Leserstimmen zu
Generation Putin

Benjamin Bidder

(3)
(2)
(0)
(0)
(0)
Paperback
€ 16,99 [D] inkl. MwSt. | € 17,50 [A] | CHF 23,90* (* empf. VK-Preis)

Das höchst informative Russlandbuch

Von: Maria Streit aus Basel

12.07.2017

Seit paar Jahren bin ich Russland Interessierte. Weder aus Büchern, Dokumentarfilmen e.c.t. erfuhr und lernte so viel wie aus dem interessanten vom Autor aufwändig recherchiertem Werk. Vermisst habe ich auf den Innenseiten des Bucheinbands ein bis zwei grobe Karte aller vorkommenden Länder, inklusive der UdSSR. Hätte beim Lesen weniger abgelenkt als jeweils den Weltatlas zu Rate ziehen.

Lesen Sie weiter

Als sie auf die Welt kamen, war die Sowjetunion bereits Geschichte. Lena aus Smolensk zum Beispiel, die Putin verehrt und von einer Karriere in der Politik träumt. Die Kreml-kritische Journalistin Wera, die sich nach mehr Demokratie sehnt. Alexander, der im Rollstuhl sitzt und darauf hofft, irgendwann ein selbständiges Leben führen zu können. Sie alle eint, dass sie zur »Generation Putin« gehören, dass sie Kinder des derzeitigen Systems sind. Diese Generation der nach 1991 Geborenen wuchs in politisch wie ökonomisch turbulente Zeiten hinein. Viele junge Russen sind heute hin- und hergerissen zwischen Ost und West, der Sehnsucht nach einem starken Führer und dem Traum von einem anderen, freieren Leben. In ihren Geschichten spiegelt sich die dramatische Entwicklung Russlands in den letzten 25 Jahren, vom Ende der sowjetischen Weltmacht bis zum Wiedererstarken unter Wladimir Putin. Ich hatte mir das Buch als Rezensionsexmplar über das Bloggerportal ausgesucht, weil ich, je länger ich mich mt Politik beschäftige, immer faszinierter von Russland bin. Gerade auch deshalb, weil die Berichte darüber so wahnsinnig unterschiedlich sind. "Das neue Russland verstehen" klingt nach einer guten Voraussetzung für dieses Buch, dachte ich mir, und tatsächlich war die Lektüre sehr interessant. Anhand vieler verschiedener Perspektiven versucht Benjamin Bidder, das Leben im heutigen Russland zu erklären. Dabei führt er die Interviews über einen längeren Zeitraum, der Leser kann so Entwicklungen und Veränderungen innerhalb der Biographien miterleben. Mir geht er dabei allerdings zum Teil ein bisschen zu schnell vor, denn manchmal sind die Situationen, in denen sich seine Gesprächspartner bei der Wiederaufnahme finden, doch sehr anders und ich komme nicht mehr ganz mit. Positiv fällt mir aber auf, dass Bidder selbst keine Stellung bezieht, also nicht die Putinverehrerin Lena demonteren will oder Systemkritiker überhöht. Außerdem versucht er, Personen aus allen Teilen Russlands zu verstehen und bringt dadurch noch ein wenig mehr Multidimensionalität ins Bild. Mir als Leser hilft das wirklich weiter, ich kann mir zumindest in Teilen ein sehr gutes Bild von den Beweggründen der Einzelnen machen und veruschen, ihre Perspektiven nachzuvollziehen. Allerdings hätte ich mir hier und da einen weiger salbungsvollen Erzählstil gewünscht, der immer ein bisschen sehr väterlich daherkommt. Aber vielleicht ist das der Situation der Interviewpartner geschuldet. Ein Kritikpunkt war für mich die Integration der Bilder. Vielleicht liegt es am ebook-Format, vielleich ist es tatsächlich so - jedenfalls sind die Bilder der Interviewpartner zum Teil erst am Ende des jeweiligen Kapitels zu finden. Ich persönlich fand das sehr schade, denn ich mache mir gerne ein Bild von den Personen, wenn sie zu Wort kommen, und hier wirkte das etwas lieblos zusammengewürfelt. Insgesamt war ich mit der Lektüre durchaus zufrieden. Nein, wirklich verstehen gelernt habe ich diese neue Generation Russlands immer noch nicht, aber zumindest einen kleinen Einstieg bekommen in die Empfindungen, die hinter diesen verschiedenen Entwicklungen stecken. Das ist ja auf jeden Fall schon etwas und deshalb lege ich das Buch jedem Interessierten als Eiführung ans Herz.

Lesen Sie weiter

Je nach Sozialisierung und Region, ob Stadt- oder Landbewohner, ob politisch interessiert oder nicht, junge Russen und Russinnen sind genauso wenig homogen wie in anderen Nationen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass Putin sie politisch auf ihrem bisherigen Werdegang begleitet hat. Und gemeinsam ist ihnen auch, dass sich ihre Welt Stück für Stück verändert, öffnet. Einigen macht das Angst, vielen bereitet das große Hoffnung. Sie hoffen auf die Anerkennung anderer Länder für ihr Russland. Auf freie Entfaltung, Offenheit und Transparenz. MENSCHEN MIT BEHINDERUNG WERDEN SICHTBAR Und darauf, sich nicht mehr verstecken zu müssen, wie Alexander, der Rollstuhlfahrer. Menschen mit Behinderung waren in der russischen Gesellschaft lange Zeit nicht vorgesehen. Sie wurden weggesperrt, am Stadtrand hinter dicken Mauern verborgen. Auch Alexander wohnt in einer solchen “Bewahranstalt”, doch er will raus, will seine eigene Wohnung, will selbst entscheiden, was er einkauft und was er isst. Und tatsächlich wird er inzwischen gehört. Eine Ministerin hat es gewagt, sich für Menschen mit Behinderung stark zu machen. Alexander kann hoffen. SPANNENDE EINBLICKE Generation Putin ist ein spannendes Buch. Ausgesucht habe ich es mir, weil ich beruflich immer wieder mit Themen aus und um Russland zu tun habe. Und weil ich das Bedürfnis nach einem tieferen Einblick in das aktuelle Geschehen haben möchte. Den habe ich nur bedingt bekommen, so zumindest mein Gefühl. Mehr Platz für die Stimmen der jungen Leute beziehungsweise eine stärkere Trennung zwischen deren Meinung und der des Autors hätte dem Buch vermutlich gut getan. Aber das ist mein persönlicher Eindruck. Insgesamt war Generation Putin von Benjamin Bidder für mich eine Bereicherung und ich empfehle das Buch deshalb gerne weiter.

Lesen Sie weiter

Bereits im Vorwort warnt Benjamin Bidder (* 1981) vor dem zunehmenden Auseinanderdriften zwischen Ost und West. Er appelliert an mehr Verständnis und Toleranz, doch wie man im Verlauf des Buches erkennt, verhärten sich die Fronten – gerade in Bezug auf Syrien herrschen große Differenzen zwischen Barack Obama und Wladimir Putin. Doch nach den Wahlen im November 2016 war der russische Präsident einer der ersten Staatsmänner, welcher Donald Trump zu seinem Wahlerfolg gratulierte. Trump selbst kündigte an, die Differenzen zwischen den beiden Ländern wieder normalisieren zu wollen. Bidder greift zentrale Themen der letzten Jahre auf – wie beispielsweise die Ukraine Krise, Olympischen Winterspiele in Sotchi, u.v.m. Die sechs Jugendlichen, deren Lebensgeschichten Bidder seit einigen Jahren mitverfolgt, beziehen zum Teil klare politische Positionen. Sie sind Individualisten und handeln aus tiefer Überzeugung heraus. Besonders Alexanders Geschichte fand ich sehr berührend. Obwohl körperlich und geistig eingeschränkt hat er einen unbeugsamen Willen sein Leben in die Hand zu nehmen und eines Tages das Heim hinter sich zu lassen und in seine erste eigene Wohnung zu ziehen. Wera, eine glühende Vertreterin der Opposition, kam im Laufe der Zeit an ihre Grenzen und zog vorläufig auf unbegrenzte Zeit nach Kiew, um dort zu sich zu finden. Marat war, bevor er sich dem Fotografieren von verlassenen Orten widmete, ein begeisterter Roofer. Doch so sehr in auch das Fernweh antreibt, so unüberwindbar ist für ihn das Heimweh nach Russland. Auch in ihm keimt die Furcht, dass sich Ost und West immer weiter voneinander entfernen. Lena, ehrgeizig und Patriotin mit Haut und Haar, hält trotz einer vereitelten Karriere als Politikerin, an ihrem Glauben an Putin fest. Diana, pocht nach einer großen Euphorie, auf ihre politische Unabhängigkeit und Neutralität. Es scheint, als hätte sie ihre tatsächliche Bestimmung im beruflichen Umfeld noch nicht gefunden. Aber es sind nicht nur die einzelnen Schicksale dieser jungen Leute, welche dieses Buch so spannend und lesenswert machen. Wladimir Putin ist zu einer Konstante in ihrem Leben geworden, im Positiven wie auch im Negativen. Seit seiner Wahl 2000 prägt er wie kein anderer die politische Landschaft Russlands. Anhand Bidders Schilderungen lässt sich gut erkennen, welchen Einfluss das politische System auf unterschiedliche Ebenen hat. Die Zeitspanne des Buches reicht im Wesentlichen vom Beginn der 1990er Jahre bis heute. 1991 stellte einen Wendepunkt in der Geschichte Russlands dar – der damalige Präsident Michail Gorbatschow trat zurück und damit war das Ende der Sowjetunion besiegelt. Was hat sich seitdem in Russland getan? Bidder gelingt es auf unterhaltsame Weise, eine Fülle an hochbrisanten Themen anhand von zahlreichen Beispielen zu erläutern. „Generation Putin“ liest sich wie eine hervorragend recherchierte Dokumentation, welche ich mir auch gut als Filmreportage vorstellen könnte. Bidders Erzählstil ist präzise, gepaart mit einer sympathischen Liebe zum Detail. Neben der fast überbordenden Fülle an Namen, Zahlen und Daten, bieten die Porträts der Jugendlichen immer wieder eine hervorragende Gelegenheit, sich in deren Gedankenwelt hinein zu versetzen. Ich würde dieses Buch nicht nur jedem empfehlen, der sich für Zeitgeschichte und Russland interessiert, sondern auch für alle, die ihr Allgemeinwissen bereichern wollen und dabei sehr unterhaltsam informiert werden möchten. Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Lesen Sie weiter

2018 wird in Russland der nächste Präsident gewählt. Dass der neue Präsident auch der alte Präsident sein wird, ist so gut wie sicher. Wer da anderer Meinung ist, der lehnt sich weit aus dem Fenster und wird mit Sicherheit eines besseren belehrt werden. Wie aber steht die "Generation Putin" zu ihrem Präsidenten und zum russischen Regime? Dieser Frage ist Autor Benjamin Bidder nachgegangen und versucht, eine Generation zu verstehen, die im neuen Russland groß geworden ist. Wir treffen auf den Aktivisten Alexander aus St. Petersburg, der als Rollstuhlfahrer für die Rechte von Behinderten kämpft, auf die staatstreuen Karrierefrauen Lena aus Smolensk sowie Diana aus Sotschi, auf die Buchhalterin und Mutter Taissa aus Grozny und auf die Oppositionelle Wera sowie auf den Roofer Marat beide aus Moskau. Ein Querschnitt durch die russische Gesellschaft, der dem Leser einen Einblick in die Generation Putin ermöglicht. Alle Protagonisten sind in den 90er Jahren, als Boris Jelzin noch Präsident Russlands war, zur Welt gekommen. Herangewachsen unter dem Präsidenten Wladimir Putin, der für das neue Russland steht. Doch was ist das neue Russland. Wie stehen die sechs Protagonisten zum Staat und zu ihrem Präsidenten. Was erhoffen sie sich von Wladimir Putin, dessen größtes Kapital die finanzielle Stabilität des Landes ist. Immer wieder begegnen wir dem Wort Freiheit. All die Menschen, die Benjamin Bidder über Jahre begleitet hat, möchten ihr Leben so gestalten, wie sie es sich vorstellen. Freiheit beschränkt sich hier nicht nur auf die Freiheit, reisen zu können. Nein, hier geht es viel mehr um Beruf und Eigentum. Die freie Entscheidung, ein Studium und einen Beruf zu wählen und nicht das aufoktroyiert zu bekommen, was der Staat für einen vorgesehen hat. Eigentlich auch kein Problem, wenn der Einzelne staatstreu und bloß nicht rebellisch ist. Schwer bis aussichtslos wird es für die Oppositionellen. Die eigene Meinung kundtun, die nicht dem entspricht, was der Staat und hier allen voran Wladimir Putin, hören will, der ist vor Gerichtsverfahren nicht gefeit, wenn er nicht gar um sein Leben fürchten muss. Putins Politik ist auch die Politik der Einschüchterung. Kritik an der Regierung zu üben, ist gefährlich und kann tödlich enden. Ein spannendes Buch, das Einblick in eine Generation gewährt, die mit Putin großgeworden ist. Verschiedene Ansichten, die vielfach auf einen Nenner kommen, aber auch durchaus das wiedergeben, was wir vermuten. Kritikern des Regimes wird es sauer aufstoßen, dass in diesem Buch nicht zu gleichen Anteilen Oppositionelle zu Wort kommen, aber ich denke, dass man in Russland zur Zeit nur sehr wenige Menschen finden wird, die öffentlich das sagen, was sie gern sagen würden. Absolut lesenswert!

Lesen Sie weiter