Leserstimmen zu
Das Reich Gottes

Emmanuel Carrère

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Wie können Menschen an Dinge glauben, die dem Verstand entgegenstehen, das fragt sich Emmanuel Carrère. Er fängt bei seiner Suche bei sich selber an, er war einmal gläubiger Christ. Dann geht er auf historische Spurensuche. Er berichtet über den Revolutionär Paulus und den Intellektuellen Lukas und wie diese damals gewirkt haben. Es ist die Zeit des Römischen Reiches, viele Menschen sind auf Sinnsuche, ähnlich wie wir heute auch wieder. Carrère "konfrontiert den Leser mit den unendlichen Facetten des Glaubens und Nichtglaubens." Persönlicher Eindruck Emmanuel Carrère begibt sich auf eine, teilweise sehr persönliche, Spurensuche zu den Ursprüngen des Christentums. Nicht um Jesus direkt geht es, sondern um die ersten Christen, um diejenigen Menschen, die die Religion gründeten. Teil I - Eine Krise: Der Autor erzählt, dass er eine Dokumentation über Christen machen wollte. Doch es kam ihm selber zu voyeuristisch vor. Nach einiger Zeit fragt er sich, warum er nicht bei demjenigen anfängt, den er gut kennt und der mal gläubig war, nämlich er selbst. Er erzählt, wie er damals zum Glauben fand, welche persönlichen Krisen in seinem Leben ihn zu diesem Schritt geführt haben - und wie er dann allmählich den Glauben verlor. Teil II - IV: Paulus, die Ermittlung, Lukas: Nun folgen wir den historischen Spuren von Paulus (ja, der Saulus-Paulus und Lukas). Der Autor berichtet, in romanhaftem Stil, wie Paulus die frühen Gemeinden gründet und was für die Menschen der Grund war, sich dieser neuen Religion anzuschließen. Dabei schafft es Emmanuel Carrère, dass die damalige Zeit zum Leben erwacht. Es sind nicht nur historische Gestalten - nein, sie erscheinen mir als "normale" Menschen. Dazu trägt sicherlich das Stilmittel des Vergleichs bei, oft überträgt Carrère die Begebenheiten auf eine moderne Situation, so dass ich es leichter nachvollziehen konnte. Als Beispiel - Carrère sagt, dass damals eine gewisse spirituelle Begeisterung von Nichtjuden für die jüdische Religion herrschte (es gibt sogar einen Ausdruck für Nichtjuden, die sich vom Judentum angezogen fühlen: Proselyten). Er vergleicht das mit Yoga, das hier viele Menschen betreiben und die sich dabei vom Original raussuchen, was sie übernehmen, aber nicht alles. SDie Griechen hingen an ihren religiösen Traditionen, opferten ihren Götter, aber das waren nur noch Äußerlichkeiten, in weiten Teilen war die Gesellschaft säkular, glaubte nicht mehr richtig - der Götterglauben hatte keine Kraft. Paulus Botschaft von Christus war neu, brachte frischen Wind - und stieß auf Begeisterung. Der Autor führt das im Buch natürlich noch genauer aus. Und noch etwas ist typisch für Carrère: Er legt auch dar, warum er sich für eine bestimmte Art der Bibelinterpretation entschied, beteiligt den Leser so an der Entstehung des Buches, legt ihm, wie in einem Dokumentarfilm, Zeit und Ort der Entstehung dar. Für mich war es faszinierend zu lesen, wie die Ursprünge der Christenheit im historischen Kontext aussahen. Die Geschehnisse damals werden so dargestellt, dass ich auch emotional verstanden habe, woher das Christentum seine Faszination nahm. Einziger Kritikpunkt ist, dass für mich das Buch etwas zu lang war und da ich mit den Bibeltexten nicht so vertraut bin, fielen mir auch die vielen Namen schwer. Lesen oder nicht? Gut dargestelltes Buch über die Anfänge des Christentums und die Kraft des Glaubens. Für Christen und/oder historisch interessierte Menschen gleichermaßen interessant.

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