Leserstimmen zu
Was alles war

Annette Mingels

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Susa wurde gleich nach ihrer Geburt von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben und gemeinsam mit einer ebenfalls adoptierten Schwester Maike von liebevollen Adoptiveltern großgezogen. Jetzt arbeitet sie als Meeresbiologin und hat gerade Henryk kennengelernt, einen verwitweten Universitätsprofessor mit zwei Töchtern, als sich ihre biologische Mutter Viola bei ihr meldet. Susa trifft sich zwar mit ihr, kann mit der selbstverliebten Weltenbummlerin aber wenig anfangen. Ihre Kindheit war glücklich und sie hat ein ausgezeichnetes Verhältnis zu ihren Eltern, daher hat sie ihre Herkunftsfamilie nie vermisst, sie freut sich aber, ihre zwei Halbbrüder kennenzulernen, die ebenfalls nicht bei Viola aufgewachsen sind. Wenige Jahre später ist Susa mit Henryk verheiratet und versorgt neben den beiden Mädchen Rena und Paula auch das gemeinsame Baby Leve. Zu Viola hält sie losen Kontakt und ihrem Bruder Cosmo fühlt sie sich verbunden. Als Susas Vater an Krebs stirbt, fällt es ihr sehr schwer, mit dem Verlust fertig zu werden, und der Wunsch, ihren biologischen Vater zu suchen, einen Amerikaner, der von ihrer Existenz keine Ahnung hat, wird immer stärker. Im Autorentrailer auf YouTube erzählt Annette Mingels, was die Geschichte mit ihrem eigenen Leben zu tun hat und was für sie eine Familie ausmacht. Meine Meinung: Auf den ersten Seiten war es nicht einfach für mich, in den Roman hineinzufinden. Die Sprache kam mir etwas holprig vor, keine geschliffen formulierten Sätze, stattdessen ein eher notizhafter Stil. Aber schon nach kurzem war die anfängliche Skepsis verschwunden. Annette Mingels erzählt eine Geschichte, die sich auch in der Realität genau so abspielen könnte, in Szenen, die sich jeden Tag dutzende Male genau so wiederholen, und sie findet dafür die richtigen Worte und den richtigen Rhythmus. Es gibt keine großen Dramen und überraschenden Wendungen, nur alltägliche Gespräche, Konflikte, Freuden und Probleme, dazwischen die eine oder andere E-Mail, in der sich Susa mit Viola oder Cosmo austauscht, ohne dass sie einander schockieren oder absichtlich verletzen wollen. Diese Unaufgeregtheit in der Erzählweise hat die Geschichte für mich umso glaubwürdiger und berührender gemacht, und manchmal musste ich das Buch weglegen und tief durchatmen. Trotzdem oder gerade deswegen wünsche ich dem Roman noch viele begeisterte Leserinnen.

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Sehr lesenswert!!

Buchhandlung Bücherwurm

Von: Manuela Mankus aus Nürnberg

21.11.2017

Ein sehr schöner autobiografischer Roman. Es wird nichts beschönigt. Annette Mingels habe ich auf dem diesjährigen Poetenfest entdeckt und war bei ihrer Lesung und auch dem anschließenden Interview sehr begeistert von ihrer offenen Art. Sie schreibt über die Familie so authentisch, als wäre man mittendrin. Jeder, der ebenfalls eine Familie hat, kennt die Sorgen und Nöte, das Zusammenspiel von Nähe und Distanz, die Verletzlichkeit wie auch ihre Belastbarkeit. Sehr schön!

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Susa geht es gut. Sie weiß, dass sie adoptiert wurde und es stört sie kein bisschen. Sie liebt ihre Familie - die Eltern und die Schwester. Und Susa liebt irgendwie auch Henryk, der seit kurzem in ihrem Leben ist. Ihn und dessen zwei kleine Töchter. Dann taucht Susas leibliche Mutter auf und wirbelt was auf. Ergänzt Susas Leben um einen weiteren Faktor, eine Unbekannte, eine neue Mutter mit einer anderen Vergangenheit. Und mit neuen Brüdern für Susa und einem Liebesbrief von Susas leiblichem Vater - der nie was von seiner Tochter erfahren durfte. Einen richtigen Handlungsstrang gibt es nicht, aber den braucht es auch nicht. Wir begleiten Susa in ihrem Jetzt, in ihren Gedanken an ihr Gestern und ein Morgen. Wir sind dabei, wie sich ihre Familie verändert und wie sie die Rolle in der Neuen einnimmt. Wir sehen zu wie eine Familie wächst, an Mitgliedern und neuen Hürden. Wir sind auch dabei, als ein wichtiger Teil beginnt, Abschied zu nehmen und wir erfahren, wie verschieden Abschied schmecken kann. "Was alles war" ist eine Reise, die den Leser unmittelbar in den eigenen Mittelpunkt führt: ins Herz. Mit voller Wucht schmettert uns Annette Mingels lauter leise Sätze entgegen, die - jeder für sich - ein kleines Beben erzeugen. Fazit: Es gab Momente, da musste ich das Buch beiseite legen - und kurz nach Luft schnappen, wenn mir ein einziger Satz mit voller Absicht Tränen in die Augen trieb. Annette Mingels beweist die faszinierende Fähigkeit, feinste Gefühlsregungen einzufangen und sie in Worte zu fassen. Subtil, ohne Drama. Ehrlich und klar. Mit starken Bildern, die den Leser zustimmend nicken lassen. Weil es um etwas geht, das man kennt. Um die eigenen Ängste, Zweifel, Hoffnungen und Ernüchterungen. Die Kraft dieser Geschichte liegt nicht in der Handlung, sondern in allem, was unser Handeln begleitet und bedeutend macht. Ein Buch, das mir ans Herz gewachsen ist - von der ersten Seite bis zur Danksagung.

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„Was alles war“ nicht nur sehr schön und intensiv erzählt, sondern setzt sich auch eindringlich mit dem Thema „Familie“ auseinander. Was uns prägt – Erziehung oder Gene? Die Entscheidungen, die wir treffen? Und die Achtsamkeit, die uns häufig im Alltag fehlt; die Reue, über Ungesagtes. Die Protagonistin Susa, Meeresbiologin, wurde als Baby adoptiert und wuchs bei liebevollen Adoptiveltern auf. Mit Mitte dreißig lernt sie Henryk kennen, der nach dem Tod seiner Frau seine kleinen Töchter allein großzieht. Susa und Henryk verlieben sich und werden eine Familie, die wenige Jahre später durch das gemeinsame Baby Leve ergänzt wird. Zu Beginn des Romans nimmt Susas leibliche Mutter Viola, eine Weltenbummlerin und (Über-) lebenskünstlerin, wieder Kontakt zu Susa auf. Diese ist hin- und hergerissen zwischen Befremdung, durch die narzisstischen Züge der Frau, zu der sie keinerlei mütterliche Bindung verspürt, und der Neugier nach ihren Wurzeln. Viola ist allerdings nur eine Randfigur des Romans, die Susa zum Nachdenken anregt. Das Kennenlernen ihrer unbekannten Brüder, die Suche nach ihrem biologischen Erzeuger, der schmerzhafte Tod ihres geliebten Adoptivvaters und die kriselnde Ehe zwischen Susa und Henryk, die sich in den Spannungen des Alltags gegenseitig zu verlieren drohen – das alles geht unheimlich unter die Haut. All die Fragen, die wir nicht stellen wollen. Die Prioritäten, die wir setzen. Jede Entscheidung für etwas, sagt Susa, ist auch die Entscheidung gegen etwas. Lyrisch meisterhaft schildert Annette Mingels die Zerrissenheit vieler Frauen. Der konstante Spagat zwischen eigenen Bedürfnissen und denen der Partner oder Kinder, Kind und Karriere – schließt das eine realistisch das andere aus? Hetzen wir zu sehr durch unseren Alltag? Und das große Thema Patchwork. Können wir nicht-leibliche Kinder ebenso lieben wie unsere biologischen? Wie wichtig ist der Kontakt zu biologischen Halbgeschwistern? Sind das fremde Menschen – oder verbindet das Blut quasi instinktiv? Ich habe den Roman als absolute Bereicherung empfunden und lege ihn jedem ans Herz, der sich für das Thema Familie interessiert.

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Susa lernt als Erwachsene ihre leibliche Mutter Viola kennen. Sie wusste, dass sie adoptiert ist und findet wenig Bezug zu dieser theatralischen Person. Sofort verbunden fühlt sie sich dagegen zu ihrem Bruder Cosmo. Doch als ihr Adoptivvater erkrankt droht die Leerstelle um den fehlenden leiblichen Elternteil Susa zu erdrücken. Sie, die selbst Stiefmutter ist und gerade ein leibliches Kind bekommen hat. Wer ist sie eigentlich und zu was ist sie fähig? Susa ist auf den ersten Blick ein einfacher Charakter. Stimmig, mit beiden Füßen auf dem Boden, nicht stürmisch, sondern Wissenschaftlerin. Ganz anders als ihre quirlige Mutter, die jede Verantwortung, jede feste Bindung immer wieder im Keim erstickt hat. Doch sie wankt leicht, diese feste Protagonistin. Bei ihrem Bruder, zu dem sie eine tiefe Verbindung spürt, bei ihrem Sohn, den sie mehr liebt, als sie es ertragen kann, bei ihrem Mann, hinter dem sie nicht zurückbleiben will. Im Grunde ist sie gefangen in der Zwickmühle jeder berufstätigen Mutter. Bin ich genug? Das wäre alles auch ohne fehlenden Vater Grund für einen Zusammenbruch. Susa droht am Alltag zu zerschellen, an den Vorstellungen, die sie von sich und ihrem Leben hat. Vor allem aber am Leben selbst, das immer wieder erstaunt und erschreckt. Verlust und Angst vor Verlust liegen direkt neben dem euphorischen Gefühl des Glücks. Im Grunde ist es diese Lebenspanik, die Susas Krise auslöst. Objekt der Selbstsuche wird der Vater. Was alles war beleuchtet eindringlich die Frage, wie Herkunft, Elternschaft und Identität zu bewerten sind. Wie sie in komplexen Verbindungen miteinander russisches Roulette spielen. Und obwohl Susa ihren Vater sucht, ist es ihre Mutter, vor der sie wegläuft. Alles, was Viola für Susa symbolisiert schleicht sich immer wieder an sie heran. Ist sie dieser Frau wirklich so unähnlich? Regelrecht komponiert ist diese Identitätskrise, die als Metapher für das sein kann, was jeder Frau entgegengestellt wird. Zwei Extreme, die es zu erfüllen gilt und die mit der ruhigen Adoptivmutter ihren zweiten Pol bekommen. Vielleicht wird unter diesem Gesichtspunkt auch der Titel programmatisch. Was alles war beeinflusst immer, was ist und darf doch kein Grund sein, den eigenen Weg zu finden. Über Jahre folgt der Roman Susa dabei, eine Familie aufzubauen und sich selbst immer wieder von dieser Figur zu entfremden, die sie am Anfang war. Identität ist nichts Festes, sie verändert sich. Diese Veränderung löst die Krise aus, denn Susas neues Ich wird ihr so fremd, dass der Roman zwischenzeitlich von der Ich-Erzählerin auf eine personale Form wechselt. In Was alles war geht es nicht um die Frage, was Familie ist und wie wir sie leben, sondern auch um die Rolle der Mutter darin, der Frau in einem Leben mit Mann, Kindern, Eltern und Beruf. Und das geht der Roman schonungslos und ehrlich an, voller Selbstlügen und Ängsten, dass Koppschütteln und trauriges Nicken ineinander übergehen. Ein so wichtiges Buch, in dem mehr schlummert, als der erste Blick verrät.

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Allein das Eingangszitat von Margaret Atwood gefällt mir: Wenn man sich mitten in einer Geschichte befindet, ist es keine Geschichte, sondern nur eine große Verwirrung...ein Durcheinander aus zerbrochenem Glas...Erst hinterher wird daraus eine Geschichte. Das ist für den Roman perfekt gewählt, wie ein Schild an der Eingangstür. Die Struktur liefern die Kapitel, die sich in fünf Akte gliedern: „Anfangen, Lieben, Verlieren, Weitermachen und Finden“. Ein Roman über Adoption und die verschiedenen modernen Formen des heutigen Familienlebens. Die Hauptfigur Susa wurde (wie die Autorin Annette Mingels) selbst adoptiert. Als Meeresbiologin betreibt Susa Wurmforschung, was wie eine Metapher für das Wühlen in der eigenen Familiengeschichte steht. Überhaupt die Metaphern in dem Roman gefallen mir, da ist die Icherzählerin mal sichtbar wie ein Fisch im Aquarium, als sie von einem Mann durch das Fenster beim Ausziehen beobachtet wird. Anfangs wird Susa noch nicht selber aktiv, sondern ihre Mutter meldet sich mit einem Brief und möchte sie treffen. Mit zehn erfuhr sie, dass ihre liebenden, fürsorglichen Eltern nicht ihre richtigen Eltern sind und als sie das nun ihrer eher verkorksten leiblichen Mutter erzählt, fühlt sie sich wie bei einer Prüfung. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Was sie erfährt, lässt sie nicht los, sie forscht selbst nach ihren Brüdern und nach ihrem Vater, hat in ihrem bisherigen Leben zugleich aber auch Schicksalsschläge zu verdauen. Der Leser erlebt nicht nur ihre Familiensuche mit, sondern auch die der anderen Figuren. Jeder hat seine Geheimnisse und zusammen ergeben sie ein buntes Puzzle, der zu diesem besonderen Familienroman führt.

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Eine emotionale Geschichte vom Kreislauf des Lebens, vom Werden und Vergehen, vom Kommen und Verabschieden, von Liebe und Abneigung, vom Schweigen und Verschweigen und von Fragen, die unbeantwortet bleiben. Eine Geschichte, die davon erzählt, dass Besitzen lebensfeindlich und Loslassen lebensbejahend sein kann. Und dann die Frage, warum bekommt man ein Kind und gibt es weg, auch das zweite, das dritte, das vierte??? Und keine wirkliche Antwort. Es erzählt von den Widrigkeiten des Alltags, dass man immer mehr möchte, als möglich scheint. Ein Metapher: Sie sitzen in einem Boot, sie sind (noch) über Wasser. Aber das Boot schaukelt, es fehlt nicht viel und es kentert. Kommt da ein Unwetter auf? Sieht sie das nur? Sieht er das nicht? Ist das Unwetter in ihr, oder am Ende gar nicht da? Wird sie langsam verrückt? Sie weiß nicht, was sie eigentlich will. Vielleicht eine Pause vom Leben? Ja, wenn das so einfach wäre. Die Protagonistin Susa fühlt sich zersplittert. Wie soll sie all diese Stücke wieder zusammensetzen? Und was, wenn ein Stück fehlt. Wie soll sie es suchen? Wäre es so schlimm, wenn es eine Lücke gäbe? Eigentlich sind doch alle nicht wirklich vollständig. Eine Lücke ist der ihr unbekannter Vater, der leibliche. Soll sie ihn suchen, den, der gar nicht weiß, dass es sie gibt? Doch sie denkt, die Suche ist wichtig, man muss doch eine Sache zu Ende bringen. Doch jede Entscheidung für etwas ist auch eine Entscheidung gegen etwas. So ist es nun mal. Mein Fazit: Ein schönes Buch, mit einer klaren, flüssigen Schreibweise. Spannend geschrieben, manchmal atemlos und ab und zu mit poetischen Passagen.

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Susa wurde als Kind adoptiert und wächst bei liebevollen Eltern auf, wählt eine akademische Karriere als Meeresbiologin und studiert das Leben von Wattwürmern. Eines Tages erhält sie einen Brief von ihrer biologischen Mutter, die sie gerne kennenlernen würde. Sie treffen sich und bald darauf lernt Susa auch noch ihre biologischen Brüder kennen. Besonders zum älteren Cosmo fühlt sie sich hingezogen. In etwa zur selben Zeit lernt sie den Witwer Henryk und seine beiden Töchter kennen. Sie kommen sich nahe, verlieben sich, heiraten und Susa wird zur Ersatzmutter für die beiden Mädchen. Als sie selber schwanger wird und der kleine Leve zur Welt kommt, verändern sich nicht nur Susas Prioritäten sondern auch die Dynamik innerhalb der Familie. Alle bisherigen Selbstverständlichkeiten werden infrage gestellt: Wessen Karriere hat Vorrang, soll Susa wegen des Babys kürzer treten, wer sagt seine Vorlesungen ab, wenn der Kleine Fieber hat oder schlecht schläft? Susa weiss nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, nur dass sie sich alles ganz anders vorgestellt hat. Eine Reise in die USA zu ihrem biologischen Vater soll Klarheit bringen. „Was alles war“ erzählt vom Alltag, wie ihn viele von uns selber erleben oder erlebt haben: Frau und Mann sind beide berufstätig und ihre berufliche Zukunft ist einigermassen klar. Sie verlieben sich, ziehen zusammen, teilen sich Erwerbsarbeit und Haushalt fair und gleichberechtigt. Sie gründen eine Familie und danach bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Die heutige Arbeitswelt – auch die der Universitäten – erlaubt nach wie vor kein wirklich gleichberechtigtes Familienleben und stürzt die Menschen täglich in innere Konflikte, wenn sie versuchen müssen, sich den Umständen anzupassen ohne sich selber dabei zu verleugnen oder zu verlieren. Weil die Autorin das Thema von der „Adoptions-Seite“ her angeht, entfallen für einmal die ganzen biologistischen Erklärungen und das Augenmerk liegt auf den Beziehungen innerhalb der Familie und zwischen der Familie und der (akademischen) Arbeitswelt. Annette Mingels Schreibstil – so ganz ohne Anführungs- und Schlusszeichen – fand ich zu Beginn gewöhnungsbedürftig, als ich dann aber in der Geschichte drin war, zog mich das hohe Tempo mit. Mingels erzählt szenisch, dazwischen gibt es kaum Überleitungen und wie die Zeit vergeht (von Anfang des Buches bis zu seinem Ende sind es etwa vier Jahre), erfährt man eher so am Rande. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen.

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