Leserstimmen zu
Marx. Der Unvollendete

Jürgen Neffe

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Marx ist tot. Es lebe Marx.

Von: Marion Krieger aus Chemnitz

11.06.2019

Dies ist eine Biografie, die es jedem ermöglicht, Zugang zu den Gedanken von Marx zu finden. Dies ist bekanntlich viel schwieriger, wenn man die Originale der Marxschen Schriften liest. Aber wer sich einmal durch den schweren Stoff gekämpft hat, kann nicht anders, als sich der "Denke" von Marx anzuschließen. Wenn man die Marx-Biografie von Neffe gelesen hat, weiß man, dass Neffe ein "Infizierter" ist. Das merkt man vor allem daran, dass er Marx mithilfe dessen Methode bis in die Gegenwart und sogar in die Zukunft weiterdenkt. Super.

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„Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung der Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handelns.“ Willy Brandt, 1977 Kein Zitat wäre für eine Biografie über einen der wohl bekanntesten Ökonomen und Philosophen treffender. Nicht nur seine ökonomischen Theorien über Kapitalismus, Arbeit, Entfremdung und Ausbeutung prägen unser Denken bis heute, sondern auch seine religionskritischen und philosophischen Gedanken haben sich weit über die Fachgrenzen hinaus verbreitet. Zu Marx´200. Geburtstag erkundet Jürgen Neffe das Leben des „revolutionären Querkopfs und Vordenkers des 19.Jahrhunderts.“ Entlang von Marx´ Lebenslauf und des historischen Kontextes, der geprägt ist durch Revolution und Umwälzung, zeichnet Neffe die wichtigsten Stationen und Wendepunkte von Marx´ Schaffen nach und erläutert seine Theorien in verständlicher Form, ohne dabei jedoch oberflächlich oder ungenau zu werden. Besonders gelungen ist auch die Anwendung eben dieser Theorien auf die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. „Zu fast jeder theoretischen Äußerung lassen sich glühender Zuspruch und heftigster Widerspruch finden. Deutungen seiner Schriften klaffen auseinander, wie man es sonst nur von künstlerischen Texten kennt, die zum Polarisieren geschrieben wurden. Sein Schaffensprozess lässt sich daher nur angemessen würdigen, wenn man ihn in seiner Offenheit und Unfertigkeit […] erkennt.“ Man merkt Neffe seine Begeisterung für Marx an und genau das ist es, was diese Biografie so spannend und gut lesbar macht. Der Autor schreibt dabei jedoch keine Lobeshymne auf Marx oder bemächtigt sich einer der vielen Interpretationen zu seinem Werk, sondern betrachtet es eben als etwas ‚Unvollkommenes‘, dessen Stärke gerade in seiner Vieldeutigkeit liegt. Geschickt werden aktuelle Forschungsdebatten ebenso wie objektive Kritik in die Erzählung eingebracht. Und als Erzählung kann man diese Biografie durchaus bezeichnen. Romanhaft beginnt das erste Kapitel mit den Worten: „Ein trübkalter Tag neigt sich dem Ende zu. Lampenmänner sind unterwegs, um die Gaslaternen zu entzünden.“ Und so bildhaft geht es dann auch weiter. Immer wieder folgen lange Zitatpassagen aus den Werken von Marx und Engels, die dann in Beziehung zum historischen Kontext, aber auch zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage gesetzt werden. „Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.“ Oft hat man den Eindruck, Neffe versuche, ebenso reißerisch zu schreiben wie Marx selbst. Vielleicht ist dies auch die einzige Möglichkeit, um diesem Mann gerecht zu werden, der sich trotz Krankheit, Armut oder Ehekrisen nie davon abhalten ließ, an seinem Werk zu arbeiten. Trotzdem beweisen die Vielzahl an hinzugezogenen Quellen und der umfangreiche Fußnotenapparat, dass das Buch trotz des erzählenden Tonfalls und der eher überblickartigen Vorstellung seiner Theorien keinesfalls an Wissenschaftlichkeit einbüßt. Marx – Der Unvollendete – Eine Biografie, die einen umfassenden Überblick über ein bewegtes Leben gibt und die ebenso spannend ist wie Marx selbst ist.

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Marx war vieles, aber er war kein Marxist. Was aus seiner Lehre gemacht wurde, war nicht in seinem Sinne. Und das rückt Neffe – neben vielen anderen Dingen – ganz deutlich klar. Man merkt in jedem Satz, dass hier einer über Marx erzählt, der ihn nicht nur gelesen, sondern eben auch verstanden hat. Wie Neffe die Gültigkeit von Marx Überlegungen anhand der aktuellen Situation in der Weltpolitik und -wirtschaft aufzeigt, ist großartig. Unterhaltsam, amüsant und er alles andere als Oberlehrerhaft erzählt er über das Leben und Wirken eines der größten Philosophen. Ganz nebenbei erfährt der Leser auch noch allerhand über Philosophie und Geschichte. Wer hat Marx geprägt? Mit wem musste er sich auseinandersetzen? Welche Rolle spielte Engels? Wie hat seine Familie das unstete Leben verkraftet? All diese Fragen beleuchtet Neffe im Plauderton. Dass mich das Buch dennoch sehr lange begleitet hat, liegt einfach daran, dass es eben kein Unterhaltungsroman ist. Immer wieder wurde ich verleitet, die Gedanken einfach weiterzudenken, mich an meine Jugend in der marxistisch-leninistisch ausgerichteten DDR zu erinnern, im „Manifest“ oder dem „Kapital“ nachzuschlagen… Und so war Marx über zwei Monate sehr präsent an meiner Seite. Sehr gelungen ist die Gliederung in thematische Abschnitte, so dass man auch mal ein paar Kapitel überspringen kann ohne den Zusammenhang zu verlieren. Man kann diese auslassen (was ich nicht empfehle) oder einfach später lesen. Diese Biografie enthält mehr, als nur ein erzähltes Leben. Sie hat mich gut unterhalten und ich sie stellt, bei aller enthaltenen Philosophie und Politik, den Menschen Karl Marx in den Mittelpunkt. Ein mehr als würdiges Werk zum 200. Geburtstag. Ich bin ja mit Denis Scheck nicht immer einer Meinung, aber hier muss ich ihm mal zustimmen: „Marx war ein Meisterdenker, und er hat in Jürgen Neffe seinen Meisterbiografen gefunden. Ein Buch wie ein Blitzschlag hellster Erkenntnis.“ Von mir gibt es 5 Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Fazit: Sehr empfehlenswert für alle, die Marx kennenlernen wollen und auch für jene, die sich darüber freuen, dass seine Rolle endlich mal im richtigen Licht präsentiert wird.

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Ohne dogmatische Zwänge

Von: Michael Lausberg aus Doveren

28.09.2018

Nicht nur aufgrund sich nähernden 200ten Geburtsdatum wird über die Person Karl Marx und seine Lehre wieder in der Öffentlichkeit debattiert, gestritten und polemisiert, manchmal auch mit antisemitischem Unterton. Die fortschreitenden Ungerechtigkeiten der globalisierten Welt führen auch zu der Frage nach der aktuellen Gültigkeit seiner Lehre. In diesem Zusammenhang ist auch die Marx-Biografie von Jürgen Neffe zu verorten, der sowohl auf sein persönliches Umfeld, seine Beziehung zu Engels und anderen sozialistischen Größen, seine Werke mit dem Schwerpunkt auf „Das Kapital“ und seine Aktualität eingeht. Neffe sieht Marx als Verfechter der Freiheit: „Sein zentrales Thema, von Skeptikern und Gegnern noch immer leidenschaftlich bestritten, war die Freiheit. Und da, wo sie an ihre Grenzen stößt, die Befreiung. Im Einstehen für freies Wort und freie Presse als demokratische Grundrechte verlor er erst seine deutsche Heimat und dann gleich mehrfach sein Zuhause im Exil.“ (S. 17) Es müsse zwischen Marx und dem Marxismus unterschieden werden: „Einer Rückkehr zum vorbehaltlosen Umgang mit Marx und seinem Werk stand und steht immer der –ismus im Wege, den man seinen vier Buchstaben angehängt hat wie Christus das Christentum. Marx hat nie einen Marxismus begründet. Nichts lag ihm ferner, als ein abgeschlossenes System zu schaffen.“ (S. 16) „Das Kapital“ trage einen humanistischen Touch: „Da schreibt halt kein geisteswissenschaftlicher Sachbearbeiter, sondern ein revolutionärer Geist, dem es nicht zuletzt um das Schicksal der Menschheit zu tun ist. Sein Anliegen ist zutiefst humanistisch, sein neuer Mensch höchst human, Gesellschaft erscheint als Gemeinschaft, die Freiheit des Einzelnen als Vorbedingung zur Freiheit aller“. (S. 389) Neffe hält Marx Theorien angesichts der globalen Krisen und der Zunahme der Diskrepanz zwischen Arm und Reich im globalen Kapitalismus für aktueller denn je. Dennoch gibt es auch einige bleibende Verdienste des Philosophen aus Trier: Marx kommt der bleibende Verdienst zu, einer der fähigsten und dauerhaftesten Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu sein Jürgen Neffe erklärt in seinem mehr als 600 Seiten starkem Buch über Karl Marx die persönlichen Lebensumstände und seine Werke des weltberühmten Trier Philosophen und Sozialtheoretikers. Ohne dogmatische Zwänge setzt er sich mit Marx auseinander und unterscheidet mit Recht zwischen Marx und dem Marxismus. Seine Ausführungen sind in gewissen Punkten etwas zu kritiklos, vor allem die autoritären Elemente in seiner Lehre. Dennoch ist Neffe zuzustimmen, dass Marx‘ Kritik am Kapitalismus noch immer aktuell ist.

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marx ist wieder da

Von: michael lausberg aus Doveren

26.06.2018

Nicht nur aufgrund sich nähernden 200ten Geburtsdatum wird über die Person Karl Marx und seine Lehre wieder in der Öffentlichkeit debattiert, gestritten und polemisiert. In diesem Zusammenhang ist auch die Marx-Biografie von Jürgen Neffe zu verorten, der sowohl auf sein persönliches Umfeld, seine Beziehung zu Engels und anderen sozialistischen Größen, seine Werke mit dem Schwerpunkt auf „Das Kapital“ und seine Aktualität eingeht. Neffe sieht Marx als Verfechter der Freiheit: „Sein zentrales Thema, von Skeptikern und Gegnern noch immer leidenschaftlich bestritten, war die Freiheit. Und da, wo sie an ihre Grenzen stößt, die Befreiung. Im Einstehen für freies Wort und freie Presse als demokratische Grundrechte verlor er erst seine deutsche Heimat und dann gleich mehrfach sein Zuhause im Exil.“ (S. 17) Es müsse zwischen Marx und dem Marxismus unterschieden werden: „Einer Rückkehr zum vorbehaltlosen Umgang mit Marx und seinem Werk stand und steht immer der –ismus im Wege, den man seinen vier Buchstaben angehängt hat wie Christus das Christentum. Marx hat nie einen Marxismus begründet. Nichts lag ihm ferner, als ein abgeschlossenes System zu schaffen.“ (S. 16) „Das Kapital“ trage einen humanistischen Touch: „Da schreibt halt kein geisteswissenschaftlicher Sachbearbeiter, sondern ein revolutionärer Geist, dem es nicht zuletzt um das Schicksal der Menschheit zu tun ist. Sein Anliegen ist zutiefst humanistisch, sein neuer Mensch höchst human, Gesellschaft erscheint als Gemeinschaft, die Freiheit des Einzelnen als Vorbedingung zur Freiheit aller“. (S. 389) Neffe hält Marx Theorien angesichts der globalen Krisen und der Zunahme der Diskrepanz zwischen Arm und Reich im globalen Kapitalismus für aktueller denn je. Dennoch gibt es auch einige bleibende Verdienste des Philosophen aus Trier: Marx kommt der bleibende Verdienst zu, einer der fähigsten und dauerhaftesten Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu sein Jürgen Neffe erklärt in seinem mehr als 600 Seiten starkem Buch über Karl Marx die persönlichen Lebensumstände und seine Werke des weltberühmten Trier Philosophen und Sozialtheoretikers. Ohne dogmatische Zwänge setzt er sich mit Marx auseinander und unterscheidet mit Recht zwischen Marx und dem Marxismus. Seine Ausführungen sind in gewissen Punkten etwas zu kritiklos, vor allem die autoritären Elemente in seiner Lehre. Dennoch ist Neffe zuzustimmen, dass Marx‘ Kritik am Kapitalismus noch immer aktuell ist.

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September 1867 – „Das Kapital“ von Marx erscheint. Wer ist der Kopf dahinter, ist das der Karl Marx, den der Ostblock für seine Bürger gezeichnet hat, der das Rezept haben soll, wie der Sozialismus funktioniert? Der Autor Jürgen Neffe nimmt den 200. Geburtstag von Marx im Jahr 2018 zum Anlass, die Person und sein Vermächtnis in Form der Bücher „Das Manifest“ und „Das Kapital“ auf Herz und Nieren zu prüfen. Schon der Titel „Marx der Unvollendete“ und der Umfang des Werks von gut 600 Seiten lassen aufhorchen. Es sind verschiedene Stränge, die sich durch das Buch ziehen, die miteinander verwoben sind. Zum einen nähert sich der Autor Marx, indem er seinen Lebensweg als staatenloser und Flüchtling sowie das familiäre Umfeld sehr intim nachzeichnet. Mit zahlreichen Briefen von Freunden der Familie wie Wilhelm Liebknecht und Friedlich Engels lässt der Autor seinen Leser in die Welt des 19. Jahrhunderts eintauchen. Zum anderen ist es der politische Weg, auf dem Marx zahlreiche Spuren hinterlassen hat. Auch wenn bisher wenig beachtet, sind sie noch immer zu finden. Früh, mit 17 Jahren, verlässt Marx sein Elternhaus in Trier, um zu studieren. Er geht einen unbeirrten Weg, entgegen aller väterlichen Vorgaben, als Autodidakt im Studium. Später in Berlin erfasst ihn der Geist Hegels, schnell wird er Hegelianer. Schon damals ist Marx „Ein Magazin von Gedanken, ein Arbeitshaus von Ideen.“, wie der Lehrer Carl Friedrich Köppen, Mitglied des Doktorclubs der Hegelianer vereint, sagt. Aber nicht nur Philosoph mit Doktortitel ist Marx schon in jungen Jahren, 1841 gehört er zum Gründerkreis der Rheinischen Zeitung. Ein neuer Weg als Journalist beginnt. Der Autor Jürgen Neffe zeigt in seinem Buch auf, wie sich die Gedankenwelt von Marx entwickelt hat. Gut über 20 Jahre vorher hat er zahlreiche Analysen rund um den Kapitalismus mit Begriffen wie Arbeit, Tausch, d.h. Erzeugung von Gütern, Entfremdung, das Beherrschen der Menschen u.s.w. verfasst. Alles mündet in die zwei Werke „Das Kapital“ und das „Manifest“. Nach dem lesen des Buchs „Marx der Unvollendete“, erschienen bei Bertelsmann, ist einem Marx nicht mehr fremd, er ist Teil der eigenen Gedankenwelt und begleitet einen tagtäglich.

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Das komplexe Werk wird entfaltet und entschlüsselt, sodass es auch für nicht politische Fachleute interessant und verständlich ist. Es liest sich teilweise wie ein Roman, was mir als unpolitische Leserin sehr entgegenkam. Die Biografie gibt einen sehr gut recherchierten, fundierten Einblick in Marx Leben. Wer eine zeitgerechte Bio des immer noch aktuellen Denkers und dessen Hintergründe lesen möchte, empfehle ich dieses Werk. Ein politisches Fazit ziehe ich zu diesem Buch nicht, denn dazu habe ich zu wenig Wissen. Mich hat vor allem der private Mensch Karl Marx interessiert. Der in dieser Biografie vom Autor hervorragend recherchiert und für 2018+ zeitgemäß dargestellt wurde. Marx hat zu seiner Zeit viel ausgesagt über die Zeit von heute. Ich danke dem C. Bertelsmann Verlag und Randomhouse für dieses angeforderte Rezensionsexemplar. Dies hatte keinen Einfluss auf meine Bewertung und Vorstellung.

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Der Mann mit dem Rauschebart, ein Gespenst, welches zweihundert Jahre nach seiner Geburt noch immer in den Köpfe der Menschen umgeht: Karl Marx. Wie definiert man diesen Mann? Als einen der letzten Universalgelehrten, Philosophen, Visionär, Revolutionär, Querkopf, Kommunist…? Wird man ihm damit gerecht? Von sich selbst sagte Marx, er sei kein Marxist, so fällt zumindest dieser Begriff schon einmal weg. Trotzdem, kein leichtes Unterfangen, welches Jürgen Neffe da in seiner Biografie Marx. Der Unvollendete anstrebt. DIE BIOGRAFISCHE ZEITMASCHINE Ein Leben adäquat darstellen – puh! Die meisten von uns wissen wahrscheinlich, wie schwer schon allein die Zusammenstellung eines Lebenslaufs ist und in einer Biografie werden diese reinen Fakten ja noch textlich aufbereitet, erklärt und in Zusammenhang gebracht. Kein Mensch steht für sich alleine oder außerhalb der Zeit, auch Marx nicht. Ich muss zugeben, dass mich im ersten Moment die Seitenzahl von 656 Seiten beinahe erschlagen hat, aber in Hinblick auf den Inhalt relativiert sich dies schnell: Jürgen Neffe schmeißt seine „biografische Zeitmaschine“ (S. 261) an, und erzählt Leben und Werk Karl Marx‘ in 34 Kapiteln. Zu weiten Teilen lesen sich diese Kapitel wie eigenständige Texte, was dazu einlädt, einfach das Buch an den entsprechenden Stellen aufzuschlagen und direkt drauf los zu lesen oder nur bestimmte Dinge nachzuschlagen. Allein das 8. Kapitel beschäftigt sich in 38 Seiten mit dem Frühwerk und der „Entwicklung der Marxschen Gedankenwelt“, wobei es in einzelnen Abschnitte wie „Arbeit und Entfremdung“ oder „Kollektiv und Plan“ unterteilt wird. Ähnliches gilt für das 23. Kapitel zum Kapital, welches 86 Seiten mit Abschnitten wie „Aus Geld wird Kapital“ oder „Postkapitalismus“ umfasst. PERSÖNLICH UND DOCH OBJEKTIV Neffe rollt die Biografie quasi von hinten auf: Zuerst nimmt er die Leser mit auf den Highgate Cemetry in London, wo sich das Grab von Marx befindet, bevor es chronologisch mit dem Leben los geht. Die unterschiedliche Art der Verehrung, wie man sie zum Beispiel beim Denkmal auf dem Friedhof oder in der Geburtsstadt Trier findet, arbeitet Neffe dabei sehr organisch in den Text ein. Generell ist das Zusammenspiel von persönlichem und objektiven für mich in dieser Biografie sehr gelungen, da Neffe durchweg mal persönliche Einsichten einfließen lässt, diese aber erkennbar bleiben. Denn eine Biografie wird nicht nur von dem Lebenslauf der betroffenen Person beeinflusst, sondern auch vom Biografen selbst. Das macht die Biograf sehr gut lesbar, gerade für Laien, die noch nie mit Marx in große Berührung gekommen sind. Schon mal mit der Lehre Hegels auseinandergesetzt? Oder eine Ahnung vom Wirken von Feuerbach? Falls nicht, ist das ebenfalls kein Problem, denn wenn etwas oder jemand einen Einfluss auf das Leben, Denken und Wirken von Marx hat, so erläutert Neffe dies. Dadurch lernt man im Verlauf der Lektüre nicht nur viel über Marx selbst, sondern auch über weitere Personen und Einflüsse seiner Zeit. Unterstützt wird dies immer wieder durch gut ausgewählte Zitate aus Schriften oder direkten Zeitzeugenberichten. MAL WEISER, MAL WÜTERICH, HIER ZURÜCKHALTEND, DORT ZUPACKEND, GUTER VATER, SCHLECHTER VATER: GELEBTE DIALEKTIK, WENN MAN SO WILL. ERST IM ZUSAMMENSPIEL DER EXTREME ERGEBEN SEINE VIELEN ICHS DIE VOLLSTÄNDIGE FIGUR. […] ZUM MENSCHEN MARX AUS FLEISCH UND BLUT, DAS GEHT IM DENKMALSTREIT ZU HÄUFIG UNTER, GEHÖRT EIN GROSSES HERZ, DAS NICHT NUR ALS PUMPE LEBENSERHALTEND WIRKT. ER WAR GEWISS KEIN EINFACHER EHEMANN, WER IST DAS SCHON, ABER EIN GUTER GEFÄHRTE, VIELLEICHT GELEGENTLICH UNTREU, ABER NIEMALS TREULOS. | SEITE 23-24 DAUERBRENNER Braucht es denn solch einen dicken Schinken von Biografie überhaupt? Ist Marx zweihundert Jahre nach seiner Geburt überhaupt noch aktuell? Neffe kommt ganz klar zu dem Fazit, dass Marx und seine Ideen aktueller sind denn je und nach dem Lesen dieser Biografie würde ich mich diesem auf alle Fälle anschließen. Aber auch wenn man keine Relevanz für das aktuelle Zeitgeschehen für sich aus dieser Biografie ziehen kann, so ist allein das Leben von Marx spannend und abenteuerlich genug, um erzählt zu werden. Der Mann, der übers Kapital schrieb und selber nicht haushalten konnte, staatenlos, aber immer am Puls der Zeit – immer noch ein Dauerbrenner und eine Persönlichkeit, die die Weltgeschichte immens beeinflusst hat. Neffe schafft es, diesen Mann in all seiner Widersprüchlichkeit und Facettenreichheit einzufangen und dem Leser zugänglich zu machen. Eine zehnseitige Bibliografie und ein Register runden die Biografie ab.

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