Leserstimmen zu
Beides sein

Ali Smith

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Noch bevor ich dieses Buch angefangen habe, war ich schon gewarnt, dass es nicht so leicht ist, einzusteigen, dass man die ersten 30 Seiten mindestens braucht, um in der Geschichte drin zu sein. Also habe ich mit viel Geduld gewappnet das Buch geöffnet – und konnte es für die ersten ca. 150 Seiten kaum mehr aus der Hand legen. Die Sprache und die Geschichte haben mich sofort gepackt, und haben mir wunderbare Lesestunden geschenkt. Inzwischen habe ich erfahren, dass manche Ausgaben mit dem in meiner Ausgabe als zweiten gedruckten Teil anfangen, was den etwas schwierigeren Einstieg erklärt. Ich weiß allerdings nicht, ob das auch für dieses Taschenbuchausgabe gilt. Beides sein erzählt die Geschichte zweier Figuren. George ist ein sechzehnjähriges Mädchen (und eigentlich heißt sie Georgia, wird aber trotzdem George genannt), das vor kurzem seine Mutter verloren hat und einen Weg sucht, mit seiner Trauer und den Erinnerungen an die Mutter umzugehen. Francesco del Cossa war ein Maler der italienischen Renaissance, er lebte ca. 500 Jahre vor George. Im Roman verbinden sich diese zwei Leben und Schicksale auf wundersame Art. Die Verbindung zwischen ihnen wird von Georges Mutter hergestellt. Sie ist es, die ein Bild von Francesco del Cossa in einer Zeitschrift entdeckt und davon dermaßen fasziniert ist, dass sie mit ihren beiden Kindern sofort nach Italien fahren muss, um es im Original zu sehen. Als mir beim Lesen klar wurde, dass es hier um ein tatsächlich existierendes Bild geht, musste ich selber auch sofort recherchieren (nein, ich bin nicht nach Italien gefahren – aber vielleicht kommt das auch noch). Zusammen mit George habe ich die im Internet auffindbaren Bilder von Francesco del Cossa studiert, und zusammen mit ihr habe ich gelernt, auf Details zu achten. George neigt dazu, sehr schnell eine Meinung zu fassen, oder gar zu entscheiden, dass etwas für sie uninteressant ist, und hält es für wichtiger, auf die grammatikalische Korrektheit einer Aussage zu achten, als auf den Inhalt. Das hat sie zwar nicht immer sympatisch gemacht, sie kam mir aber auch sehr bekannt vor. Als sie dann anfing, sich Zeit für die Beobachtung eines einzigen Bildes zu nehmen, trat ich mit ihr zusammen einen Schritt zurück und versank in den Werken dieses kaum bekannten Künstlers. Dabei stieß ich auf eine Beschreibung des Altarbildes, das er für die Griffoni Kapelle angefertigt hat. Ein Detail dieses Altarbildes ziert das Cover des Romans, es ist die Hand der Heiligen Lucia, die zwei Augen hält, die die Blüten einer Blume zu sein scheinen. Die Symbolik, die die Autorin dieser Beschreibung, Iulia Millesima darin entdeckt, mag zwar weit hergeholt sein, ich finde es zumindest übertrieben, in allem irgendwelche Symbole entdecken zu wollen, aber hier passt das verblüffend gut zum Roman (ich habe mich auch gefragt, ob Ali Smith das gelesen hat): […] how could I not notice that the right eye was an ancient symbol of Osiris and the left of Isis, and so that the balanced view is a symbol of our mercurial hermaphrodite, already fixed on a flower stem. Es wird nämlich nicht nur mit Georges Namen gespielt, auch im zweiten Teil des Romans, als Francesco del Cossa auftaucht, spielt Geschlecht und dessen Unbestimmtheit/Unbestimmbarkeit (Unwichtigkeit?) eine große Rolle. Mir fiel der Einstieg in diesen zweiten Teil etwas schwerer, war aber dann sehr angetan von der Figur dieses Malers, über den wir in Wahrheit kaum etwas wissen. Ali Smith erweckt Francesco mit sehr viel Gefühl zum Leben, und demonstriert dabei auch viel Kenntnis der Techniken der Renaissance-Malerei. Ich werde noch bestimmt öfter über dieses Buch nachdenken. Und ich denke, mehr kann man von einem guten Buch nicht verlangen. Übrigens ist ein Bild von Francesco del Cossa (Die Verkündigung) in Dresden in der Gemäldegalerie Alte Meister ausgestellt. Ich bin daran vor einigen Monaten einfach vorbeigegangen. Wenn das Francesco gesehen hätte…

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Autor: Ali Smith Titel: Beides sein Genre: Roman Erscheinungsjahr: 2016 Verlag: Luchterhand Beschreibung:»Beides sein« ist ein Roman über die Gegensätze von Mann und Frau, von Leben und Tod, von Vergangenheit und Gegenwart und über die Sehnsucht, diese Gegensätze zu vereinen, da sie erst vereint ein Ganzes bilden. »Beides sein«, das sind zwei Geschichten, die ein Ganzes bilden: Da ist die Geschichte von George, einem Mädchen von heute, das um seine ganz plötzlich verstorbene Mutter trauert. George hält ihre Erinnerungen fest, vor allem die Reise nach Italien, als sie mit ihrer Mutter und ihrem kleineren Bruder Henry den Palazzo Schifanoia in Ferrara besuchten, der mit Fresken ausgemalt ist. Der Künstler der schönsten Fresken in diesem »Palast gegen die Langeweile« aus dem 15. Jahrhundert war Francescho del Cossa. Diese Erinnerungen, die Entdeckung des Sehens und Beobachtens und eine Freundschaft bringen George langsam wieder ins Leben zurück. Und dann ist da das Leben von Francescho del Cossa, dem Renaissancekünstler, dessen Werdegang zum Hofmaler bei Borsa d’Este alles andere als einfach war und dessen ungewöhnliche Geschichte auf verblüffende, höchst vergnügliche Weise auf die des Mädchens George trifft … Quelle: www.randomhouse.de Diese Klappentext des Buches, beschreibt die Handlung so gut, dass ich dem wirklich nichts hinzuzufügen habe. Schließlich möchte ich nicht Spoilern. Sprache und Erzählstil sind hier wirklich erfrischend neu. Ich habe so es noch in keinem Buch vorher erlebt, das ein Autor so mit Sprache spielt und so extrem Zeiten und Stile fast schon provozierend, dem Leser um die Ohren haut :). Anfangs war ich verwirrt und ehrlich gesagt ein wenig genervt, das gewisse Vorkommnisse oft wiederholt wurden, doch dann verstand ich erst, was Ali Smith da eigentlich tat. Sobald man es versteht, entsteht Spannung nicht nur durch die Handlung der Geschichte, sondern manifestiert sich auch in den verschiedenen Varianten der Verwendung Sprache und Stilmittel. „Wie weit geht sie? Was kommt da noch?“ Das Buch ist eigentlich in 2 Hälften geteilt. In der ersten Hälfte erfährt der Leser die Geschichte von George, einer 16 jährigen die noch in Trauer um ihre Mutter lebt. Im zweiten Teil geht es um Francesco del Cossa, einen Renaissancekünstler und dessen Lebensweg. Ali Smith schafft es tatsächlich ohne kitschig zu werden, eine feine Verbindung zwischen deren beider Leben zu schaffen. Beide Geschichten für sich alleine sind schon eines Buches wert. Humor kommt hier nie zu kurz, verbunden mit lehrreichen und weisen Worten. Auch regt die Geschichte zur Selbstreflexion an, hier eine Passage die mir zum Beispiel sehr gefiel: „Ist Wert dasselbe wie Geld? Ist das ein und dasselbe? Ist Geld das, was wir sind? Wie viel Geld wir machen, bestimmt das darüber, wer wir sind? Was bedeutet das Wort machen? Sind wir, was wir machen?“ Die beiden einzelnen Geschichten sind gut nachzuvollziehen und in sich logisch und realistisch dargestellt. Die Verbindung der beiden, vielleicht nicht so, aber wen kümmert es? Es ist schließlich ein Roman, und damit Fiktion, ich finde das toll! Ich liebe dieses Buch, das mich sehr gut unterhalten hat. Trotz meiner starken Schmerzen nach einer Zahnoperation habe ich es in meinen freien Minuten verschlungen. Es ist ein einzigartiges Buch, und macht es zur Pflichtlektüre für alle neugierigen Leser. Man muss kein Kunstliebhaber sein um es zu verstehen, aber es kann Lust auf Kunst machen. Da es einen kleinen Einblick gibt, worauf es in der Kunst ankommt, ob als Schaffender oder Betrachter eines Gemäldes oder von Fresken. Ich kann jedem empfehlen dieses Buch zu lesen, es ist ein Erlebnis. Wer dieses Buch verpasst, verpasst ein Goldstück! Von mir gibt es auf jeden Fall 5 Sterne! Ich danke dem Luchterhand Verlag für dieses Rezensionsexemplar sehr. Liebe Grüße und viel Spaß mit diesem Buch, Der Weltenwandler

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George, ein Teenagermädchen, hat unerwartet ihre Mutter verloren. Sie versucht, mit dem Verlust zurechtzukommen, ihn überhaupt erst einmal zu begreifen. Ihr Leben geht weiter, sie geht zur Schule, schließt eine neue Freundschaft und lebt mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder Henry zusammen im heutigen England. Immer wieder erinnert sie sich an eine Italienreise, die sie mit dem Bruder und der Mutter ungefähr ein Jahr zuvor gemacht hat. In Ferrara gab es ein Gemälde, das George besonders beeindruckt hat. Es wurde gemalt von Francescho del Cossa (im Roman in dieser Schreibweise), von dem kaum etwas bekannt ist, außer, dass er, nachdem er seine Arbeit abgeliefert hatte, der Meinung war, dass sie viel besser sei als die der anderen und er daher mehr Geld dafür verlangte. Es ist dieser Francescho del Cossa, über den der zweite Teil des Romans „Beides sein“ von Ali Smith erzählt. Ca. 500 Jahre geht es in der Zeit zurück in das Leben des jungen Malers und zu seinem Weg zum Erfolg, der nicht einfach war. Beide Teile des Romans tragen die Kapitelvorzeichnung Eins: Die Reihenfolge, in der man die Teile liest, ist somit einerlei. Sowieso wartet „Beides Sein“ nicht mit einer stringenten Handlung auf, immer wieder ist die Geschichte assoziativ, wir springen in die Vergangenheit und zurück, Wichtiges wird wie nebenher fallengelassen. Besonders beeindruckt hat mich, wie Smith die Trauer der jungen George um ihre Mutter in Worte fasst, wie sie diese nicht beschreibt, sondern zeigt, durch die imaginären Dialoge, die sie mit der Mutter führt, durch die schlagartigen Erinnerungen, die George überfallen, durch kurze Einschübe, unvermittelt, aber treffend. So habe ich den Teil, der sich um George dreht, denn auch als den zugänglicheren empfunden. Obwohl man durchaus einige Seiten braucht, um sich auf den etwas sperrigen Roman einzulassen, auf Smiths ganz eigenen Ton, in dem sie erzählt, hat Georges Geschichte mich sehr gepackt. Den Teil um Francescho del Cossa habe ich als weniger mitreißend empfunden, was womöglich am schwerer fassbaren Charakter lag – vielleicht passt es auch zu dem Umstand, dass wir uns hier so viele Jahre zurückbewegen in eine Zeit, die der unseren so viel ferner ist. Insgesamt bietet der Roman jede Menge Interpretationsspielraum, regt zum Nachdenken an. Einige Themen ziehen sich durch beide Geschichten, vor allem Fragen nach der Identität und dem Geschlecht. So wird George immer mit dem männlichen Vornamen angesprochen, obwohl sie ein Mädchen ist und auch Francescho ist nicht, was er zu sein scheint. Der englische Originaltitel lautet „How to be both“ und ist somit recht nah an seiner deutschen Übersetzung. Beides sein, beides sein können, daran kann man sich beim Lesen orientieren. Wie sehr werden wir in Geschlechtertypen gedrängt, wie wichtig sind solche Zuschreibungen wirklich? Ali Smith ist eine Autorin, die mutig genug ist, sich alle Freiheiten zu nehmen, die sie benötigt, um ihre Geschichte so zu erzählen, wie sie es möchte und die ihren Lesern zutraut, sich darin zurechtzufinden. Eine weitere Rezension ist bei schiefgelesen zu finden, wo ich immer wieder daran erinnert wurde, doch endlich Ali Smith zu lesen, die schon lange auf meiner Liste stand. Vielen Dank dafür! Ich werde diese talentierte Autorin im Auge behalten und freue mich auf mehr von ihr.

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Manche Bücher sind einfacher zu lesen, als zu beschreiben. Das trifft auf diesen spielerischen, brillanten neuen Roman von Ali Smith zu. Wir lesen zwei Geschichten, von denen die Autorin sagt, man könne sie in beliebiger Reihenfolge lesen: Zum einen die eines italienischen Malers über den wenig bekannt ist, der an den Fresken im Inneren des Palazzo Schifanoia in Ferrara arbeitet, bis er offenbar verärgert über den kargen Lohn war. Auf dem dürren Gerippe der Geschichte (Francesco del Cossa (1430- 1477), ein italienischer Maler über den wenig bekannt ist) entwickelt Ali Smith das Leben eines altklugen, jungen Künstlers, der/die sich die Brust mit Leinen bindet, den Namen Francescho wählt und vorgibt, ein Mann zu sein. Dieser Teil kommt in dieser Ausgabe an zweiter Stelle, ab Seite 164. Trotzdem trägt auch er die Nummer 1. In der ersten Nummer 1 (ab Seite 13) erleben wir das Leben eines 16-jährigen Mädchens namens George, eine etwas herbe High-School-Schülerin im heutigen England. Obwohl in der dritten Person erzählt wird, bewegt sich Georges Geschichte, ebenso wie diejenige von Francescho, frei durch die Zeit, kreist über wichtige Momente und Themen, die nach und nach in den Fokus kommen. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehört eine Reise mit der Familie nach Italien, wo sie und ihre Mutter sich Fresken von Francesco del Cossa ansahen. Jede der beiden Geschichten enthalten Verweise auf die jeweils andere. Ali Smith schreibt einen akrobatischen Roman, ohne sich im Gewirr der postmodernen Netze, die sie knüpft, zu verlieren. Das mutet an wie ein Roman, der mit postmodernen Spielereien überfrachtet scheint, aber Ali Smith schafft zwei phantastische, komplexe und auch unglaublich rührende Geschichten. Insgesamt scheint es mir eine tiefe Reflexion über Kunst und Trauer, über das Verwischen und Vermischen der Geschlechter, über die Verbindung Gegenwart und Vergangenheit, über Geschichte und Spekulation. Franceschos Geschichte liefert fundierte Einsichten über das Wesen und die Kraft der Malerei. Wie können auf einem Malgrund Pigmente und Öl zum Leben erweckt werden? Georges Geschichte bietet eine ganz eigene Erforschung der verwirrenden Macht der Trauer. Wie kann ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr existieren ? Und über allem kreist die Frage: Wer oder was ist männlich und wer oder was ist weiblich? Ali Smith hat eine ungeheuer beeindruckende Doppelhelix geschaffen, einen radikalen Roman. Sie spielt uns mit ihrem Textspiegelkabinett einen furiosen Streich. Nichts ist sicher. Nichts ist vorhersehbar. Mit großer Subtilität und Erfindungsreichtum ​​hat die Autorin die Grenzen des Romans radikal erweitert. Die schiere Erfindungskraft dieses Romans hat mich atemlos bis zur letzten Seite geführt. Es bleiben mehr Fragen als Antworten. Ob es Ihnen genauso geht, hängt davon ab, welche Art von Leser Sie sind.

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ch gestehe, dass ich erst einige Seiten lesen musste, bevor sich der Charme des Romans "Beides sein" entfalten konnte. Der Schreibstil ist sehr hochwertig und benötigte einiges an Konzentration, damit der rote Faden nicht verpasst wird. Die Story wird in Gegenwart und Vergangenheit erzählt und gerade die Vergangenheit ist es, die mich anfangs verwirrte, da ich keinen Sinn erkannte. Erst nach und nach, nachdem der Roman George in den Fokus rückt, werden viele Dinge klarer. George und Francesco, die durch unterschiedlichen Zeiten geprägt werden, haben einiges gemeinsam. Beide führen ein Leben, welches nicht einfach ist und vieles hart erkämpft werden muss. Bei Francesco ist es der Kampf um Anerkennung seiner Künste. George muss ihre Trauer bekämpfen, die sie daran hindert das Leben zu genießen und sich ihren wunderbaren Erinnerungen zwar stellen, diese aber nicht Überhand nehmen zu lassen. Es zeigt sich, das Eltern gerade in bestimmten Lebensphasen ihre Kinder nachdrücklich prägen und wertvoll sind, um sich zu gesunden Erwachsenen zu entwickeln. Auch diese Gemeinsamkeit könnte George sich mit Francesco teilen. Was sie sich definitiv teilen, ist ihre Selbstfindung. Hier wird mit Sexualität gespielt und die Genderidentität bewusst hervorgehoben. Es ist sehr überraschend, was mit Worten möglich ist und Homosexualität, Heterosexualität oder was auch immer in uns hervorrufen kann. Immer noch und immer wieder. Ob es nun im 15. Jahrhundert war oder im Heute Raum einnimmt, das Leiden der Menschen ist immer noch dasselbe. Sich damit abzufinden "Beides zu sein" überfordert auch heute noch. Lasst euch einfach überraschen von diesem doch sehr interessanten Roman, der für mich leider erst einiges an Seiten benötigte, um seinen Charme zu entfalten. Gerne eine Leseempfehlung, denn letztendlich ist "Beides sein"außergewöhnlich, auch wenn es nicht sofort erkennbar war und mich anfangs doch überforderte.

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