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Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten Blick ins Buch

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Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-71573-2

Erschienen:  11.09.2017
Dieser Titel ist lieferbar.

Bestseller Platz 21
Spiegel Taschenbuch Belletristik

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Der ganz normale Wahnsinn

Von: buecherweltentdecker Datum : 08.07.2018

https://www.instagram.com/buecherweltentdecker/

„Je mehr ich erfuhr, desto stärker erinnerte mich die Geschichte an mein Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, ein rotes Kaleidoskop, in dem man Muster aus winzigen bunten Perlen betrachten könnte. Man dreht ein wenig, und alles sah anders aus. Ich konnte stundenlang hineinsehen. Eine Geschichte wird nicht klarer dadurch, dass viele Leute sie erzählen.“ - Seite 629

Dieses Zitat fasst eigentlich schon ganz gut zusammen, worum dieses Buch im Groben und Ganzen handelt - um Missverständnisse und die Komplexität vieler kleiner Dinge.

Die Kapitel sind immer aus der Sicht eines Dorfbewohners von Unterleuten geschrieben und so lernen wir diese zunächst mit all ihren Wünschen, Absichten und Zielen kennen. Ich finde die Charakterbeschreibung von Juli Zeh sehr ausführlich, was mir jedoch sehr gut gefällt. So lernt man auch die Macken kennen, muss ab und zu schmunzeln und hat ein unfassbar einprägsames Bild der Protagonisten. Zu dem vermitteln die einzelnen Protagonisten perfekt dieses Dorfflair. Die Autorin spielt hier zwar mit Klischees, aber wenn man selbst vom Dorf kommt, muss man feststellen wie gut das doch eigentlich zutrifft. Trotz der einprägsamen Charakterbeschreibung ist jedoch auch noch eine Übersichtskarte in der Klappenbroschüre beigefügt, die dazu beiträgt nicht den Überblick zu verlieren.

Im Anschluss kommt es zu einer Situation, die sozusagen alles ins Rollen bringt. Es bauen sich neue Beziehungen unter den Bewohnern auf bzw. werden alte Beziehungen im Laufe der Geschichte genauer erläutert. Und so setzt sich ein Puzzle aus Aktion und Reaktion zusammen, was Juli Zeh meiner Meinung nach hervorragend gelungen ist. Sie spielt mit Klischees, lässt Kompromisse entstehen und am Ende artet alles aus.

Dieses Buch hat mich super unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregt. Es gibt nicht immer nur eine Sicht - man sollte immer versuchen alles zu beleuchten und sich in andere Leute hineinzuversetzen. Empathie und Kommunikation ist das was und allen irgendwie noch fehlt.

Toller Gesellschaftsroman

Von: Büchermadl Datum : 17.06.2018

https://buechermadlblog.tumblr.com/

Rezension zu -Unterleuten-

Zum Buch

Autorin: Juli Zeh

Verlag: btb Verlag

Erscheinungsdatum: September 2017

Buchlänge: 656

Preis: 12,00 € in Deutschland

Auszeichnungen: Rauriser Literaturpreis, Hölderlin Förderpreis, Ernst-Toller-Preis, Carl-Amery-Literaturpreis, Thomas-Mann-Preis, Hildegard-von-Bingen-Preis.

Klappentext

Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf in Brandenburg wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten. Doch hinter den Fassaden der kleinen Häuser brechen alte Streitigkeiten wieder auf. Und obwohl niemand etwas Böses will, geschieht Schreckliches.

Rezension

Unterleuten war mein erster Roman von Juli Zeh und ich war sehr gespannt darauf. Über die Bücher, der in Bonn geborene Autorin, habe ich Unterschiedliches gehört. Habe mich nach kurzer Überlegung für Unterleuten, entschieden, da sie für dieses Werk des öfteren ausgezeichnet wurde und die allgemeine Lesermeinung sehr positiv ist.

In dem Gesellschaftsroman geht es um ein Dorf in Brandenburg “Unterleuten” und dessen unterschiedlen Einwohnern. Normalerweise stresst es mich immer sehr beim Lesen, wenn aus vielen Blickwinkeln und von vielen Personen erzählt wird, hier aber nicht. Ich bin sehr gut in die Geschichte hineingekommen und habe gerne die Sichtweisen, der teilweise skurrilen Charaktere gelesen. Die Personen des Dorfes könnten nicht unterschiedlicher sein, da gibt es z.B. Rudolf Gombrowski, der als ziemlich laut und grob beschrieben wird, oder Jule Fließ-Weiland, die alle Hände mit ihrem kleinen Säugling zu tun hat und auch den humpelnden Kron kann man in Unterleuten finden, der ebenfalls laute Bewohner ist meisten auf Streit aus.

Die Personen sind eine explosive Mischung und als in Unterleuten ein Windpark gebaut werden soll, prallen alle aufeinander.

Der Schreibstil ist wirklich toll und angenehm, das Buch lässt sich dadurch sehr leicht und auch schnell lesen.

Immer wieder habe ich während des Lesens Parallelen zu meinem Umfeld und zu der Gesellschaft im allgemeinen gezogen. Ebenfalls habe ich des öfteren überlegt, wie weit ich gehen würde, um meine persönlichen Ziele zu erreichen.

Fazit

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und es hat mich auch stark zum Nachdenken angeregt. Das wird nicht mein letztes Buch von Juli Zeh gewesen sein, ich will unbedingt mehr davon.

Unterleuten ist ein klingender Name für einen Ort, in dem es brodelt und in dem man sich unter Leuten befindet, die einem nicht nur wohlgesinnt sind. Sie spielen alle das Spiel namens Dorfleben. Eine kleine Auswahl von Menschen, die beschlossen haben, am selben Platz zu leben.
Mit einem ungefälschten Blick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und für unwissende Zuschauer unverständlichen Dynamiken, die in so einer Gemeinschaft entstehen, schafft es Juli Zeh einen Gesellschaftsroman vorzulegen, der Menschenstudie und Krimi zugleich ist.

Erzählt wird aus der Sicht unterschiedlicher Dorfbewohner und -bewohnerinnen. Alteingesessene und neuzugezogene, junge, alte, Frauen und Männer. Man muss dranbleiben, um nicht den Überblick zu verlieren, wer jetzt mit wem und warum und was hat das alles im Großen und Ganzen zu bedeuten. Man bekommt einen gutes Gespür dafür, wie unterschiedlich Menschen Gegebenheiten wahrnehmen, wie viele unterschiedliche Gefühle durch Ereignisse hervorgerufen werden können. Die Geschichte ist keine leichte Kost. Viele der Charaktere sind sehr unsympathisch, wurden jedoch komplex aufgebaut und authentisch dargestellt. Die Geschichte ist unangenehm. Man spürt das Brodeln und wartet darauf, dass alles bald explodiert. Wohlfühlen kann man sich dabei nicht, es löst ein inneres Unbehagen aus, das zu keinem Zeitpunkt beim Lesen aufhört. Die Geschichte hinterfragt Einstellungen und Werte. Und nichts bleibt verschont. Dazu gehören Familie, Freundschaften, Politik, Zusammenhalt, Macht, Geld, Liebe. Die Anonymität ist nicht gegeben und viele kennen sich im Dorf seit ihrer Kindheit und das macht es nicht immer einfacher.

Für mich, als jemand, der im Dorf aufgewachsen ist, war es trotz beklemmendem Thema eine doch auch lustige und unterhaltsame Geschichte, in der ich vieles wieder erkannt habe und die zum Schluss nochmal einen draufsetzt, durch das man das Ganze aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann. Der Blick hinter die Fassade der Menschen war für mich sehr bereichernd, auch wenn ich solchen Machtspielen, wie sie hier dargestellt wurden, nichts abgewinnen kann. Dieses Buch ist für anspruchsvolle Leser eine Traumlektüre!

Sehr spannendes Buch!

Von: Eli`s Bücherecke Datum : 28.05.2018

elisbuecherecke.blogspot.de/

Chapeau! "Unterleuten" ist nicht nur ein bemerkenswertes Buch; es ist ein Appell für Respekt, Toleranz und Empathie.
Juli Zeh gelingt es meisterhaft die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft zu porträtieren, ohne dabei in billige Sterotype abzugleiten. Ganz im Gegenteil - sie bietet einen individuellen, zu Teilen feinfühligen Einblick in die Seele der Protagonisten.
Die Brandenburger Einöde ist dabei der ideale Ort all den Widersprüchen unserer Gesellschaft einen Raum und letztlich ein Schlachtfeld zu geben. Hier trifft West auf Ost, Jung auf Alt, Verbohrt auf Idealistisch, digital auf analog, Liebe auf Hass und am Ende Glück auf Drama.
All diese Gegensätze in eine ländlicher Idylle zu transportieren, scheint bereits der erste Widerspruch zu sein.
Juli Zeh versetzt den Leser in die individuelle Sichtweise der Akteuere.
Bei jedem Einblick in die Gedankenwelt wird erstaunlicherweise aus der jeweiligen individuellen Sicht klar und nachvollziehbar, warm sie so handeln; in der Summe der Individuen fehlt aber letztlich der Gemeinschaftsgeist - der perfekte Boden für ein Drama ...

Der Schreibstil ist locker, frei von überflüssigen intellektuellen "Sprech" und damit wenig anstrengend; das Cover ist schlicht, aber irgendwie für den Ort und die Akteure passend.
Sehr empfehlenswert, es könnte sicher nicht schaden, solche Bücher im Schulunterricht einzubinden.

Rezension: „Unterleuten“ von Juli Zeh

Von: Erik Pischel Datum : 09.05.2018

https://www.epischel.de/wordpress/category/medien/buecher/

Juli Zehs Roman spielt im Jahr 2010 in einem (fiktiven) Dorf mit dem sprechenden Namen Unterleuten in der Ostprignitz, Brandenburg, ca. 100 km von Berlin entfernt. Der geplante Bau von zehn Windrädern am Rande des Dorfes erzeugt neue Konflikte unter den Dorfbewohnern und lässt alte Konflikte wieder aufbrechen. Aus der Sicht von gleich elf Personen treibt die Autorin die Handlung voran. Dies gelingt ihr sehr gut. Ich fand den Roman in weiten Teilen spannend. Es gibt nur wenige Stellen, in denen die Handlung etwas abflaut. Für mich immer ein willkommende Gelegenheit, das Buch beiseite zu legen und mich auch mal anderen Dingen zu widmen.

Gefallen hat mir, dass die erzählenden Personen auch in ihrem Innenleben und in ihrer „Lebensphilosophie“ beschrieben werden. So habe ich eine Bandbreite von „Wie man das Leben sieht“ und „Wie man durchs Leben kommt“ kennen gelernt.

Bei den alteingesessenen Dorfbewohnern sind vor allem Rolf Gombrowski und Kron hervorzuheben. Gombrowski hatte die damalige LPG geleitet und sie nach der Wende in eine Nachfolgeorganisation hinüber gerettet. Sie gibt Bewohnern Arbeit und unterstützt Einrichtungen des Dorfes wie Kindergarten und Feuerwehr. Daher sieht sich Gombrowski permanent im Einsatz für das Dorf und die Region. Kron wiederum trauert der DDR nach und ist dem „neuen System“ äußerst kritisch eingestellt. Er lebt allein. Ich habe ihn mir als Rentner vorgestellt, aber laut unterleuten.de ist erst 56 Jahre alt.

Zu den Hinzugezogenen gehören die Paar Fließ und Franzen/Wachs. Gerhard Fließ war Soziologie-Professor in Berlin und Zeit seines Lebens politisch aktiv. Mit dem neuen, eher unpolitischen Zeitgeist kann er nicht so viel anfangen. Außerdem war seine Uni-Karriere ins Stocken geraten. Daher zog er mit seiner ehemaligen Studentin und jetzigen Ehefrau Jule aufs Land und wurde Vogelschützer. Linda Franzen ist „Pferdeflüsterin“ und „angehenden Super-Geschäftsfrau“. Sie verausgabt sich täglich, um endlich ihren geliebten Hengst „Bergamotte“ zu sich auf den Hof zu holen. Ihr Freund Frederick Wachs ist Software-Entwickler bei der Computerspiele-Firma seines Bruders und unter der Woche meist in Berlin. Er ist eher das Gegenteil von Linda – unergeizig und „turnschuhweich“.

Die Protagonisten haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Dies macht sie greifbar und das Buch realistisch. Mir hat es sehr gut gefallen.

Übrigens gibt es mit unterleuten.de eine Webseite zum Buch. Auch zwei weitere, im Buch erwähnte Webseiten gibt es tatsächlich, sowie Profile von zwei Romanfiguren bei Facebook. Das Buch „Mein Erfolg“ des Management-Gurus, den Linda Franzen so verehrt und aus dem sie Merksätze zitiert, gibt es wirklich zu kaufen – sogar als Hörbuch. Die Autorin und der Verlag versuchen anscheinend, die Romanwelt und die „echte“ Welt in einander übergehen zu lassen. Hut ab.

Dörfliche Idylle?

Von: ulliken Datum : 25.01.2018

ulliken.blogspot.de/p/meine-buch-rezensionen.html

Unterleuten, ein kleines Dorf in Brandenburg, scheint eine bezaubernde Idylle zu sein. Nicht nur aus diesem Grund zieht es immer mehr Menschen aus dem Westen hierher. Einerseits wollen sie den Stress der Großstadt loswerden, andererseits scheinen sie aber nicht zu wissen, dass ein Dorf eine Gemeinschaft ist, der man sich anschließen muss.

Dieses Dorf hat wie viele andere auch Familien, die seit mehreren Generationen dort wohnen. Bekannt ist ebenfalls, dass es eine tiefe Kluft, wenn nicht einen Krieg zwischen zwei Männern gibt, die dieses Dorf prägen.

Der Roman von Juli Zeh spiel im Sommer 2010, in diesem Sommer wird von einer großen Investmentfirma geplant, einen Windpark in dieser Idylle aufzustellen. Genehmigt ist schon alles, nur der Bauplatz steht noch nicht fest.
Mindestens 10 ha werden gebraucht und es gibt verschiedene Möglichkeiten.

Jetzt zeigen sich die inneren schon lange schwelenden Konflikte der Dorfbewohner, die schon seit Ewigkeiten hier wohnen, zusätzlich kommen die der Zugezogenen, die nur die Hälfte von dem begreifen, was hier eigentlich abläuft. Letztendlich scheint es nur ums Geld zu gehen. Ich denke, nur die beiden Alten, die schon lange verfeindet sind, haben irgendwann den Durchblick.

In Unterleuten liegt vieles in den Köpfen der Menschen verborgen und bricht aus, jeder fühlt sich im Recht und manch einer nimmt es sich - mit den falschen Mitteln. Familien brechen auseinander. Dieser Gesellschaftsroman gerät zum Drama und endet meines Erachtens auflösend.

Juli Zeh hat den Roman über das soziale Gefüge dieses Brandenburgischen Dorfes in sechs Teile geteilt, die jeweils in bis zu 13 Kapitel eingeteilt sind und den Namen einer Figur tragen, aus deren Perspektive das Geschehen geschildert wird.

"Unterleuten" lässt sich gut lesen, war allerdings stellenweise etwas zäh.

spannend erzählt

Von: huckleberryfriendz Datum : 12.01.2018

https://huckleberryfriendz.wordpress.com/2018/01/12/spannend-erzaehlt/

Juli Zeh beschreibt in ihrem 640 seitigen Roman den Wandel eines brandenburgischen Dorfes namens „Unterleuten“ seit der Wende, wobei vorhergehende Ereignisse ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen.

Anhand von Erlebnissen Alteingesessener und nach der Wende Zugezogener erlebt der Leser den Wandel von der Plan-, über die Unterleutener Tausch- zu der um sich greifenden Marktwirtschaft samt dem großen Ausverkauf, bei dem nahezu jeder das Beste für sich herausholen will. Schon seit jeher scheint Unterleuten ein Dorf gewesen zu sein, das nicht mit Behörden zusammengearbeitet hat und stolz darauf war, alles selber zu regeln; da fallen eigene Rachefeldzüge, kriminelle Aktionen und Selbstjustiz, Tratsch und Verleumdung gar nicht wirklich auf, sondern gehören zum ganz normalen Alltag dieses Dorfes. Soziale Verstrickungen und Abhängigkeiten beeinflussen das Taktieren seit jeher und nun, während der Planung eines Windparks, stellen sie die Gegenspieler zu skrupellosen Investoren dar, beim Wettlauf um die eigenen Vorteile, bei denen auch Zugezogene alles geben.

Die Bewohner Unterleutens werden eher klischeehaft dargestellt; im Laufe des Romans lernt man sie ein wenig kennen, erfährt von ihren Schicksalschlägen, Beweggründen, Überzeugungen, von Situationen, die sie sprachlos oder gedemütigt zurückließen und veränderten, von Treue und Verrat und von Familienfehden, die sich über Jahrzehnte erstrecken. Trotz der Einblicke in ihr Leben hinterläßt keiner von ihnen einen wirklich bleibenden Eindruck bei mir. Das ist vielleicht auch gar nicht nötig, um über ihre und die eigene Moral nachzudenken und sich zum Schluß mit ihnen gemeinsam zu fragen: Hat es sich dafür gelohnt?

Insgesamt wurde der Roman spannend und facettenreich erzählt; dennoch fand ich einiges schon deutlich zu langatmig und überzeichnet.

Intelligent erzählte Demontage einer Dorfgemeinschaft

Von: Lilli33 Datum : 07.01.2018

https://lillisbuchseite.wordpress.com

Inhalt:
Unterleuten, ein kleines, fiktives Dorf in Brandenburg, Sommer 2010. Die Vento Direct will einen kleinen Windpark in Unterleuten bauen. Je nach Grundbesitz und sonstigen Eigeninteressen sind die Dorfbewohner dafür oder dagegen. Es wird paktiert und gemauschelt, alte Rechnungen kommen auf den Tisch. Kann das idyllisch gelegene Dorf die Querelen überstehen?

Meine Meinung:
Mit „Unterleuten“ ist Juli Zeh ein großartiger Gesellschaftsroman gelungen. Trotz der hohen Seitenzahl ist das Buch gut zu lesen, da es in „mundgerechte Häppchen“ eingeteilt ist. Sechs große Teile sind untergliedert in kürzere Kapitel, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. So lernt man die wichtigsten Einwohner Unterleutens kennen. Durch den Perspektivwechsel wird auch meist sofort klar, dass das Bild, das jeder vom anderen hat, nicht der Realität entspricht. Man lebt schon lange unter falschen Voraussetzungen zusammen, bekriegt sich, obwohl nicht immer ein Grund dafür vorliegt, nur aufgrund eines Gerüchts oder einer falschen Annahme.

Vor allem die erst kürzlich Zugezogenen tun sich schwer, die Strukturen der Dorfgemeinschaft zu durchschauen. Teils wollen sie sich anpassen und schlagen sich auf eine Seite, ohne die Folgen abschätzen zu können. Teils verfolgen sie eigene Interessen und bringen damit alles aus dem labilen Gleichgewicht.

Juli Zeh hat die unterschiedlichsten Charaktere „erfunden“, und doch wirken sie sehr authentisch. Das kleine Dorf erwacht vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben, und wer auf dem Dorf großgeworden ist, weiß, dass es dort genau so zugehen kann, wie die Autorin es beschreibt. Jeder kennt jeden, oft besser als sich selbst, auch wenn die Hälfte davon erfunden ist.

Gerade bei der Entwicklung ihrer Figuren beweist Juli Zeh sehr viel Feingefühl. Die verschiedenen Eigenschaften, die Interaktionen, die sozialen Abhängigkeiten werden extrem detailliert unter die Lupe genommen. Vor allem wie man sein Gegenüber manipulieren kann, ist ein wiederkehrendes Thema. Durch eine der Protagonist*innen, die als Pferdeflüsterin arbeitet, wird immer wieder aufgezeigt, was Handlungen bewirken. Sie nimmt ihr Wissen aus dem Ratgeber „Dein Erfolg“ eines gewissen Manfred Gortz. Diesen Ratgeber gibt es auch tatsächlich, geschrieben von Juli Zeh unter dem Pseudonym Manfred Gortz. Auch eine Homepage von Unterleuten gibt es sowie eine Seite des Unterleutner Vogelschutzbundes, der im Roman eine Rolle spielt. So verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität.

Fazit:
„Unterleuten“ ist ein intelligenter Gesellschaftsroman, großartig konstruiert und fesselnd erzählt. Die Handlung ist logisch durchdacht und vielschichtig. Dabei kann man kaum vorhersehen, wie sich alles entwickelt. Ich habe mich köstlich amüsiert und war von Anfang bis Ende mit Spannung dabei.

Eine Karikatur der ländlichen "Idylle"

Von: ricysreadingcorner Datum : 07.01.2018

www.ricysreadingcorner.wordpress.com

Worum geht’s?
Es geht um Unterleuten, ein kleines scheinbar idyllisches Dorf irgendwo in Brandenburg und um dessen Bewohner. Da gibt es einige Alteingesessene und ein paar neu Zugezogene und natürlich gibt es alte nie gelöste Streitigkeiten und festgefahrene Strukturen. Da braucht es nur den geplanten Bau eines neuen Windparks auf Gemeindegebiet, um das, was jahrelang unterschwellig brodelte, wieder neu zu entfachen. Wenn dann noch ein paar Neue mitmischen, die glauben, die Spielregeln des Dorfes zu kennen, kann sich das zu einem echten Großfeuer entwickeln. Was nach außen hin so beschaulich wirkt, gleicht hinter verschlossenen Türen und hohen Gartenzäunen immer mehr einer Kriegszone.

„Unter Leuten, die daran gewöhnt waren, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ging es eben manchmal etwas rau zu.“ S. 152

Meine Meinung
Man nehme ein kleines Dorf in Ostdeutschland, ein paar alte Dorfbewohner, die jedes Klischee von Dorfbewohnern und ein paar zugezogene Städter, die jedes Klischee von Städtern, die auf der Suche nach Ruhe und Erfüllung aufs Land ziehen, erfüllen, einen typischen reichen Spekulanten, der riesige Landstücke kauft und einen neuen Windpark, der in diesem Dorf errichtet werden soll, und schon hat man genug Konfliktpotenzial um einen großartigen gesellschaftskritischen Roman zu erschaffen.
Es gibt kaum ein Klischee der deutschen Bevölkerung, mit dem die Autorin hier nicht spielt und dennoch muss man einfach so viel Wahrheit darin erkennen, dass ich immer wieder schmunzeln musste.
Um kurz ein paar Unterleutener vorzustellen: Es gibt den alten Kron, einen ehemaligen Brigadeführer der Unterleutener LPG „Gute Hoffnung“ und seine Tochter Kathrin, die es für ihr Medizinstudium aus Unterleuten weg schaffte und doch wieder zurückkehrte, und dort nun wieder mit ihrer verzogenen kleine Tochter „Krönchen“ und ihrem Ehemann Wolfi, der als Schriftsteller eher wenig erfolgreich ist, lebt. Dann ist da Bürgermeister Arne, der aus Gewohnheit und weil die Strukturen es so verlangen, immer wieder gewählt wird, der grobe Gombrowski, der früher Vorsitzender der LPG war und diese nach der Wende in die Ökologica GmbH umwandelte, durch die er ein beträchtliches Vermögen erwirtschaftete und seine stille Frau Elena sowie die Nachbarin Hilde Kessler, die eine besondere Beziehung zu Gombrowski hat und nach dem vermeintlichen Unfalltod ihres Mannes mit unzähligen Katzen zusammenlebt. Einige Vorkommnisse, über deren wahren Hergang sich nur spekulieren lässt, haben dazu geführt, dass zwischen Kron und Gombrowski seit Ewigkeiten ein mal mehr und mal weniger offener Konflikt herrscht, in dem fast das ganze Dorf irgendwie involviert ist.
Die Neuzugezogenen sind zum einen Gerhardard Fließ, seine Frau Jule Fließ-Weiland und ihr Säugling Sophie. Gerhard war Soziologie Professor in Berlin und Jule seine Studentin. Dem Stadtleben überdrüssig zogen sie in der Hoffnung auf Ruhe und Idylle nach Unterleuten, wo Gerhard nun beim Vogelschutzbund arbeitet vor allem dafür zuständig zu sein scheint, allen möglichen Bauvorhaben Steine in den Weg zu legen. Ganz neu in Unterleuten sind Linda Franzen und ihr Lebensgefährte Frederik Wachs. Während der zurückhaltende Frederik als Programmierer in der erfolgreichen Browserspiel-Firma seines Bruders arbeitet und von Unterleuten scheinbar am liebsten sein Arbeitszimmer sieht, werkelt die tatkräftige Linda unermüdlich an ihrem sanierungsbedürftigen neuen Heim, im Dorf als Villa Kunterbunt bezeichnet, herum und versucht alles in die Wege zuleiten, um ihr geliebtes Pferd Bergamotte für die Zucht nach Unterleuten holen zu können. Dafür braucht sie Wiesen, Ställe und Zäune, die natürlich alle erstmal genehmigt werden müssen. Zum Glück ist sie als Equidentrainerin so erfolgreich darin andere Wesen davon zu überzeugen, nach ihrem Willen zu tanzen, dass sie diese Fähigkeiten auch auf den Umgang mit Menschen überträgt.
Viele weitere Bewohner Unterleutens, die ebenfalls mehr oder weniger große Rollen spielen, wurden nun noch gar nicht erwähnt und doch wird schon deutlich, dass Juli Zeh mit den Charakteren in ihrem Roman viele Rollen einer typischen kleinen Dorfgemeinschaft abdeckt. Zudem sind diese Charaktere, wie bereits gesagt, wandelnde Klischees in ihren Rollen. Und gerade das macht diesen Roman für mich so besonders. Es sind keine tiefgründigen, authentischen oder gar facettenreiche Charaktere, obwohl sie durchaus alle besondere Geschichten haben, und dennoch schafft die Autorin es, dass man sich durchgehend vorstellen kann, dass so etwas genau so ablaufen wird. Weil sie damit einfach eine unterhaltsame und dennoch nachdenklich stimmende Karikatur der Wirklichkeit erschafft. Man kann irgendwie nicht verstehen, dass die Leute sich in einer solchen Situation tatsächlich so verhalten, möchte sich oft genug an den Kopf fassen und dennoch kann man es leider sehr wohl glauben.
Obwohl ich anfänglich etwas brauchte, um in die Geschichte hereinzukommen und sie tatsächlich erstmal etwas zäh fand, fand dich es spannend, die ganzen Charaktere, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, immer näher kennenzulernen. Schwierigkeiten sie auseinanderzuhalten, hatte ich nie, da sie alle ihre so klare Rolle darstellen. Die unterschiedlichen Perspektiven unterstreichen für mich neben den teilweise oft karikaturesken Charakteren besonders die Aussage des Buches. Jeder hat seine eigene Sicht der Dinge und kaum einer spricht darüber, was letztendlich das große Problem ausmacht und dem Leser das Gefühl gibt nie so richtig an den Kern der Wahrheit heranzukommen. Aber ist diese überhaupt wichtig? Will nicht jeder nur seine eigene Wahrheit glauben? Würde es etwas ändern, wenn darüber gesprochen würde und warum wird nicht darüber gesprochen? Alles Fragen die uns, wenn wir mal ehrlich sind, auch im wahren Leben immer wieder begegnen.
Spätestens ab der Hälfte des Buches, nehmen dann aber auch die Ereignisse an Fahrt auf und es wird immer spannender. Der schnörkellose, einfache aber oftmals sarkastische Schreibstil unterstreicht für mich noch den Karikaturcharakter dieser Geschichte und trägt zudem zu einem schnellen Lesefluss bei. Obwohl mir kaum ein Charakter richtig sympathisch war, fieberte ich einfach mit dem ganzen Dorf mit. Dabei ist schnell klar, dass das kein gutes Ende nehmen kann. Und am Ende ließ mich der Roman dann sogar erstmal etwas sprachlos zurück…

Fazit
Unterleuten ist für mich ein toller Roman über die Absurditäten des Spiels unseres alltäglichen Lebens und unserer Gesellschaft und die Gefahren die diese bergen können, obwohl jeder doch eigentlich nur das Beste will. Obwohl mir die Story manchmal etwas langatmig vorkam muss ich am Ende sagen, dass nichts zu viel war. Der Klappentext macht allerdings Hoffnung auf eine Spannung die für mich erst spät im Roman einsetzte. Da es sich meiner Meinung nach dennoch um eine sehr gelungene Gesellschaftskritik handelt, gebe ich eine klare Leseempfehlung!

Dörfliches Idyll

Von: Frau Lehmann Datum : 11.12.2017

fraulehmannliest.com

Unterleuten ist ein fiktives Dorf irgendwo in Brandenburg. Idyllisch gelegen, nicht zu weit entfernt von Berlin. Alteingesessene und nach der Wende Neuzugezogene bilden die Dorfgemeinschaft. Wobei Gemeinschaft hier sicherlich das falsche Wort ist. Und wie in jedem Dorf gibt es Wortführer und Mitläufer, Neuerer und Wahrer des Althergebrachten.

Da wären Gerhard Fließ mit Frau Jule, ein ehemaliger Dozent der Humboldt-Universität, der eine seiner Studentinnen geheiratet und in einem Anflug von Lebenserneuerung eine Stelle als Vogelwart angenommen hat, um auf das entschleunigte und unverbrauchte Land zu ziehen. Dann Linda Franzen, ebenfalls neu zugezogen, die mit ihrem Freund eine alte Villa renoviert, ein Pferdemädchen mit etwas naivem Machtwillen. Schaller, der nach einem schweren Unfall sein Leben neu aufbaut und mühsam versucht, seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Gombrowski, der Leithengst des Ortes, dessen Eltern vor der Enteignung das Land ringsum gehörte, und der mit Land und Dorf verwachsen, patriarchalisch seine Entscheidungen trifft und durchsetzt. Kron, der ewige Verlierer und Gegenspieler von Gombrowski, ebenso verwurzelt im Dorf. Arne Seidel, Bürgermeister von Gombrowskis Gnaden, der aber sein Bestes für das Dorf zu geben versucht. Und noch weitere Personen, die im Dorfgeflecht größere und kleinere Rollen spielen.

Nachdem wir nun also das Personal kennen, brauchen wir einen Stein des Anstoßes, um das Dorf in Aktion zu erleben: ein geplanter Windpark vor den Toren und zwar in unmittelbarer Sichtweite.

Auf dieser Grundlage nun seziert Juli Zeh das Dorfleben, fürchtet dabei kein Klischee und keine Zuspitzung. Sie läßt die Bewohner nacheinander zu Wort kommen und ihre Weltsicht und Meinung kundtun. Dabei schafft sie das eigentlich Unmögliche: jeder Einzelne hat, wenn man seine Sicht der Dinge erst einmal kennt, nachvollziehbare Gründe für sein Handeln, jeder Einzelne hat sympathische Züge und vor allem hat jeder Einzelne seine eigenen blinden Stellen, seine beschönigten Erinnerungen, seine passend verdrehten Tatsachen und Entschuldigungen. Juli Zeh schont ihre Charaktere nicht. Sie zeigt das ganze kleinliche, eigensüchtige, egozentrische Denken der Dorfbewohner, die Versuche, hehre Ideen auf schlicht neidische oder egoistische Handlungen aufzupfropfen, die Versuche, die Vergangenheit dem eigenen Wunschdenken anzupassen und dem Gegenüber als alleinige Wahrheit aufzudrängen, und sie zeigt, dass eine kollektive Erinnerung trotzdem die Summe der Erinnerungssplitter eines jeden Einzelnen ist.

Und wer sich dabei an sein eigenes Umfeld erinnert fühlt, hat den Sinn des Romans wohl erkannt. Denn unter Leuten ist man überall, jedes Dorf, jeder Verein, jede Gemeinschaft oder Versammlung funktioniert so. Weil Menschen eben so sind, weil eben jeder seine egoistischen kleinen Ideen gerne mit einem höheren Sinn verbrämt, weil das Gras auf der anderen Seite des Zaunes meistens grüner ist und die Bäume dort mehr Äpfel tragen, weil man selbst gerne am besten weiß, wie die Dinge laufen müssten, damit die Welt ein schönerer Ort ist und ebenso gerne vergisst, dass ein „schönerer Ort“ von jedem anders definiert wird.

Neben all dem ist „Unterleuten“ aber auch ein unterhaltsam geschriebener Roman, der trotz seiner immerhin 640 Seiten spannend bleibt bis zum Schluß. Ein Roman, der zwar Klischees nicht scheut, aber niemals auf „Gartenzwerge“-Niveau fällt, der Idylle zwar zeigt, aber nur um sie danach zu dekonstruieren. Ein definitiv lesenswertes Buch für alle, die „Unter Leuten“ leben.