Leserstimmen zu
Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante

Die Neapolitanische Saga (4)

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2011 erschien Meine geniale Freundin, der erste Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, vor wenigen Wochen kam der vierte Band der Serie in deutscher Übersetzung als Die Geschichte des verlorenen Kindes in die Buchhandlungen. Ich hatte zwar die ersten drei Teile nicht gelesen, wollte mir dieses Buch aber trotzdem nicht entgehen lassen, war es doch von der Kritik hochgelobt und 2016 für den Man Booker International Prize nominiert worden. Die Hörbuchfassung wird von Eva Mattes gelesen, ein weiteres starkes Argument für die Geschichte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar herzlichst bedanken. Die Neapolitanische Saga, das sind die Lebenserinnerungen von Elena Greco, einer linken Intellektuellen und Schriftstellerin. Sie stammt aus dem Rione, einem Armenviertel bei Neapel, wo sie in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Raffaella Cerullo, genannt Lila, zur Schule gegangen ist. Dem Hörbuch ist eine kleine Broschüre beigelegt, eine Art „Was bisher geschah“ der ersten 3 Teile, es war also nicht schwer, den Einstieg zu schaffen. Die Geschichte des verlorenen Kindes nimmt den Faden in den späten 1970er-Jahren auf, als Lila und Elena Anfang 30 sind. Die beiden waren in der Schule Klassenbeste gewesen, aber während Elena Neapel verlassen, studiert und Karriere gemacht hatte, ist Lila nie wirklich aus der Stadt hinausgekommen. Sie hatte sehr jung geheiratet und einen Sohn bekommen, und nach dem Scheitern ihrer Ehe und einer Affäre mit Nino Sarratore, für den sowohl sie als auch Elena schon als Mädchen geschwärmt hatten, ist sie dabei, mit ihrem neuen Mann Enzo eine Firma aufzubauen. Elena hatte einen Universitätsprofessor aus Florenz geheiratet und zwei Töchter zur Welt gebracht, aber jetzt hat auch sie sich mit dem verheirateten Nino Sarratore eingelassen und ist nach Neapel zurückgekehrt. Innerhalb weniger Monate bekommen beide Freundinnen nochmals jeweils eine Tochter, und ab diesem Zeitpunkt wird die Verbindung zwischen den beiden Frauen wieder sehr eng. Die Erzählung spannt den Bogen bis ins Jahr 2010, wo die Geschichte so endet, wie es im Prolog des ersten Bandes vorweggenommen worden war. Meine Meinung: Im letzten Teil einer Serie einzusteigen ist natürlich ein Risiko, gleichzeitig hat es den Vorteil, dass man die Geschichte unvoreingenommen lesen und beurteilen kann. Gleich vorweg: Ich würde niemandem empfehlen, meinem Beispiel zu folgen, nicht deswegen, weil der Einstieg zu schwierig wäre oder man die anderen Teile spoilern würde, sondern deswegen, weil ich vermute, dass die Beschreibung der Geschehnisse in den 1970er- und 1980er-Jahren nicht zum Besten gehört, was Elena Ferrante zu Papier gebracht hat. Ich habe nach dem letzten Kapitel von Band 4 auch in den ersten Band, also den Beginn der Geschichte, hineingehört, und dieser hat mich sofort gefangen genommen. Im Prolog von Band 1 lässt die Autorin die fiktive Schriftstellerin die Erzählung mit folgenden Worten beginnen: 'Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.' (Aus: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin) Das tut sie nun, und es ist ihr trotz der nüchternen, unsentimentalen Erzählweise sofort gelungen, mich in das Neapel der 1950er-Jahre mitzunehmen und mich das Schicksal der beiden Mädchen gespannt und mit Empathie verfolgen zu lassen. Bei der Geschichte des verlorenen Kindes dauerte es lange, bis sich dieses Interesse an den Charakteren und ihren Schicksalen einstellte. Bei dem hier beschriebenen Lebensabschnitt hat ‚in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist‘ für mich nicht funktioniert. Über viele Seiten erzählt Elena von ihrer Beziehung zu Nino, dem mühsamen Hin und Her einer Affäre mit einem verheirateten Mann, der sich nicht zwischen alter und neuer Familie entscheiden kann und, wie auch Elenas Freundin Lila immer wieder anmerkt, schlicht und einfach ein Arschloch ist. Elena, die gebildete linke Feministin tut genau das, was unzählige Frauen vor und nach ihr getan haben, sie lässt sich emotional manipulieren und hofft, dass Nino sich für sie und die gemeinsame Tochter entscheidet. Und sie berichtet davon, schonungslos und mit der Genauigkeit einer soziologischen Fallstudie. Elena Ferrantes Romane werden genau dafür gelobt, dass sie das Seelenleben von Frauen offen, ehrlich und ohne Scham darlegen, und dem kann ich auch zustimmen. Allerdings fand ich die Schilderungen streckenweise so lapidar, wenn auch in allen Details ausgeführt, dass ich kein echtes Interesse für das Schicksal der Protagonistinnen aufbringen konnte. Auch die Schilderung von Mordanschlägen der Camorra oder von realen Ereignissen wie dem Erdbeben von 1980 und sogar die Geschichte des verlorenen Kindes machten auf mich emotional nicht mehr Eindruck als entsprechende Berichte in Tageszeitungen. Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, das Hörbuch einfach nebenbei weiterlaufen zu lassen, ich denke, ich wäre über die Hälfte des Buches nicht hinausgekommen. Das wäre schade gewesen, denn das Ende hat mich sehr berührt. Es nimmt die Motive des ersten Bandes der Saga wieder auf und sorgt dafür, dass sich der Kreis schließt, während die Geschichte gleichzeitig ein wenig geheimnisvoll bleibt. Wären die vier Bände als ein Buch erschienen, wäre mein Fazit wohl: Die Geschichte der Freundschaft zwischen zwei Frauen als Spiegel der sozialen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Süditalien, auf beeindruckende und berührende Weise dargelegt, allerdings mit einigen Längen. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, ob Eva Mattes den Roman anders lesen und ihm auf diese Weise eine größere Emotionalität verleihen hätte können, aber ich denke, dass das den Intentionen der Autorin widersprochen hätte. Auf dem Cover des Hörbuchs wird dazu ein Kommentar aus der Süddeutschen Zeitung zitiert: 'Wenn die Erzählerin ihre Geschichte ursprünglich auf Deutsch vor sich hin gesprochen hätte, dann hätte dies sich wohl angehört wie diese Lesung von Eva Mattes.'

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Mit „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ beendet Elena Ferrante ihre vierbändige Saga um die beiden Freundinnen Lenu und Lila nahe bei Neapel. Endlich wird aufgeklärt, womit Band 1 begonnen hat, doch das ist eigentlich zur Nebensache geworden. Das Leben der beiden – doch sehr – unterschiedlichen Mädchen bzw. Frauen macht sehr deutlich, was Freundschaft aushalten und ausmachen kann, wie stark Gesellschaft, soziale Stellung, Selbstbewusstsein und familiärer Halt sich auf die Entwicklung von Kindern und jungen Frauen auswirken können. Auf vielen hundert Seiten hat die Leserin die beiden durch Höhen und Tiefen begleitet, sie sind ihr ans Herz gewachsen und mag sich nun vermutlich nur schwer von den beiden trennen. Das ist die große Kunst der Elena Ferrante. Sie zieht einen in die Geschichte, in eine fremde Welt, macht einen zum Mitwisser, zum Vertrauten. Gleichzeitig entfaltet sich ein Kosmos der Zeitgeschichte. Ein unglaublich spannendes Hörvergnügen.

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* Enthält oberflächliche aber keine detaillierten Spoiler Gestaltung Eigentlich informiere ich bei der Hörbuchgestaltung hauptsächlich über den Hörbuchsprecher bzw. die Hörbuchsprecherin und lasse das Cover außer Acht. Schließlich geht es beim Hörbuch ja nicht um die Optik. Allerdings möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass die Hörbuch Cover zur neapolitanischen Saga wirklich schön gestaltet sind. Auf jedem Cover sind die Schatten zweier Frauen zu sehen. Und das immer in unterschiedlichen Kulissen. Der letzte Band ist farblich etwas dunkel gehalten. Eva Mattes hat uns auch durch Die Geschichte des verlorenen Kindes geführt. Sie durfte hier neuen Charakteren eine Stimme geben. Außerdem hat sie uns an die Konflikte, die uns auch im letzten Teil nicht erspart bleiben, gut herangeführt. Gerade die gegensätzlichen Positionen, die Gemeinheiten zwischen den Zeilen, hat Eva Mattes sehr gut übersetzt. Inhalt Ich war sehr gespannt, wie Elena Ferrante die neapolitanische Saga enden lässt und was es mit dem verlorenen Kind auf sich hat. Ich war immer auf der Hut und fragte mich, welche der beiden Freundinnen um ihr Kind bangen musste und ob es im Laufe der Geschichte wieder auftauchen würde. Oder handelte es sich bei dem Titel nur um eine Metapher? Hier fiel mir zum ersten Mal die Gleichmäßigkeit der Titel auf: Im ersten Band Meine geniale Freundin ist nicht etwa Lila gemeint, sondern Elena. Im zweiten Teil Der Geschichte eines neuen Namens heiratet Lila und muss sich nun nicht nur mit ihrer eigenen Familie, sondern auch mit der Verwandtschaft des Ehemannes herumschlagen. Im dritten Teil Die Geschichte der getrennten Wege erleben wir, wie Elena ihr Leben außerhalb Neapels meistert. Und so ahnte ich, bezogen auf den letzten Titel, nichts Gutes. Ich war beinahe etwas erstaunt, als das Kind verschwand. Ich rechnete - ganz im neapolitanischen Stil - mit einer Entführung, Streitereien und bösen Drohungen. Doch der Mutter stand etwas Grausameres bevor. Die Geschichte des verlorenen Kindes ist also das große Finale: Unsere Charaktere sind mittlerweile um die dreißig Jahre alt und es war spannend zu sehen, wie sie sich weiterentwickelt haben. Dadurch, dass wir die beiden Protagonistinnen in den Kindertagen kennenlernen durften, konnten wir auch beobachten, welche Ereignisse prägend für unsere Charaktere waren. Woraus sind sie gestärkt hervorgegangen? An welchem Ereignis sind sie zerbrochen? Allerdings ging mir manches in Elenas und Lilas Entwicklung zu schnell: Lila bekommt eine zweite Tochter und das obwohl sie eigentlich nie viel für Kinder übrig hatte. Zu ihr - und auch zu Elenas Kindern - hat sie eine sehr innige Beziehung, was ich eher ungewöhnlich fand. Ansonsten war Lila aber ganz die Alte: Sie schaute genau hin und war keinesfalls gutgläubig. Spannend fand ich auch, dass sie sich gegenüber Elena herabsetzte. Elena war aus Lilas Sicht die Gebildete. Diejenige, die schreiben und reflektieren konnte und oben drein auch etwas davon verstand. Doch Lila bewies immer wieder, dass sie ebenfalls viel wahrnahm. Zudem zeigt sie auch, was man alles erreichen kann, wenn man sich für verschiedene Themen interessiert. Elena durchlebt die Krisen des Autorendaseins: So kommt sie einfach nicht dazu, ein neues Buch zu schreiben. Schließlich geht es in ihrem Privatleben drunter und drüber. Da kommt ihr ein altes noch nicht überarbeitetes Manuskript gerade recht. Doch wurde es von mehreren Personen als ungeeignet und unglaubwürdig eingestuft. Als die finanziellen Nöte größer werden, wagt sie es und reicht das Manuskript bei ihrem Verlag ein. Außerdem hat sich Elenas Beziehung zu Lila verändert. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich endlich von ihrer Freundin lösen konnte. Natürlich war Lila nach wie vor eine wichtige Bezugsperson für sie. Dennoch konnten beide Freundinnen unterschiedlicher Meinung sein, ohne, dass Elena das Gefühl hatte, dass ihre Ansicht nichts wert sei. Elena wird als eine Person beschrieben, die geerdet durchs Leben geht. Sie weiß, dass sie kein besserer Mensch ist, nur weil sie studiert hat und Bücher schreibt. Und da kommt der Aspekt, den ich an ihr nicht ganz verstehe: Lila betont immer wieder, dass Elena ihre Töchter vernachlässige. Elena befindet sich tatsächlich viel auf Reisen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie eine Beziehung zu ihren Kindern hat und diese nicht für den Erfolg zu Hause sitzen lässt. Was den Spannungsbogen betrifft, nahm ich hier wahr, dass die Handlung hin und wieder etwas dahin plätscherte und nicht viel passierte. Was mich an diesen Stellen durch die Geschichte trug, war zum einen der Schreibstil und eben die tollen Charaktere. Schreibstil Elena Ferrante erzählt die Geschichte aus der Sicht der allwissenden Erzählerin Elena. Warum allwissend? Immer wieder gibt es Passagen in denen Elena von Lila erzählt oder sich ausmalt, wie es ihrer Freundin in bestimmten Situationen ergangen sein muss. (Ich hoffe jetzt einfach mal, dass meine Behauptung stimmt :) ). Dennoch verzichtet die Autorin hier keinesfalls auf Dialoge. Zuerst beschreibt sie eine Szene. Und je nachdem, wie wichtig diese ist, führt sie am Ende einen kurzen Dialog oder Monolog an, der die Szene bestätigend unterstreicht. Das hat mir sehr gut gefallen, weil der Dialog als solches hier als Stilmittel benutzt wurde, aber nicht zwingend dazu beitrug, die Geschichte voranzutreiben, sondern mehr dazu diente, verschiedene Aspekte hervorzuheben. Dennoch erlebte ich in Die Geschichte des verlorenen Kindes Passagen, in denen die Geschichte dahinplätscherte. Woran das lag, kann ich leider nicht sagen. Hier hätte ich mir eine bessere Verstrickung der Handlungsstränge gewünscht. Allerdings war dies ja kaum möglich, da es sich hier um das Finale einer Reihe handelte. Am Ende angekommen, merke ich, dass ich jetzt wieder gesättigt bin, was diese Art des Schreibstils betrifft. Allerdings würde ich jederzeit wieder zu einem Buch der Autorin greifen. Gesamteindruck Insgesamt hat Elena Ferrante hier einen schönen Abschluss ihrer Reihe geschaffen. Gegen Ende ging mir die Geschichte dann beinahe etwas zu schnell voran. Obwohl das Ende recht offen gehalten war, schloss sich für mich ein kleiner Kreis, weil die Geschichte beinahe so endete, wie sie begann.

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