Leserstimmen zu
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Gabriele Tergit

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Faszinierend aktuell ist noch heute der Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" von Gabriele Tergit, der jetzt im Oktober beim btb-Verlag als Taschenbuch erschien. Doch stammt der gesellschaftskritische Bestseller der bekannten Berliner Journalistin und ersten deutschen Gerichtsreporterin schon aus 1931, wurde erst 1975 wiederentdeckt und seitdem alle paar Jahre neu aufgelegt. In ihrer Satire beschreibt Gabriele Tergit äußerst facettenreich und detailgenau das Leben und Treiben im Berlin des Jahres 1929. Es geht um die wachsende Macht der Medien und die zerstörerische Macht des Geldes mit gleichzeitigem Niedergang von Ehre und Moral, Anstand und Bildung. Aus Mangel an interessanten Meldungen veröffentlicht Redakteur Gohlisch in der Berliner Rundschau einen Artikel über einen eigentlich talentlosen Varieté-Künstler namens Käsebier. Andere Zeitungen stürzen sich aufs Thema und pushen Käsebier schnell zum Superstar hoch. Sofort greift das Merchandising: Es gibt Käsebier-Gummipuppen, Käsebier-Staubtücher, Käsebier-Zigaretten, Käsebier-Schuhe und mehr. Käsebier singt auf Schallplatte, es folgt ein UFA-Film und sogar ein Singspiel. Alle Branchen wollen teilhaben an Käsebiers Erfolg. Doch nicht Käsebier ist die Hauptperson in Tergits Roman, sondern die auf dem Vulkan tanzende Berliner Gesellschaft kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und der nachfolgenden Nazi-Herrschaft. Es ist das letzte Jahr der angeblich so Goldenen Zwanziger. „Geist? Wer will Geist? Tempo, Schlagzeile, das wollen die Leute. Amüsement, jeden Tag eine andere Sensation, groß aufgemacht", stellt Redakteur Gohlisch fest. In kurzen Sätzen und noch kürzeren, oft Gedanken überspringenden Dialogen zeigt Tergit die Schnelllebigkeit, die Suche nach Sensationen, zugleich aber oft geistlose Oberflächlichkeit des alt- und neureichen Berliner Großbürgertums bei Hausgesellschaften und Premieren. Bankier Muschler steht kurz vor der Pleite, aber mit Frau Gemahlin fährt er - der Schein muss gewahrt bleiben - wieder nach Cannes, wozu er Kundengelder verurtreut. Muschler und der korrupte Bauunternehmer Otto Mitte ("Ein bißchen korrupte Genialität ist besser als korrekte Unfähigkeit.“) wollen ihr Stück vom Käsebier-Hype und bauen am Kurfürstendamm einen Komplex mit Theater, Läden und überteuerten Wohnungen. Doch Käsebiers künstlich geschaffener Stern sinkt, der Superstar erweist sich als Luftnummer. Die Käsebier-Gummipuppe wird von der Gummi-Mickeymaus abgelöst. Die Weltwirtschaftskrise gibt den Rest. Die Unternehmer retten ihr Vermögen ("Es war eben viel bequemer, mit Schulden in die Schweiz zu ziehen als zu verarmen."), die Mittelschicht und die Kleinen verlieren es. Es kommt zu Zwangsversteigerungen: Berlin wird verramscht. "Hat nichts Bestand? Ist alles Mist, was wir gemacht haben?" fragt sich Geheimratstochter Kohler. Redakteur Gohlisch verkürzt folgerichtig seinen jahrelang gebrauchten Standardgruß "Heil und Sieg und fette Beute!" zeitentsprechend in „Heil und Sieg!" und ergänzt "Fette Beute gibt’s nicht mehr.“ Es ist überraschend und zugleich beängstigend, wie aktuell Tergits Roman noch heute ist. An vielen Stellen gefriert einem das Lachen im Gesicht. Die Zeiten ändern sich, wir Menschen anscheinend nicht. Ich kann diesen Roman unbedingt empfehlen!

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Ein Hype, Merchandising, eine Blase … von den Machenschaften in der Zeitungsbranche, Pfusch am Bau, schnelles Geld auf Kosten anderer, davon und von noch viel mehr handelt das Buch von Gabriele Tergit: „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. In atemloser Sprache, so schnell geschrieben wie gesprochen – meist sind es Dialoge oder die Schilderung der Ereignisse im Telegrammstil. Berliner Schnauze wechselt ab mit dem dünkelhaften Getue der High Society. Der Plot ist so einfach wie verblüffend. Aus Verlegenheit, unbedingt auf der ersten Seite einer Berliner Tageszeitung einen Aufhänger zu bringen, wird über einen stümperhaft singenden Schlagersänger – mit Namen Käsebier – berichtet, als wäre es Caruso persönlich. Eine Welle der Werbung, der Vermarktung bis hin zum Bau eines eigenen Theaters für Käsebier am Kurfürstendamm, wird losgetreten. Das Gemauschel, die Absprachen, die Profiteure, man kann es sich lebhaft vorstellen. So läuft es ab hinter den Kulissen der Macht und der Kommunalpolitik. Man denke nur an den neuen Berliner Flughafen und andere verpfuschten Projekte der letzten Zeit. Aber – die ganze Chose spielt 1929 folgende, geschrieben von einer jungen Gerichtsreporterin, veröffentlicht 1931! Nicht zu fassen, wie aktuell dieser alte Roman ist. Ein Leckerbissen auch für Kulturhistoriker und alle, die gerne lebendig über vergangene Epochen lesen. Hier wird ein pulsierendes Berlin am Ende der „roaring twenties“ geschildert, das ich noch nie so plastisch woanders gefunden habe. Alles ist eben aus erster Hand! Dem Schöffling-Verlag ist es zu verdanken, dass der Roman, der zu seiner Zeit sehr erfolgreich war, in den 50iger Jahren aber ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwand, wieder ans Licht gehoben wurde. Unbedingt lesenswert, sehr unterhaltsam und nachdenklich machend. Leben wir in ähnlichen Zeiten?

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