Leserstimmen zu
Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout

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Lucy liegt im Krankenhaus, fühlt sich einsam. Ihr Mann geht einen Schritt, der ihn vermutlich viel Überwindung gekostet hat und ruft Lucys Mutter an, zu der ein schwacher Kontakt besteht, seit die Tochter beschlossen hat einen zu heiraten, der deutsche Wurzeln hat. Für den Vater, der im Krieg gedient hat, ein Schlag ins Gesicht. Obwohl die Beziehung von Mutter und Tochter bisher in eisiger Stille verharrte, ist Lucy froh, dass die Mutter ihr nun die Zeit vertreibt. Sie kommt fast um vor Langeweile. Der Mann ist der einzige, der sie ihr nehmen könnte, doch der muss sich um Haushalt und Kinder kümmern. Als Erwachsene verspürt man nie mehr so stark die Sehnsucht nach der eigenen Mutter wie in der Zeit der Krankheit. Für Lucy bedeutet dies aber nicht nur Glück. Der Anblick der Mutter bedeutet auch Konfrontation mit der eigenen Kindheit, die aus Lucys Augen nicht gerade so war, wie sie es gewünscht, wie sie es bedurft hätte. Ihre Eltern waren arm. Allein von der Oberfläche her, hat Lucy sich von anderen Kindern unterschieden. Sie ist schmutzig zur Schule gegangen, hatte alte, zu klein gewordene Kleidung, wurde als stinkend empfunden. Die Familie konnte sich nichts leisten. Wollte es nach Lucys Ansicht auch gar nicht. Gewalt steht immer wieder im Raum. Die Wut, die der Vater als Kriegsheimkehrer in sich trägt und die sich hin und wieder ihren Weg an die Oberfläche bahnen muss. "Sie schreiben über eine Mutter, die ihre Tochter liebt. Unvollkommen. Weil wir alle nur unvollkommen lieben können." (S. 114) Lucy hat ihr Leben lang Probleme mit dem eigenen Selbstwertgefühl, braucht lange, um sich selbst zu finden. Obwohl sie sich in ein neues Leben gekämpft hat, bildet sie sich immer ein, dort nicht hinzugehören, dies nicht zu verdienen. Als Schrifstellerin muss sie sich mit Vielem auseinandersetzen. An vorderster Front mit sich selbst. Erst im Nachhinein, nach Gespräch und Verlust der eigenen Mutter, nach dem Scheitern der Ehe und einer gewissen Scham bei den eigenen Kindern, versteht sie, das die Eltern sie geliebt haben, so gut sie eben konnten. Lucy weiß nicht, seit wie vielen Generationen es sich schon durchzieht, dass die Eltern nicht in der Lage sind ihre Gefühle auszudrücken, dass sie in ihrem Kokon aus Müssen, um zu halbwegs Zurecht zu kommen, aus dem Wunsch heraus nicht aufzufallen, ein Leben führen, dass sie überleben, aber nicht leben lässt. "Die Unvollkommenheit der Liebe" ist ein Buch der leisen Töne, das jedoch zwischen den Zeilen sehr laut klingt. Darin stecken Anklagen und Wehklagen, Verdruss und der Wunsch nach mehr, aber auch ganz viel Liebe. Denn jeder liebt, so gut er eben kann. Niemals vollkommen, aber orientiert an den eigenen Möglichkeiten. Dass dabei Wunsch und Wirklichkeit nicht immer konform laufen, kommt in guten wie in schlechten Familien vor. Ich glaube es ist das Verstehen, dass uns im Endeffekt milde stimmt und dafür sorgt, dass wir vergeben und nicht so hart mit anderen und uns selbst ins Gericht gehen. Strout setzt Gedankengänge an, die sicher viele von uns in irgendeiner Form bewegen und zum nachdenken anregen. Ein guter Roman. Leseempfehlung.

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Dieses Buch hat mich gleich von den ersten Seiten an gefesselt. Zu meiner eigenen Überraschung. Lucy Barton ist in tiefer Armut aufgewachsen. In ihrer Familie gab es keine großen Gefühlsbezeugungen. Als erwachsene Frau liegt sie nach einer Blinddarmoperation wegen einernysteriösen Infektion 9 Wochen lang im Krankenhaus. Es sind die 80iger Jahre. Ihr Mann und ihre Töchter können sie nur selten besuchen. Aber eines Tages sitzt ihre Mutter, die sie lange nicht gesehen hat, an ihrem Bett. Ganze 5 Tage rührt sie sich kaum von ihrem Stuhl. Sie sprechen über Nichtigkeiten, ihre Mutter erzählt ihr Klatsch und Tratsch aus der provinziellen Heimatstadt. Alles ungut endende Geschichten. Frauen, die ihre Männer verließen, oder verlassen wurden und irgendwie nie glücklich wurden. Nur die wirklich wichtigen Dinge, die sprechen Mutter und Tochter nie an. Elizabeth Strout ist eine hochgelobte Autorin. Ich war ein wenig skeptisch aber auch neugierig, ob sie mir liegt. Ich weiß nicht, ob ich noch weitere Bücher von ihr lesen möchte, zu Eigen war doch ihr Stil. Aber ich bin froh, dass ich dieses Buch gelesen habe. Denn es hat mich definitiv aus meiner Komfortzone herausgeholt. Ich empfand ihre Sprache als sehr einlullend, sehr geschmeidig und geschliffen. Sie sagt wenig, das Buch ist sehr kurz. Aber alle kleine Geschichten, viele kurze Bemerkungen sind sehr vielschichtig und auf eigene Weise eloquent. Denn wirklich wichtige Dinge werden nicht ausgesprochen. Eine Dinge, die Lucy passiert sein können, bleiben wage. Unwichtige kleine Geschichten werden erzählt, aber das essentielle bleibt ungesagt. Lucys Mutter kann nicht sagen, dass sie sie liebt. Das bekommt sie nicht ausgesprochen. Warum das so ist, erfahren wir nicht, aber ein Universum an Gründen ist möglich. Das Buch mäandert vor sich hin. Es ist kurz, nur knapp mehr als 200 Seiten. Dabei wird so nebenbei Lucys Leben skizziert. Aber vor allem ihre Kindheit ist wichtig. Wobei da so vieles nicht ausgesprochen wird sondern seinen Gegenpart in etwas in ihrem Erwachsenenleben wiederfindet. Hier wird der wundervollen Banalität des normalen Lebens gehuldigt, denn sie lässt uns die schlimmen Dinge, die passiert sind, ertragen. Menschen, denen Lucy begegnete und die ihr Leben prägten, werden in wenigen Worten so plastisch umschrieben, das ist wirklich eine Kunst. Wer gerne ein gradliniges Buch mit einer ordentlich umrissenen Handlung lesen möchte, ist hier verkehrt. Ich empfand dieses Buch als überraschend anders, in seiner Knappheit und wagen Erzählung aber sehr tiefgründig und nachhaltig. In wenigen Worten und ohne große Erklärungen erzählt uns Lucy ihr Leben, ihr Weg in die Heilung von allem, das ihr widerfahren ist. Das macht es zu einem sehr positiven Buch. Für mich war es ein unerwartetes tiefgründiges Leseerlebnis.

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Ich gehöre nicht zu den Lesern, die förmlich danach lechzen, das Autor XYZ wieder einen neuen Roman herausbringt. Bei Elizabeth Strout mache ich da eine Ausnahme. Zwar lechze ich nicht danach, aber ich freue mich, wenn ein neuer Roman von ihr erscheint. Ich kenne keine andere Autorin, die es schafft, mich emotional derart zu berühren, dass ihre Geschichten noch lange in mir nachwirken. Der Roman "Die Unvollkommenheit der Liebe" ist eine weitere berührende emotionale Reise in das weite Land der Liebe. Lucy Barton ist nach einer Blinddarmoperation, die eine rätselhafte Infektion zur Folge hat, für neun Wochen ans Krankenhausbett gefesselt. Obwohl der Kontakt zwischen Lucy und ihrer Mutter schon seit längerem auf Eis liegt, sitzt diese eines Tages für fünf Tage und Nächte an ihrem Bett. In langen Gesprächen kommen Mutter und Tochter sich zwar wieder näher, Kühle und Distanz sind jedoch weiterhin vorherrschend. Nach Anerkennung ringend, möchte Lucy endlich die Liebe spüren, die eine Mutter-Tochter-Beziehung ausmachen sollte, die bedingungslose Liebe. Da Lucys Mutter aber keinesfalls mit dem bisherigen Verlauf des Lebens ihrer Tochter einverstanden ist, kritisiert sie Lucy selbst noch am Krankenbett. Anstatt ihre Tochter in ihrer Persönlichkeit zu stärken, schafft sie es immer wieder, ihre Tochter zu verunsichern und die bedingungslose Liebe, die Lucy so dringend benötigen würde, bleibt aus. Ein Roman, der ans Herz geht. Viele von uns werden diesen Konflikt kennen. Nach Liebe und Anerkennung ringend, wird man immer wieder enttäuscht. Erwartet man zu viel, kann man auch nur enttäuscht werden, aber liebt eine Mutter ihre Tochter nicht, ohne Bedingungen an diese Beziehung zu stellen? Die Autorin Elizabeth Strout greift ein Thema auf, das nicht nur schwierig in Worte zu fassen, sondern auch kaum greifbar ist. Mit Brillianz meistert die Autorin den Spagat zwischen der Bedingungslosigkeit und der Unvollkommenheit der Liebe. Leise schwingt ein Hauch von Melancholie und Traurigkeit durch den Roman. Nicht pathetisch, nein, zart und wohl dosiert, schafft die Autorin eine Atmosphäre zwischen Tochter und Mutter, die man als Leser teilweise nur schwer aushalten kann, jedoch aber die Wirklichkeit widerspiegelt und das wahre Leben aufzeigt. Tochter-Mutter-Beziehungen, ein Stoff, der meiner Meinung nach viel zu selten in der modernen Literatur aufgegriffen wird, obwohl er doch so viele Facetten zu bieten hat. Ein liebevolles Danke an die Autorin für diesen ergreifenden Roman.

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Ein kleines Büchlein, das für mich aber so viel an Stoff zum Nachdenken und Interpretieren bietet. Das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und ich habe die Geschichte sehr gern gelesen. Eine Geschichte der leisen Töne, die immer wieder zwischen den Szenen im Krankenhaus und dem weiteren Leben der Tochter hin und her springt. Die Tochter, die Ich- Erzählerin liegt im Krankenhaus. Nach einer OP scheint sich eine Infektion gebildet zu haben. Die Mutter wacht einige Tage an ihrem Bett. Die Beziehung der beiden scheint schwierig zu sein. Immer wieder Thema ist auch die Liebe. Die Ich- Erzählerin erzählt, dass sie den Nachbarn, den behandelnden Arzt und auch früher einen Künstler liebte. Kann dieses alles Liebe sein? Die Mutter sitzt an ihrem Bett, schläft und isst nicht, wie es scheint? Sie erzählt aus der Vergangenheit, will aber nichts Aktuelles von ihrer Tochter wissen. Warum? Die Beziehung zu den Eltern wird immer nur in kurzen Szenen gestreift. Es bleibt viel im Dunkeln, viel Platz für Interpretationen. In der Geschichte wechseln die Szenen im Krankenhaus mit der Mutter mit einer Art Rückblende in die Vergangenheit der Tochter. Als Leser spürt man die Anspannung zwischen den beiden, aber auch das Gefühl, dass die Tochter die Liebe der Mutter zu suchen scheint. Immer wieder kommt hier in verschiedenen Szenen zur Sprache, dass niemand eine Wertung über andere Menschen vornehmen sollte. Ich spürte als Leser, dass es da Geheimnisse gibt. Bei der Mutter, in der Kindheit der Ich- Erzählerin. Einiges wird nur angerissen. Die Kindheit in einer Garage, deutet auf eine Kindheit in Armut hin. Der Vater. Ist bei ihm etwas vorgefallen? Es sind so kurze Augenblicke, Szenen, die etwas erzählen, aber nie in die Tiefe gehen. Die mich als Leser etwas ratlos stehen lassen. Die Neugier wecken, Fragen aufwerfen, aber nie wirklich beantwortet werden, aber nun dafür sorgen, dass ich weiterlesen will um evtl. doch eine Antwort bekommen. Es gibt einige wunderschöne Sätze in diesem Buch, die auch viel zum Nachdenken bieten. Die Szenen im Buch, die mir besonders gefallen haben, sind die Szenen beim Schreibkurs, die Tipps der Autorin. Es ist auch ein Buch über das Schreiben, das wird im Lauf der Geschichte deutlich. Ein Buch über eine Mutter- Tochter-Beziehung. Ein Buch voller Zwischentöne. Ein sanft zu lesendes Buch, das mich begeistert hat, das aber scheinbar auch dunkle Themen der Vergangenheit bietet, die zum Nachdenken anregen.

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Die Geschichte wird aus der Sicht von der inzwischen sich in den mittleren Jahren befindenden Lucy Barton erzählt und spielt hauptsächlich in dem New York der achtziger Jahre. Sie geht zu der Zeit zurück, in der sie als junge Mutter einige Wochen im Krankenhaus liegt. Sie beschreibt die Sehnsucht nach ihren beiden kleinen Töchtern und dem schlechten Gewissen, momentan nicht für sie und ihren Ehemann da sein zu können. Dieser hat für sie ein Einzelzimmer besorgt, damit sie sich in Ruhe erholen kann. Der Grund für ihre Krankheit und ihre spätere Gesundung ist unbekannt, sie leidet unter Fieber und kann kaum Nahrung bei sich behalten. Eines Tages sitzt ihre Mutter, zu der sie schon länger keinen Kontakt hatte, an ihrem Bett, Lucys Ehemann hat sie gebeten, ihrer Tochter beizustehen. Langsam beginnt Lucy, dem Leser ihre Vergangenheit zu offenbaren. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Ort in Illinois, sie und ihre beiden Geschwister wurden gemieden und gehänselt, das Verhältnis zu den Eltern war distanziert und von wenig Liebe geprägt. Das Mädchen verbringt so viel Zeit wie möglich in den Schulräumen, da es da im Gegensatz zu ihrem Elternhaus beheizt und ruhig ist. Dort macht sie gewissenhaft ihre Schulaufgaben und liest. Die Bücher geben ihr etwas, was sie zu Hause nicht hat. „Ich fühle mich weniger einsam durch sie. Darum geht es mir. Und ich dachte mir: Eines Tages schreibe ich auch Bücher, und dann fühlen die Menschen sich weniger einsam!“ Durch ihre sehr guten Schulleistungen erhält sie ein Stipendium, das es ihr ermöglicht zu studieren. Dadurch entfernt sie sich auch räumlich immer weiter von ihrer Familie, auch als sie heiratet und eigene Kinder bekommt hat sie kaum Kontakt, bis ihre Mutter zu ihr ins Krankenhaus kommt. Die beiden Frauen beginnen sich langsam anzunähern, doch das ist nicht einfach. Der Roman, dessen Originaltitel „My Name is Lucy Barton“ ist (den ich sehr viel besser und passender als finde als den sperrigen deutschen Titel), hat mich sehr beeindruckt. In schlichter, schnörkelloser Sprache lässt Strout Lucy aus ihrem Leben erzählen (allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge), zumeist kurze Episoden aus ihrer Vergangenheit, die doch als Sinnbild für alle anderen Ereignisse stehen und aufzeigen, dass ihre Herkunft sie immer noch belastet. „…und plötzlich tut sich in mir eine Dunkelheit auf, die so bodenlos ist, dass ich einen kleinen Japser ausstoße…“ Auch als erwachsene, studierte Frau trägt sie ihre Unsicherheit immer noch in sich, so versucht sie zum Beispiel Gesprächsthemen zu vermeiden, in denen es um Popkultur geht, da ihre Familie keinen Fernseher hatte und sie so beträchtliche Wissenslücken hat, für die sie sich schämt. Des Weiteren geht sie mit dem Wort „Liebe“ sehr inflationär um, so liebt sie ihren ehemaligen Lehrer Mr Hayes, der sie in der sechsten Klasse vor ihren Mitschülern verteidigt hat, sie liebt ihren New Yorker Nachbarn Jeremy, mit dem sie sich öfter unterhält, sie liebt den Krankenhausarzt, der an jedem Tag nach ihr sieht und sie liebt ihre Bekannte, die auf mich eher selbstbezogen und bevormundend wirkt. Es scheint so, als hätte sie in ihrer Herkunftsfamilie -insbesondere von ihrer Mutter- so wenig Liebe erfahren, dass sie gebräuchliche soziale Interaktionen mit anderen Menschen sofort mit dieser gleichsetzt. Vor allem aber möchte Lucy von ihrer Mutter Liebe erfahren, sie möchte, dass sie sich für ihr Leben, ihren Mann und ihre Kinder interessiert, doch anscheinend hat ihre Mutter wenig Interesse daran. Lieber redet sie über die unglücklichen Leben der Nachbarn oder auch über Elvis, statt sich mit den wirklich wichtigenThemen auseinanderzusetzen. Das schmerzt Lucy ebenso stark, wie sie die fehlende Nähe in ihrer Kindheit verletzt hat. „Aber ich kenne diesen Schmerz noch so gut, den wir Kinder mit uns herumtragen, diesen Schmerz, der unser ganzes Leben vorhält, eine Sehnsucht, so groß, dass selbst zum Weinen kein Platz bleibt.“ Abschließend bleibt zu sagen, dass Lucy Barton, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint -und sie es selbst vermutlich auch nicht von sich behaupten würde-, eine starke Frau ist, die ihren Lebensweg trotz der Widrigkeiten und vieler Probleme, die sich ihr im Laufe der Zeit in den Weg stellen, geht. Ein absolut lesenswerter Roman, den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

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Zwischen Mutter und Tochter – Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe Lucy Barton liegt mit einer gefährlichen Infektion, deren Ursache die Ärzte nicht finden können, für längere Zeit im Krankenhaus. Die beiden kleinen Töchter sind mit dem Ehemann zu Hause. Aber ihre Mutter kommt sie besuchen, die Lucy lange nicht gesehen hat. Viel Unausgesprochenes steht zwischen ihnen. Lucy kommt aus armen Verhältnissen und ging schließlich nach New York, was ihre Familie ihr übel nahm. Auch, dass sie einen Mann mit deutschen Vorfahren heiratete, sorgte für Probleme: Lucys Vater schleppt eine Erinnerung aus Kriegsjahren mit sich herum, eine Erinnerung, in der Deutsche eine große Rolle spielen und mit der er nicht fertig wird. Lucys Mutter sitzt nun Tag für Tag ihrem Krankenbett, scheint fast nie zu schlafen, gönnt sich nur kleine Nickerchen. Die beiden reden und reden. Dabei geht es zunächst fast nie um sie selbst, sondern stets um Leute aus Lucys Heimatstadt und dem, was ihnen passiert ist. Klatsch und Tratsch sozusagen, wobei die meisten dieser Geschichten ein schlechtes Ende haben, von Leid, Betrug oder einfach Pech handeln, von Lebensentwürfen, die nicht erreicht wurden, von Versprechungen, die nicht gehalten wurden. Doch natürlich ist das nicht alles. Elizabeth Strout schafft es in ihrem neuen Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ wieder einmal meisterhaft, eine tiefsinnige Geschichte zu erzählen, bei der es im Kern weniger um die anderen Menschen, über die Lucy und ihre Mutter reden, geht, sondern vor allem um sie beide, um ihre Beziehung, um ihre Unfähigkeit, sich direkt zu sagen, was in ihnen vorgeht und was sie sich bedeuten. Sie schaffen es trotzdem, sie haben Wege der Kommunikation gefunden, die es ihnen ermöglichen. Strout lässt Lucy die Geschichte selbst erzählen, die Geschichte ihres Lebens, das sie nach ihren Wünschen lebt – sie hat es geschafft, der armen Kleinstadt zu entkommen – und doch kann sie ihre Herkunft nie hinter sich lassen, nicht ablegen, was sie geprägt hat. Strout wäre nicht Strout, wenn da nicht neben dem, was auf der Handlungsebene passiert, neben dem, was Lucy uns Lesern direkt erzählt, worüber sie nachdenkt und uns teilhaben lässt, noch jede Menge anderes mitschwingen würde. Dabei ist ihre Sprache durchaus knapp, der Roman nur ca. 200 Seiten lang, doch er erreicht eine große Tiefe, ohne dabei auf viele Worte angewiesen zu sein. Ein weiteres Thema in Strouts Roman ist das Schreiben. Lucy erzählt ihre Geschichte als Schriftstellerin, nicht ohne die Einflüsse einer anderen Autorin zu erwähnen und zu erläutern und auch das eigene Geschriebene zu reflektieren. Interessante Einblicke sind das, die gegeben werden und die gleichzeitig das Bild von Lucy, das gezeichnet wird, abrunden. „Die Unvollkommenheit der Liebe“ ist ein Titel, der mich das Buch wohl nicht hätte lesen lassen, wäre es nicht von Elizabeth Strout. Im Original heißt der Roman schlicht „My name is Lucy Barton“. Es wird Gründe geben, warum man sich dagegen entschieden hat, diesen Titel zu übersetzen. Der deutsche Titel passt zwar sehr gut zu der schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, die im Zentrum der Geschichte steht, ist mir aber dennoch zu kitschig und zu schwammig. Für den deutschen Titel kann Frau Strout natürlich nichts. Sie zeigt auch in ihrem neuesten Roman, dass sie eine Meisterin der Melancholie ist, einer Melancholie, die stets auch Hoffnung für ihre Figuren beinhaltet. Strout erzählt von Menschen und von Menschlichkeit, und sie macht das klug, warmherzig und dabei äußerst unterhaltsam. Ich hoffe auf noch viele weitere Romane dieser Autorin.

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Als die Protagonistin und Erzählerin Lucy von Elizabeth Strouts Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ für längere Zeit aus etwas unklaren Gründen im Krankenhaus liegen muss, kommt ihre Mutter sie besuchen. Für die Erzählerin ist es ein bedeutender Besuch, den ihre Beziehung war nie besonders innig. Fünf Tage verweilt die Mutter auch nachts am Bett ihrer kranken Tochter und langsam beginnt die Erzählerin dabei, ihr Leben und die Beziehung zu ihrer Mutter aufzuarbeiten. Elizabeth Strout ist mit diesem Buch ein unglaublich eindringlicher und direkter Roman über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung gelungen. Die Erzählerin kommt aus ärmsten Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet, ihre Mutter lebt nach wie vor mit ihrem Mann in ihrem Heimatort. Dass mit dem Vater etwas Schwerwiegendes in ihrer Kindheit vorgefallen ist, er vielleicht sogar Kriegstraumata hat und nicht ins Leben zurückfand, wird zwar angedeutet, genaueres erfährt man aber nicht. Lucy ist sehr überrascht von dem Besuch ihrer Mutter und lässt den Leser regelrecht ungefiltert an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben. Teilweise in längeren Abschnitten, manchmal aber auch nur in wenigen Sätzen auf einer Seite erfährt man sehr viel über ihr Innenleben und ihre Vergangenheit, was sehr bewegend ist und einen als Leser fast zum direkten Mitspieler der Geschichte macht, so distanzlos präsentiert sich Lucy uns. Bei den Berichten zu ihrer Mutter bringt sie eine Emotionalität auf, die einen als Leser gefangen nimmt, während sie regelrecht distanziert über ihren Mann und ihre Töchter schreibt. Zwar sagt sie, dass sie sie unglaublich liebt und sie ihr fehlen, sprachlich wird aber eindeutig nicht diese Nähe zum Leser aufgebaut wie in den Elementen, in denen es um ihre Kindheit, ihre Eltern oder auch ihr Schaffen als Autorin geht. Mich hat das Buch „Die Unvollkommenheit der Liebe“ von Elizabeth Strout sehr berührt, von ihrer wunderbaren Sprache und der Beschreibung von Lucys Gefühlen war ich unglaublich beeindruckt. Selten hat auch ein Titel so gut gepasst wie dieser, denn dass die Beziehung von Mutter und Tochter nicht perfekt war, heißt ja nicht, dass sie keine Liebe verbindet. Ich kann nur jedem empfehlen, sich auf Elizabeth Strouts Geschichte einzulassen, es ist ein ganz besonderes Leseerlebnis.

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Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. In ihrem neuen Roman erzählt Elizabeth Strout mehrere Schicksale zugleich, obwohl im Vergleich zu früheren Werken dieses Buch der Pulitzerpreisträgerin vom Umfang her recht schmal ist. Im Mittelpunkt steht die Autorin Lucy Barton, die, konfrontiert mit der überraschenden Anwesenheit ihrer Mutter, weitere Jahre später auf ihre Kindheit und Jugend, die folgenden Jahre und eben jenes Ereignis in der Klinik zurückblickt. Als erwachsene Frau mittlerweile in der trubeligen Metropole New York heimisch, sind ihre früheren Jahre in der ländlichen Provinz von Illinois ein herber Kontrast. Die Familie war bettelarm, die Bartons galten als Außenseiter im Dorf. Der Vater arbeitete als Maschinist, die Mutter erledigte Näharbeiten. Ihr Zuhause war eine Garage, später eine heruntergekommene Bruchbude. Gewalt stand auf der Tagesordnung, liebevolle Zuneigung gab es nicht. Lucy zog sich in die scheinbar behütete Welt der Bücher zurück, um der Einsamkeit und Trostlosigkeit zu entfliehen. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern schaffte sie auch dank des College-Besuches letztlich den Absprung in eine andere Welt. Sie verließ die Provinz jedoch nicht ohne Konsequenzen: Zwischen Lucy und ihren Eltern rissen die familiären Bande. Spätestens als Lucy eine Beziehung zu einem deutschstämmigen Mann aufbaut, schlägt ihr Ablehnung entgegen. Ihr Vater war während des Zweiten Weltkrieges als Soldat nach Europa gekommen und hatte eine große Schuld auf sich geladen, die ihn noch immer sehr belastet. In den Gesprächen zwischen Mutter und Tochter steht indes nicht die eigene gemeinsame Vergangenheit im Fokus. Vielmehr sind es die Schicksale bekannter Personen aus dem früheren gemeinsamen Umfeld. Da geht es um Trennung, Krankheit, Tod; das ganze Leben mit seinen düsteren Erscheinungen wird ausgebreitet. Die Immunschwäche AIDS und die ersten Erkrankten in den 80er Jahren, die wenig später dem Leiden erliegen, spielen eine nicht unwesentliche Rolle in den folgenden Erinnerungen, als Lucy sich in New York und in der dortigen Künstlerszene einlebt. Über die gemeinsame Zeit schweigen sich Mutter und Tochter nahezu völlig aus. In den wenigen Tagen, in denen die Mutter auch des Nachts am Krankenbett sitzt, stellt Lucy ihr nur wenige unbequeme Fragen, wie jene nach der fehlenden Liebe. Wenn die Ich-Erzählerin zurückblickt, auch auf ihr Werden als Schriftstellerin und die Begegnungen mit der eigenartigen und doch sie prägenden Autorin Sarah Payne, wird deutlich, dass jene schreckliche Kindheit und Jugend Spuren hinterlassen haben. Die Heldin ist gezeichnet von Ängsten und Zweifeln, einer tiefen Verunsicherung, auch im Umgang mit anderen Menschen. Der Bericht ihres Lebens ist Teil eines Findungsprozesses. Sein epidsodenhafter Charakter und die unterschiedlichen Zeitebenen, die sich ineinanderschieben und überlagern, geben diesem Roman Tiefe und Komplexität. Die Lebensgeschichte der Heldin und eindrucksvolle Bilder berühren zutiefst, vor allem sicherlich all jene, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, die, aus einfachen Verhältnissen stammend, ihren Weg gehen, wenn auch wohl mit inneren Blessuren. Woran sich jedoch der Leser womöglich etwas stoßen wird, ist eine Redundanz, beispielsweise in den Gedanken an den rührigen und aufopfernden Arzt im Krankenhaus, die allerdings vielmehr stilistischer Ausdruck sind. Denn welche Erinnerungen sind frei von Wiederholungen, selbst wenn sie von einer schreibenden Heldin stammen.

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