Leserstimmen zu
Born to Run

Bruce Springsteen

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Mit Rock n Roll ist das so eine Geschichte, wenn man einmal damit infiziert wird, lässt er einen auch nicht mehr so schnell wieder los. Ich bin dieser Musik eigentlich schon mein ganzes Leben verfallen. Angefangen hat es etwa im zarten Alter von 9 Jahren, ich kann mich noch genau erinnern, als mein Onkel mir die ersten MC Kassetten schenkte. Ich und meine Schwester verbrachten damals Stunden damit mit ihm in seinem senfgelben VW Golf II herumzufahren und Rolling Stones, Bryan Adams und Bruce Springsteen zu horchen. Es sind für mich schöne Erinnerungen an vergangene Sommertage, Erinnerungen an eine einfache, glückliche Kindheit ohne Internet und Mobiltelefonen. Man verbrachte die Zeit draussen und wir fuhren eben herum und horchten Rock Musik, obwohl wir noch Kinder waren und nichts davon verstanden. Diese Tage haben aber vielleicht den Weg geebnet für eine lange Verbundenheit zu dieser Musik. Als Bruce Springsteens bekanntestes Album "Born in the USA" rauskam, war ich noch nicht einmal auf der Welt! Dennoch verbinde ich mit seinen Songs Erinnerungen an meinen Onkel und an die Anfänge der 90er Jahre. Mein Onkel lebt mittlerweile in Kanada und es sind bestimmt schon über 8 Jahre her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Als ich dann um die Weihnachtszeit die Autobiagraphie von Bruce in den Auslagen sah, musste ich das Buch einfach lesen. Die vielen guten Rezensionen im Internet machten es außerdem noch schmackhafter. Also ging ich in die nächste Buchhandlung, setzte mich in einen der freien Couchsesseln und las die ersten zwei Kapiteln und konnte mich nicht mehr von diesem Buch trennen. Leider kam dann der Uni Stress und die Prüfungszeit, sodass ich keine Zeit zum Lesen hatte und etwas länger für das Buch brauchte. Bisweilen hat mich kein Buch so gerührt, dass ich nach dem Lesen der letzten Seite heulen musste, weil es entweder so traurig oder so schön war. Mr. Bruce Springsteen hat es geschafft! Warum dieses Buch nicht nur etwas für Fans ist, erfährt ihr in den nächsten Zeilen, aber vorher noch kurz etwas über den Mann, der es geschrieben hat! Bruce Springsteen ist bestimmt kein Musiker, mit dem man seine Eltern als Teenager schockiert oder der aufgrund von einem skandalösen Leben oder Aussehen für Furore sorgt. Man wird weil man seine Musik hört keine große Aufmerksamkeit bekommen. Dennoch gehört er zu den ganz Großen und wurde auch in die Hall of Fame des Rock aufgenommen. Das, was seine Musik ausmacht, ist die minimalistische Art und Weise, wie er tiefgründige Songtexte vertont! Wer sich schon einmal einen Songtext von ihm gelesen hat, wird merken, dass Bruce eine detailreiche Sprache und Poetizität in seine Texte packt. Dabei beschäftigt er sich vor allem mit der Arbeiterklasse, derer ja seine Familie angehörte und in der er auch aufgewachsen ist. Ein Ideal der 50er Jahre und der Industriealisierung. Heutzutage gibt es irgendwie keine wirkliche Arbeiterklasse mehr, naja zumindest nicht mehr in dieser Art und Weise. Aber auch andere politische und gesellschaftlich kulturelle Ereignisse inspirierten Bruce zu dem ein oder anderen Songtext. Er ist der einfache Typ, der mit ausgeblichenen Jeansklamotten, Gitarre und Band auf der Bühne steht und für sein Publikum 3h!! Konzerte gibt, weil er einfach Spaß an der Rockmusik hat und weil er liebt, was er tut! In seinem Buch "Born to Run" begegnen wir genau diesem Typen, der total am Boden geblieben ist und uns etwas über sein Leben erzählt und das ist dann zufälligerweise das Leben eines Rockstars. Starallüren wird man aber auf keiner einzigen Seiten finden, es könnte irgendein x-beliebiger sein, der aus seinem Leben erzählt. Bruce führt uns durch seine Kindheit in Jersey, erzählt von Außenseiter-Typen, denen er ja selber angehörte und nimmt uns mit in die Anfänge seiner Rockmusik-Zeit. Er schwärmt über Bands, wie es auch andere Teenager tun und wird von Elvis und Bob Dylan beflügelt selbst eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Dabei spielen immer wieder politische und kulturelle Zeitgeschehen eine Rolle, auf die er dann auch eingeht, weil sie das tägliche Leben beeinflussten. Bis zu seinem ersten großen Hit und seiner ersten gut bezahlten Gage (die er nicht mal wirklich mitbekommt) soll es noch ein langer und steiniger Weg durch verschiedene Underground-Pubs werden. Er trampt von Jersey nach LA und wieder zurück in die Straßen seiner Kindheit, in das Arbeiterviertel, wo seine Eltern leben und wir Leser erfahren, was ihn zu diesem oder jenem Song inspirierte und wie diese entstanden sind. "Meine Musik ist immer die eines Menschen gewesen, der seinen Platz in der Welt sucht, der wissen will, wohin sein Herz und sein Verstand gehören. Ich male mir ein anderes Leben aus und probiere es aus wie ein Kostüm. Ich versetze mich in eine andere Person, wandere mit ihr die sonnigen oder düsteren Straßen ihres Lebens entlang [...] so bin ich unterwegs mit einem Fuß im Licht, mit dem anderen im Schatten, und jeder Tag ist eine andere Herausforderung" Dabei sind wir mittendrin in seinen Gedanken, die sich um die Menschen und das Leben auf dieser Welt drehen. Das ganze wird, obwohl Bruce schon seit seiner Teenager-Zeit unter Depressionen leidet, mit so einem lodernden Feuer erzählt, so voller Lebensfreude, dass es richtig anstecked ist. Mich hat dieses Buch mit all seiner Tiefgründigkeit zu Tränen gerührt und hätte es nicht fast 700 Seiten, würde ich es glatt nochmals lesen! Für alle, die noch kein einziges Lied von Bruce Springsteen gehört haben, empfehle ich folgende Anspieltipps: 1) Atlantic City 2) Human Touch 3) Paradise 4) The Ghost of Tom Joad 5) Born to Run Fazit: Das erste Buch, das mich zum Heulen gebracht hat, einfach weil es so schön geschrieben ist. Egal, ob man Mr. Springsteen mag oder nicht, ich empfehle es auf jeden Fall weiter, weil es eine Geschichte erzählt von jemandem, der in der Zeit zwischen 1950 und 1980 aufgewachsen ist und der sehr gut und tiefgründig über die Welt und das Leben nachgedacht hat!

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In den späten 80ern war ich Bruce-Springsteen-Fan. Schallplatten, Konzertbesucher. Ab und zu ein Artikel über "The Boss" in der Presse - das war alles, womit die Fans ihre Sehnsüchte stillen konnten. Irgendwann trat bei mir eine andere Musik in den Vordergrund und "Bruce Springsteen and The E Street Band" gerieten (fast) in Vergessenheit. Dann - im Herbst 2016 erfuhr ich von der Veröffentlichung seiner Autobiografie und war wie elektrisiert. Da war es wieder: ein altes Gefühl bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche. Schwer zu beschreiben. Eine Mischung aus Sehnsucht, Trauer, Unruhe. Das Buch musste ich haben und der "Wow-Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Was für ein Buch! Springsteen weiß den Leser zu packen und beeindruckt mit einem flüssigen aber nie oberflächlich werdenden Stil. Hat jemals ein Musiker, der noch "dick im Geschäft" ist, seine Leser so nah an sich rangelassen? Ein Buch, das den Leser an die Hand nimmt: hier schau mal - so war es. Das Bild von Bruce Springsteen war bei mir nach dem Lesen ein anderes. Im Buch wird die Authentizität spürbar und das hat mich beeindruckt - nachhaltig.

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Ein wahres Leben Es gibt Künstler, deren Kunst ich absolut bewundere, die ich für großartig, talentiert und wichtig halte. Aber sie lassen mich kalt. Und dann gibt es die, die etwas mit mir machen. Wenn Benedict Cumberbatch spricht, dann geht es mir durch Mark und Bein. Wenn ich die Sätze von Sarah Kirsch lese, dann fliege ich ganz weit weg. Und wenn Bruce Springsteen singt, dann steigen mir die Tränen in die Augen. Mein Lieblingstränenlied: I’m on Fire. Warum mich Bruce Springsteen zum Weinen bringt? Wirklich wissen tu ich es nicht. Will ich auch nicht. Schließlich ist es ein Gefühl. Aber es hat etwas mit seiner Stimme zu tun, die nach Sehnsucht, nach Autofahren bei Nacht und großer Freiheit klingt. Ausnahmsweise Eigentlich lese ich keine Star-Biographien. Entweder interessiert es mich einfach nicht, was Mr. X oder Mrs. Y zum Leben auf dem roten Teppich zu sagen hat, oder irgendein Ghostwriter hat sie verfasst und hübscht den steilen Weg nach oben mit netten Plattitüden auf. Ja, und allermeistens gibt es über beziehungsweise von den Künstlern, die mich interessieren, überhaupt keine Bücher. Dass mir Bruce Springsteens Autobiographie in die Quere kam, habe ich auch nur Thees Uhlmann zu verdanken. Nicht dass wir uns persönlich kennen würden. Allerdings ist er Springsteens deutsche Stimme und hat Born to Run als Hörbuch eingelesen. Als Heike und ich im letzten Oktober auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs waren, saß Thees Uhlmann da im Innenhof der Messe, hat vorgelesen und da hat es mich gepackt. Das lag zum einen daran, dass auch Herr Uhlmann eine schöne Stimme hat, vor allem aber daran, WIE Bruce Springsteen über sein Leben schreibt. Nämlich so: Dreckig, witzig, traurig, fröhlich, depressiv, hoffnungsvoll, nostalgisch, laut, leise, arrogant, bescheiden – so wie das Leben und so wie die Menschen nun mal sind. Ich habe selten etwas so Ehrliches gelesen. Ich will jetzt eigentlich nicht mit dem alten, abgegriffenen Lappen namens Authentizität kommen. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig. Born to Run – Vorsicht, es kommt! – ist radikal authentisch. Und zwar so authentisch, dass man Mister Springsteen nicht nur als Künstler, sondern als Menschen begreift. Und der ist nicht immer sympathisch. Und gerade das macht ihn und sein Buch so sympathisch. Er ist einer, der immer „The Boss“ sein will, wenn es um seine Platten geht, ein selbsternannter Korinthenkacker mit Stock im Arsch ist, in Sachen Liebe einen kaum zu bremsenden Fluchtreflex spürt und der auch heute noch – mit fast 70 – mit den Dämonen seiner Kindheit und mit schweren Depressionen kämpft. Die hat er wohl seinem Vater zu verdanken und von ihm geerbt. Die missratene Beziehung zu ihm prägt wie nichts sonst sein Leben. Kaum 1000 Worte, erzählt er uns, habe sein Vater mit ihm gesprochen, bis er volljährig war. Stattdessen: aggressives Schweigen, konsequente Abwesenheit, viel Alkohol und chronische Unzufriedenheit. Flucht und Familie Das Tolle: Bruce Springsteen hasst seinen Vater nicht, er führt ihn niemals vor. Er erzählt uns, warum er war, wie er war, wie er so geworden ist. Und warum seine Mutter zeitlebens zu ihm gehalten hat, aber auch immer zu Bruce und seinen Schwestern. Springsteen schreibt ungeheuer detailliert und liebevoll von seiner Familie, die größtenteils aus Schizophrenen und anderweitig Verrückten zu bestehen scheint. Sich selbst nimmt er da nicht aus. Vielleicht waren es auch genau diese Gene, die ihn zum Durchhalten, zum Kämpfen befähigt und ihn von Freehold, New Jersey auf die großen Bühnen der Welt gebracht haben. Musiker und solche, die es werden wollen, interessieren sich dafür vielleicht am meisten. Wie wird man zum Star, auf welcher Gitarre spielt Bruce, wie komponiert er seine Songs, wie ist das Tourleben und wie kam er eigentlich auf „Born in the USA“? Das liest sich zwar überraschend interessant, was ich aber viel spannender fand, war die Geschichte seines Lebens. Dreams are my reality Wie man die eine Hälfte seines Lebens einem Traum nachjagt und die andere Hälfte davon versucht, mit der Erfüllung des Traums klarzukommen. Und wie man das Traumbild, das man von sich selbst hat, mit dem realen in Einklang bringt. Was passiert, wenn man immer geglaubt hat, man wäre geboren, um zu fliehen und zu rennen – Born to Run eben – und dann begreift, dass man sich vielleicht immer nur nach einem sicheren Zuhause gesehnt hat? "Unterm Strich war ich schlicht ein Kerl, der sich in seiner eigenen Haut nicht sonderlich wohlfühlte, egal was das für eine Haut war. Schon die Vorstellung eines Zuhauses löste in mir – wie das meiste andere auch – Misstrauen und ein Gefühl von Trauer aus. Ich hatte mir lange eingeredet – und beinahe Erfolg damit gehabt –, dass ein Heim nur was für andere wäre. Doch jetzt ruckelte mein schöner Film. (Der Film, in dem ich einen umherziehenden Musiker spiele, der zwar kein Glück in der Liebe, dafür aber dieses fantastische musikalische Talent hat; ein äußerst charismatischer Mann, unter dessen unbekümmertem Äußeren sich eine tief verletzte, aber noble Seele verbirgt. Und während ich in diesem Film von Stadt zu Stadt ziehe, geschehen regelmäßig zwei Dinge. Erstens: Eine wunderschöne Frau verliebt sich in mich, eine Liebe, die ich nicht erwidern kann, weil mein „Herz“ dem Highway gehört. Zweitens: Ich hab eine so starke Wirkung auf die Menschen, die mir begegnen, dass sie mich zu sich nach Hause einladen, mich bewirten, mir einen Lorbeerkranz aufdrücken, ihre Freundinnen mit mir teilen und mich danach „für immer in Erinnerung behalten“…" So eitel und uneitel gleichzeitig beschreibt Bruce Springsteen seine Lebenskämpfe. Am allerschönsten aber schreibt er von dem größten Einschnitt seines Lebens: seiner Frau und seinen drei Kindern. Ich habe tatsächlich noch nie etwas so rührendes und ehrliches von einem Mann gelesen, der dabei über sich selbst spricht. Und für den sich alles um Rock’n Roll dreht. Warum auch nicht, würde Springsteen darauf sicher sagen, und dass diese pseudo-männliche Härte zu nichts anderem führt als einem verpfuschten Leben. Auch das hat er von seinem Vater gelernt. Uns lehrt er lieber John Lennon: Love is the answer. Vor ihr sollte nieMANNd wegrennen. I’m on Fire Wer jetzt Angst hat vor einem schweren, selbstreflektierten Schinken, darf aber beruhigt sein. Erstens erzählt wohl niemand so cool von den eigenen Unzulänglichkeiten, und außerdem sprüht das Buch nur so vor Leben und tollen Anekdoten. Wie war es, mit den Rolling Stones in einer Garage zu jammen, was flüsterte Jack Nicholson Bruce auf Frank Sinatras Beerdigung zu, wie verhalf er Courteney Cox zum Durchbruch und was hat er mit Lady GaGas Mutter auf einem Rihanna-Konzert gemacht? Die kleinen Begebenheiten und die großen Fragen des Lebens, beide dürfen im Buch nebeneinander stehen. Zum Glück, denn darum ist es so gut. Und weil Bruce Springsteen selbst beim Zurückschauen immer nach vorn blickt. Darum ist auch eine meiner liebsten Passagen im Buch diese: Man kann immer nur mit gestärktem Herzen von dort, wo es verwundet wurde, weiterziehen, um eine neue Liebe zu finden. Man kann sich aus alldem Schmerz und dem Kummer ein Schwert schmieden und mit dieser Waffe das Leben, die Liebe, die Menschenwürde und Gottes Schöpfung verteidigen. Aber niemand kann die Zeit zurückdrehen. Keiner kann zum Ausgangspunkt zurückkehren, denn die Straße des Lebens ist eine Einbahnstraße und führt nur in eine Richtung. Vorwärts, hinein in die Dunkelheit. So weit, so schön. Und ich muss Bruce Springsteens Stimme nicht mal hören, damit mir die Tränen kommen. Ich kann sie auch lesen.

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Nach der 2012 im Original erschienenen Veröffentlichung „Bruce“ des Musikjournalisten Peter Ames Carlin hat Bruce Springsteen himself nun mit „Born to run“, seiner Autobiografie, nachgelegt. Den Titel hat er von dem gleichnamigen Album (und Song) übernommen, das 1975 veröffentlicht wurde und seinen Durchbruch markierte – und bis heute nach „Born in the USA“ sein am häufigsten verkauftes Album ist. Bruce Springsteen, der Rock ‚n‘ Roller aus New Jersey, der Typ aus der Nachbarschaft, ohne Allüren, aber mit einem goldenen Herzen. Immer bereit, für die einfachen Leute Partei zu ergreifen, seine Popularität in die Waagschale zu werfen, wenn es darum geht, Gelder für eine gute Sache einzuspielen. Der ehrliche Arbeiter mit der klaren politischen Position. Der Vollblutmusiker, dessen Konzerte jeden Cent wert sind, die die Eintrittskarten kosten. Jeder, der das Glück hatte, ein Springsteen-Konzert live zu erleben, wird das bestätigen können. Minimum dreieinhalb Stunden Performance, in denen er alles gibt, aber auch seinen Musikern alles abverlangt. Bruce Springsteen, der Boss. Und er nimmt in seinen Schilderungen kein Blatt vor den Mund, hält mit nichts hinter dem Berg. Offen und ehrlich, wie es seine Art ist. Von der Kindheit in ärmlichen Verhältnissen, vom Aufwachsen in Freehold, New Jersey, dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, den ersten Gehversuchen mit seiner Gitarre, dem Tingeln durch die Clubs, bis hin zu dem ersten Plattenvertrag. Diese Passagen sind intensiv, weil er sie ungeschönt mit offenem Visier erzählt. Schonungslos dann, wenn er seine „schwarzen Hunde“ schildert, die Depressionen, mit denen er noch immer kämpft, den Schmerz, der ihn geprägt hat. Ein Musiker, der Erlösung in seiner Musik sucht. Der die Lücke zwischen der Realität und dem amerikanischen Traum schließen will. Nicht nur für sich, sondern auch für seine Zuhörer. Ein Besessener, der sein Medium gefunden hat. Die Gitarre und seine Songs. Wie seine Alben ist auch diese Autobiografie ein Stück Musikgeschichte. Aber nicht nur, denn es ist gleichzeitig auch eine Beschreibung und eine Bestandaufnahme der Zustände in den Vereinigten Staaten der einfachen Leute. Grandios!

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Bruce "The Boss" Springsteen – eine Musiklegende, zu der ich noch nie eine besondere Beziehung hatte. Natürlich kennt man seine Stadion-Konzerte, die E-Street-Band ist auch Menschen, die weniger in Sachen Musik bewandert sind ein Begriff und seine Hits hat man im Ohr. Egal ob Dancing in the dark, The ghost of Tom Joad oder sein Überhit Born in the USA – seine Hits erfreuen sich im Radio immer noch großer Beliebtheit, auch wenn sie schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Hits, die mich eher kalt ließen, allen voran Born in the USA. Zu einfach, zu patriotisch, zu nervig, als dass mich das Oeuvre Springsteens wirklich hätte begeistern können (Fans mögen an dieser Stelle jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen). Um es abzukürzen – der Start mit dem Boss und mir war also eher verhalten denn von wirklicher Begeisterung getragen. Doch der 1949 geborene Rocker aus New Jersey hat es geschafft, mich im Laufe seiner 672 Seiten starken Autobiographie für sich einzunehmen und mir neu Lust auf sein vielfältiges Schaffen zu machen. Wie das kam? Springsteen baut seine Born to run übertitelte Autobiographie chronologisch auf. Beginnend mit seiner Kindheit im ländlichen New Jersey zeichnet er seinen Lebensweg bis in die Gegenwart nach und gibt Einblicke in seinen Werdegang. Dabei braucht er viel Zeit, um seinen irisch-italienischen Hintergrund zu erklären und die ersten Laufversuche als Musiker zu schildern. Ehrlich berichtet er von Scheitern und Unerfahrenheit, zeigt welche musikalischen Einflüsse ihn prägten und wie er schließlich zu seine ersten musikalischen Wurzeln mit Soloalben und Touren schlug. Seine schlagkräftig betitelten Kapitel geben Einblicke in die Schöpfung seiner Alben, zeigen seine Intention beim Songwriting einzelner Titel und beleuchten auch den Werdegang hin zur legendären Kombo Bruce Springsteen and his E-Street-Band. Dabei ist sein Buch von einer großen Ehrlichkeit und Rauheit durchzogen und weiß sogar mit Humor an vielen Stellen zu überzeugen. Dieses über sieben Jahre entstandene Buch ist nicht nur eine Autobiographie über einen Musiker, der in den Rock-Olymp aufstieg und zu den wichtigsten amerikanischen Künstlern der Gegenwart zählt. Er ist auch ein Einblick in das Geheimnis, wie Musik entstehen kann und was es bedeutet, vor zehntausenden Menschen auf der Bühne zu stehen. Springsteen räumt auch den Kehrseiten viel Platz ein, wenn er von Depression und Zweifeln berichtet. Er zeigt, wie im Leben Konstanz auch durch unabänderliche Veränderungen erzeugt werden kann. Und nicht zuletzt ist Born to run auch ein Einblick ins wahre Amerika, das bei allen Hochglanzberichten von der Ost- und Westküste gerne einmal vergessen wird. Eine Autobiographie, die jedem Musikfan ans Herz gelegt werden kann – Springsteen-Fan muss man dafür nicht zwingend sein!

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Wer das Vergnügen hatte, eines der episch langen Konzerte von Bruce Springsteen zu besuchen, wer zumindest Videoeindrücke solcher „Arbeits-Veranstaltungen“ hat, der weiß und hat vor Augen, wie angespannt, fast starr, wie körperlich arbeitend Springsteen auf der Bühne steht. Da gibt es keinen lockeren Hüftschwung oder kreisende Schultern, den Unterkiefer nach vorne gepresst, der Körper unter Hochspannung und hoher „Traglast“ gespannt. Dass diese Körpersprache zum einen dem Selbstbild des Musikers als „Working-Class-Man“ entspricht, dass hier seine familiären Wurzeln in der rauen Welt der Arbeiterschaft liegen, dass aber diese immense Anspannung (und das Halten und Nutzen der Gitarre teils wie ein schweres Arbeitsgerät) auch der inneren Verfassung des Musikers entspricht, dass liest man mit Faszination in dieser offenen, ehrlichen, in der Sprache authentischen Autobiographie dieses Mannes, einer der weltweit populärsten Rockmusiker und eine amerikanische, sozialkritische Ikone. Dass einer wie er, so überhaupt, Formen der inneren Ruhe erst findet, wenn er vollständig verausgabt und nass geschwitzt nach Stunden die Bühne verlässt, das hat eben nicht nur mit seinem Anspruch zu tun, perfekte und bestmögliche Performance für das Publikum zu liefern („zu arbeiten“), sondern auch mit der Beruhigung eigener, innerer Dämonen, die Springsteen offen schildert. Eine Offenheit, welche diese Autobiographie zu einem dichten, anders als gewohnten „Erlebnis“ macht, die den Leser hineinblicken lässt in die Seele, die innere Befindlichkeit des Mannes. Auf und neben der Bühne. Der Perfektionist ist, der an jedem Song bis Ultimo feilt, der vieles an Musik in der Schublade noch hat, weil es bisher seinen Ansprüchen an Sound, Produktion, Abmischung oder anderem nicht genügt. Der seine Band, die „E-Street Band“ im Gesamten körperlich an den Rand führt. Der tatsächlich „Im Lauf“ ist. Ein stückweit „auf der Flucht“ vor den eigenen dunklen Seiten, ein „Born To Run“, das den Leser teils tief berührt und auf keiner Seite des umfangreichen Buches langweilt. „Und aus diesem Grund rockt die E-Street Band…..Abend für Abend mit der unverminderten Power einer Dampfwalze. Wir sind mehr als ein Konzept……Wir sind eine Philosophie, ein Kollektiv mit einem professionellen Ehrenkodex“. Wiedergeben, was an Leidenschaft der Fans im Raum steht. Nicht nachlassen. Alles geben für „den Job“, die Kunst, die Arbeit. Sichtbar sein, fassbar, alles geben, was man hat, weil das einfach „Ehre“ ist. Das ist die eine Seite. „“Er wurde mein Freund und Ratgeber in einer Zeit, in der ich mich in bedrohlicher Nähe zu meinen inneren Abgründen aufhielt“. Das ist die andere Seite dieser in 40 Jahren gewachsenen Ikone der Rock-Musik, dieses sozialen Gewissens auf der Bühne, des Mannes, der sich nie scheute, Randgruppen und Randthemen in eindeutiger Weise musikalisch zu verarbeiten. Der nie woanders stand als auf der sozialen Seite des „Gewissens“ Amerikas und, letztendlich, der Welt. Man mag seine Musik mögen oder nicht, aber diese Herangehensweise, den „Job“ vollständig ernst zu nehmen, diese dunkle Seite in sich zu versuchen, in Schach zu halten, das beeindruckt. Und das alles in einem Tonfall beschreben, der keineswegs von überbordendem Stolz auf die eigenen Erfolge geprägt ist, sondern schlicht, einfach, offen und rau ein tatsächlich intensives Leben erzählt. Ein Leben, das nie seine Wurzeln vergessen hat, sondern diese als Haut mit sich trägt. Und zugleich lebenslang alles an Energie „verbrennt“, um seine Depressionen ein stückweit auf Distanz zu halten. Indem er körperlich alles gibt, sich an Gewichten und an der Gitarre gleichermaßen verausgabt. Ein Mann, „auf der Flucht“, das aber „Flussaufwärts“ gemeinsam mit „seinen Jungs“, allen voran lange Jahre der „Soubrother Nr. 1“, Stevie van Zandt („Little Steven“). „Wenn ich den Rock´n´Roll entfesseln will, brauche ich bloß Steve eine Gitarre in die Hand zu drücken“. (seit einiger Zeit bereits hat Nils Lofgren diesen Part übernommen) Und einer, der das alles über sein Werk und seine Person, sein Werden und Sein, einfach, schlicht und geradeheraus jetzt im ganzen Umfang mitteilt. Eine überragende Autobiographie, eine offenes „sich Zeigen“ ohne Visier.

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