Leserstimmen zu
Der Kult

Marlon James

(3)
(6)
(3)
(1)
(2)
€ 22,00 [D] inkl. MwSt. | € 22,70 [A] | CHF 30,90* (* empf. VK-Preis)

Good vs Evil

Von: Katja

09.04.2019

Das Buch hat einen sehr einzigartigen Stil und ich bin froh, dass ich es in deutscher Sprache gelesen habe. Ich glaube, ich hätte mit den Teilen zu kämpfen gehabt, die in der englischen Version in afrikanischem Dialekt geschrieben sind (leider weiß ich nicht, welchen Dialekt, da das Dorf fiktional ist ) Der Machtkampf, der sich aus mehr und weniger treuen Bürgern zusammensetz, steigert sich immer weiter hoch auf eine sehr spannende Weise die einen in seinem Bann hält. Es ist gewalttätig und explizit in bestimmten Bereichen, die meines Erachtens wichtig waren, um den dunklen Einfluss der fanatischen Predigten und Regeln zu zeigen, die den Dorfbewohnern auferlegt werden. Manchmal sprang die Erzählung in der Zeit, als sich ein Charakter an etwas erinnerte, und es war nicht wirklich klar, wann und wo das passierte, was mich manchmal aus der Geschichte riss. Das Buch sagt auch viel über die Psyche von Menschen aus, die so unsicher sind, dass sie bereit sind, schreckliche Dinge zu tun, nur um jemanden zu haben, der sie führt und ihnen sagt, was sie tun sollen. Am Ende ist die Frage ob es wirklich noch um Religion und Glauben geht, oder um etwas ganz anderes.

Lesen Sie weiter

(Engl.: John Crow's Devil) Now available in a beautiful new German edition by Heyne! In his dark and mystical debut novel, the brilliant Marlon James explores the human longing for purpose and direction and the ways in which it can be perverted. Set in Jamaica in 1957, we witness the epic battle for the position of religious leader in a remote village: Hector Bligh (the "Rum Preacher"), an alcoholic who in the past has neglected his duties as a priest, faces off against the newly arrived Lucas York ("Apostle York"), a fanatic whose strict rules seem to provide order and whose cruelty is declared to be justified by God. Both men are haunted by their pasts, and at the core, the exorcisms they try to impose on the village are mainly directed against themselves. As usual, leaders need followers - who will the villagers side with? Both Bligh and York have village women at their sides who, in search of salvation, join them in their fights. Many other villagers play important roles as well, as sinners, enforcers, and bystanders - it is easy to see parallels not only to other religious sects, but also to authoritarian and fascist regimes. The intense and haunting atmosphere is heightened by the depiction of sex and (sometimes self-inflicted) violence - there are lots of bodily fluids in this text, but none of these scenes are gratuitous, so I didn't mind. On top of Christian religious theory and Jamaican witchcraft, James also employs elements of magical realism to illustrate the spiritual state of the village, especially in the form of birds who attack or fall from the skies. Which brings us to the theme of racism which also plays a role in the book: Not only do we repeatedly encounter magical "John Crows" - which, as I learnt, is the common name for a black vulture in Jamaica, but which also reminded me of "Jim Crow" -, but there is also a lot of black/white symbolism, most strikingly in the white dress of York, the outsider who aims to bring the village under his control. In the story, James also writes about homosexuality as being perceived as a shameful sin - this is particularly painful to read if you know that Jamaican-born James left Kingston because of the discrimination he experienced as a gay man. All in all, this is an unsettling and exciting book that offers many layers of meaning. I can't wait to read James' upcoming book "Black Leopard, Red Wolf", and all German-speakers out there can now get the re-issue of James debut in an edgy new edition that reflects the darkness of the text.

Lesen Sie weiter

Im Dorf Gibbeah ist man schon lange nicht mehr gottesfürchtig, aber böse Omen kann man deuten und die Bewohner wissen, wann sie Angst haben müssen. Als bei der Messe ein toter Geier durch die Kirche fliegt und neben dem Prediger aufschlägt, ist dies so ein Moment. Dass kurze Zeit später dann auch noch Apostel York erscheint und den Prediger aus seinem eigenen Gotteshaus vertreibt, muss ein Zeichen des Himmels sein. Sie haben zu lange in Sünde gelebt und sind verkommen, doch der neue Gottesmann wird die Ordnung wieder herstellen und sie auf den rechten Pfad zurückführen. Ehebrecher werden bestraft werden, Opfer müssen erbracht werden und Tugend wird wieder Einzug halten. Doch nicht allen gefällt der neue Stil, vor allem Hector Bligh, der jahrelang in Ruhe über seine Gemeinde herrschte – oder eher, von dieser beim Saufen nicht gestört wurde und die geringen Erwartungen an seine Predigten fast erfüllte – will nicht kampflos dem Fremden das Feld überlassen. Der jamaikanische Autor Marlon James wurde durch seinen dritten Roman „A Brief History of Seven Killings“ um den Mordanschlag auf Bob Marley 2014 berühmt und gewann neben zahlreichen anderen Preisen auch den renommierten Man Booker Prize. „Der Kult“, im Original „John Crow’s Devil“, ist sein erster Roman, der bereits 2005 veröffentlicht wurde und zunächst unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ im Verlag F. Stülten erschien. Heyne Hardcore hat ihn 2018 unter anderen Titel neuaufgelegt. Schon nach wenigen Zeilen hat man den Eindruck, dass James eigentlich fürs Kino schreibt. Die Bilder, die er in seinem Roman hervorruft, sind ausdrucksstark und brutal und davon lebt die Geschichte: Zuerst kam der Krähenschwarm. Hunderte. Sie tauchten wie aus dem Nichts auf, verdunkelten die Sonne und wurden zu einer sich ständig verändernden Sonnenfinsternis, die sich auf Gibbeah niedersenkte. Die Vögel flogen in einem schwarzen Zug die Straße hinauf, ihre Flügel schnitten durch den Wind und flößten sogar den kleinsten Kindern Angst ein. Man muss als Leser schon einiges aushalten, denn die Sprache ist vielfach nicht nur direkt, sondern geradezu derb und abstoßend. Aber dies wird der Situation des verkommenen jamaikanischen Dorfes zu Ende der 1950er Jahre gerecht. Daneben herrscht eine feine Ironie, mit der das Agieren des selbsternannten Apostels und das blinde Folgen der Bewohner ins rechte Licht gerückt wird. Sie folgen ihrem neuen Anführer, trotz der anfänglichen Bedenken, aber dank seines Charismas überzeugt er die Menschen und macht sie zu willfährigen Gefolgsleuten, die ihre letzten Zweifel bald aufgeben: (...) manche dachten, es sei ein Scherz. Der Rest von uns sagte, dass es ein Gottesurteil war und dass niemand dafür verantwortlich war als die beiden garstigen Neger, die den Tempel des Heiligen Geistes beschmutzt haben. Hinzu kommt, dass man in Gibbeah ein Exempel dafür statuieren muss, dass wir Menschen des HERRN sind und dass Ungehorsam nicht geduldet wird – das sagt der Apostel. Und so wird noch härter ausgepeitscht und die erforderlichen Tode sind ja letztlich alle im Sinne des Herrn. Der Kampf zwischen den beiden Widersachern wird bis auf Blut ausgefochten, denn es geht immerhin um die verlorenen Seelen, die errettet werden müssen. Man kann sich leicht vorstellen, wie ein ganzes Dorf in die Hände eines solchen Anführers gerät und die Augen vor dem offenkundigen verschließt. Aber es sind nicht nur die beiden männlichen Protagonisten, die interessant gezeichnet sind und denen man sprachlos folgt. Auch zwei weibliche Figuren wurden von Marlon James als außergewöhnliches Gegengewicht geschaffen und ihre Geschichten erzählen ebenfalls vieles über das Land und den Zustand nach dem 2. Weltkrieg. „Der Kult“ schafft das Paradoxon des anziehenden Abstoßenden. Man will das eigentlich gar nicht lesen, ist aber so fasziniert, dass man den Roman auch nicht weglegen kann.

Lesen Sie weiter

Quentin Tarantino in Buchform

Von: Lilli (www.geeksantiques.blogspot.de)

14.07.2018

Wir befinden uns in einem fiktiven karibischen Dorf namens Gibbeah, Ende der 1950er Jahre. Es herrscht monotone Stille, die Bewohner gehen ihrem täglichen Trott nach und jeder trägt seine dunkelsten Geheimnisse (mal mehr, mal weniger) unbemerkt mit sich. Doch die zarte Blase des falschen Friedens zerplatzt, als ein Geier durch das Fenster der örtlichen Kirche kracht und die Besucher der Morgenmesse im wahrsten Sinne des Wortes wachrüttelt. Kurze Zeit später übernimmt der selbst ernannte Apostel York die spirituelle Führung der Gemeinde und verdrängt damit den amtierenden Pastor Hector Bligh. Zwischen dem charismatischen Apostel und dem alkoholabhängigen Pastor, aber auch innerhalb des kleinen Dorfes, entbrennt ein erbitterter Glaubenskrieg, in dem es bald um mehr als nur religiöse Fragen geht. Ich muss zugeben, zu Beginn der Lektüre war ich zunächst geschockt und etwas überfordert. Vor allem, weil dieser Roman so ganz anders ist, als das, was ich sonst lese. Mir war auch recht schnell klar, wieso Marlon James die Widmung für seine Mutter mit dem Zusatz versehen hat, dass ebenjene das Buch nicht lesen dürfe. Die Geschichte beginnt abrupt, schmerzlos und ohne jede Vorwarnung. Der Stil ist mal realistisch, mal bizarr und fragmentarisch. Die Schauplätze und Sichtweisen wechseln sich rasant ab und ich brauchte einige Seiten, um mich an die ungewohnte Erzählweise heranzutasten. Doch es lohnt sich! Nach etwa 60 Seiten teilweiser bis gänzlicher Verwirrung ist man endlich in der Geschichte angekommen, hat die Chronologie der Ereignisse und die Personen erfasst und kann sich ganz dem Spiel zwischen Gut und Böse widmen. Archetypische Repräsentanten dieser Gegensätze sind die männlichen Protagonisten Bligh und York, denen jeweils zwei starke, aber kontroverse weibliche Figuren beistehen: Pastor Bligh erhält nach seiner „Auferstehung“ die Hilfe und den Rückhalt der Witwe Greenfield, der Apostel York wird von der fanatischen Voodoo-Dame Lucinda unterstützt. Die Gemeinde wird Opfer einer spirituellen Schlacht, in der es um die Rückkehr zu Jesus auf der einen Seite und Vergeltung auf der anderen Seite geht. Wir erleben alle Facetten der Menschlichkeit von Reue über Zorn bis hin zum Wahn, der in Selbstzerstörung gipfelt. Was hat der Gemeinde bisher gefehlt, dass sie so bereitwillig in die offenen Arme des Verdammnis predigenden Apostel treibt? Man fühlt sich von der Aneinanderreihung von Handlungsfetzen, Bibelzitaten und Metaphern manchmal ebenso unwissend, hilflos und benebelt zurückgelassen wie der betrunkene Pastor Bligh selbst. Marlon James schafft es, mit einer bildhaften, fast abstoßenden Genauigkeit den inneren Konflikt der Religiosität zu erfassen und den Leser von Seite zu Seite in seinen Bann zu ziehen – selbst wenn man das Buch manchmal lieber zur Seite legen möchte. Unabhängig von der zeitlichen und lokalen Einordnung der Geschichte wirft der Roman Fragen auf, die sich jeder einmal stellen sollte: Wo fängt Fanatismus an und wo hört der Glaube auf? Kann Rache eine Lösung sein? Welche Rolle spielen dabei Kirche und Moral? Und was ist überhaupt der Unterschied zwischen Vergeltung und Vergebung? Auch wenn nicht alle Fragen beantwortet werden und man als Leser häufig mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf zurückgelassen wird, so regt „Der Kult“ doch zum Nachdenken an. Das Buch hat mich positiv überrascht, jedoch kann ich aufgrund der recht harten und gewöhnungsbedürftigen Sprache keine uneingeschränkte Leseempfehlung erteilen. Wer Grausamkeiten á la Stephen King (insbesondere sein Werk „Die Arena“) und die gewaltlastige Bildsprache von Quentin Tarantino mag, wird dieses Buch zu schätzen wissen. Alle anderen seien an dieser Stelle vor der schonungslosen Art des Autoren gewarnt – oder dazu eingeladen, ihren Horizont zu erweitern, auch wenn es etwas ungemütlich werden könnte.

Lesen Sie weiter

Three little children With Doves on their shoulders They’re counting out the Devil With two fingers on their hands “Dachau Blues”, Captain Beefheart In dem Dorf Gibbeah, irgendwo in irgendeiner Zeit (aber vermutlich Ende der 1950er Jahre angesiedelt), existiert der neben Religion der Glaube an Magie. Die Dorfbewohner pendeln zwischen Aber- und fanatischem Glauben, unbeeinflusst von dem Lauf der Zeit jenseits ihrer Dorfgrenzen. Der predigende Trunkenbold Hector Bligh, von allen der „Rumprediger“ genannt, wird von den Strenggläubigen eher geduldet als akzeptiert. Dies jedoch ändert sich, als ein schwarz gekleideter Fremder, der selbsternannte "Apostel York", wie eine alles verschlingende Macht in die Kirche einfällt und den versoffenen Prediger von seiner Kanzel stößt. Charismatisch und mit verführerischer Zunge nimmt er dessen Platz ein und beginnt einen erbitterten Kampf um die verlorenen Seelen des kleinen Dorfes… Der im Jahr 1970 in Kingston, Jamaika geborene Schriftsteller Marlon James präsentiert mit seinem Erstling einen nach anfänglichen Schwierigkeiten letztendlich mehrfach preisgekrönten Roman, der mit einer komplexen Sprachgewalt aufwartet, die mich inhaltlich wie sprachlich an den Debütroman Und die Eselin sah den Engel von Nick Cave erinnert. Sehr detailliert und mit einem scharfen Blick beschreibt er Personen und Lebensumstände einer einfachen, ungebildeten Bevölkerungsschicht, die in ihrer wuchtig-atmosphärischen Sprache und den sehr bildhaften Beschreibungen ein außer- wie ungewöhnliches Lesevergnügen bereitet. Wir haben hier keinen Roman, den man zur Unterhaltung und Ablenkung „nebenbei“ liest, sondern benötigt die volle Konzentration, um sich der aufgebauten Stimmung vollständig hingeben zu können. Dann jedoch kommt man in den Genuss eines sprachgewaltigen, in seinen Formulierungen barocken und in seinen Metaphern mehrdeutigen Brocken von Literatur, der einen noch lange beschäftigen wird. Der Kult (Originaltitel: John Crow’s Devil, USA 2005) erscheint bei Heyne Hardcore als gebundene Neuauflage mit Schutzumschlag in einer Übersetzung aus dem jamaikanischen Englischen von Wolfgang Binder (288 Seiten, €22). Im Anhang befindet sich eine persönliche Danksagung des Autors. Marlon James, der mit seinem dritten Roman Eine kurze Geschichte von sieben Morden als erster jamaikanischer Schriftsteller den britischen Man Booker Prize gewonnen hat, legt mit seinem Debütroman eine harte, nicht immer leicht lesbare, aber sprachlich beeindruckende Geschichte vor, die man sich als Leser erarbeiten muss. Lässt man sich jedoch darauf ein, wird man mit einem atmosphärisch dichten, atemberaubenden Leseerlebnis belohnt! Christian Funke

Lesen Sie weiter

Hector Bligh ist seit 1951 Pastor der Heilig-Grab-und-Evangeliumskirche in dem kleinen jamaikanischen Dorf Gibbeah und wegen seines berüchtigten Alkoholkonsums vor allem als Rumprediger bekannt, und zwar nicht erst seit dem Vorfall mit der vom Teufel besessenen Lillamae Perkins, die ihrem Vater vor zwei Jahren in seinem Bett den Penis abgeschnitten hatte, das mit ihm gezeugte Kind durch den Verzehrt von grünen Papayas loswerden wollte und nicht mal von fünf Diakonen gebändigt werden konnte. Zwei Tage später wurde ihre Leiche im Two Virgin River gefunden. Gerade als Pastor Bligh am Tiefpunkt seines Lebens zu sein scheint und mit entblößten Geschlechtsteilen bewusstlos am Straßenrand aufgefunden wird, trifft ein schwarz gekleideter Fremder auf seinem Motorrad in der Gemeinde ein. In der Sonntagsmorgenmesse fliegt ein John-Crow-Geier – der gemeinhin als Vorbote des Teufels betrachtet wird - durch das Buntglasfenster und landet tot auf der Kanzel. Wenige Minuten später konfrontiert der Fremde, der sich Apostel York nennt, Bligh mit dessen Sündhaftigkeit und übernimmt kurzerhand die Kontrolle über die Gemeinde und verspricht ihr den Beginn einer neuen Ära. Tatsächlich sind Gibbeahs Bewohner ganz fasziniert von dem neuen Mann Gottes, der Wunder wirkt, aber auch Rache und Verdammnis predigt. Doch Pastor Bligh, der hinter dem Dorf und jenseits des Flusses bei der Witwe Greenfield Unterschlupf findet, lässt sich auf einen Glaubenskampf mit dem Apostel ein. Nach einem Monat kehrt Bligh in die Stadt zurück und macht die Menschen neugierig … „Die Leute finden’s komisch, dass nach und nach immer mehr rausgegangen sind und dem Rumprediger zugehört haben. Er hat eigentlich nicht wirklich zu ihnen gepredigt. Er hat für die Straße und den Himmel und für Gott gepredigt. Jemand von denen, die gegangen sind, eine Frau, hat gesagt, wenn er mit ihr spricht, ist das, als würd er glatt durch sie hindurchsprechen. Die Leute sagen, dass der Apostel Hector Bligh nie und nimmer die Kirche überlässt, ganz gleich, wie weiß dessen Anzug zurzeit ist.“ (S. 119) Als erster Jamaikaner wurde der mittlerweile in Minneapolis, Minnesota, lebende Schriftsteller Marlon James 2015 für seinen epischen Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet, woraufhin Heyne Hardcore das Buch auf für den deutschen Markt veröffentlichte. Zuvor war sein 2005 erschienenes Debüt „John Crow’s Devil“ vom Verlag F. Stülten unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ als einziges von James‘ Werken auf Deutsch erhältlich gewesen und erfährt nach dem Erfolg des Romans über die geplanten Anschläge auf Bob Marley – unter dem neuen Titel „Der Kult“ - seine zweite Chance darauf, von der hiesigen literarischen Welt gewürdigt zu werden. James entwirft in seinem ersten Roman das leider nach wie vor hochaktuelle Szenario des Kampfes von selbst ernannten Stellvertretern Gottes auf Erden, die den vermeintlich Ungläubigen die Worte der Bibel predigen, aber deren Bedeutung natürlich nach sehr persönlichen Vorlieben auslegen. Natürlich werden dabei die verschiedensten Dämonen und Hexen beschworen, Sünder werden verstümmelt und getötet, die Biografien der wichtigsten Protagonisten aufbereitet, worunter nicht nur der Pastor und der Apostel fallen, sondern auch die Witwe Greenfield und die Apostel-Gehilfin Lucinda, so dass deutlich wird, aus welchen Gründen die Menschen in Gibbeah der einen oder anderen Stimme Gottes folgen. Der Autor bedient sich dabei ganz bewusst der furchteinflößenden Bilder und Geschichten aus der Bibel, spielt mit der Angst vor Dämonen, Hexen und schwarzer Magie, vor allem aber mit den ständigen Versuchungen des Fleisches, die Lucinda beispielsweise nur durch heftigste Selbstgeißelung zu bändigen hofft. „Der Kult“ ist ein wirklich packendes Buch, das mit alttestamentarischer Wucht die Verführungskünste des Teufels und die Vielfalt der göttlichen Strafen thematisiert, wobei Marlon James gerade die Fleischeslust in expliziten Bildern beschreibt. Sein kraftvolles Debüt ist definitiv nichts für zarte Gemüter, macht so aber umso eindrucksvoller deutlich, wie leicht sich Menschen durch charismatische Führer mit verheerenden Folgen auf spirituelle Abwege begeben können.

Lesen Sie weiter