Leserstimmen zu
Ein Winter in Istanbul

Angelika Overath

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Auf der Suche nach dem alten Byzanz

Von: Uljana Brunzema aus Bonn

09.02.2019

Ein Winter in Istanbul – auf der Suche nach dem alten Byzanz Ein ungewöhnliches und tiefschichtiges Buch ist Angelika Overath mit „Ein Winter in Istanbul“ gelungen. Ungewöhnlich ist die Geschichte des Schweizer Lehrers aus dem Engadin, der in Köln studiert hat, und sich dann im Rahmen eines Stipendiums auf den Spuren des Heiligen Nikolaus von Kues in einen türkischen Kellner verliebt. Einen Winter lang forscht Cla, der Protagonist, über den Dialog der Religionen, die Möglichkeiten einer Vereinbarkeit der antiken Kulturen, des Osmanischen Reiches und die Glaubensmystik des Heiligen Nikolaus. Diese Forschung ist eng verwoben mit der persönlichen Geschichte der Hauptfigur. Cla ist fast verlobt in der Schweiz, in Istanbul erfährt er von seiner Freundin von deren Schwangerschaft und damit seiner Vaterschaft. Zeitgleich hat er sich, vom Strom der Stadt am Bosporus getrieben, in einen Mann verliebt. Immer wieder geht es um die Lüge. Was ist Lüge? Ist es bereits Lüge zum Zwecke der persönlichen Bewusstwerdung diese Forschungszeit im Ausland zu nehmen? Wie ist die Lüge der Freundin einzuordnen, die ihm – nachdem sie seine geschockte und nicht erfreute Reaktion auf die Schwangerschaft erlebt – kurz darauf von ihrem Abort erzählt? Welche Lügen sind legitim, mit welchen macht man sich schuldig? So wie wir Angelika Overath schon aus früheren Romanen kennen, beschreibt sie hier Menschen und Situationen mit einer unglaublichen filigranen und bildlichen Feinheit, die an feine Federtuschezeichnungen erinnert. Die Freundin Alva wird vor dem Hintergrund der Schweizer Landschaft dargestellt, wir sehen sie förmlich vor den gleißenden Bergen und dem blauen Himmel des Engadins vor uns. Und der Spielort der Stadt Istanbul ist ganz sicher symbolisch. Die anatolische und die eurasische Erdplatte stoßen hier aufeinander und die Reibung verursacht immer wieder große Erdbeben. Genauso stoßen die beiden Liebes-Ausrichtungen des Protagonisten hier plötzlich aufeinander, schütteln ihn wie ein Erdbeben, er weiß nicht mehr wes Kind er ist. Seine innere Geologie gerät ins Schwanken, er wird von einer anderen Anziehungsmacht erobert als es in seinem bisherigen Leben der Fall war. Der Heilige Cusanus hatte vor 600 Jahren vor dem Fall Konstantinopels über den Koran und die Christliche Religion geforscht und versucht eine mystische Synthese zwischen Rom und Byzanz zu finden. „Gott lobte sich in der unerschöpflichen Varianz seiner Schöpfung“ heißt es in dem Roman. Und entsprechend versucht Cla, der Engadiner Lehrer, seine zwei und mehr Seelen in seiner Brust zu vereinen, einen Balance zu finden. Im Verlauf des Romans gelingt es beiden Partnern, Cla und Alva, ihre zunächst unklaren Gefühle immer deutlicher in Worte zu fassen. Erst über die Notlüge des Aborts gelangt Alva an die wahren und unabhängigen Gefühle ihres Partners. Und sehr berührend ist die Wende am Ende der Geschichte: beide begegnen sich noch einmal in Istanbul, als Getrennte, aber Versöhnte und Bemühte, unabhängig von Schuld und Verpflichtung, als zwei unabhängige Menschen, die ihre Wege weitergehen ohne sich aus den Augen zu verlieren. Ein unglaublich freies Ende, als ob ein Horizont sich öffnet, ähnlich wie in der Mystik des Nikolaus. Cla wehrt sich nicht mehr gegen seine nahende Vaterschaft, Freude erfasst ihn, Alva wird ihr eigenes Leben leben und verschwindet am Ende in der Menge am Anlegesteg. Eine Utopie, eine Illusion oder eine Provokation? Dieser Roman über die Liebe wird insbesondere jeden packen, der die zarte Sprache von Angelika Overath genießen kann und doppelt jene, die die faszinierende Stadt Istanbul kennen.

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Cla, ein Gymnasiallehrer aus den Bündner Bergen, verbringt einen Winter in Istanbul, um über einen von ihm verehrten spätmittelalterlichen Gelehrten zu recherchieren.Er lernt Baran kennen, einen türkisch-griechischen Kellner, Reiseleiter und Übersetzer. Die beiden verlieben sich. Die Situation wird kompliziert, als Clas so-gut-wie-Verlobte Alva zu Besuch kommt. In einem zweiten Erzählstrang, wird von der Reise des Gelehrten Nikolaus von Kues von Istanbul nach Venedig erzählt, die dieser zusammen mit dem byzantinischen Kaiser und dem Patriarchen von Konstantinopel im 15. Jahrhundert unternommen hat, um sie zu Verhandlungen nach Europa zu geleiten. Der Roman ist sehr poetisch geschrieben. Im Kleinen und im Grossen geht es um die Themen Glaube und Religion, Erkenntnis und Wissen, Vergangenheit und Gegenwart, Verbindendes und Trennendes. Der Schauplatz der Handlung sowie die Herkunft und Hintergründe der Protagonisten erlauben interessante Durch- und Einblicke in die verschiedenen Kulturen, Ansichten und Überzeugungen. Symbolik durchdringt den Roman und hält ihn zusammen. Die drei Protagonisten werden durch die drei trennenden und verbindenden Wasserstrassen in Istanbul voneinander getrennt und miteinander verbunden. Mich hat der Roman von Angelika Overath in Form und Inhalt überzeugt. Die Geschichte von Cla, Baran und Alva ist meisterhaft erzählt unterhaltsam und mit überraschenden Wendungen gewürzt. Sie ist raffiniert mit der Erzählung aus der Zeit kurz vor dem Fall von Konstantinopel, als Nikolaus von Kues gelebt hat, verwebt, so dass ein insgesamt stimmiges, vielschichtiges Bild entsteht.

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