Leserstimmen zu
Die Ruhe weg

Eva Sichelschmidt

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Die Geschichte einer Ehe in drei Akten: Eva Sichelschmidt legt in „Die Ruhe weg“ das instabile Grundgerüst einer Ehe im Bilderbuch-Prenzlberg offen. Hinter den totsanierten Altbaufassaden im Prenzlauer Berg brodelt es: Marlies und Till sind seit etlichen Jahren ein Paar, haben zwei Kinder und eine hübsche Dachwohnung in einem der wenn nicht angesagtesten, so doch pastellfarbensten Stadtteile Berlins. Doch zu sagen haben sie sich eigentlich nichts mehr, Till schläft seit neuestem auf dem Sofa und Marlies heimlich mit ihrem Yogalehrer. Oder besser: sie lässt sich nach Strich und Faden vögeln – denn Leidenschaft und Kreativität im Bett hatte sie bei ihrem Ehemann schon länger vermisst. Till, dieser depressive Schluffi, der es zu nichts weiter geschafft hat als zum mittelmäßigen Berufsmusiker in einem Musical, während sie mit ihren journalistischen Auftragsarbeiten die Familie finanziell über Wasser hält! Borniert, blasiert und bockig So denkt Marlies und so werden wir auch als Leser in die Geschichte ausgeführt: Durch die Augen dieser bornierten, unsympathischen Frau Ende 40, die ihren straffen Po und damit die Chancen in der Männerwelt schwinden sieht. Alle paar Kapitel kommt auch Till zu Wort, der die ganze Situation natürlich völlig anders betrachtet und sich als wehrloses Opfer einer durchdrehenden Frau sieht, die er trotz allem noch immer liebt. Das ist ja schließlich auch eine jahrelang gepflegte Gewohnheit. Als Marlies beim Yoga Gaby kennenlernt, die ein angeblich aufstrebendes Unternehmen für Online-Kunstauktionen gegründet und dort super duper Selbstverwirklichungsmöglichkeiten anbietet, sieht Marlies ihre Chance: Mit der ganzen Familie würde sie neu anfangen – in Rom übrigens, denn dort soll Marlies die Außenstelle von Artificial Artbay leiten – und glücklich und zufrieden unter der Sonne Italiens arbeiten. Till sieht das allerdings anders, die Fetzen fliegen, die Trennung folgt und Marlies fährt nur mit ihrer Tochter Anni und Sack und Pack gen Süden, während Sohn Jan beim Vater in Berlin bleibt. Doch in Bella Italia ist längst nicht alles so rosig, wie sie sich das ausgemalt hatte… prenzlauer berg Zwischen Klischee und repräsentativen Querschnitt Prenzlauer Berg ist ein fruchtbarer Boden von Klischees, von denen viele – ich wohne seit fast einem Jahrzehnt mittendrin – einen wahren Kern haben. Das weiß auch Eva Sichelschmidt, die den Rosenkrieg zwischen Marlies und Till mit in gewisser Weise bekannten Szenen zu Papier gebracht hat. Ohne sich dabei übrigens unangenehm in der Klischeefalle zu verheddern, die ja immer wieder über den Prenzlauer Berg zusammenschnappt! Klischeebehaftet sind dafür die Figuren, die bestimmten Typen zugeordnet sind: Marlies selbst, die mit ätzenden Bemerkungen und Gedanken über die „Muttis vom Prenzlberg“ herzieht und sich dabei versichert, selbst ganz anders gewesen zu sein. Man war ja in den 90er Jahren in den Osten der Stadt gekommen, um einen freieren Lebensstil zu entwerfen – das Marlies damit wahrscheinlich selbst zu den Spießer-Muttis gehört, die Jahre später alte und etablierte Clubs (in denen sie früher selbst tanzten) aufgrund des Lärms aus ihren angestammten Räumlichkeiten klagen, kann man sich leicht dazu denken. Dazu Till, der depressiv verstimmte Schluffi ohne Mumm, Ralf, der heißblütige Lover mit Designer-Wohnung, Heike, die übergewichtige Freundin, die einen Gigolo für Sex bezahlt und Gaby, die karrieregeile „ewig-jung-Gebliebene“. Und natürlich die Nachbarin Kerstin, die von ihrem Mann mitsamt Kindern verlassen wurde und die nun – unzufrieden und ungevögelt – in ihrer hübschen Dachwohnung Däumchen dreht. Nunja, das klingt alles ein bisschen platt – doch wird es in seiner Zusammenstellung tatsächlich zu einem treffenden Querschnitt durch den Kiez. Und dennoch hat dieser Roman einen fahlen Beigeschmack. Nicht nur, weil er im Lichte der faktisch nachweisbaren hohen Scheidungsraten in meinem Stadtteil ein bisschen die Lust auf die eigene Hochzeit vermiest, sondern auch, weil die Autorin Marlies – die als Journalistin ja durchaus über eine gewisse Intelligenz verfügt – in jedes noch so kilometerweit erkennbare Fettnäpfchen tapsen lässt und sie durch ein Unglück nach dem nächsten jagt, dass man sich an die Stirn fasst. Bitte, das nicht auch noch, das ist doch völlig übertrieben! Eine Frau, die es kurz vor den Wechseljahren nochmal so richtig wissen will – muss das denn so schiefgehen? Als Leser möchte man Marlies und Till am Kragen packen und zu einem Paartherapeuten bringen, auf das sie Brücken bauen über die scheinbar unüberwindlichen – aber bei näherem Hinsehen durchaus verbindbaren – Abhänge. Die Ruhe weg hat bis dahin nämlich wirklich keiner!

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Auch wenn Eva Sichelschmidt das Personal ihres neuen Romans je bestimmten „Lebenshaltungen“ und „Persönlichkeitstypen“ zuordnet, vom Luftikus zum leichT Depressiven, von der Power-Frau zum „Latin-Lover“, vom sensiblen „Streber“ zur leicht schon aus der „Fassung“ geratenen Heranwachsenden, das Gemisch, dass sie damit herstellt, ist durchaus ein repräsentativer Blick auf die3 moderne Zeit. Mit ihrer Szene im „Szene Viertel“ in Berlin, mit der Hektik, dem Druck und dem „viel mehr Schein als Sein2 aktueller Start-Up Hysterien, mit sich auseinander lebenden uralten Freundschaften, weil in dieser Welt eben jeder seinen Weg geht, wie illusorisch der auch sein mag. Und ebenso tauchen, wohltuend eher am Rande, auch die Umstände von Flüchtlingen mit auf und Männer, die in Parks herumlungern. Bis hin zu den karikierten und doch so treffenden Momenten mit der „Vorgängergeneration“, wenn die Eltern zum unpassendsten Zeitpunkt zu Besuch erscheinen. Wobei das alles eher langsam beginnt. Und dennoch umgehend klar wird, dass der Titel des Buches im wörtlichen, nicht übertragenen Sinne zu verstehen ist. Die (teils auch lethargische) Ruhe ist weg. Bei Till, dem träumerischen, sanften, therapiebedürftigen Mann und Vater, der tagelang im Dämmerschlaf auf der Couch zubringen kann, wenn er nicht die Gitarre zu schwingen hat in einem Lindenberg-Musical in Berlin. Das alles natürlich mit dem Fahhrad, wir befinden uns ja in einem „bewussten“ Haushalt. Die Ruhe ist auch weg bei Marlies. Im Blick auf Till, dessen ständig melancholischen, waidwunden Blick sie kaum mehr erträgt. Vor allem, seitdem Ralf in ihrem Leben eine Rolle spielt. Yoga Lehrer und nicht nur auf der Yoga Matte eine Wucht. Doch menschlich… das passt sich ein in diese Horde egozentrischer Gestalten, die ständig mit sich beschäftige sind. Die erst einmal immer tief nach innen atmen müssen, um zu entscheiden, was genau sie gerade wollen. Oder auch nicht. Hauptsache es kommt keine Langeweile auf und man kann seinem „Veggie-Leben“ frönen, „Es war einer dieser teuren Geschwisterbuggys, die aussahen wie ein aufgebockter Bürostuhl mit integriertem Wäschekorb“. Eine Welt, an der Marlies fast durchdreht. So gezielt unordentlich geordnet, so konsequent auf Image gebürstet, wie später der Ganzkörpertätowierte Bademeister in Ostia und der italienische Jugendfreund, der ganz auf sensiblen Hengst macht. Im Gegensatz zum „Prenzlauerberg-unisex-look“, den auch Marlies angenommen hat und nun, mit 40, feststellt, dass Kleid und hohe Schuhe einen doch eine ganz andere Frau sein lassen. Während Till den Leser über lange Zeit hinweg bald nur noch nervt mit seinen oft feuchten Augen und seiner endlosen Suche nach sich selbst, den er auch in den Therapiestunden nicht wirklich findet. Wie Lindenberg in einem Song singt „Was hat die Zeit aus uns gemacht“, so dekliniert Sichelschmidt diese Frage an ihren Protagonisten durch und stellt in ihrem, auch sprachlich, gut zu lesenden Roman das alte Thema des „Kann es das gewesen sein?“ im modernen gewandt der „Hipster“ und „Bewegten“ bestens dar. Mit dem „großen Ausbruch“ nach Italien, Rom, Land und Stadt der Sehnsucht, mit der ernüchternden Realität dort, mit dem, was verbindet, was trennt und was bleiben könnte. Wobei, da sei der Leser gewarnt, ein echtes Happy-End, eine „Neu-Werdung“ wird so nicht im Raum stehen am Ende der Geschichte. Betrüblicherweise scheint dies die Welt einfach nicht mehr herzugeben in diesem sich „ruhig einrichten, irgendwie“ oder eben „keine Ruhe geben können auf dem Weg nach oben“, wo immer Einzelne im Roman dieses Oben auch verorten würden. Eine im Stil vergnügliche, in den den Personen und „Lebensräumen“ karikiert erkennbar getroffene und im Inhalt durchaus nachdenklich zurücklassende Lektüre.

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No regrets!

autorenbuchhandlung berlin

Von: Marc Iven aus Berlin

10.02.2017

Sie denken vielleicht zunächst, au weia, das wird hoffentlich kein Fall von „Prenzlberg-Bashing“ einer arrivierten Charlottenburgerin. Nicht ihr Stil, ganz im Gegenteil. Eva Sichelschmidt kann Prosa und tummelt sich im Kopf beider Geschlechter wie der berühmte Fisch im Wasser. Ihr Buch ist saukomisch und in seiner Echtheit voll wunderbarer Melancholie. Es gibt absolut keinen Rohrkrepierer, die Pointen sitzen. Die richtigen Fragen kommen auf. Der Text ist im Prinzip schon Drehbuch, die Dialoge rasant. Eva Sichelschmidt spürt der Kraft und Anstrengung nach, die es braucht, wenn man in Beziehung und Leben wahrgenommen werden will.

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