Leserstimmen zu
All das zu verlieren

Leïla Slimani

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Slimani schreibt schwarz-weiß, ohne auszuschmücken, ohne die Wahrheit zu verzerren oder sich zurückzunehmen - das pure Leben - direkt, roh und unverblümt und bewahrt dabei Distanz zum Leser obwohl sie durch diese intime Themen dennoch eine Verbindung zum Leser aufbaut und in dessen Gedanken eindringt.

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Adéle führt ein eigentlich tolles Leben, ist verheiratet mit ihrem Mann Richard und den Sohn der beiden. Doch in Wirklichkeit ist es nicht so, wie es nach außen hin scheint. Adéle ist in ihrem Leben hin und hergerissen. Wünscht sich auf der einen Seite ein anderes Leben, hat auf der anderen Seite jedoch Angst davor, alles zu verlieren. Das was die Sache nochmals erschwert, ist die Tatsache, dass Adéle Sex mit anderen Männern hat, wovon ihr Mann Richard jedoch nichts wissen darf. Das Buch “All das zu verlieren” hat keine typischen Kapitel, sondern viel mehr Absätze. Einige der Absätze behandeln dabei die Vergangenheit der Protagonistin (welche von Beginn an nicht sonderlich sympathisch zu sein scheint), wodurch sich der/die Leser/-in nach und nach, immer mehr Puzzleteile der Protagonistin bekommt. So lässt sich das Verhalten der Charaktere, im Laufe des Buches auch immer besser verstehen. Leider wurde hier einiges an Potenzial nicht ausgeschöpft und es bleibt noch Luft nach oben, denn 100 % nachvollziehen lässt sich das Verhalten der Protagonistin leider nicht immer (und das bis zum Ende des Buches). Allgemein wird die Protagonistin des Buches deutlich genauer beleuchtet, als alle anderen, im Buch vorkommenden Charaktere. Dies ist aber auch zu verstehen, da es im Buch eindeutig um das Leben von Adéle geht, einer Frau, die ständig auf der Suche nach Glück ist, dies jedoch nie vollends erreicht. Dementsprechend Negativ ist die Grundstimmung des Buches und das bis zum Ende hin. Auf jeder Seite bekommt der/die Leser/-in dabei einen neuen, teilweise erschreckenden Einblick in die psyche der Protagonistin, der garantiert polarisiert. Positiv zu nennen sind bei dem Buch allerdings der Schreibstil der Autorin (Leïla Slimani), denn dieser ist die ganze Zeit über recht flüssig zu lesen und zu jedem Zeitpunkt leicht verständlich (wenn auch nicht immer nachvollziehbar, siehe oben). Cover: Das Cover des Buches “All das zu verlieren” ist in zwei Farben (gelb und grau) unterteilt. Hier zeigt sich eventuell schon die Tatsache, dass die Protagonistin zwei Seiten/Leben hat?! Eventuell ist die gelbe Farbe dabei sogar ein Indiz auf Frankreich, wenn man an den Eifelturm denkt?! Außerdem sehen wir eine rauchende Frau, bei der es sich scheinbar, um die Protagonistin selbst handelt. Diese Frau steht dabei genau in der Mitte, der zwei kontrastreichen Farben (wie im Leben der Protagonistin selbst). Der Titel (All das zu verlieren) des Buches, steht auf der gelben Seite und passt wirklich gut zum Inhalt des Buches (spätestens nach dem Lesen wird einem klar, wieso das Buch diesen Titel trägt). Insgesamt gefällt mir das Cover von “All das zu verlieren” gut und es ist passend zum Inhalt. Es wirkt zwar leicht minimalistisch und ist nicht auf den ersten Blick zu verstehen, allerdings ist das für mich keineswegs negativ. Fazit: Leïla Slimani hat ein Buch geschaffen, welches bis zum Ende hin, mit Trauer durchtränkt ist. Die Handlungen der Charaktere sind dabei erschreckend zu lesen, leider aber nicht immer nachvollziehbar und das ist in meinen Augen, für ein Top Buch, wichtig. Auch nach dem Ende des Buches bleibt eigentlich nicht viel zurück, außer einer eventuell negativen Stimmung, von der man sich hat anstecken lassen. Der Schreibstil und die Sprache des Buches lassen sich allerdings gut und flüssig lesen. Mich konnte das Buch also nicht wirklich überzeugen, weshalb ich nur auf 3/5 Sterne komme.

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Adèle hat alles, was eine glücklich lebende Frau ausmacht: Eine Wohnung in einem gehobenen Pariser Viertel, den angesehenen Ehemann, das gemeinsame Kind, einen Job, der ihr Unabhängigkeit verleiht. Aber all das macht ihr Leben nur oberflächlich perfekt. Sie versucht die innere Abgestumpftheit, Langeweile und Getriebenheit durch Sex mit Fremden zu betäuben und entfernt sich dabei nicht nur von ihrer Familie, sondern auch von sich selbst ... Das Buch beginnt mitten in Adèles Leben, es gibt keine Vorgeschichte, keine Einführung, wir lernen die Protagonistin völlig unverfälscht und mit all ihren Lastern gleich auf der ersten Seite kennen. Was zunächst nach einer notorisch gelangweilten, unzufriedenen Frau klingt, nimmt schnell erste Züge selbstzerstörerischen Handelns an. Zunächst haben wir versucht, Adèles Taten nachzuvollziehen. Ihre Ehe scheint abgedroschen zu sein, es gibt keine Leidenschaft und – soweit wir das aus ihrer Sicht beurteilen können – auch keine Liebe. Das gemeinsame Kind ist Belastung statt Lebensglück. All das ist so eindringlich geschildert, dass wir mit der Protagonistin gemeinsam in Melancholie versunken sind. Slimani schildert die Dinge so, wie sie wirklich sein können und bestätigt damit die geheimen Ängste, die auch wir als Leserinnen manchmal in Bezug auf das Leben haben. Was ist, wenn alles nur perfekt wirkt, man selbst aber in Unglück versinkt und nicht das fühlt, was von einem erwartet wird? Was, wenn man kein Glück in der Mutterrolle findet, wenn der Job einen auslaugt, alles bedeutungslos ist? Adèle sucht auf ihre unstetige Art ein kleines bisschen Farbe in ihrem grauen Leben und vermag diese nicht zu finden. Sie schläft mit fremden, teilweise abschreckenden Männern und empfindet auch dabei nicht genug. Nach und nach wird dem Leser mit Erschrecken bewusst, dass sie psychisch instabil ist. Sie zweifelt an allen Menschen, die sie umgeben, hat Angst entdeckt zu werden, Angst vor Nähe. Wir haben es zum Teil kaum ertragen, weiterzulesen, haben den Kopf geschüttelt und keine der Figuren verstanden. Alles zielt auf Außenwirkung. Sie alle sind gefangen in einem Schaufenster. Unfähig, mehr zu sein als Marionetten der Gesellschaft, versuchen sie ihre inneren Stimmen abzutöten. Diese Stimmung zieht sich durch das ganze Buch. Wie auch im Leben selbst kann keine beschwichtigende, alle zufriedenstellende Auflösung erwartet werden. "All das zu verlieren" ist voll von den Enttäuschungen und Verstörungen, die das Leben bereithalten kann und die zu viel sind für eine innerlich völlig isolierte Frau. Es gibt einem keine moralische Wertung vor. Was das Buch einem bietet ist ein Einblick in das Leben einer unglücklichen Französin, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Von uns erhält dieser Einblick in eine zerstörerische Existenz 4 von 5 Herzen. Uns hat das Buch mitgenommen und erdrückt, auch der Schreibstil hat uns sehr gefallen, aber wir sind am Ende einfach nur fragend zurückgeblieben. Wir haben einen kurzen Einblick in das Leben einer Fremden erhalten. Als hätte man willkürlich den Fernseher eingeschaltet, ihn aber auch nach einigen Stunden wieder ausgeschaltet, ungeachtet der noch laufenden Geschichte. Adèles Leben ist so eindringlich dargestellt, dass es einem zuerst den Boden unter den Füßen wegzieht und dann bedrückt und betroffen zurücklässt. Dieses Gefühl der dauerhaften Beklommenheit und Belastung war so real, dass wir das Geschehen nicht nur gelesen, sondern regelrecht mitempfunden haben. Gerade deshalb wollen wir nicht von Lesegenuss sprechen und werden dieses Gefühl sicher noch lange mit uns herumtragen. Das Buch ist nichts für schwache Gemüter und auch nichts für Menschen, die andere schnell verurteilen. Es ist für die Leser, die wissen, dass das Leben Enttäuschungen bereithält und jeder auf seine Art versucht damit umzugehen, ob gesellschaftlich respektabel oder nicht.

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Ein Leben, das außer Kontrolle gerät

Von: milkysilvermoon

29.07.2019

Auf den ersten Blick führt Adèle ein angenehmes Leben: Die Journalistin arbeitet für eine Pariser Tageszeitung. Mit ihrem Mann Dr. Richard Robinson, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn Lucien lebt sie in einem schicken Pariser Viertel. Finanziell geht es der Familie gut, sie reist gerne einmal übers Wochenende ans Meer. Dennoch ist Adèle unglücklich und führt ein Doppelleben. Sie trifft sich heimlich mit anderen Männern und lebt mit Fremden ihre sexuellen Obsessionen aus. Dabei setzt sie alles aufs Spiel, denn sie könnte viel verlieren… „All das zu verlieren“ ist der gelungene Debütroman von Leïla Slimani. Meine Meinung: Der Roman besteht aus kurzen Kapiteln, die sich zum Teil aus mehreren Abschnitten zusammensetzen. Erzählt wird zunächst aus der Perspektive von Adèle, später aus der von Richard. Der Roman ist chronologisch aufgebaut, allerdings gibt es mehrere Rückblenden. Diese Struktur ist gut durchdacht. Der Schreibstil wirkt eher reduziert, schnörkellos, detailarm und nüchtern, ist aber gleichzeitig auch intensiv, schonungslos und eindringlich. Die Autorin beweist eindrucksvoll, wie gut sie mit Sprache umgehen kann und wie viel sich in wenigen Sätzen vermitteln lässt. Schon nach wenigen Seiten entwickelt die Geschichte dadurch einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Mit Adèle steht eine interessante Protagonistin im Vordergrund, die das Potenzial hat zu polarisieren. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, sie auf Anhieb als sympathisch empfunden zu haben. Obwohl ihre Gedanken und Gefühle recht deutlich werden, konnte ich ihr Verhalten größtenteils nicht nachvollziehen oder gar gutheißen. Dennoch hat der Charakter etwas an sich, das ihn spannend und reizvoll macht, sodass ich ihre Geschichte sehr gerne verfolgt habe. Stellenweise drängt sich der Eindruck auf, dass die Protagonistin etwas überspitzt dargestellt wird. Das hat mich beim Lesen allerdings nicht gestört. Absolut authentisch finde ich Richard. Die Nebenfiguren bleiben größtenteils recht blass, was in diesem Fall aber zur Geschichte passt. Mit nur etwas mehr als 200 Seiten ist der Roman ziemlich kurz. Trotzdem steckt inhaltlich eine Menge darin, denn die Geschichte verfügt über viel Tiefgang. Es geht um mehr als nur die Lebensgeschichte einer zerrissenen Frau und die Abgründe, die sich dabei offenbaren. Ein Pluspunkt ist die gesellschaftskritische Komponente, durch die der Roman immer wieder aufwühlt und zum Nachdenken anregt. Das Cover gefällt mir gut, weil es die innerliche Zerrissenheit von Adèle illustriert. Der deutsche Titel weicht leider stark vom französischen Original („Dans le jardin de l'ogre“) ab, den ich um einiges passender finde. Mein Fazit: Mit „All das zu verlieren“ konnte mich Leïla Slimani überzeugen. Es ist ein fordernder, aber sehr besonderer Roman, der mich in seinen Bann gezogen hat. Mit Sicherheit wird es nicht die letzte Geschichte der Autorin bleiben, die ich gelesen habe.

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Die 36-jährige Adèle lebt das Leben einer gutbürgerlichen Französin. Ein Job bei einer Pariser Zeitung, ein 3-jähriger Sohn, ein Ehemann, der Chirurg ist und eine großzügige Wohnung gehören zu ihrem Alltag. Doch Adèle ist eine Nymphomanin, süchtig nach Sex mit Bekannten, Kollegen und Fremden, wobei ihre Begegnungen zunehmend gewalttätiger und selbstzerstörerischer werden. Leïla Slimani schafft in dem Roman „All das zu verlieren“ viele teils sehr verstörende Bilder. Am Anfang hat mich die Geschichte begeistert. Ich finde Einblicke in das Leben von modernen Frauen von heute, Frauen, die nach Außen ein „normales“ Leben leben immer sehr spannend. Was mir aber in einer Geschichte wichtig ist, ist nicht nur das Beobachten selbst, sondern auch ein Hintergrund. Warum wurde die Protagonistin so, wie sie ist. Woher kommt ihre Depression, ihr Selbsthass, ihre Wut. Dies wurde für mich nicht geklärt, die Geschichte ließ mich ratlos und fast deprimiert zurück. Adèle ist hier ein Sexobjekt, eine Puppe im Garten eines Ungeheuers, wie es im Originaltitel Dans le jardin de l’ogre heisst. Als Leser ist man lediglich ein Beobachter, die Protagonistin passiv gegenüber ihrer Sucht. Dabei jedoch meisterlich beschrieben, schon nach ein paar Seiten ist man von dem leichten aber keinesfalls banalen Schreibstil mitgerissen. „All das zu verlieren“ erschien im Original 2014, zwei Jahre vor „Dann schlaf auch du“, welches mich beeindruckt hat. Es ist eventuell anmaßend, trotzdem kommt mir dieses Buch wie eine Schreibübung für das, was noch kommen sollte vor. Das Thema ist keine leichte Kost, der Schreibstil der Autorin ein Genuss.

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Nachdem Leila Slimani uns mit ihrem Gänsehaut-Thriller "Dann schlaf auch du" das Fürchten lehrte, ist nun ein weiteres ihrer Werke in deutscher Sprache erschienen, das in einem gänzlich anderen Genre angesiedelt ist und die literarische Wandelbarkeit der französisch-marokkanischen Autorin eindrucksvoll unter Beweis stellt. In "All das zu verlieren", dessen Protagonistin die französische Zeitung Libération zu Recht als „moderne Madame Bovary“ bezeichnete, entwirft Slimani das Psychogramm einer Frau, die ihrem Lebens- und Selbstüberdruss mit aller Macht entfliehen möchte und dabei in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale gerät, deren Irreversibilität ihr nur selten bewusst wird. Obwohl die weibliche Hauptfigur in keiner Weise eine Sympathieträgerin ist, geschweige denn eine Identifikationsfigur, gelingt Slimani ein gewagter Drahtseilakt: Auch wenn man als Leser weder Mitgefühl für die destruktive Protagonistin aufbringen noch ihre Ansichten nachvollziehen kann, offenbart der Blick hinter die Fassade eine zutiefst freud- und beziehungsunfähige Frau, deren große Einsamkeit zutiefst berührt. Und es ist genau diese Erkenntnis, die uns auf menschlicher Ebene zu ihr durchdringen lässt – wenn auch nur in kurzen Augenblicken. Der Inbegriff des Spießertums Oberflächlich betrachtet fehlt Adèle nichts zu ihrem Glück: Sie lebt mit ihrem Mann Richard, einem angesehenen Arzt, und ihrem kleinen Sohn Lucien in einem exklusiven Pariser Stadtviertel und arbeitet als unabhängige Journalistin für eine Tageszeitung. Doch ihre Unzufriedenheit frisst sie auf: Sie hasst es zu arbeiten – lieber würde sie den ganzen Tag chillen und shoppen. Ihr Leben ist für sie der Inbegriff des Spießertums. Und so hat sie denn auch für die Ambitionen ihres Mannes, der von morgens bis abends arbeitet, um ihr ein angemessenes Leben zu ermöglichen, keinerlei Verständnis. Seine Strebsamkeit findet sie verachtenswert. Auch in dem Haus auf dem Land, das ihr Mann kaufen möchte und das ihr gut gefällt, sieht sie sich in ihrer Zukunft nicht. Doch wo liegt ihre Zukunft? Süchtig Adèle fühlt sich vernachlässigt und flüchtet sich in zahlreiche Affären mit den unterschiedlichsten Männern. Dabei ist sie nicht wählerisch und nimmt jeden, der in ihre Reichweite kommt. Doch schon bald werden ihre One-Night-Stands zur Sucht so wie ihr permanenter Wunsch nach Aufmerksamkeit zur Manie wird. Immer öfter, immer schneller, immer brutaler holt sie sich das, was sie braucht. An ihre kleine Familie denkt sie dabei selten. Solange sie im Fokus steht, ist sie glücklich – wenn man dies angesichts ihrer emotionalen Verfassung überhaupt so nennen kann. Doch das trügerische Hochgefühl hält nie lange an. Sobald sie aus dem Bett eines fremden Mannes steigt, ist sie angewidert – von ihrem Lover und von sich. Ihre beginnende Magersucht, die aus ihrem wachsenden Selbstekel resultiert, lässt sich schon bald nicht mehr verheimlichen, doch noch kann sie beruflichen Stress als Ursache dafür angeben. Getrieben Als Adèle eine Affäre mit einem guten Bekannten ihres Mannes beginnt, ist sie sich des Risikos voll bewusst. Sie wird immer paranoider und ist ständig von der Angst getrieben, dass Richard hinter ihr Doppelleben kommt. Wie ein gehetztes Tier ist sie permanent auf der Hut – vor sich selbst und den anderen – und will nicht wahrhaben, dass ihr Leben ihr jeden Tag ein Stück mehr entgleitet. Richard kann sich ihr bizarres Verhalten nicht erklären und verliert immer häufiger die Geduld. Auch ihre gute Freundin Lauren beobachtet Adèles zunehmende Rastlosigkeit und ihren körperlichen Verfall mit großer Sorge. Doch Adèle will von alledem nichts hören – bis schließlich die größtmögliche Katastrophe ihr Leben in Scherben legt… Verstörendes Psychogramm einer Hedonistin In ihrem Roman "All das zu verlieren" zeichnet Leila Slimani das verstörende Porträt einer Frau, deren Sucht ihr Leben dominiert. Sehenden Auges geht sie dabei ihrer Selbstzerstörung entgegen, ohne dabei auch nur im geringsten an die Konsequenzen für sich und ihre Familie zu denken. Die permanente Unzufriedenheit, die ständige Frustration und der tagtägliche Missmut der Antiheldin sind eine Herausforderung für den Leser, denn so sehr man sich auch bemüht, die Beweggründe für ihr irritierendes Verhalten zu eruieren, umso weniger erschließt sich ihre widersprüchliche Natur, da sie schlicht nicht greifbar ist. Slimanis Adèle ist nicht nur, wie bereits oben aufgeführt, eine moderne Madame Bovary. Sie hat auch die tragische Ausstrahlung einer "Belle de Jour", deren Leben zwischen Tagträumen und unkontrolliertem Ausleben ihrer Bedürfnisse zum Scheitern verurteilt ist. Doch man kann Slimanis Roman, der brillant geschrieben ist, auch als Allegorie verstehen: Adèle als Symptom, als Grenzgängerin unserer schnelllebigen Zeit, die sich auf der ständigen Suche nach Beachtung im launenhaften Feelgood-Modus selbst verliert. Als Vergnügungssüchtige, die angeödet von ihrer Zweckehe mit einem Mann, den sie allein des Ansehens wegen geheiratet hat, nur im schnellen Rausch existieren kann. Und nicht zuletzt als leichtfertige, oberflächliche Hasardeurin, die alle Limits überschreitet, um Selbstreflexion zu vermeiden. Es ist kein leicht verdauliches Thema, dem sich Slimani widmet – doch es ist sicherlich eines, das nachdenklich stimmt und aufwühlt. Eines, das die unschönen Auswüchse einer Zeit illuminiert, in der man Alltagsflucht als sinngebend definiert und jeder seine eigene Moral bestimmt. Wohin das führt, lässt sich nicht absehen. Welche Tragödien es hervorbringen kann, zeigt uns die Autorin auf schonungslos reale Weise – jedoch ohne mahnenden Zeigefinger. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist Mahnung genug. Mein Fazit: Ein erstklassig geschriebener Roman – unbedingt lesenswert!

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Nach dem zuletzt erschienen Roman "Dann schlaf auch Du", wurde nun Leïla Slimanis 2014 erschienener Debütroman "All das zu verlieren" aufgelegt, der sich sofort als spannender Text entpuppt, den man gar nicht beiseite legen möchte... Klar ist mittlerweile: Leïla Slimani ist derzeit wohl eine der interessantesten Stimmen und Autorinnen Frankreichs, lang nicht so sensationsheischend wie der mit seinen platten Ergüssen absolut überbewertete Michel Houellbecq, dessen neuestes Werk ich gar nicht mehr zur Hand nehmen wollte. Umso toller liest sich nach "Dann schlaf auch Du" nun auch ihr - endlich auf deutsch erschienenes - Erstlingswerk über die ausschweifende Sexsucht einer vom Leben gelangweilten Frau, unklar ob pathologisch oder nicht. Das ist auch eher nebensächlich. Viel faszinierender die gesellschaftliche Relevanz dieses Romans, dass eine Frau sich die Männer nimmt, wie sie es will. Das ist beeindruckend und stark und nachvollziehbar, dass vor allem chauvinistische Gesellschaften damit ein Problem haben. Die unverblümt klaren und deutlich ausgelebten sexuellen Wünsche der Protagonistin, die eher masochistisch veranlagt ist, werden relativ unemotional, fast schon mechanisch beschrieben, das degradiert die Männer zu Maschinen, zu reinen Objekten. Bisher kannte man derartige Obsessionen nur aus der Schreibe von männlichen Autoren. Gut so, legt Leïla Slimani nach. Offen bleibt, woher diese Sexsucht, diese Besessenheit kommt, offen bleibt in gewisser Art und Weise auch, wie es am Ende damit weitergeht. Das ist auch gut so. Denn es geht nicht nur darum, die Geschichte dieser Frau zu erzählen, sondern um die gesellschaftliche Relevanz des Themas. Was bei Männern offensichtlich ganz ok ist, ist es eben auch heutzutage bei Frauen immer noch nicht. Das hallt lange nach. Und auch diese tiefempfundene Einsamkeit, in der sich diese Frau trotz vermeintlich harmonischer Ehe und (unbefriedigendem) Kinderglück  befindet. Nur Sex gibt Adèle (so heisst die Hauptfigur) - die vom biederen Alltag als Arztgattin eher gelangweilt ist - einen kurzfristigen Kick, mit sexueller Befreiung und/oder Emanzipation hat das aber nichts zu tun. Vielmehr verliert sie sich darin, verliert sich selbst, verliert sich in der Sucht. Keine Rettung in Sicht. Sehr zu empfehlen!

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Adèle lebt mit ihrem Ehemann Richard, einem erfolgreichen Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn Lucien in Paris. Sie arbeitet für eine Pariser Tageszeitung und hat, wie es scheint, ein sorgenfreies Leben. Dennoch ist sie nicht zufrieden. Sie trifft sich mit fremden Männern, hat Sex mit ihnen, kann nicht anders. Nur so kann sie sich spüren, fühlt, dass sie noch am Leben ist. Sie weiß, dass die Gefahr groß ist alles zu verlieren, doch sie geht jedes Risiko ein, um die Leere in sich zu füllen … Slimani hat mit ihrem Roman wieder einmal einen wunden Punkt unserer Gesellschaft getroffen. Sie beschreibt die Zerrissenheit dieser Frau, die in ihrer Kindheit nicht besonders viel Liebe erfahren durfte, und nun mit ihrem vielbeschäftigten Mann und ihrem kleinen Sohn nicht die totale Zufriedenheit erleben kann. Sie sucht den Kick, indem sie sich anderen Männern hingibt. Sie wirft sich ihnen regelrecht an den Hals. Für uns Leser wirkt die Art von Adèle eher abstoßend. Aber man leidet mit ihr, kann teilweise ihr Handeln verstehen und spürt die Zerrissenheit in ihr. Sie hat Angst vor dem Spießbürgerleben. Sie will nicht nur dafür da sein die Kinder zur Schule zu fahren, zum Gitarrenunterricht, zu überlegen was die Kinder essen wollen … Sie ist genervt, auf dem Spielplatz, genervt von der Spießigkeit ihres Mannes, der nichts dem Zufall überlässt. Doch es wird von ihr erwartet zu funktionieren. Sie sollte tun, was von ihr verlangt wird. In ihrem anderen Leben macht sie Männer verrückt. Sie spürt die Lust und das Begehren. Als Richard ihr auf die Schliche kommt, zieht die Familie fort. Er will sie wieder ganz für sich. Eingesperrt, unselbständig, still. „Sie hat keine Arbeit mehr, keine Freunde, kein Geld. Nichts, nur dieses Haus, wo der Winter sie gefangen hält und der Sommer ihr etwas vorgaukelt… wie ein verstörter Vogel, der mit seinem Schnabel gegen die Scheiben stößt, …“ Doch letztendlich wird Richard alleine dastehen, denn keiner lässt sich einsperren, wie ein Vogel im Käfig. Ein Buch, das man nicht mehr weglegen mag. Wie ein Sog hat mich die Autorin durch die Geschichte gezogen. Sehr detailliert beschreibt sie Gefühle und Handeln. Absolute Leseempfehlung. 5 Sterne

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