Leserstimmen zu
Unterleuten

Juli Zeh

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Das fiktive 200-Seelen Dorf Unterleuten in Brandenburg ist von außen betrachtet eine Idylle: Es liegt mitten in der Natur, in der es auch noch seltene Vogelarten gibt, und überwiegend kleine Häuser prägen das Bild. Die umliegenden Orte tragen so klangvolle Namen wie z.B. Seelenheil, Wassersuppe, Regenmantel, und einige Alteingesessene sind echte Originale. Viele Großstädter - vor allem Berliner - wollen dort fernab aller Hektik einen Neuanfang wagen und Dinge tun, von denen sie bislang nur träumen konnten. Doch sie müssen bald feststellen, dass es im vermeintlichen Paradies auch Probleme gibt, und es dort gelegentlich zu eng sein kann. Obwohl Berlin nur ca. eine Stunde entfernt ist, scheint Unterleuten "hinter dem Mond" zu liegen. Haben die Dörfler ihre Probleme bislang unter sich gelöst - meist vor dem Hintergrund der Frage, wer wem einen Gefallen schuldet -, so gerät die verkrustete Gemeinschaft nun gefährlich aus dem Gleichgewicht: Ein gewinnträchtiger Windpark soll gebaut werden. Da kommen plötzlich doch wieder alte Animositäten zwischen den "Ureinwohnern" hoch, und der Gegensatz zu Ansichten und Mentalität der Zugezogenen sorgt für zusätzliche Konflikte. Kein Wunder, dass sich im Laufe der Zeit das vermeintliche Paradies immer mehr zur Hölle entwickelt. Resümee: Der Roman besteht aus VI Teilen und insgesamt 62 kurzen Kapiteln, in denen die jeweiligen Protagonisten - Einheimische und Zugezogene - aus ihrer Sicht das Geschehen erzählen. Insgesamt gibt es ca. 20 Akteure, allesamt sehr individuelle Charaktere, mal mehr, mal weniger sympathisch. Dabei ist bar jeden Selbstzweifels jeder davon überzeugt, im Recht zu sein und das Richtige zu tun. Im Verlauf des Geschehens ändert man oft sein Urteil über die Personen - auch dadurch bedingt, dass sie in variierenden Konstellationen auftreten. Man entwickelt Verständnis für die anfangs Unsympathischen und macht Abstriche bei den zunächst als "nett" Eingestuften. Insgesamt ergibt sich ein komplexes Gesellschaftsbild, und der ein oder andere Leser wird sich und seine Mitmenschen in verschiedenen Personen wiedererkennen. Vor dem Hintergrund, dass im bislang so idyllischen Unterleuten ein Windpark gebaut werden soll, geht es um alte, bis vor Kurzem erfolgreich unterdrückte zwischenmenschliche Konflikte unter den Alteingesessenen. Die Zugezogenen sorgen für zusätzlichen Sprengstoff, denn nun geht es auch um die Themen "Ossis" vs. "Wessis", vermeintliche Wendegewinner und -verlierer und um menschliche Moral zugunsten des eigenen Vorteils. Das starre, aber bislang funktionierende "System Unterleuten" wird immer mehr aufgeweicht und gerät ins Wanken. Die romantische Vorstellung von einem idyllischen, harmonischen Landleben wird peu à peu ad absurdum geführt. Fazit: ein höchst interessantes Buch. Aber man muss sich auf die Thematik respektive Problematik und die Charaktere einlassen - sonst droht es langweilig zu werden.

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Wenn in einem Buch die alte Heimat zum Ort der Handlung wird, dann vermag dies ein Grund sein es anzulesen. So ist es bei mir und dem Buch „Unterleuten“ von Juli Zeh. Es spielt im fiktiven Örtchen „Unterleuten“ im ländlichen Brandenburg. Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen unglaublich großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben. Als ich mir vorgenommen habe eine Rezension darüber zu schreiben war und bin ich grundlegend bis jetzt hin- und hergerissen, welchen Schwerpunkt in der Betrachtung ich setzen sollte. Wer einen nur unterhaltsamen Roman erwartet wird enttäuscht sein. Die Brillanz liegt hier im Detail und zwischen den Wörtern. Würde man das Unausgesprochene aufschreiben, wäre man in der Lage aus „Unterleuten“ ein weiteres Buch zu machen. Über „Unterleuten“ von Juli Zeh „Unterleuten“ liest sich im ersten Augenblick wie ein Thriller über die Moral jenseits des egoistischen Eigeninteresses. Wir müssen uns fragen, woran glauben wir. Wie hängt es zusammen, dass alle zwar nur das Beste wollen und am Ende, trotzdem etwas Schreckliches passiert? Das Dorf „Unterleuten“, an irgendeinem Ort in Brandenburg, ist die bildliche Entsprechung der Idylle. Unheil deutet sich an, als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe zur Ortschaft zu errichten plant. Es brechen Streitigkeiten auf, die lange Zeit tief im Inneren der Bewohner des Ortes schlummerten. Die Berliner Aussteiger und die ursprünglichen Dorfbewohner könnten nicht von größerem Antagonismus geprägt sein, wie es in „Unterleuten“ gezeigt wird. Zusammen mit dem untergründig schwelende Konflikt der Gewinner und Verlierer der Wende bildet sich ein ausgezeichneter Nährboden für zwischenmenschliche Katastrophen. Juli Zeh gelingt es in hervorragender Weise ein düster, realistisches Szenario zu zeichnen, dass die Hölle im Dorf ausbrechen lässt. Mein Eindruck Der Roman ist sprachlich nicht die schwerste Kost, wer einen leichten Landroman erwartet, wird aber enttäuscht sein. „Unterleuten“ zählt meiner Meinung nach zu den Büchern, bei denen es lohnt, zweimal zu lesen. Viele Facetten der Geschichte werden erst beim zweiten Gedankengang klar.Die Geschichte lebt von Ihren Figuren, aber nicht nur, sondern vor allem durch den sehr gut geschriebenen Konflikt zwischen Alt- und Neubewohnern des Dorfes. Vielleicht braucht es für den geneigten Leser eine gewisse Vorerfahrung, wie es den Menschen im Osten nach der Wende ging, aber ohne dies wird man von der Stimmung in „Unterleuten“ schnell in die Geschichte hineingezogen.Der Roman „Unterleuten von Juli Zeh ist eine Leseempfehlung wert. Und sonst so… Unter http://www.unterleuten.de können interessierte Leser mehr über den Roman erfahren. So findet man auf der Seite u.a. einen Stadtplan des fiktiven Ortes. Ebenso sind dort die Lebensläufe und Beschreibungen der Bewohner vorhanden. Die Seite erleichtert das Figurenverständnis über die Beziehungen zwischen Protagonisten und ermöglicht ein besseres Begreifen der weiterführenden Gesellschaftskritik, die sich teilweise nur zwischen den Worten wiederfindet.

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„Je mehr ich erfuhr, desto stärker erinnerte mich die Geschichte an mein Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, ein rotes Kaleidoskop, in dem man Muster aus winzigen bunten Perlen betrachten könnte. Man dreht ein wenig, und alles sah anders aus. Ich konnte stundenlang hineinsehen. Eine Geschichte wird nicht klarer dadurch, dass viele Leute sie erzählen.“ - Seite 629 Dieses Zitat fasst eigentlich schon ganz gut zusammen, worum dieses Buch im Groben und Ganzen handelt - um Missverständnisse und die Komplexität vieler kleiner Dinge. Die Kapitel sind immer aus der Sicht eines Dorfbewohners von Unterleuten geschrieben und so lernen wir diese zunächst mit all ihren Wünschen, Absichten und Zielen kennen. Ich finde die Charakterbeschreibung von Juli Zeh sehr ausführlich, was mir jedoch sehr gut gefällt. So lernt man auch die Macken kennen, muss ab und zu schmunzeln und hat ein unfassbar einprägsames Bild der Protagonisten. Zu dem vermitteln die einzelnen Protagonisten perfekt dieses Dorfflair. Die Autorin spielt hier zwar mit Klischees, aber wenn man selbst vom Dorf kommt, muss man feststellen wie gut das doch eigentlich zutrifft. Trotz der einprägsamen Charakterbeschreibung ist jedoch auch noch eine Übersichtskarte in der Klappenbroschüre beigefügt, die dazu beiträgt nicht den Überblick zu verlieren. Im Anschluss kommt es zu einer Situation, die sozusagen alles ins Rollen bringt. Es bauen sich neue Beziehungen unter den Bewohnern auf bzw. werden alte Beziehungen im Laufe der Geschichte genauer erläutert. Und so setzt sich ein Puzzle aus Aktion und Reaktion zusammen, was Juli Zeh meiner Meinung nach hervorragend gelungen ist. Sie spielt mit Klischees, lässt Kompromisse entstehen und am Ende artet alles aus. Dieses Buch hat mich super unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregt. Es gibt nicht immer nur eine Sicht - man sollte immer versuchen alles zu beleuchten und sich in andere Leute hineinzuversetzen. Empathie und Kommunikation ist das was und allen irgendwie noch fehlt.

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Rezension zu -Unterleuten- Zum Buch Autorin: Juli Zeh Verlag: btb Verlag Erscheinungsdatum: September 2017 Buchlänge: 656 Preis: 12,00 € in Deutschland Auszeichnungen: Rauriser Literaturpreis, Hölderlin Förderpreis, Ernst-Toller-Preis, Carl-Amery-Literaturpreis, Thomas-Mann-Preis, Hildegard-von-Bingen-Preis. Klappentext Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf in Brandenburg wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten. Doch hinter den Fassaden der kleinen Häuser brechen alte Streitigkeiten wieder auf. Und obwohl niemand etwas Böses will, geschieht Schreckliches. Rezension Unterleuten war mein erster Roman von Juli Zeh und ich war sehr gespannt darauf. Über die Bücher, der in Bonn geborene Autorin, habe ich Unterschiedliches gehört. Habe mich nach kurzer Überlegung für Unterleuten, entschieden, da sie für dieses Werk des öfteren ausgezeichnet wurde und die allgemeine Lesermeinung sehr positiv ist. In dem Gesellschaftsroman geht es um ein Dorf in Brandenburg “Unterleuten” und dessen unterschiedlen Einwohnern. Normalerweise stresst es mich immer sehr beim Lesen, wenn aus vielen Blickwinkeln und von vielen Personen erzählt wird, hier aber nicht. Ich bin sehr gut in die Geschichte hineingekommen und habe gerne die Sichtweisen, der teilweise skurrilen Charaktere gelesen. Die Personen des Dorfes könnten nicht unterschiedlicher sein, da gibt es z.B. Rudolf Gombrowski, der als ziemlich laut und grob beschrieben wird, oder Jule Fließ-Weiland, die alle Hände mit ihrem kleinen Säugling zu tun hat und auch den humpelnden Kron kann man in Unterleuten finden, der ebenfalls laute Bewohner ist meisten auf Streit aus. Die Personen sind eine explosive Mischung und als in Unterleuten ein Windpark gebaut werden soll, prallen alle aufeinander. Der Schreibstil ist wirklich toll und angenehm, das Buch lässt sich dadurch sehr leicht und auch schnell lesen. Immer wieder habe ich während des Lesens Parallelen zu meinem Umfeld und zu der Gesellschaft im allgemeinen gezogen. Ebenfalls habe ich des öfteren überlegt, wie weit ich gehen würde, um meine persönlichen Ziele zu erreichen. Fazit Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und es hat mich auch stark zum Nachdenken angeregt. Das wird nicht mein letztes Buch von Juli Zeh gewesen sein, ich will unbedingt mehr davon.

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Dorfleben

Von: Grenzenlos

29.05.2018

Unterleuten ist ein klingender Name für einen Ort, in dem es brodelt und in dem man sich unter Leuten befindet, die einem nicht nur wohlgesinnt sind. Sie spielen alle das Spiel namens Dorfleben. Eine kleine Auswahl von Menschen, die beschlossen haben, am selben Platz zu leben. Mit einem ungefälschten Blick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und für unwissende Zuschauer unverständlichen Dynamiken, die in so einer Gemeinschaft entstehen, schafft es Juli Zeh einen Gesellschaftsroman vorzulegen, der Menschenstudie und Krimi zugleich ist. Erzählt wird aus der Sicht unterschiedlicher Dorfbewohner und -bewohnerinnen. Alteingesessene und neuzugezogene, junge, alte, Frauen und Männer. Man muss dranbleiben, um nicht den Überblick zu verlieren, wer jetzt mit wem und warum und was hat das alles im Großen und Ganzen zu bedeuten. Man bekommt einen gutes Gespür dafür, wie unterschiedlich Menschen Gegebenheiten wahrnehmen, wie viele unterschiedliche Gefühle durch Ereignisse hervorgerufen werden können. Die Geschichte ist keine leichte Kost. Viele der Charaktere sind sehr unsympathisch, wurden jedoch komplex aufgebaut und authentisch dargestellt. Die Geschichte ist unangenehm. Man spürt das Brodeln und wartet darauf, dass alles bald explodiert. Wohlfühlen kann man sich dabei nicht, es löst ein inneres Unbehagen aus, das zu keinem Zeitpunkt beim Lesen aufhört. Die Geschichte hinterfragt Einstellungen und Werte. Und nichts bleibt verschont. Dazu gehören Familie, Freundschaften, Politik, Zusammenhalt, Macht, Geld, Liebe. Die Anonymität ist nicht gegeben und viele kennen sich im Dorf seit ihrer Kindheit und das macht es nicht immer einfacher. Für mich, als jemand, der im Dorf aufgewachsen ist, war es trotz beklemmendem Thema eine doch auch lustige und unterhaltsame Geschichte, in der ich vieles wieder erkannt habe und die zum Schluss nochmal einen draufsetzt, durch das man das Ganze aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann. Der Blick hinter die Fassade der Menschen war für mich sehr bereichernd, auch wenn ich solchen Machtspielen, wie sie hier dargestellt wurden, nichts abgewinnen kann. Dieses Buch ist für anspruchsvolle Leser eine Traumlektüre!

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Chapeau! "Unterleuten" ist nicht nur ein bemerkenswertes Buch; es ist ein Appell für Respekt, Toleranz und Empathie. Juli Zeh gelingt es meisterhaft die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft zu porträtieren, ohne dabei in billige Sterotype abzugleiten. Ganz im Gegenteil - sie bietet einen individuellen, zu Teilen feinfühligen Einblick in die Seele der Protagonisten. Die Brandenburger Einöde ist dabei der ideale Ort all den Widersprüchen unserer Gesellschaft einen Raum und letztlich ein Schlachtfeld zu geben. Hier trifft West auf Ost, Jung auf Alt, Verbohrt auf Idealistisch, digital auf analog, Liebe auf Hass und am Ende Glück auf Drama. All diese Gegensätze in eine ländlicher Idylle zu transportieren, scheint bereits der erste Widerspruch zu sein. Juli Zeh versetzt den Leser in die individuelle Sichtweise der Akteuere. Bei jedem Einblick in die Gedankenwelt wird erstaunlicherweise aus der jeweiligen individuellen Sicht klar und nachvollziehbar, warm sie so handeln; in der Summe der Individuen fehlt aber letztlich der Gemeinschaftsgeist - der perfekte Boden für ein Drama ... Der Schreibstil ist locker, frei von überflüssigen intellektuellen "Sprech" und damit wenig anstrengend; das Cover ist schlicht, aber irgendwie für den Ort und die Akteure passend. Sehr empfehlenswert, es könnte sicher nicht schaden, solche Bücher im Schulunterricht einzubinden.

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Juli Zehs Roman spielt im Jahr 2010 in einem (fiktiven) Dorf mit dem sprechenden Namen Unterleuten in der Ostprignitz, Brandenburg, ca. 100 km von Berlin entfernt. Der geplante Bau von zehn Windrädern am Rande des Dorfes erzeugt neue Konflikte unter den Dorfbewohnern und lässt alte Konflikte wieder aufbrechen. Aus der Sicht von gleich elf Personen treibt die Autorin die Handlung voran. Dies gelingt ihr sehr gut. Ich fand den Roman in weiten Teilen spannend. Es gibt nur wenige Stellen, in denen die Handlung etwas abflaut. Für mich immer ein willkommende Gelegenheit, das Buch beiseite zu legen und mich auch mal anderen Dingen zu widmen. Gefallen hat mir, dass die erzählenden Personen auch in ihrem Innenleben und in ihrer „Lebensphilosophie“ beschrieben werden. So habe ich eine Bandbreite von „Wie man das Leben sieht“ und „Wie man durchs Leben kommt“ kennen gelernt. Bei den alteingesessenen Dorfbewohnern sind vor allem Rolf Gombrowski und Kron hervorzuheben. Gombrowski hatte die damalige LPG geleitet und sie nach der Wende in eine Nachfolgeorganisation hinüber gerettet. Sie gibt Bewohnern Arbeit und unterstützt Einrichtungen des Dorfes wie Kindergarten und Feuerwehr. Daher sieht sich Gombrowski permanent im Einsatz für das Dorf und die Region. Kron wiederum trauert der DDR nach und ist dem „neuen System“ äußerst kritisch eingestellt. Er lebt allein. Ich habe ihn mir als Rentner vorgestellt, aber laut unterleuten.de ist erst 56 Jahre alt. Zu den Hinzugezogenen gehören die Paar Fließ und Franzen/Wachs. Gerhard Fließ war Soziologie-Professor in Berlin und Zeit seines Lebens politisch aktiv. Mit dem neuen, eher unpolitischen Zeitgeist kann er nicht so viel anfangen. Außerdem war seine Uni-Karriere ins Stocken geraten. Daher zog er mit seiner ehemaligen Studentin und jetzigen Ehefrau Jule aufs Land und wurde Vogelschützer. Linda Franzen ist „Pferdeflüsterin“ und „angehenden Super-Geschäftsfrau“. Sie verausgabt sich täglich, um endlich ihren geliebten Hengst „Bergamotte“ zu sich auf den Hof zu holen. Ihr Freund Frederick Wachs ist Software-Entwickler bei der Computerspiele-Firma seines Bruders und unter der Woche meist in Berlin. Er ist eher das Gegenteil von Linda – unergeizig und „turnschuhweich“. Die Protagonisten haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Dies macht sie greifbar und das Buch realistisch. Mir hat es sehr gut gefallen. Übrigens gibt es mit unterleuten.de eine Webseite zum Buch. Auch zwei weitere, im Buch erwähnte Webseiten gibt es tatsächlich, sowie Profile von zwei Romanfiguren bei Facebook. Das Buch „Mein Erfolg“ des Management-Gurus, den Linda Franzen so verehrt und aus dem sie Merksätze zitiert, gibt es wirklich zu kaufen – sogar als Hörbuch. Die Autorin und der Verlag versuchen anscheinend, die Romanwelt und die „echte“ Welt in einander übergehen zu lassen. Hut ab.

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Wer in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, kann es vor sich sehen. Die kleinen und feinen Unterschiede der einzelnen Menschen. Das Lächeln bei Begegnungen und das Messer im Rücken sind allgegenwärtig. Freund oder Feind, da spielt selbst eine Verwandtschaft keine Rolle mehr. So ist es auch in Unterleuten, diesem kleinen Kaff, einst in der DDR-Zone, nun „befreit“ und doch immer noch „gefangen“. Es tummeln sich einige Leute da, von alteingesessenen bis neu hinzugezogenen. alle wollen nur das Beste -für sich, weniger für die anderen. Da kommt die Sache mit den Windrädern doch genau richtig um endlich mal all das zu regeln, was Jahrzehnte am schwelen ist und so entsteht ein Flächenbrand. Rette sich wer kann, da geht was ab! Besonders die Alten fangen an, sich endlich einmal auszuleben, mit Vorliebe durch kleine, feine Gehässigkeiten, die sich im Laufe der Geschichte immer weiter steigern. Es hat irre Spaß gemacht, zu erhören was sich da entwickelt und vor allem wie die Charaktere sich so verhalten. Die liebe, nette, junge Ehefrau und Mutter, die irgendwann anfängt richtig schwere Geschütze aufzufahren. Der alte Mann von nebenan, dessen Geheimnis zwar schon ewig in aller Munde ist aber doch nie richtig zur Sprache kam. Der Städter, der so tief ins Fettnäpfchen tritt, dass er dabei arg ins Straucheln gerät. Viele weitere mehr zeigen auf, dass, wenn es um die eigene Existenz geht, alle Mittel recht sind. Lug und Betrug, ein sich gegenseitig ausspielen, Neid und Gier. Verhöhnte Liebe, alter Hass – Unterleuten hat einige zu bieten. Die Sprecherin lässt einen teilhaben – an all den Gedanken und Emotionen. Sie führt einen durch diesen Ort, dessen Vergangenheit und die Gegenwart. Die Autorin Juli Zeh hat ein absolut geniales und erschütternd ehrliches Milieu gezeichnet. Klischees die keine sind! Wie war das – es kann der frömmste Nachbar nicht in Frieden leben, wenn? Wer Ausflüge in die psychologischen und durchaus gestörten Verhaltensweisen von unzufriedenen Menschen wagen möchte, sollte auf jeden Fall nach Unterleuten. Diesen Besuch vergisst man so schnell nicht. Herrlich wie sich diese bitterböse Geschichte entwickelt und damit einen enorme Anziehungkraft ausübt, endlich alles wissen zu wollen. © Kerstin

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