Leserstimmen zu
Unsühnbar

Marie von Ebner-Eschenbach

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Hardcover
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Wie bigott und frauenfeindlich die Wiener Adelsgesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts war, macht Marie von Ebner-Eschenbach in ihrem Roman „Unsühnbar“ deutlich. Opfer der biederen Konventionen wird die Protagonistin Maria von Wolfsberg, die den kunstliebenden Felix Tessin liebt. Die Gräfin fügt sich jedoch dem Wunsch ihres strengen Vaters und heiratet den biederen Graf Dornach. Als es zum Seitensprung kommt und Marie schwanger wird, schiebt sie ihrem Ehemann das Kind unter. Mit der Zeit lernt sie jedoch, Hermann zu lieben und die zahlreichen Vergnügungen der feinen Gesellschaft zu schätzen. Früher wollte sie um jeden Preis gefallen; nun wollen alle der Gräfin gefallen. „Ein ganzes Dasein der Rechtschaffenheit muss eine Stunde der Verirrung aufwiegen können“, versucht sie sich einzureden, doch ihre Gewissensbisse und Seelenqualen nehmen mit der Zeit zu. Die Stunde der Erniedrigung bleibt für sie unsühnbar. Da helfen auch ihre Zerstreuungsversuche in Form von opulenten Bällen, der Treibjagd oder Wintersport nicht. Auch ihr Streben nach Vervollkommnung durch Bücher und die Kirche misslingt. Maria, die so viel Wert auf Wahrheit legt, kann nur schwer ertragen, dass ihr eigenes Leben auf einer Lüge aufbaut, und stürzt immer weiter in den Abgrund von Schuld und Sühne. Auch wenn der pathetische Ton nicht ganz in unsere Zeit passt, werden Marias Leidenschaften und Seelenqualen so nuanciert beschrieben, dass man mit ihr fühlt. Der Roman, der erstmals 1890 erschien, illustriert sehr deutlich die Scheinmoral und die patriarchalische, durch ökonomisches Kalkül geprägte Gesellschaft der damaligen Zeit.

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Vor kurzem, am 12. März 1916, starb Marie von Ebner-Eschenbach. Diese runde Zahl hat offenbar der eine oder andere Verlag zum Anlass genommen, das eine oder andere ihrer Werke wieder zu veröffentlichen. So auch der Zürcher Manesse-Verlag, der Unsühnbar in seiner Bibliothek der Weltliteratur auflegte, mit einem Nachwort von Sigrid Löffler.*) Unsühnbar ist die Geschichte der Gräfin Maria Wolfensberg, einer hypersensiblen jungen Frau, die im und am patriarchalischen Milieu des Adels, aus dem sie stammt und in das sie heiratet, zu Grunde geht. Ihre Mutter ist seit langem tot. Ihr Vater redet ihr ihre Jugendliebe mehr oder weniger sanft aus und verheiratet sie mit Hermann Dornach - ein dynastischer Schachzug, wie er so oft unter Adelshäusern stattfand. Die Ehe ist nicht einmal unglücklich; Dornach ist sogar ganz ehrlich in Maria verliebt, und das rührt sie. Aber es kommt, wie es kommen muss: Maria trifft 'zufälligerweise' ihre Jugendliebe Tessin wieder. Und auch da kommt es, wie es kommen muss: Sie werden - ein einziges Mal! - intim und Maria wird von Tessin schwanger. Den Rest ihres Lebens bringt Maria nun mit ihrem schlechten Gewissen zu. Als dann der ältere (und legitime) Sohn auf einer Landpartie in einen Bach stürzt und ertrinkt, der Vater, der den Sohn retten will, ebenfalls dabei stirbt, ist es um Maria geschehen. Sie bricht zusammen und gesteht ihre 'Schande'. Die Dornachs kennen sie ab sofort nicht mehr; der Vater Wolfensberg versteckt seine Tochter auf einem abgelegenen Familiensitz. So weit das Handlungsgerüst. Aber dahinter steht mehr. Die Geschichte der Maria Wolfensberg ist eine Anklage des patriarchalischen Systems. Nicht nur, dass die Töchter aus dynastischen Gründen verschachert werden. Die Frauen leiden ganz allgemein unter der herrschenden Doppelmoral. Die Männer nämlich dürfen mehr oder weniger offen die Ehe brechen. Auch Wolfensberg Vater ist so ein Ehebrecher. Zu ihrer Volljährigkeit kriegt Maria eine Schatulle geschenkt mit dem Tagebuch ihrer Mutter, das beweist, dass die Mutter an des Vaters Ehebruch zerbrochen ist. Der illegitime Sohn aus dieser Affäre, Marias Halbbruder, wird seinerseits zum Instrument von Tessin, der nämlich Maria keineswegs 'zufällig' getroffen hat, sondern das Ganze sorgfältigst arrangierte, um Maria einmal f... zu können. Obwohl Maria es im Folgenden als ihre unsühnbare Schuld betrachtet, 'gefallen' zu sein, zerbricht sie im Prinzip an der (im wahrsten Sinne des Wortes) herrschenden Moral, die die Frau zum blossen Sexual-Spielzeug der Männer macht. Selbst ihre Schuldgefühle sind noch von aussen aufgezwungen und nicht genuin. Unsühnbar ist 1890 erschienen, 5 Jahre vor Effi Briest, worauf auch der Klappentext hinweist. Solche Hinweise sind gefährlich, denn sie führen unweigerlich dazu, dass der Leser vergleicht. Und obwohl ich Effi Briest keineswegs für Fontanes bestes Werk halte: Unsühnbar kommt nicht daran heran. Ebner-Eschenbach liefert zwar ein paar äusserst gelungene satirische Spitzen gegen de Adel und seine Lebensweise. Sie erkennt und beschreibt sogar, wie diese Lebensform langsam verschwindet: Die Gleichaltrigen waren nicht bereit, zusammen mit der Vätergeneration Maria Dornach für ihren Fehltritt zu verurteilen. Wenn Maria sich selber nicht verurteilt hätte - sie hätte ihr früheres Leben durchaus fortführen können. Allerdings ist diese neue Gesellschaft auch gedankenlos und kümmert sich nicht weiter um Maria, als diese sich völlig von ihr zurückzieht. Unsühnbar kommt nicht an Effi Briest heran, habe ich geschrieben, und das ist vor allem eine Frage des Stils. Wo Fontane subtil andeutet, wird Ebner-Eschenbach recht explizit. Die Seelennöte der jungen Frau drücken sich melodramatisch in Ohnmachtsanfällen, Tränen, Zittern und Händeringen aus. Maria wie Effi sterben an gebrochenen Herzen - aber wie melodramatisch ist Marias Tod nicht geschildert. Ihr Vater, der endlich seine Fehler erkennt, reist aus Wien auf seinen Landsitz, wo die Tochter im Sterben liegt. Wie er ankommt, ist sie gerade gestorben, und - schwupps! - liegt die Leiche des Vaters neben der der Tochter. Das ist ein bisschen zu viel des Guten und bedauerlich insbesondere, weil der Anfang, wo Marie von Ebner-Eschenbach schildert, wie das Publikum gerade aus einer Vorstellung des Fidelio strömt, jeder aber nur an das nun folgende körperliche Plaisir (essen, trinken, beischlafen) denkt, und keiner noch einen Gedanken an die Oper verschwendet (die doch - worauf auch Sigrid Löffler in ihrem Nachwort hinweist - eine Hymne auf eheliche Liebe und Treue darstellt!), dieser Anfang ist einer der gelungensten Romananfänge, die ich kenne. Aber schon der kurz darauf folgende erste Auftritt von Marias Halbbruder, von dem sie damals noch nichts weiss, erfolgt überdramatisch. Ebner-Eschenbach hämmert dem Leser so richtig ein, dass wir hier einen gefährlichen Menschen vor uns haben, und dass diese Begegnung ein schlechtes Omen für Maria sei. Der Leser merkt's und ist ein bisschen verstimmt. Ansonsten in der üblichen, hohen Qualität der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen: Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen. Die Erläuterungen haben in etwa das rechte Mass, auch wenn einem fleissigen Leser 'älterer' Literatur die meisten Kutschen-Typen zumindest dem Namen nach bekannt sein sollten (viel mehr erfährt er auch nicht aus den Anmerkungen), und auch der im Text des öftern zitierte Walpole und dessen Burg von Otranto (auch eine Geschichte um genealogisch-dynastische Machenschaften - und Walpoles häufiges Auftauchen vielleicht ein Hinweis darauf, dass Ebner-Eschenbach ihre eigene Geschichte nicht so ganz ernst nehmen konnte) sollten bekannt sein. Dennoch eine verdankenswerte Tat, diese Edition, für jeden, der Marie von Ebner-Eschenbach jenseits von Hundegeschichten und Aphorismen kennen lernen will. (Obwohl aphoristische Zuspitzung einzelner Sätze auch in diesem kurzen Roman zu finden ist.) *) Von der Random House Group dankenswerter Weise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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In Marie von Ebner-Eschenbachs Roman "Unsühnbar" ist das leise Anbrechen einer neuen gesellschaftlichen Epoche zu spüren. Die Protagonistin des Romans, Maria Gräfin Dornach, geb. Wolfsberg, wird zwischen diesen beiden Polen des Althergebrachten und der neuen Ansichten aufgerieben. Vom Vater standesgemäß, aber gegen ihre Gefühle verheiratet, versucht sie die Liebe zu diesem anderen Mann zu unterdrücken. Es gelingt ihr eine zeitlang recht gut, zumal ihr Mann sie abgöttisch liebt und sie ebenfalls peu a peu auch Gefühle für ihn entwickelt. Doch dann wird sie eines Tages von dem damals geliebten Mann überrumpelt und alte Gefühle lassen sie jede Kontrolle verlieren. An den Konsequenzen dieses "Fehltritts" wird sie schließlich zugrunde gehen, zur Doppelmoral, die andere Figuren des Romans leben und die Ebner-Eschenbach entlarvt, ist sie nicht fähig. Der Roman, über hundert Jahre alt, spiegelt in weiten Bereichen den literarischen Stil seiner Zeit, dies ist etwas, worauf man sich als Leser einlassen muss. Er ist, insbesondere nach dieser verhängnisvollen Begegnung Marias mit dem Geliebten und sich steigernd noch nach der Geburt des Kindes in der Schilderung ihrer Seelenqualen melodramatisch und pathetisch. Frischer und weniger auftragend jedoch wird der Stil, wenn Ebner-Eschenbachs Personen den Wechsel der gesellschaftlichen Konventionen verkörpern. Trotzdem dieses "alten" Schreibstils liest sich das Buch gut und ist, wenngleich es sicher kein "Must read" ist, ein interessanter Rückblick in eine Zeit, die noch gar nicht so lange vorbei ist. (ausführliche Buchvorstellung unter: http://wp.me/paXPe-8I8)

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Unsühnbar

Von: Jutta Ortlepp

12.03.2016

Marie von Ebner-Eschenbach gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts. Zum 100 Todestag im März 2016 bringt der Manesse Verlag in gewohnt guter Ausstattung nun die Erzählung „Unsühnbar“ neu heraus. Von Anfang an gelingt es der Autorin eine geheimnisvolle Aura um das Leben der Protagonistin Maria von Wolfsberg zu schaffen. Ihr Vater will sie gut verheiraten und hat sie dem Großgrundbesitzer Hermann von Dornach versprochen. Maria liebt einen anderen, doch für den Vater steht fest, Hermann soll sein Schwiegersohn werden. „Der Verstand sagt, der klare Blick sieht - hier ist ein Mensch, so vortrefflich, dass eine Frau mit ihm glücklich werden muss.“ Maria liebt einen anderen, doch fügt sie sich und geht die Ehe mit dem ungeliebten Hermann ein. Mit fein eingestreuten Andeutungen versteht es die Autorin, die Spannung zu halten, ja – ein Geheimnis um gibt die Familie Wolfsberg und als Marias eigentlicher Favorit wieder Kontakt zu ihr aufnimmt und eine Begegnung mit ihr herbeiführt, ahnen wir die mögliche Tragödie. Wird sie dem Ehemann untreu, ihn verlassen? Nun kommt Ehebruch im 19. Jahrhundert natürlich auch in der guten, adeligen Gesellschaft vor und ist kein Grund, am Leben zu verzweifeln – dies gilt für Männer wohlgemerkt. „Eine scheinbare Vernachlässigung, eine flüchtige Zerstreuung des Gatten, wird von dem Weibe, das sich selbst achtet, übersehen. Was ist ein kurzer Sinnenrausch, dem gewöhnlich klägliche Ernüchterung folgt, im Vergleiche zu der unerschütterlichen, dankbaren Anhänglichkeit an die verehrte Lebensgefährtin, die niemals Nachsicht braucht, aber immer Nachsicht übt“ so die weitverbreitete patriarchalische Auffassung. Marie von Ebner-Eschenbach erzählt die Geschichte des unsühnbaren Ehebruchs so dicht, so wunderbar, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Exzellent ist ihre genaue psychologische Beobachtungsgabe, die sich auch in Tierbeschreibungen zeigt, so erzählt sie ein kleines „Gespräch“ unter Hunden und zeigt sinnlose Vergnügungen des Adels in Beschreibung einer Jagdgesellschaft mit ihrer brutalen Hetzerei und Töterei. Zwar ist „Unsühnbar“ inhaltlich dem 19.Jahrhundert angehörig, doch werden andere, bessere, freiere Zeiten kommen, dass ist im Text bereits spürbar: „Seltsamerweise hatte Maria die öffentliche Meinung gewonnen durch die heroische Geringschätzung, die sie ihr bewies. Die große Welt verzieh, statt zu verdammen“. Ebner-Eschenbachs schriftstellerisches Können, ihre deutliche Kritik am Verhältnis Mann-Frau und am Gebaren des Adels sind jedenfalls bereits einer neuen Zeit verhaftet und so interessiert, berührt und fesselt uns ihr Werk auch heute noch.

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