfte, Bodenständige, Bestimmer und Befehlsempfänger und der ganze Rest von Menschen, die weder das Eine noch das Andere sind, sondern einfach nur versuchen klar zu kommen.

Und dann ist da noch die nette Posse rund um den Lebensberater und Buchautor Manfred Gortz, dessen Erfolgsformeln rund um Machtmenschen (Movern) und ihren Gegenspielern, den sogenannten Killjoys, im Buch immer wieder zitiert werden. Hier durchbricht Juli Zeh die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die Romanwelt tritt ins echte Leben ein. Das zitierte Buch “Dein Erfolg” gibt es wirklich, man kann es kaufen, den Autor Manfred Gortz gibt es aber anscheinend nicht, er scheint eine ausgelagerte Romanfigur zu sein. Wenn es denn so ist, dann wäre das eine interessante literarische Spielart mit Aha-Effekt.

So lass ich mir Gesellschaftskritik gerne gefallen. Gekonnt und intelligent in Szene gesetzt. Natürlich werden auch hier Klischees bedient – der Computernerd, der Investor aus Rüsselsheim, der Möchtegernschriftssteller – aber Juli Zeh verschont uns mit ausgelutschten Phrasen und verknüpft jede Position in der Unterleutener Windkraft-Debatte mit einem persönlichen Schicksal. So durchlebt man mit jeder Figur alle Argumente und versteht auf einmal jeden einzelnen Standpunkt. Das ist grandios und prinzipiell genau das, was uns bei allen öffentlichen Debatten immer wieder fehlt: Verständnis für die Sichtweise des jeweils anders Denkenden. Eigentlich ganz einfach und trotzdem unglaublich schwer.

Lesenswert!

Von: Helmut Horten aus Lenaustr. 41, 47057 Duisburg Datum : 17.04.2016

Gegen "Unterleuten" waren die Intrigenspielchen am Hofe Ludwigs des XIV. nur Kasperletheater.
Ein herrliches Buch!