Leserstimmen zu
Das babylonische Wörterbuch

Joaquim Maria Machado de Assis

Manesse Bibliothek (9)

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Wenn Körper für ein Jahr getauscht werden, der Teufel eine Bergpredigt hält oder Spinnisch zu einer Republik führt, dann kann man vielleicht bereits ein Stück weit erahnen, weshalb Joaquim Maria Machado de Assis als ein Vorreiter des Magischen Realismus gilt. In dem Erzählband Das babylonische Wörterbuch versammelt der Manesse Verlag dreizehn Geschichten des brasilianischen Autoren, welche entweder erstmalig in deutscher Übersetzung oder als Neuübersetzung vorliegen und vor allem eins machen: Lust auf mehr! Machado de Assis ist einer der Klassiker und großen Autoren Brasiliens, welcher sowohl Romane, Kurzgeschichten als auch Gedichte publizierte. Bevor ich diesen Erzählband in der Verlagsvorschau sah, hatte ich von ihm allerdings noch nichts gehört – mit der Literatur aus Mittel- und Südamerika habe ich mich bisher leider kaum auseinandergesetzt. Der Klappentext zum babylonischen Wörterbuch klingt allerdings direkt skurril-fantastisch, und man möchte wissen, was dahintersteckt. Auf den knapp 250 Seiten tummeln sich dreizehn Erzählungen, welche zwischen 1882 und 1906 veröffentlicht wurden und einen guten Eindruck zu Machado de Assis‘ Werk bieten. Jede Erzählungen steht dabei für sich, wobei vermehrt religiöse Themen aufgegriffen bzw. auf den Kopf gestellt werden. Die Erzählungen sind voller Widersprüche, mal komisch, mal schaurig, ernst oder versponnen, dabei aber immer auf den Punkt und von der Länge her genau richtig. Die Erzählungen mit religiösen Themen wie Adam und Eva oder Die Predigt des Teufels haben mir tendenziell etwas weniger gefallen, wobei sich trotzdem in ihnen interessante Ansätze finden. Wäre eine „Kirche des Teufels“ praktikabel? Welche Diskussionen hätte es auf der Arche geben können? Das sind tolle Gedankenspiele, bei denen man auch ohne eigenen christlichen Bezug Zugang findet. Allgemein lesen sich alle Erzählungen sehr gut und zeitgemäß – wüsste ich nicht um ihr Alter, hätte ich nie vermutet, dass gut hundert Jahre seit ihrer Erstveröffentlichung vergangen sind. „Das war ein guter Handel. Und überdies eine wichtige Lektion: Hast du mir doch bewiesen, dass das beste Drama nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Zuschauer selbst.“ | aus Der türkische Pantoffel, S. 195 Meine Favoriten in diesem Band waren die Erzählungen mit überraschenden Wendungen, die mich teils an Edgar Allan Poe haben denken lassen. Der türkische Pantoffel hat mir Gänsehaut und einen beschleunigten Puls beschert, Die Wahrsagerin war herrlich gemein und die Alexandrinische Geschichte hat Karma eine ganz neue Bedeutung gegeben. Zu Beginn jeder neuen Erzählungen war ich gespannt, was mich nun erwarten wird: Wird es unheimlich? Lustig? Regt mich der Autor zum Nachdenken an? Das babylonische Wörterbuch war wirklich eine überraschende Wundertüte! Dieser Erzählband ist der mittlerweile neunte Titel in der neuen Manesse Bibliothek, und wie gewohnt ist die Aufmachung mit viel Liebe gemacht. Das kleine gebundene Buch hat eine handliche Größe, wobei die Schriftgröße nicht unter dem Format leidet. Schutzumschlag, Lesebändchen, Fadenheftung und Endpapier sind wunderschön, vor allem die Farbigkeit ist dabei ein Traum! Am Ende des Bandes finden sich Anmerkungen, durch die Anspielungen oder Bezüge in Machado de Assis‘ Werk dem Leser erläutert werden. Wie bereits in Wein und Haschisch fand ich diese gut ausgewählt und informativ. Man muss sich bei Das babylonische Wörterbuch dank ihnen definitiv keine Sorgen machen, dass man keinen Zugang zu den Erzählungen findet. Ich bin gespannt, welche Werke noch in dieser Bibliothek erscheinen und werde von Machado de Assis im speziellen auf jeden Fall noch mehr lesen.

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