Leserstimmen zu
Leere Herzen

Juli Zeh

(24)
(17)
(8)
(0)
(1)
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

Selten habe ich bisher ein Buch gelesen, bei dem der Titel so gut passt. Die Protagonisten haben teilweise wirklich "Leere Herzen!" Allen voran Britta Söldner. Ehrlich gesagt hat diese Frau bei mir einen bitteren Geschmack im Mund hinterlassen. Ich fragte mich oft, wie eine Frau nur so brutal sein kann. Sie verdient sich ihr Geld mit Menschen, welche ihrem Leben ein Ende setzten wollen. In ihrem Büro "Die Brücke" wählt sie mit ihrem Kollegen Babak Hamwi passende Kandidaten aus. Eigentlich schimpft sich dieses Büro Heilpraxis. Aber, ihr Tod soll nützlich sein. Es handelt sich um Menschen, die körperlich gesund sind, aber einen an der Klatsche haben. Sobald sie Brittas und Babaks fragwürdige Tests bestanden haben, werden sie an Organisationen vermittelt, bei denen sie für einen "guten Zweck" ihr Leben lassen können. Die Dystopie spielt nicht weit von unserer Gegenwart entfernt. Das Schlimme ist, wir hatten schon oft genug Attentäter, die für ihre Überzeugungen den Freitod gewählt haben, und viele Menschen mit in den Tod genommen haben. Ich halte es leider auch nicht für unmöglich, dass Menschen sich ihr Geld, mit dem Freitod leerer Herzen, verdienen/werden. Eine Angela Merkel die weint und Menschen die nicht zum Wählen gehen. Als die Brücke dann auch noch Konkurrenz bekommt, muss die liebe Britta mal ein bisschen im Dreck wühlen. Mit ihrem besten Freund und Kollegen taucht sie in ein verwahrlostes Haus unter. Ach ... eine potentielle Selbstmörderin hat sich ihnen auch angeschlossen ..... Die Autorin hat eine Geschichte geschaffen, die einem vor Augen führt, dass die Herzen bei vielen Menschen schon in der Gegenwart leer sind. Gleichgültigkeit, Egoismus und mangelnde Empathie zeichnen sich jetzt schon bei vielen ab. Ich bin wirklich erstaunt, wie Juli Zeh diese brisanten Themen in Worte gepackt hat. Ich gestehe dass ich mit dem Buch dreimal begonnen habe, bevor ich es zu Ende gelesen habe. Für diese Zukunftsgeschichte braucht man wirklich die passende Laune. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnten mich die leeren Herzen dann doch überzeugen. Die Autorin scheint der Bevölkerung einen Spiegel vorzuhalten. So habe ich es zumindest aufgefasst. Leere Herzen und brisante politische Themen werden hier nicht weichgezeichnet. Eine Ehefrau und Mutter hat bei ihrem Beruf kaum noch eine Schmerzgrenze. Die Kasse klingelt. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Viele Menschen werden müde! LEBENSMÜDE! Danke Juli Zeh

Lesen Sie weiter

Stellt euch eine Welt vor wie unsere – nur später, also wie sie aussehen würde, wenn alles weiter verläuft, wie es gerade läuft. Diese Welt mag für jeden anders aussehen, je nachdem welche Dinge man als schwerwiegend, positiv oder auch negativ gewichtet. Juli Zeh hat eine solche Welt geschaffen, aus der man deutliche Kritik am heutigen Deutschland herauslesen kann. Deutschland bedeutet in diesem Sinne nicht nur unsere Politik, sondern auch wir Bürger! Zum Inhalt: Sie sind desillusioniert und pragmatisch, und wohl gerade deshalb haben sie sich ‎erfolgreich in der Gesellschaft eingerichtet: Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Sie haben sich damit abgefunden, wie die Welt beschaffen ist, und wollen nicht länger verantwortlich sein für das, was schief läuft. Stattdessen haben sie gemeinsam eine kleine Firma aufgezogen, „Die Brücke“, die sie beide reich gemacht hat. Was genau hinter der „Brücke“ steckt, weiß glücklicherweise niemand so genau. Denn hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod. Als die „Brücke “ unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald sind nicht nur Brittas und Babaks Firma, sondern auch beider Leben in Gefahr… Meine Meinung: Die ersten Kapitel fielen mir zugegeben etwas schwer. Ich musste erst noch heraus finden, was diese Welt genau ausmacht, in der Britta lebt. Am Anfang wird ein Selbstmordattentat in den Medien thematisiert, worauf Britta eigenartig und nicht wie man es erwarten würde reagiert. Später wird bewusst, warum. Sobald die skurrile Geschäftsidee von Britte und Babak erleuchtet wird, kommt auch Licht in die ganze Geschichte. Das Buch fing an mich in seinen Bann zu reißen und davon kam ich nicht mehr los. Zwischendurch musste ich mal schmunzeln und mal laut lachen über Juli Zehs kreierte Zukunft, die in unseren Augen vielleicht absurd sein mag, bei genauerer Betrachtung vielleicht doch nicht mehr so abwegig erscheint. Es war mein erstes Buch von Zeh, wird aber definitiv nicht das letzte bleiben. Hier habe ich, wenn auch etwas später als andere, eine tolle deutsche Autorin entdeckt! 9. Satz: Aber das ist normal, es geht ihnen allen so, der ganzen Armee von Einzelkindereltern. Kurz und knapp: #Gesellschaftskritik #Attentat #Zukunft #Deutschland

Lesen Sie weiter

„Jetzt weiß ich, dass richtig und falsch erst existieren, nachdem man sich entschieden hat.“ (Zitat Seite 324) Richard und Britta sind mit Knut und Janina seit Jahren eng befreundet, trotz der unterschiedlichen Lebensperspektiven. Während Janina sich auf das alte Haus im Grünen freut, das sie kaufen wollen, hat Britta sich bewusst für ein modernes Haus in Braunschweig entschieden. Britta Söldner ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Zusammen mit dem IT Spezialisten Babak Hamwi führt sie die „Brücke“, eine Heilpraxis im Bereich Psychotherapie und Tiefenpsychologie. Kern ihres Unternehmens ist der von Babak entwickelte Algorithmus, „Lassie“. Sie selbst sehen sich als Dienstleister, spezialisiert auf Menschen mit Selbstmordabsichten. Plötzlich taucht gefährliche Konkurrenz auf, die nicht nur ihr Geschäftsmodell stehlen will und dadurch ihre Existenz bedroht, sondern auch ihr Leben und das ihrer neuesten Kundin Julietta … Der Roman spielt in der nahen Zukunft, die BBB „Besorgte Bürger Bewegung“ hat die Regierung Merkel abgelöst. Den Menschen sind die Ideale abhanden gekommen, sie nehmen die Situation als gegeben und versuchen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen. Wichtige Themen sind Demokratie und Demokratieverständnis und die Frage, ob und wie lange man ein Leben im „Wegschauen“ führen kann. Speziell ist natürlich auch die Geschäftsidee der „Brücke“, definiert als Terrordienstleister. Beispielhaft für den Zeitgeist, rund um den die Autorin ihre Geschichte entwickelt, steht die Lebenssituation der beiden Ehepaare Knut-Janina mit Tochter Cora, 7 Jahre alt, und Richard-Britta mit Tochter Vera, 7 Jahre alt. Erstere wollen ein altes, weit abgelegenes Haus auf dem Land kaufen, während Britta bewusst eine gute Lage in einer mittelgroßen Stadt gesucht hat und so auf Braunschweig gekommen ist. Britta verdient mit ihrer Firma viel Geld, dies und der Erfolg sind für sie das Wichtigste im Leben – ihre Ziele verfolgt sie skrupellos. Für ihre Familie bleibt da wenig Zeit. Von ihrem Geschäftspartner Babak erwartet sie, dass er ihre Ideen ausführt und sich ihren Zielen unterordnet. Man könnte den Roman, geschrieben in der neutralen Erzählform, als gesellschaftskritisches Zeitbild beschreiben, eingepackt in einen fesselnden Thriller. Die Handlung ist spannend und enthält zahlreiche Andeutungen und Wendungen, die den Leser lange über die wahren Gegner und Hintergründe im Unklaren lassen. Mein Lieblingscharakter in diesem Roman ist Juliette, eine junge Frau, die genau weiß, was sie will und was sie nicht will. Verletzlich und dennoch selbstbewusst. Durch sie beginnt Britta, ihr Leben und ihre Handlungen zu hinterfragen. Die Autorin zeigt in ihrem Roman eine mögliche Zukunft Deutschlands mit Menschen, denen Träume und Wertvorstellungen weitgehend abhanden gekommen sind. Sie zeichnet ein ziemlich düsteres, aber nicht hoffnungsloses Bild. Mich erinnert dieses Buch an die früheren psychologisch-spannenden Romane von Juli Zeh und hat mich, im Gegensatz zu Unterleuten, wieder völlig überzeugt. Ein Thema mit Tiefgang, großartig umgesetzt.

Lesen Sie weiter

Juli Zeh kann Thriller

Von: Frank Freter aus Wiesbaden

11.03.2018

Eine unterkühlt abgefasster Thriller der in der nahen Zukunft spielt. Es war Juli Zeh ein persönliches Anliegen nach der Wahl von Trump ein Buch, das in der nahen Zukunft platziert ist, zu schreiben, in der der aktuell aufkommende Populismus zur Normalität geworden ist. Heraus gekommen ist ein Thriller, ein Genre das Juli Zeh beherrscht

Lesen Sie weiter

Jeder sollte dieses Buch gelesen haben!

Von: MK aus Düsseldorf

05.02.2018

In wenigen Tagen verschlungen: "Leere Herzen" von Juli Zeh - kann ich nur jedem empfehlen! Dürfte ich entscheiden, ich würde es sofort zum Abiturthema machen! Juli Zeh, wie immer sehr intelligent, höchstaktuell, mit scharfen Beobachtungen und einer unglaublich feinfühligen und facettenreichen Sprache!

Lesen Sie weiter

Braunschweig, im Jahre 2025. Merkel wurde von der Besorgten-Bürger-Bewegung, kurz BBB, abgesetzt. Die nun machthabenden Partei kämpft gegen Überfremdung, kontrolliert die Presse, und verteilt das bedingungslose Grundeinkommen. Werte und Prinzipien hat die große Mehrheit der Büger nicht mehr - sie wiegen sich in seichte Wohlfühlamtosphäre, gepaart mit frustriertem Zynismus, statt einer Auseinandersetzung mit dem, was kommen wird. Keiner traut sich mehr, für etwas zu Brennen, weil das ja fast schon etwas peinliches, etwas anrüchiges ist. Ideale sind tot. So bildet sich der ideale Nährboden für neue Geschäftsmodelle wie das von Protagonistin Britta Söldner und ihrem Geschäftspartner Babak Hamwi, einem Programmierer. "Die Brücke", wie sie ihre Firma nennen, bietet "Self-Managing, Life-Coaching und Ego-Polishing" an - zumindest auf dem Klingelschild. Hinterm Klingelschild jedoch ist die Realität eine andere... Es wäre doch gelacht, wenn sich Selbstmord nicht noch monetarisieren ließe. Was Babak und Britta tatsächlich tun, ist ein derartig menschenverachtendes Modell, das ich zunächst wirklich erschrocken war. Ein von Babak programmierter Algorithmus sucht im Internet nach potentiellen Selbstmördern, die sie anschließend kontaktieren und ein 12-Stufen-Programm durchlaufen lassen, dass die suizidalen Tendenzen der Betroffene auf Ernsthaftigkeit untersucht. Ist der-/diejenige bereit, den Kontakt zu allen Verwandten und Freunden abzubrechen? Kann er einen Abschiedsbrief formulieren? Und zuletzt: ist ihm klar, was Sterben bedeutet? Das findet Britta anhand eines Waterboardings des Probanden heraus. Sie wussten nicht, wofür sie am Leben waren, sie wissen auch nicht, für was sie sterben sollen. Hat der Proband alle Stufen erfolgreich durchlaufen, hat er nun die Möglichkeit, *für* etwas zu sterben - statt einfach so. Verschiedene Terror-Organisationen stehen zur Wahl, die den Selbstmord als Attentat vergüten - so ist der Tod, sei es ideell oder materiall, zu etwas Nutze. Perfekt optimiertes Terror-Geschäft, bei dem auch die Regierung einmal mehr wegsieht - ist kontrollierter Terror mit kalkulierbaren Verlusten doch besser als jener, der nicht in Bahnen gelenkt, kontrolliert und abgerechnet werden konnte. Für Britta und Babak ist "Die Brücke" ein lukratives Geschäft mit dem Tod. Prinzipien zu kennen, leugnen sie, und haben nicht die geringste Lust, Schuldgefühle zu haben oder eine Mitverantwortung für die herrschenden Umstände zu übernehmen. Britta ernährt mit der Firma ihre Familie und lebt in ihrer kleinen, so heil wie eben möglichen Blase. Doch dann erschüttert ein weiteres Attentat die Gesellschaft, und zwar so stümpferhaft ausgeführt, dass es nicht "Die Brücke" gewesen sein kann. Dieses Ereignis ist der Beginn einer Verkettung von Umständen, die Brittas Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Sie ist gezwungen, ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Überzeugungen und Grundwerte noch einmal ganz neu zu überdenken... In ihrem Inneren öffnet sich eine Luke, hinter der sich ein großer dunkler Raum verbirgt, den sie seit langer Zeit nicht mehr betreten hat. Sie stellt sich ein Schild neben der Luke vor: ‚Prinzipienlager – Zugang nur für Berechtigte!’ Sie hat sich immer eingeredet, dieser Raum sei vollkommen leer, weshalb es keinen Grund gebe, gelegentlich die Bestände zu sichten. "Leere Herzen" hat mich wie seinerzeit schon "Unterleuten" gepackt und nicht mehr losgelassen, bis ich den Roman zu Ende gelesen hatte. Er zeichnet ein erschreckendes Bild unserer Gesellschaft - wie auch die Widmung auf den ersten Seiten des Buchs "Da - so seid ihr" vermuten lässt. Das Szenario ist so unrealstisch nicht, und daher umso erschreckender. Die wichtigste Botschaft des Romans ist zweifellos: Lest es - und brennt danach. So, dass es euer Umfeld sieht. Steht ein für eure Werte und Überzeugungen, und bitte, um Gottes Willen, habt welche.

Lesen Sie weiter

Der aktuelle Roman von Juli Zeh beschäftigt sich vor allem mit der politischen Situation Deutschlands im Jahr 2025. Das neue Staatsoberhaupt ist Regula Freyer, die der besorgten Bürgerbewegung (BBB) angehört. Obwohl viele Bürger mit Frau Freyers politischem Handeln nicht einverstanden sind und durch ihre Aktionen eher noch besorgter werden, schaffen sie es nicht ihre politische Lethargie zu überwinden. Somit sind immer neue, sogenannte Effizienzpakete die die demokratischen Werte nach und nach unterwandern, die Folge. In dieser Zeit lebt Britta zusammen mit ihrer Familie in Braunschweig. Gemeinsam mit einem Freund aus Studientagen führt sie eine Heilpraxis mit dem Namen „Brücke“. Britta und ihr Bekannter Babak haben sich auf suizidgefährdete Menschen „spezialisiert“. Vordergründig möchten sie den Betroffenen natürlich helfen und mit ihnen alternative Handlungsstrategien erarbeiten. Ihre wahre Absicht hingegen ist eigentlich die Rekrutierung von Selbstmordattentäter für verschiedene Gruppierungen. Mit ihrem ungewöhnlichen Geschäftsmodell ist es ihnen nicht nur gelungen sich am Markt zu etablieren sondern auch ihren Lebensunterhalt mehr als nur zu sichern. Doch mit einem Mal erscheint von einem Tag auf den anderen ernstzunehmende Konkurrenz auf der Bildfläche. Und plötzlich werden nicht nur die Grundsätze der „Brücke“, sondern auch Brittas gesamtes Leben in Frage gestellt. Auf den ersten Blick vermutet ein Juli Zeh Anhänger möglicherweise, dass ihr aktuelles Buch ganz neue Genres bedient. Handelt es sich um „Leere Herzen“ doch um eine Dystopie bzw. um einen Politthriller. Aber bei genauerer Betrachtung ist auch diese Geschichte ein gesellschaftskritischer Roman mit einem „bedrohlichen“ Bezug zur Realität. An einigen Textstellen musste ich kurz innehalten um über unsere aktuelle politische Situation nachzudenken. Sind wir vielleicht auch gerade dabei uns zu einer Gesellschaft zu entwickeln, der Ungerechtigkeit und Missstände egal sind, solange man sich selbst in einem gesicherten Wohlstand befindet? Wird keiner mehr etwas sagen, wenn einzelne Person oder Personengruppen denunziert werden? Werden möglicherweise die hart erkämpften demokratischen Werte klammheimlich abgeschafft und es interessiert niemanden? Juli Zehs Geschichte hat mich auf jeden Fall wieder etwas wach gerüttelt. Man sollte die gesellschaftlichen Geschehnisse mehr hinterfragen und für Werte aktiv eintreten, die einem wichtig sind. Fazit: Ein spannender Roman mit erschreckend, aktuellen Aspekten, der an den Leser appelliert für demokratische Grundwerte einzustehen.

Lesen Sie weiter

Juli Zeh hat sich das wohl furchterregendste aller Szenarien herausgesucht – jenes der nahen Zukunft. Wo hört die Dystopie auf, wo fängt die mögliche Realität an? „Leere Herzen“ spielt 2025 in Deutschland. Nach Angela Merkels Rücktritt hat die BBB (Besorgte Bürger Bewegung) die Regierung übernommen. Es gibt das Bedingungslose Grundeinkommen, Europa steht kurz vor der Auflösung, demokratische Grundrechte werden kaum merklich „vereinfacht“. Ehemalige Großstadthipster betreiben gepflegten Eskapismus und strömen in die überschaubaren Mittelstädte. Es sind zynische Nichtwähler wie Britta, jeglicher Illusion beraubt. Nur dass Britta daraus Kapital schlägt. Ihre Psychotherapiepraxis „Die Brücke“ filtert das Internet nach suizidgefährdeten Personen. Durchlaufen diese 12 Stadien ohne geheilt zu werden, werden sie an Organisationen vermittelt, die Selbstmordattentäter gebrauchen können – von Islamisten bis Umweltaktivisten. Britta, Ehefrau und Mutter mit sauberem Betonklotzhäuschen in Braunschweig, hat mit ihrem Doppelleben kein Problem. Bis eine vermeintliche Konkurrenzfirma namens „Empty Hearts“ auf den Markt drängt und ihr eigenes Leben bedroht wird. Keine Frage, die studierte Juristin und vielfache Literaturpreisträgerin Juli Zeh weiß mit ihrer Prosa zu spalten und zum Nachdenken anzuregen. In ihrem Vorgänger „Unterleuten“ stellte sie ein Panoptikum der Gesellschaft in Form eines brandenburgischen Dorfes dar. Hier holt sie zu weitaus größerem Wurf aus. Sie setzt der Gesellschaft einen Spiegel vor, greift aktuelle politische Ereignisse auf, stellt Grundwerte wie Demokratie, Engagement und Werte auf den Prüfstand. „Da. So seid ihr“, steht anstelle einer Widmung zu Beginn der Geschichte. Wie immer gestaltet sich die Suche nach einem Sympathieträger in Juli Zehs Prosa sehr schwierig. Die abgeklärte Britta, die ein Geschäft mit dem Tod betreibt, Ordnung über alles liebt, ist von sich und der Natur entfremdet. Sie ekelt sich vor Staub, Schmutz und allem, was organisch ist. Über Politik will sie nicht diskutieren. Gemeinsam mit ihrem schwulen und einst selbstmordgefährdeten Freund Babak, betreibt sie ihre Agentur, mit der sie so gut verdient, dass sie ihren Mann damit unterhalten kann. Dieser befindet sich in der schwierigen Startup-Phase seines Unternehmens, insgeheim zweifelt sie an seinen Fähigkeiten. Ihre besten Freunde sind ausgerechnet ein Künstlerehepaar, das nicht viel verdient und von einem baufälligen Häuschen auf dem Land träumt. Was hält diese Freundschaft zusammen, abgesehen von den gleichaltrigen Töchtern? Ist es, weil Britta Leute braucht, auf die sie heimlich herabschauen kann? Oder erinnert die Janina Britta an etwas, was sie vor langer Zeit verloren hat? Im Verlauf der Plots bekommt Brittas fast schon roboterhaft anmutende Fassade Risse. Da stürmt Julietta in ihr Leben, die sich als freiwillige Selbstmordattentäterin für den Tierschutz bewerben möchte und Britta vor Augen hält, wie es ist, für Ideale zu brennen. Zu dritt begeben sie sich auf die Flucht, nachdem ihre sensiblen Computerdaten geklaut und sie von einem esoterisch angehauchten Multimillionär bedroht werden. Ihr Geheimversteck befindet sich auf dem Land, wo Britta ohne Internet, Fernsehen und Ablenkung auf sich selbst zurückgeworfen wird. „Das beliebte Gesellschafsspiel namens Stress, bei dem es darum geht, einen Tag so geschickt zu packen wie einen Koffer, damit möglichst viel hineinpasst, ist für sie einstweilen beendet.“ Britta entdeckt, dass sie längst nicht so nihilistisch eingestellt ist, wie geglaubt. Sie weiß noch, was Gut und Böse ist. Und so fällt sie am Ende eine Entscheidung, die zur Rettung der Demokratie beitragen kann. Juli Zehs Sprache ist schlicht und doch einprägsam, passend zur desillusionierten Gesellschaft des Plots. Ob ihr entworfenes Szenario nun in den Bereich der Sciencefiction oder in den Bereich der möglichen Dystopie fällt, daran mögen sich die Geister scheiden. Voll uns Boot holt uns Juli Zeh mit Szenen aus dem Alltagsleben, die den Leser dazu drängen, eigene Werte in Frage zu stellen. Einprägsam ist eine Szene auf dem Spielplatz. Ein dicker Junge, den Brittas Tochter nicht mitspielen lassen will, zerstört aus Ärger die gebaute Sandburg. Britta rät ihrer Tochter ohne zu zögern: „Hau ihm eine!“. Als sich die Mutter des Jungen über Brittas Erziehungsmethoden beschwert, entgegnet diese: „Soll ich sie so erziehen, dass sie später stillhält, wenn sie vergewaltigt wird?“. Oder tatenlos zusieht, während andere vor ihren Augen zusammengeschlagen werden? Wer dem Leben ausweicht und nichts tut, leiste keinen wertvollen Beitrag für die Welt, konstatiert Britta. Wobei ihr erst später bewusst wird, dass sie selbst ebenfalls tatenlos ihre Wertvorstellungen verraten hat. Juli Zehs Roman kratzt beim Lesen. Weil er am Schutzpanzer unseres täglichen Eskapismus reibt, zerrt, drückt. Es ist leicht, dem Weltgeschehen den Rücken zu kehren und sich von Unterhaltungsshows berieseln zu lassen. Es ist bequem, Veganer zu belächeln, den eigenen Hund zu streicheln und herzhaft ins Steak zu beißen. Es ist blauäugig zu denken, die eigene Nichtwahl würde ein politisches Statement setzen. Wohin dies auf demokratischem, gesellschaftlichem und radikalem Weg führen kann, davon berichtet Juli Zeh. Ihr Roman ist ein hochaktuelles, hochbrisantes und besonders wichtiges Stück zeitgenössischer Literatur. Unbedingt lesenswert!

Lesen Sie weiter