Leserstimmen zu
This is not a love song

Jean-Philippe Blondel

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Vincent, Ich-Erzähler dieses Romans, schwant nichts Gutes, als seine Frau Susan sich eine kleine Auszeit wünscht. Eine Woche ganz für sich, während ihre Eltern auf die Kinder aufpassen. Noch weniger begeistert ihn ihr Vorschlag, in der Zeit seine Familie in Frankreich zu besuchen. Doch allmählich freundet er sich mit der Idee an, zumal es seinem Ego gut tun würde, in seiner Heimat mit seiner Laufbahn zum erfolgreichen Unternehmer und glücklichen Familienvater zu prahlen. Gleich am Anfang werden die unterschiedlichen Elternpaare von Susan und Vincent vorgestellt, und man ahnt, dass Familie und Herkunft eine zentrale Rolle spielen werden. Im Gegensatz zu den bisherigen Kurzbesuchen wird Vincent diesmal eine ganze Woche Zeit haben, die Diskrepanz zwischen seiner Jugend in der französischen Provinz und dem derzeitigen erfüllten Leben in London zu spüren. Schon damit baut der Autor eine Spannung auf, denn man hat bereits eine leise Vorahnung, dass Vincent nach dieser Woche nicht mehr der Gleiche sein wird. Ich konnte mich auf vielen Ebenen erstaunlich gut mit der Hauptfigur identifizieren. Mir ist zwar meine Geburtsstadt, die ich mit 19 Jahren verließ, nicht verhasst wie Vincent seine, doch das euphorische Gefühl, in einer anderen Großstadt, wo einen niemand kennt, völlig neu anzufangen, konnte ich gut nachvollziehen. Obwohl der Erzähler keinen Hehl daraus macht, wie arrogant und selbstgefällig er geworden ist und auf den Lebensstil anderer herabsieht, war er mir sympathisch; wahrscheinlich gerade weil er so ehrlich und schonungslos seinen Charakter offenlegt. Durch eingestreute Rückblenden, die schildern, wie er zum Schulversager und Außenseiter wurde und mit seinem besten Freund Étienne kurz vor dem Absturz stand, versteht man langsam, warum er so wurde, wie er heute ist. Blondels Stärke besteht darin, mit wenigen Worten viel auszusagen, zum Beispiel über die enge und doch ambivalente Freundschaft zwischen Vincent und Étienne. Überraschend war nicht nur die Wende in der Geschichte, sondern auch das Verhalten manch einer Figur, die so viel Größe zeigte, dass sie mir Tränen in die Augen trieb. Dieser feine, elegant geschriebene Roman, der um Themen wie Freundschaft, Familie, Zusammenhalt und Schuldgefühle kreist, hat mich schlichtweg umgehauen.

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