Leserstimmen zu
Istanbul Istanbul

Burhan Sönmez

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Warum Istanbul Istanbul von Burhan Sönmez sich als Lektüre derzeit geradezu aufdrängt, muss kaum diskutiert werden: „Unter den uralten Straßen Istanbuls sitzen vier Gefangene in einer Zelle – ein Student, ein Doktor, ein Barbier und ein alter Mann – und warten darauf, reihum von den Wärtern zum Verhör abgeholt zu werden. Um sich abzulenken, erzählen sie sich gegenseitig Geschichten.“ – soweit die Beschreibung des Verlags. Die Gefängnisse der Türkei sind seit dem versuchten Putsch und der auf ein solches Ereignis wohl nur gewartet habenden Reaktion überfüllt. Von einigen bekannten Köpfen wissen wir, Deniz Yücel wurde von der deutschen Öffentlichkeit tatsächlich ein Jahr lang nicht vergessen, bemerkenswert in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit sich im Minutentakt neuen Ereignissen zuwendet. Aber Yücel war nur einer von vielen. „ Einmal bat ein Häftling um ein Buch, die Antwort des Bibliothekars lautete: „Das Buch haben wir nicht, aber sein Autor ist da.““, witzelte Can Dündar mit Galgenhumor. Und dann sind da noch all die Gefangenen, die keine Tätigkeit aufweisen können, die sie fürs europäische Bildungsbürgertum interessant macht. Genau denen aber verleiht der 2015 auf Türkisch erschienene Roman von Sönmez eine Stimme. Dem Studenten, dem Doktor, dem Barbier, auch der geheimnisvollen Frau in der Zelle nebenan, die aus Angst, die Wachen könnten etwas hören, nur mit Blicken und Gesten redet. Die Situation ist seltsam zeitlos, wie es nicht wenigen Werken türkischer Gefängnisliteratur zu eigen ist. Wie etwa auch in Asli Erdogans The Stone Building and other Places wird höchstens angedeutet, welches Regime die Gefangenen in den Knast gebracht hat und wegen welcher Vergehen sie dort sitzen. Die Türkei hat mehrere Militärdiktaturen hinter sich, und die autoritären Verschärfungen der AKP-Regierung sind nur die letzten in einer langen Reihe von Repressionen. Dass alle paar Jahre gegen die (meist trifft es die linke) Opposition losgeschlagen wird, die Gefängnisse sich füllen und Intellektuelle ins Exil gehen, das kann beim Querlesen durch die türkische Literatur der letzten 100 Jahre schon mal wie das Auf- und Abwallen von Naturgewalten wirken. Natürlich liegt dennoch nahe, Sönmez Werk mit Blick auf die jüngere Vergangenheit zu lesen, ältere Kämpfe und Verhaftungswellen sollten darüber aber nicht verdrängt werden. Literarisch präsentiert Sönmez eine gelungene Verschmelzung von großer und kleiner Form. An insgesamt zehn Tagen wechseln sich die vier Erzähler ab, jeder erzählt mindestens zwei Kapitel. Doch die jeweiligen Kapitelüberschriften täuschen. Bereits im Eröffnungskapitel, in dem der Student als Ich-Erzähler fungiert, berichtet die Hälfte der Zeit eigentlich der Barbier seine Geschichte. Unterbrochen werden die Austausche, die immer darauf bedacht sind, nicht zu viel zu verraten, da irgend einer der Zuhörer unter der Folter brechen könnte, von den wiederkehrenden Reflexionen der Angst, wer als nächstes abgeholt werden könnte, von nahegehenden Schilderungen der Wirkung andauernder Folter und der Unsicherheit, die noch eher auf den Tod als auf die Freiheit zu hoffen wagt. Demgegenüber stehen die Gefangenen verbindende Erinnerungen an Istanbul von betörender Schönheit und Melancholie, etwa: Du durchstreifst die Stadt, bis die Sonne auf die Dächer sinkt. An einem alten Straßenbrunnen labst du dich an kühlem Wasser. Du hörst einen Hund bellen, hebst den Kopf und schaust in die Richtung, aus der das Kläffen kam. Du siehst das rote Tuch, ein von Galata zum Meer hinunterwehender Wind wirbelt es mit sich. Welch seltsame Reise das Leben doch ist. Vom Meer her gekommen, kehrt das Tuch zum Meer zurück. Du fragst dich, wo der Ort sein mag, an den die Menschen der Stadt zurückkehren (…) Aber auch die von Küheylan Dayi ins Gefängnis getragene Vorstellung, dass die ganze Stadt ein Gefängnis sei. Istanbul erscheint in Istanbul Istanbul als Sehnsuchtort, Bedrohung, Aufhebung und Verlängerung der trostlosen Situation. Manchmal scheinen die Gefangenen sogar wieder ganz real in Istanbul in Freiheit zu wandeln, zu feiern, zu trinken. Auch die „eigentlichen“ Geschichten, die jedes Kapitel einleiten, sind stets mit der Stadt verbunden, die Erinnerungen, die uns teilweise über die Protagonisten mehr verraten als diese voneinander wissen, und noch die Hoffnung auf einen Aufstand, der die Gefangenen befreit – immer geht es um Istanbul. Dabei balanciert Istanbul Istanbul zwischen realistischer Schilderung, Anklängen ans Dekamerone, brutaler Gewalt und selbst noch – Witz. Denn viele der Geschichten, die die Kapitel einleiten, sind tatsächlich atmosphärisch ausgebaute, mit Lokalkolorit versehene, teils versaute, Witze. Neben dem Erzählen von Geschichten, das die Ausnahmesituation erträglich macht – Geschichten, die bis ins dritte Glied weitergesponnen werden, wenn in einer Erinnerung etwa an eine Geschichte erinnert wird, die die Mutter oder der Vater erzählt – gilt der Witz den Protagonisten als zweites Transzendenz stiftendes Element. „Gelbes Lachen“ nennt wieder Küheylan Dayi im gleichnamigen letzten Kapitel „das Lachen, das den Tod vergessen macht.“ Istanbul Istanbul ist ein klug konstruierter, dabei überschaubarer Roman, der viele Leser verdient hat. Und das nicht allein, nein, nicht einmal zuerst aus tagespolitischen Gründen. Istanbul Istanbul ist kein Anti-Erdogan-Roman. Sondern ein Text, der spielend den Spagat zwischen tagespolitischem Anlass und überzeitlicher Bedeutung schafft.

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Türkei. Ein Gefängnis tief unter den Straßen Istanbuls. In der Zelle mit der Nummer 40 sitzen Student Demirtay, Barbier Kamo und der Doktor. Kein Fenster, keine frische Luft, kaum zu essen oder zu trinken, lediglich drei Wände aus Beton um sich und die Türe mit einem kleinen Fenster mit Gitterstäben, durch welches man die gegenüberliegende Zelle, Zelle Nummer 31, sieht, in welcher ein Mädchen gefangen gehalten wird. Wer nicht von den Wärtern geholt wird, um gefoltert zu werden, sitzt in der Zelle, leidet unter den Folgen der Misshandlungen und vertreibt sich die Zeit. Man vertreibt sich die Zeit. Womit jedoch, wenn man nichts hat, außer sich selbst? Also beginnen sich die Männer Geschichten zu erzählen. Geschichten aus dem Leben, die erst zu Geschichten werden, wenn sie vergangen sind. Geschichten über die Menschen. Geschichten über die Liebe. Und Geschichten über Istanbul. Istanbul, die Stadt, die weit über ihren Köpfen ihren gewohnten Ablauf fortsetzt. Tag für Tag. Und als schließlich Küheylan Dayi zu den Männern in die Zelle stößt, erscheint ihnen tief unter der Erde plötzlich die Stadt von oben auf eine besondere Art und Weise greifbar nahe. Eine unglaubliche Geschichte, die mitunter mit schmerzlichem Humor das Schicksal so unterschiedlicher Männer tief unter den Straßen Istanbuls beschreibt. Durch die wechselnde Erzählperspektive, welche -je nachdem, wer an der Reihe ist, eine Geschichte zu erzählen- variiert, fühlt man sich den Figuren erschreckend nahe, mit all ihrem Leid und ihren Hoffnungen. Über den Menschen, das Leben und die Widersprüche einer Großstadt. Brilliant!

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Istanbul, eine Gefängniszelle irgendwo unter der Stadt. Der Student Demirtay, der Doktor, der Babier Kamo und Küheylan Dayi werden in der zwei mal ein Meter großen Zelle unfreiwillig Schicksalsgenossen. Sie warten, nicht auf die Freilassung, damit rechnet keiner von ihnen, sondern auf die Wärter, bis diese zum nächsten Mal die Zelle aufschließen, einen von ihnen rausholen und wieder foltern. Dann warten sie, bis der Zellengenosse schwer verletzt zurückgeschleift und wieder zu ihnen geworfen wird. Es ist kalt da unten, sie haben kein Licht und nur wenig zu essen. Sie erzählen sich nichts von ihrem Leben, was sie in die Zelle geführt hat, das wäre zu gefährlich, denn schon bei der nächsten Befragung könnte einer der Mithäftlinge etwas preisgeben. Also verbringen sie ihre Zeit mit dem Geschichtenerzählen, wie es seit Menschengedenken Tradition ist, um die Zeit des Wartens zu verkürzen. Burhan Sönmez hat seinen dritten Roman bereits 2015 im Original veröffentlicht. Auch wenn man dies weiß, kommt man nicht umhin die aktuelle politische Lage beim Lesen des Buchs mitzudenken. Die Grundkonstellation, dass Menschen wie Tiere zusammengepfercht unter der Erde sitzen, dass außer neuen Folterungen sie nichts aus den Zellen herausführt und dass ihr Schicksal ungewiss ist, für sie selbst und für ihre Familien draußen – man zweifelt heute nicht an der wahrheitsgemäßen Darstellung der Situation. Die vier Schicksalsgenossen und das Mädchen in der gegenüberliegenden Zelle machen das Beste aus der Gefangenschaft. Sie phantasieren sich nach draußen, nutzen ihre Erinnerung, um sich wenigstens zeitweise von den Schmerzen der Verletzungen und der Enge des Raumes wegzuträumen und diese zu vergessen. Daneben erzählen sie die Geschichten, die sie von den Vätern gehört haben und die schon Jahrtausende lang mündlich tradiert werden. Schnell ist man erinnert an Tausendundeine Nacht oder das Decamerone, die Figuren nehmen selbst Bezug darauf: „Die Leute im Dekameron hatten allerdings mehr Glück als wir. Durch die Flucht aus der Stadt entgingen sie dem Tod. Uns hat man auf den Grund der Stadt in die Finsternis gestoßen. (...) uns verfrachtete man gegen unseren Willen hierher. Schlimmer noch, während sie sich vom Tode entfernten, sind wir ihm näher gerückt.“ (S. 158) Tapfer ertragen sie ihr Schicksal, ihre Handlungsmöglichkeiten sind ohnehin begrenzt. Die einzige Abwechslung stellen die Folterungen durch die Wärter dar, die brutal und menschenverachtend sind, aber die vier Protagonisten nicht brechen können. Doch die Wärter haben noch eine andere, perfidere Idee, um an die Geheimnisse der Insassen zu kommen. Und diese nutzen sie. Der Roman ist eine Hommage an Istanbul, wo alles möglich ist, ebenso wie sich die gefangenen gedanklich überall hinbewegen können. Sie überkommen die Grenzen des Körperlichen, ignorieren den Schmerz und lösen sich dank ihres Geistes. Wie einst die Flaneure durch die europäischen Großstädte schickt Sönmez seine Insassen los, wie in der europäischen Tradition des Geschichtenerzählens im Decamerone oder auch bei den Canterbury Tales lässt er sie berichten – Burhan Sönmez schafft so die Verbindung zwischen Orient und Okzident genau da, wie die Grenze schon immer lag und wo beide aufeinandertreffen und verschmelzen: in Istanbul.

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