Leserstimmen zu
Kurzer Abstecher

Irvine Welsh

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Begbie hat sich aus Liverpool abgesetzt und im Westen der USA Erfolg als Autor. Er hat Familie, zwei Töchter und ein fantastisches Haus. Aus dieser Idylle wird er durch den gewaltsamen Tod seines Sohnes aus seinem früheren Leben herausgerissen als er sich entscheidet, zur Beerdigung zu fliegen. Der Trip wird zu einem haarscharfen Grenzgang für Begbie, um nicht wieder in seine alten Muster aus Aggression, Alkohol, Drogen und Gewalt abzurutschen, um den Erwartungen der alten Kumpels und Familie gerecht zu werden. Eine glaubhafte Geschichte mit immer neuen und unerwarteten Wendungen. Schnell geschrieben und mitreissend erzählt.

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Begbie, bzw. Jim Francis, hat sich vom Gangsterleben völlig zurückgezogen und hat sich im sonnigen Kalifornien ein normales Leben aufgebaut - eine hübsche Frau, zwei entzückende Töchter, Haus am Meer und er ist nun ein gefragter Künstler. Doch einmal Gangster, immer Gangster? Das man ihm nicht blöd zu kommen braucht und er mit allen Wassern gewaschen ist, wird schon auf den ersten Seiten klar. Wenn es dabei auch noch um seine Familie geht, kennt er nichts und fährt schon mal schärfere Geschütze auf. Als er erfährt, dass sein Sohn tot ist und er dazu erstmal nichts näheres erfährt, ist für ihn klar, dass er wieder in das verhasste Edinburgh zurück muss. Er will nicht nur die Beerdigung besuchen, sondern erfahren was genau vorgefallen ist. Er bemüht sich nicht in alte Gangstergewohnheiten zu verfallen und die Kontrolle über seine Aggressionen und Emotionen zu behalten, versucht sich wirklich dort in nichts hineinziehen zu lassen. Doch kaum in Edinburgh scheint sich diese dunkle Atmosphäre wieder in ihm einzunisten und er wird immer mehr zu dem Mann, der er früher war - zu Begbie. Und wir, die Begbie kennen, wissen was das bedeutet, denn - einmal Gangster, immer Gangster...oder? Welsh hat eine ganz eigene Dialogführung, was anfangs eventuell etwas gewöhnungsbedürftig sein mag, an die man sich jedoch sehr rasch gewöhnt. "-Ich habe doch was angestellt, gesteht er und beobachtet, wie ihre Gesichtszüge entgleiten. -Nicht mit den beiden Kerlen. Aber mit ihrem Auto." (S. 16) Diesem Stil ist er treu geblieben, ansonsten merkt man, dass "Kurzer Abstecher" ein späteres Werk von Welsh ist. Dieser Roman ist zwar durchaus mit blutigen und gewalttätigen Szenen gespickt und auch die vulgäre und derbe Sprache, welche das Milieu der Edinburgher Gangsterszene hervorragend einfängt, ist vorhanden, trotzdem ist es einer der ruhigeren und vor allem tiefsinnigeren Romane von Welsh. Das große Thema hier ist, ob man immer das bleibt was man ist und was die Umgebung aus einem gemacht hat, oder ob man sich grundlegend ändern und zu einem völlig anderen Menschen werden kann. Kann man die Einflüsse, welche einem als Kind prägten und einem zu dem gemacht hat was man ist völlig vergessen und verdrängen, oder...einmal Gangster, immer Gangster? Die Story wird zwischendurch immer wieder durch Rückblenden in die Kindheit von Begbie unterbrochen. So erfährt man wie er zu dem Menschen wurde, der er jetzt ist. Im Grunde konnte aus ihm überhaupt nichts anderes als ein Gangster werden. Schon früh lernte er die Sprache der Straße und der Gewalt kennen, waren doch alle männlichen Familienmitglieder der Begbies schottische Kleinmafiosi. Dadurch erhält man Einblick auf die prägenden Einflüsse Begbies, seine oft falschen Entscheidungen und auch in seinen Charakter. Dadurch erhält diese Thematik ungewöhnlich Tiefe. Nur wenige Autoren schaffen es Tiefsinnigkeit in einen fesselnden Roman voll derber Sprüche und blutiger Gewalt zu packen, doch Irvine Welsh ist einer von ihnen. Ein Grund, weshalb er zu einem meiner Lieblingsautoren gehört. "Die meisten von ihnen haben eine gewisse Ahnung davon, dass die klügsten Menschen diejenigen sind, die sich selbst als ewige Schüler begreifen, die niemals damit aufhören zu lernen und sich angesichts der ständig wechselnden Möglichkeiten und Bedrohungen des Lebens immer wieder neu ausrichten." (S. 101) Fazit: Steht Irvine Welsh drauf, ist Irvine Welsh drin und somit war ich auch von diesem Roman restlos begeistert, wenn er auch etwas "ruhiger" ist als "Trainspotting", "Porno" und vor allem als "Drecksau". Für all diejenigen, welche mal etwas neues bezüglich Genre probieren wollen und vor Gewalt und derben Sprüchen nicht zurückschrecken, kann ich Irvine Welsh sehr empfehlen.

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Wie viele andere habe ich Mitte der 90er Jahre “Trainspotting” sowohl als Buch als auch dessen Verfilmung sehr gefeiert. Ich glaube für viele meiner Freunde war Irvine Welshs Kultroman eines der wenigen Bücher, das sie in dieser Zeit überhaupt gelesen haben. Ich habe seither alle von Welshs Büchern gelesen und freue mich immer, wenn er zu seinen Charakteren aus “Trainspotting” zurückkehrt. Klare Sache also, dass ich Welshs neuestes Werk “Kurzer Abstecher”, für das Welsh den Trainspotting-Psychopathen Francis “Franco” Begbie als Hauptfigur auserkoren hat, als Urlaubslektüre auf meiner Reise nach Portugal im Gepäck hatte. Die Geschichte von Francis Begbie wird in “Kurzer Abstecher” anders weitererzählt als im Nachfolgefilm “T2 Trainspotting” an dessen Entwicklung Welsh auch beteiligt war. Als Jim Francis lebt er nach seinem Knastaufenthalt als erfolgreicher Künstler zusammen mit seiner hübschen Frau und zwei Töchtern in Kalifornien und führt ein ruhiges Familienleben. Er hat dem Alkohol und den Zigaretten abgeschworen und seine Wutanfälle dank Atemtechnik und seiner Kunst im griff. Als er vom gewaltsamen Tod seines Sohns Sean in Edinburgh erfährt macht er sich auf den Weg in seine alte Heimat, um an der Beerdigung teilzunehmen. Natürlich will Begbie in Erfahrung bringen, was hinter dem Mord an Sean steckt und begibt sich zurück in das Milieu, dem er bereits erfolgreich entstiegen war. “Kurzer Abstecher” ist ein Thriller, den auch Leser ohne Kenntnis der Vorgeschichte verstehen können. Auf den ersten 30 Seiten führt Welsh kurz und knapp in die Geschichte ein, bevor ein packender Ritt auf der Rasierklinge und eine spannende Geschichte zwischen der alten und neuen Lebenswelt des Francis Begbie beginnen. Während Begbie in Trainspotting noch klar ein unsympathisches Arschloch ist, fragt sich der Leser nun ständig, was dessen wahres Wesen ist, was die Geschichte nach der Suche von Seans Mörder noch spannender macht. Nicht nur Fans von Trainspotting und Freunden von Hardboiled-Krimis zu empfehlen.

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Jim Francis hat sich in Kalifornien mit seiner Frau, der Kunsttherapeutin Melanie, und den beiden gemeinsamen Töchtern Grace und Eve als erfolgreicher Künstler ein komfortables Leben eingerichtet. Als er einen Anruf seiner Schwester Elspeth erhält, die ihn zur Beerdigung seines – aus der Beziehung mit June stammenden - Sohnes Sean einlädt, wird er mit einem Mal an seine weniger ruhmreiche Vergangenheit erinnert, als er unter seinem bürgerlichen Namen Francis James Begbie in Edinburghs Viertel Leith mit seinen Kumpels auf die schiefe Bahn geraten war und er für einige Jahre in den Bau wanderte. Da Sean Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, macht sich Francis in seiner alten Heimat auf die Suche nach dem Täter und bekommt von David „Tyrone“ Power den Namen des Gangsters Anton Miller zugeflüstert, mit dem sich Sean eingelassen haben soll. Gegen jeden gutgemeinten Ratschlag setzt Francis sein bürgerliches Leben aufs Spiel und räumt in den Straßen und an der Werft ordentlich auf. „Frank Begbie betritt vertrautes Terrain. Es ist die Sorte von Dominanz, die er immer schon besonders verführerisch fand. Das erhebende Gefühl, anderen harten Kerlen ihre Macht und ihr Selbstvertrauen zu rauben. Tief in seinem Inneren flammt erwartungsvolle Begeisterung auf. Doch es ist wichtig, sich diesem Gefühl nicht hinzugeben. Nicht seine Stimme zu erheben.“ (S. 142) Seit seinem internationalen Durchbruch mit dem Debütroman „Trainspotting“ ist der schottische Schriftsteller Irvine Welsh immer wieder zu seinen Helden Mark Renton, Francis Begbie, Sick Boy und Spud zurückgekehrt, hat die Geschichte in „Porno“ weitergeschrieben und in „Skagboys“ die Vorgeschichte erzählt. „Kurzer Abstecher“ stellt dagegen eine Art Spin-Off dar, konzentriert sich als ungewöhnlich kurzer Roman ganz auf die Figur von Francis Begbie/Jim Francis und seine scheinbare Verwandlung eines Soziopathen zum geläuterten Künstler. Im Gegensatz zu früheren Werken verzichtet Welsh hier auf detaillierte Milieubeschreibungen, stellt aber durchaus immer wieder die beiden konträren Welten, in denen sich Francis bewegt, gegenüber. Welsh inszeniert mit „Kurze Abstecher“ eine rasante One-Man-Show, in der Francis von Beginn an mit seinen gewalttätigen Trieben zu kämpfen hat. Noch bevor er den besagten Anruf aus Schottland bekommt, macht er mit den beiden Kerlen, die Melanie und die Kinder am Strand belästigen, kurzen Prozess – ohne dass seine Familie etwas davon mitbekommt. In Schottland muss er weniger rücksichtsvoll agieren. In psychologischer Hinsicht ist dabei spannend, wie Francis Begbie immer wieder sich selbst die Frage beantworten muss, ob er durch seinen Rachefeldzug sein Familienglück aufs Spiel setzen will. Die Brutalität, mit der er allerdings zu Werke geht, um alle Gangster auszuschalten, die irgendwie mit dem Mord an Sean zu tun hatten oder Francis in die Enge treiben wollen, spricht eine eindeutige Sprache. Welsh macht es wie seinem Protagonisten mächtig Spaß, die gerechtfertigt erscheinende Brutalität auszukosten, mit der Francis seine Widersacher ausschaltet. „Kurzer Abstecher“ bietet kurzweiligen Action-Thrill, der immer wieder von Welshs typisch schottischen Humor durchdrungen ist, der in den spritzigen Dialogen zum Ausdruck kommt. Bei so viel Tempo kommt der Leser gar nicht dazu, Begbies frühere Weggefährten zu vermissen.

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Die Verfilmung zu Irvine Welsh’ Erstling »Trainspotting« brachte es innerhalb kürzester Zeit zum Kultfilm. Von vielen geliebt, von einigen auf Grund seiner drogenverherrlichenden Machweise verflucht, muss man dem Titel eines auf jeden Fall lassen: Er ist noch heute Kult und noch immer im Gespräch. Die Vorlage kenne ich nicht und auch der Film ist so lange her, dass ich mich kaum noch an ihn erinnern kann. Von daher war es vielleicht etwas gewagt, mir »Kurzer Abstecher« zuzulegen, welches die Weiterentwicklung des Vorzeigepsychos Francis Begbie aus besagtem Vorgänger erzählt. Auf den ersten Blick hat der Roman mit der Vorlage dann aber gar nicht so viel zu tun. Begbie, mittlerweile unter dem Namen Jim Francis ein anerkannter Künstler, scheint zum treusorgenden Familienvater geworden zu sein. Doch schon nach einigen Seiten sieht man immer wieder die soziopathische Ader des guten Herrn durchschimmern, die mit seiner Ankunft in Schottland immer mehr an die Oberfläche tritt. Welsh ist es gut gelungen, eine vorgebliche Weiterentwicklung zu beschreiben, die unter der Vergangenheit und den geänderten Umständen leidet und das schlechteste im Menschen wieder zum Vorschein bringt. Diese tatsächliche Rückentwicklung hat einen morbiden Reiz, der sich in der nach und nach immer bedrohlicher und (man möge mir die Wortwahl verzeihen) abgefuckteren Atmosphäre niederschlägt. »Kurzer Abstecher« mag zwar kein klassischer Thriller sein, doch die Spannung ist auf einem hohen Niveau, insbesondere da die beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten des Francis Begbie so interessant beschrieben und handwerklich gut umgesetzt sind, dass man unbedingt wissen möchte, welche von ihnen die Oberhand behält und ob die Rückkehr ins bürgerliche Künsterleben gelingt. Die Charaktere des Buchs sind dabei vermutlich eine Verneigung vor den Fans des Vorgängers, denn viele von ihnen sind bereits in »Trainspotting« aufgetaucht. Für mich nun nicht gar so reizvoll. Lange her, kaum noch präsent, wir erinnern uns. Gelungen ist jedoch die nachvollziehbare Entwicklung des Hauptakteurs, der, trotz einiger auch sehr gut beleuchteter Nebencharaktere, in »Kurzer Abstecher« eine ziemliche One-Man-Show abliefert. Welsh gelingt es, dem Leser diese brutale und durchgeknallte Seite seiner Hauptfigur nahezubringen und ihn, trotz der sich später häufenden Gewaltexzesse, immer noch irgendwie sympathisch zu finden, ohne ihn dabei zu einem Antihelden der Marke Punisher werden zu lassen. Insgesamt also gut gelöst und dank der vielen psychologischen Ansätze immer noch mit einem gewissen Niveau verbunden. Stilistisch kann ich »Kurzer Abstecher« nicht sonderlich gut einschätzen, wenn ich ehrlich sein soll. Eines von Welsh’ Markenzeichen ist die intensive Verwendung von schottischem Dialekt und Slang in den Dialogen. Das mag in der Originalfassung durchaus gut funktionieren und authentisch wirken, in der deutschen Übersetzung leidet der Aha-Effekt aber deutlich. Ich denke, dass Stephan Glietsch eine undankbare Aufgabe zuteilwurde, die zu lösen eine echte Gratwanderung gewesen ist. Überzeugen kann mich das Endergebnis nur bedingt. Wo die normalen Handlungspassagen schmissig und mit ordentlich Drive auch auf Deutsch gut wirken, sind die Dialoge nach einer gewissen Zeit nervig. Der Dialekt ist in erster Linie damit gelöst, letzte Buchstaben wegzulassen, aus einem ›nicht‹ wird also beispielsweise ein ›nich‹. Wie gesagt, ich will Glietsch keinen Vorwurf machen, insbesondere da ich unlängst selbst feststellen musste, wie schwer es ist, mit Slang umzugehen, wenn man die Wirkung nicht verfälschen will. Somit würde ich also sagen, dass es akzeptabel gelöst ist, der Reiz sich für mich aber schnell abgeschliffen und eine nervige Penetranz hinterlassen hat. Fazit: Ich bin unentschlossen. »Kurzer Abstecher« ist grundsätzlich kein schlechter Roman, die Story ist überzeugend und gut erzählt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und die Folgen daraus wissen zu gefallen und sind, trotz aller Unwahrscheinlichkeiten bis zum überraschenden Ende, auch glaubhaft umgesetzt. Wenn da nur nicht die nach kurzer Zeit nervtötenden und nicht mehr stimmig wirkenden Dialoge gewesen wären, die den guten Gesamteindruck deutlich nach unten ziehen und definitiv verhindern, dass ich mir mehr von Welsh zu Gemüte führen werde.

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Wer erinnert sich nicht an „Trainspotting“, den 1993 erschienenen Roman Irvine Welshs über die schottische Drogenszene. Fortgeschrieben wurde die Geschichte der Clique in „Porno“ (2002), und 2012 machte uns der Autor in „Skagboys“ mit der Vorgeschichte bekannt. Was ist in der Zwischenzeit aus den Protagonisten geworden? Haben sie die Drogenexzesse überlebt, sitzen sie im Knast oder sind sie clean geworden? Diese Fragen mag sich auch der Autor gestellt haben. Antwort darauf gibt er in „The Blade Artist“ aus dem Jahr 2016, nun in der Übersetzung unter dem Titel „Kurzer Abstecher“ in der Übersetzung bei Heyne Hardcore erschienen, wobei Welsh sich hier auf Franco Begbie konzentriert, den einzigen aus der Clique, der nicht drogensüchtig war, sondern sich an und mit Gewalt berauscht hat. Franco Begbie gibt es nicht mehr. Nein, er ist nicht tot, er hat nur einen anderen Namen angenommen und lebt jetzt als Jim Francis in Kalifornien mit Frau (einer Kunsttherapeutin, die er im Gefängnis kennengelernt hat) und zwei Töchtern. Sein neues Betätigungsfeld ist nun die Bildende Kunst, und mit seinen verstörenden Plastiken hat er sich einen Namen bei den Reichen und Schönen gemacht. Aber die Aggressionen brodeln noch immer unter der Oberfläche. Eine Nachricht aus seinem früheren Leben katapultiert ihn zurück in die Vergangenheit. Sean, sein Sohn aus einer früheren Beziehung, wurde in Edinburgh ermordet. Zwar hat er schon seit Jahren nichts mehr von ihm gehört, aber er ist sein Fleisch und Blut. Also dann, auf zu einem kurzen Abstecher nach Schottland! Und zwar nicht nur, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen, sondern um den Mörder seines Sohnes ausfindig zu machen. Edinburghs Unterwelt ist alarmiert, denn hier weiß jeder, dass Begbie ein Meister mit der Klinge ist… Schaut man sich „Kurzer Abstecher“ im Vergleich mit den Vorgängern an fällt auf, dass deren Stories zwar durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten wurden, aber dennoch eher in der Struktur einem Mosaik ähnelten. „Kurzer Abstecher“ hingegen ist ein astreiner Thriller und konzentriert sich ausschließlich auf Franco Begbie und dessen Rückkehr auf bekanntes Terrain. Innere Monologe kombiniert mit Rückblicken in die Vergangenheit lassen die Zwiespältigkeit des Protagonisten erkennen, der sich durch seinen jüngeren Sohn mit seinem alten Ich konfrontiert sieht. Und es stellt sich die Frage, ob er sich wirklich geändert hat oder noch immer der kaltschnäuzige Kriminelle von damals ist. Das ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Thrillers. Wie immer ist Irvine Welsh nicht zimperlich in seiner Wortwahl bzw. der Beschreibung von Gewaltszenen – von daher eher eine Lektüre für abgebrühte Leser. Kurze Bemerkung zum Schluss: Wie eingangs erwähnt ist „Kurzer Abstecher“ der mittlerweile vierte Roman um die Edinburgher Clique, und wenn man diesen mit „Trainspotting“ vergleicht, hat die Geschichte doch ziemlich an Substanz verloren. Zu viel Blut, zu viel Nabelschau, zu wenig kritische Blicke auf die gesellschaftspolitischen Zustände, zu wenig bissige Kommentare. Scheint so, als wäre diese Story auserzählt.

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„Der Mensch ist die einzige Kreatur, die sich weigert zu sein, was sie ist.“ Albert Camus Wer hätte das gedacht! Jim Francis, in Edinburgh besser bekannt als Franco Begbie, hat offensichtlich seinen Frieden gefunden. Verheiratet mit einer Kunsttherapeutin lebt er als erfolgreicher Künstler im sonnigen Kalifornien und genießt das unabhängige Leben mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Töchtern. Doch eines Tages erreicht ihn die Nachricht von der Ermordung seines Sohnes. Er kehrt zurück nach Leith, um seinen Sohn zu beerdigen und den Mörder zu finden… Irvine Welsh, eigentlich ein bissiger aber meistens sehr humorvoller Provokateur, zeigt sich hier von einer erstaunlich ruhigen, souveränen Seite. Erneut taucht er in die gesellschaftlichen und sozialen Untiefen Edinburghs ein und präsentiert ein weiteres Puzzlestück in seinem düster-brutalen Welsh’schen Universum. In Kurzer Abstecher widmet er sich dem aus Trainspotting bekannten Francis Begbie, der einen radikalen Lebenswandel durchlaufen ist. Doch kann man seine Persönlichkeit, sein Temperament und seinen Charakter wirklich ändern? Greifen Sozialisierungsprogramme, oder ist Begbie ein gnadenloser Manipulator? Der Leser begibt sich in diesem sehr reifen, sprachlich wie inhaltlich fesselnden Roman Seite an Seite mit dem mittlerweile deutlich reflektierten Choleriker zurück in die Stadt, der er eigentlich für immer den Rückenkehren wollte. Irvine Welsh gelingt ein Roman, der dabei so unberechenbar und impulsiv wie seine Hauptfigur ist. In einem Moment sachlich, im nächsten wie ein aktiver Vulkan brodelnd, macht dies gerade den besonderen Reiz aus. Denn Kurzer Abstecher ist in seinen Beschreibungen authentisch, inhaltlich fesselnd und zieht einen unweigerlich in die Geschichte. Kurzer Abstecher (Originaltitel: The Blade Artist, England 2016) erscheint in einer Übersetzung aus dem schottischen Englisch von Stephan Glietsch als Paperback mit Klappenbroschur bei Heyne Hardcore (272 Seiten, €18,00). Im Anhang befindet sich eine Danksagung des Autors. Begbie is back! Älter, ruhiger aber trotzdem nicht weniger gefährlich, verschlägt es ihn (und damit den Leser) erneut in die bekannten Gegenden in Leith. Ein so reifes wie heftiges Buch, so unberechenbar und wild, wie seine Hauptfigur. Erneut beweist Irvine Welsh, dass er einer der spannendsten literarischen Stimmen der Gegenwart ist. Von mir gibt es eine eindeutige Leseempfehlung! Christian Funke

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