Leserstimmen zu
Unschuld

Jonathan Franzen

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Von: liva

07.07.2016

In Jonathan Franzens neuem Buch wimmelt es geradezu von den unterschiedlichsten Figuren. Und entgegen jeglicher Definition seines Titels „Unschuld“ (wie z.Bsp. Schuldfreiheit, Arglosigkeit, Unberührtheit, Sittsamkeit und Reinheit, lt. Duden) wird kaum ein einziger diesem großen Wort und der Charaktereigenschaft gerecht. Im Wesentlichen spielen drei Protagonisten hier die Hauptrolle: da ist zum einen Purity, genannt Pip, eine junge Frau um die 20, die in einer Wohngemeinschaft in Kalifornien lebt. Wo ihre berufliche Zukunft sie hinführen soll, weiß sie noch nicht so ganz genau. Momentan ist ihr einziger Wunsch, ihren leiblichen Vater zu finden. Und genau deshalb hat sie zu ihrer Mutter ein eher ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite ist da eine große Liebe und Nähe, auf der anderen hasst Pip sie dafür, dass sie sie in Bezug ihres Vaters im Unklaren lässt. Ihre Mutter macht ein so großes Geheimnis aus ihrer Vergangenheit, dass sie damals sogar eine neue Identität angenommen hat. Andreas, ein aus der DDR stammender Whistleblower, hat sich in die Berge Südamerikas geflüchtet, um sich vor den Folgen eines Verbrechens, dessen er sich vor langer Zeit schuldig gemacht hat, zu schützen. Wegen seiner schon fast ödipalen Beziehung zu seiner Mutter entwickelt der Exzentriker schon früh einen Hang zu minderjährigen Mädchen, die er verführt und für seine Zwecke benutzt. Als Deckmantel dient ihm die leitende Stellung des “Sunlight- Project“, dass Missstände der Gesellschaft, Politik und Umwelt im Internet aufdeckt. Und nicht zuletzt Tom, Journalist in Denver, mehr oder weniger glücklich liiert, erfolgreich im Job und schon fast etwas langweilig. Doch auch hier trügt der Schein des gänzlich unschuldigen Zeitgenossen. All diese Figuren verbinden Schnittpunkte, die nur allmählich miteinander verschmelzen und ein Abbild der Gesellschaft ergeben. Der Randthemen gibt es viele in diesem umfangreichen Werk. Eines wichtiger als das andere und des weiteren Drübernachdenkens absolut notwendig und unvermeidbar. Jonathan Franzen hat seinen Roman in langen Episoden geschrieben, die nicht chronologisch angelegt sind. In jeder dieser Episoden beleuchtet er das Leben einer anderen Figur. Und das so ausführlich, dass der Leser ganz in dieses Leben und die Persönlichkeit dieses Menschen hineingezogen wird. Der rote Faden allerdings bildet Pip. Vielleicht mag eine Vatersuche im Allgemeinen sich als Thema eines Romans etwas profan ausmachen, aber nicht wenn es Jonathan Franzen schreibt. Wer Bücher von ihm kennt, der weiß, dass dieser Autor wenig dem Zufall überlässt, gut recherchiert, seine Meinung über Politik und die Welt kundtut und psychologisch immer ganz nah an seinen Charakteren bleibt. Sprachlich sehr intelligent auf hohem Niveau bringt er dem Leser eine tiefgründige Sensibilität nahe, wie man sie nur selten in Büchern findet. Aber neben all dem dramatischen findet Franzen einen witzigen, spritzigen, manchmal sogar verschlagenen Ton. Sätze, wie er sie schreibt, sind leider zu selten geworden. Zu Beginn erschien mir alles etwas langatmig und zäh, aber hat man sich erst mal eingelesen, bzw. eingehört, kann man kaum noch aufhören. Eine gewisse Ausdauer und Geduld für die Geschichte sollte man dann schon haben, denn mit 26 Stunden ist es das bisher längste Hörbuch, das ich mir auf die Ohren gegeben habe.

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Erstmals verlässt Jonathan Franzen sein gewohntes Terrain Amerika und taucht ein in die deutsche und europäische Geschichte. Dabei beginnt das Hörbuch mit einer jungen Mitte 20 jährigen Amerikanerin Pip (eigentlich Purity), die ein bisschen verloren durch ihr Leben irrt. Sie hat einen langweiligen Job und eine irre Mutter, von der sie weder weiß, wer ihr Vater ist noch wie alt sie ist. Warum ihr das alles verheimlicht wird, weiß Pip auch nicht. Eines Tages wird ihr ein Praktikum bei dem großen Whistleblower Andreas Wolf in Bolivien angeboten. Dieser verspricht ihr, dass er das Geheimnis um ihren Vater durch seine Ressourcen lüften könnte. Und so begibt sich Pip auf die Reise nach Südamerika. Gleichzeitig tauchen wir mit Andreas Wolf in die Zeit um 1988/89 ab und erfahren von seinem dunklen Geheimnis, dass er in einem schwachen Moment einem amerikanischen Journalisten erzählt hat. Natürlich sind alle drei Lebensläufe auf die eine oder andere Weise miteinader verbunden... Dieses Hörbuch ist etwas für den Profi, denn mit 26 Stunden muss man schon eine Menge Zeit mitbringen und Geduld haben. Es gibt ein Kapitel, welches allein schon 10 Stunden in Anspruch nimmt und auch ich hatte am Ende das Gefühl wirklich etwas geschafft zu haben. Es wird sehr episodenhaft und unchronologisch erzählt, was ich sehr mag. So blieb die Spannung bis zum Ende erhalten. Mit zwei ausgezeichneten Hörbuchsprechern macht das Hören wirklich Spaß, dennoch hatte das Hörbuch einige Längen. Dies mag daran liegen, dass Franzen sehr detailversessen ist und unglaublich ausführlich erzählt. Das muss man mögen. Ich hatte den Eindruck, dass er sich mit der Wendezeit und dem Untergang der DDR gut auskennt, dennoch waren einige Details nicht richtig, was mich ein bisschen gestört hat. Hinzu kam, dass über diese lange Zeit die Spannung bzgl. des Vaters aufgebaut wird und das am Ende untergeht. Ich konnte es gar nicht fassen, wie trivial das Buch endet. Ich musste noch mal den letzten Track hören und war verwirrt. »Unschuld« war meine erste Begegnung mit Jonathan Franzens Werk und es hat mich mit Abstrichen überzeugt. Aber ich glaube auch, dass mir die Vorgängen ein bisschen besser gefallen könnten, da ich nicht so sehr kritisch sein werde. Es wird bestimmt nicht mein letztes Hörbuch von ihm sein, denn spannend war es allemal, obwohl ich den Vergleich von DDR und Internet nicht so ganz nachvollziehen konnte. PS: Warum der Roman im Deutschen »Unschuld« heißt, hat sich mir auch nach dem Hören nicht erschlossen. Die Protagonistin heißt »Purity«, wie der Roman im amerikanischen Original - Reinheit. Hinzu kommt, dass alle Charaktere ständig, wirklich immer von Reinheit sprechen und nicht von Unschuld. Ich finde auch, dass es einen Unterschied zwischen Unschuld und Reinheit gibt und unschuldig ist Purity wirklich nicht.

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Bei dem jüngsten Werk von Jonathan Frantzen ist der Romantitel (Originaltitel: „Purity“) Programm. Purity – so heißt zunächst eine der Hauptfiguren, eine Studentin, die in einer WG in Oakland lebt, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und von allen Pip genannt wird. Ihre Mutter will ihr partout nichts über ihren Vater verraten. So begibt sich Pip selbst auf die Suche und landet in den bolivianischen Bergen bei dem charismatischen und mächtigen Mann Andreas Wolf. Spätestens dann begreift man, dass es in dem Roman nicht wie erwartet um die Zusammenführung einer Familie geht. Andreas Wolf ist ein weltbekannter Whistleblower, der sich mit Leib und Seele dem Enthüllungsjournalismus verschrieben und zu diesem Zweck das „Sunlight Project“ gegründet hat. Mit einer Spionagesoftware und einem riesigen Netzwerk von Hackern deckt er politische Skandale aus. Der Mann kennt sich aus im Business – schließlich leistete er als junger Mann Widerstand gegen das DDR-Regime und kennt die Tricks, um die Bürger auszuspionieren. Die Ironie: Er selbst trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum: Damals ermordete er einen Stasispitzel, um eine junge Frau zu schützen und versteckt sich nun in Bolivien vor den deutschen und amerikanischen Strafverfolgungsbehörden. Einziger Mitwisser ist der amerikanische Reporter Tom Aberant, den er einst in Berlin traf und der ihm half, die Leiche zu vergraben. Um sicherzugehen, dass Tom Andreas nicht schaden kann, schickt dieser Pip in seine Obhut – direkt in die Arme ihres leiblichen Vaters. Es war mein erstes Hörbuch von Jonathan Frantzen und ich bin tief beeindruckt von diesem virtuos komponierten Werk, das mehrere Kontinente umspannt. 26 Stunden sprachlicher Genuss, allerdings stellenweise auch anstrengend, weil der Autor bei den Figuren so weit ausholt, um ihre Hintergrundstory auszubreiten, und es nicht versäumt, immer wieder auf ihre Sexsucht hinzuweisen. Was die Protagonisten neben ihre Neurosen noch gemeinsam haben, ist ihr permanentes Streben nach Reinheit. Auch die Fülle der Themen – von der DDR über die Gefahren im digitalen Zeitalter bis hin zu den moralischen Ansprüchen einer Wohlstandsgesellschaft – erfordert hohe Aufmerksamkeit, bietet aber im Gegenzug viel Unterhaltung und Stoff zum Nachdenken.

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Ja, ich habe Probleme mit diesen verkopften Intellektuellen. Denn ich mag es, wenn eine Geschichte schön ist. Die Geschichte 'Unschuld' ist nicht schön. Dazu sind die Protagonisten einfach zu durchgeknallt. Ist natürlich realistisch, aber du meine Güte, in dem ganzen Buch gibt es nicht eine auch nur halbwegs vernünftige Frau. Alle Mütter sind absolut bescheuert und die Nichtmütter sind auch daneben. Da könnten einem die Männer fast leid tun, wären sie nicht von den Müttern schon in den Wahnsinn getrieben und ließen das auch mal schön an den Nichtmüttern aus. Zu viel Intelligenz ist wirklich nicht gesund! Und scheint auch noch zu Promiskuität zu führen, als stände auf der einen Seite die intelligente Überlegenheit und auf der anderen der Drang, sich ununterbrochen fortzupflanzen. Nein, das ist nicht meine Welt. Trotzdem ist 'Unschuld' natürlich interessant. Auch, weil ein Stück deutscher Geschichte erzählt wird - und einiges zum Thema Whistleblower. Letzteres ist ja noch nicht so alltäglich und sorgt immer mal wieder für Unterhaltung. Und Jonathan Frantzen versteht es sehr gut, seine Geschichte in schöne Worte und wohldurchdachte Sätze zu packen, das ist eben der Vorteil bei dieser Art der Literatur: Da gibt es keine Stümper! Nur Geschichten voller beklöppter Menschen, die sich vor lauter hochtrabender Gedanken nicht die Schuhe zubinden können. Sowohl Sascha Rotermund als auch Walter Kreye lesen natürlich sehr gut, schwächeln allerdings bei den Dialogen, da sie kaum Unterschiede bei den Personen machen und es manchmal einfach nicht ersichtlich ist, wer gerade spricht. Aber das sind nur kleine Irritationen, die dem Gesamteindruck nicht schaden: Sehr gute Literatur vorgetragen von sehr guten Sprechern. Fazit? Einfach nicht meine Welt, aber qualitativ natürlich überzeugend.

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Juhu! Jonathan Franzen! Ich liebe diesen Autor und seit den Korrekturen habe ich wohl alles von ihm gelesen was es gibt. Nun also das neue Buch: Unschuld, hier als Vollversion auf gut 28 Stunden Lese-, äh, Hörerlebnis. Generell höre sehr selten Hörbücher weil ich reell weniger Zeit & Muße habe um etwas ruhig anzuhören, als mal eben noch 10 Seiten zu lesen. Und beim Lesen höre ich auch was der Junge Mann gerade anstellt. Beim HÖREN eher nicht. Trotzdem, hin und wieder habe ich Hörbücher. Hier also: Unschuld. Die Geschichte von Pip 8eigentlich: Purity!), die aus den USA nach Bolivien geht um ihr Leben auf irgendeine Weise, eher unbestimmt, zu verbessern, verwoben mit der Geschichte von Andreas, dem Ex-DDR-Dissidenten. Mehr sei nicht gesagt. Wie immer bei Jonathan Franzen gehen die Personen an die Grenze des Zumutbaren, sie sind einem fast unangenehm nah, weil sie leider oft uns so ähnlich sind. Sie treffen irgendwie unrationelle Entscheidungen, scheitern an den Tücken des Alltags und gerade wenn man denkt dass es läuft, läufts eben gerade nicht. Der subtile Humor und das Scheitern an den eigenen Entscheidungen oder gerade dem Sich-Nicht-Entscheiden-Können hat auch dieses neue Buch von Franzen zu einer Herausforderung für mich gemacht. Ob ich das Buch als LESEversion mehr genossen hätte – möglich. Denn 28 Stunden Hören, auch wenn es so angenehme Lesestimmen sind wie Sascha Rotermund und Walter Kreye, sind schwierig. Mehrfach bin ich darüber eingeschlafen, was NICHT an der Geschichte lag sondern an diesem angenehmen Vorgelesen-Bekommen. Ich glaube, ich lese dann doch lieber selber.

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