Leserstimmen zu
Archiflop

Alessandro Biamonti

(3)
(3)
(1)
(0)
(0)
Paperback
€ 29,95 [D] inkl. MwSt. | € 30,80 [A] | CHF 41,50* (* empf. VK-Preis)

Dass die Errichtung der Hamburger Elbphilharmonie wesentlich länger dauerte als geplant und die Baukosten sich am Ende monströs auftürmen, ist schon tragisch. Aber es hätte ja noch schlimmer kommen können. Man stelle sich vor, das imposante Bauwerk hätte sich nicht nur während der Bauzeit, sondern auch nach seiner Eröffnung als Fehlplanung erwiesen, würde zum Beispiel die hohen Erwartungen nicht erfüllen, könnte nicht vollumfänglich genutzt werden oder die Besucher blieben fern. Zum Glück wird die Elbphilharmonie in diesen Tagen gefeiert. Sie wäre sonst wohl ein Fall für Alessandro Biamonti. In seinem Fotoband »ArchiFlop« präsentiert der Mailänder Architekt die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur. Gescheiterte Visionen heißt es im Untertitel. Riesige Geisterstädte, eine verlassene und heruntergekommene Shopping Mall, verwahrloste Vernügungsparks, Stahl- und Betonskelette auf hoher See. Biamonti hat die Objekte seines Buches aussagekräftig in folgende Rubriken unterteilt: 1. Die Überlegung lautete: Es werden viele Tausende kommen. 2. Die Überlegung lautete: Es wird riesige Gewinne bringen. 3. Die Überlegung lautete: Sie werden es nicht bemerken. 4. Die Überlegung lautete: Sie werden sich bestens amüsieren. Die gewählten Überschriften suggerieren bereits, was falsch lief: Mal fehlte das Interesse der Kundschaft, mal das Geld. Mal machten Naturkatastrophen alle Erwartungen zunichte, mal politische Wendungen oder Irrwege. Meist fehlte es an Weitsicht, oftmals auch an Einfühlungsvermögen. Überraschend ist, wie viele architektonische Fehlschläge sich in Asien befinden. Oder auch nicht, wenn man bedenkt, wie schnell und in welchem Umfang dort ganze Städte verrückt und hunderttausende Menschen umgesiedelt werden, weil mal eben ein neuer Staudamm gebaut werden muss oder neu entdeckte Bodenschätze zu heben sind. Allerdings hat auch Europa eine Vielzahl spektakulärer Ruinen zu bieten. Eindrucksvolle Beispiele in Biamontis Buch sind die Metro-Linie Châtelet im belgischen Charleroi, die u.a. wegen der Krise der Stahlwirtschaft in den 1980er und 1990er Jahren nie in Betrieb genommen wurde; oder der Spreepark in Ostberlin, erster und einziger Vergnügungspark der DDR, der wenigstens ein paar Jahrzehnte in Betrieb war, dessen Aufgabe im Jahre 2001 jedoch vermutlich schon mit dem Fall der Mauer vorhersehbar war. Faszinierend an »ArchiFlop« sind nicht nur die Fotos, die Biamonto zusammengetragen hat, sondern auch die kurz und knapp von ihm dargelegten Hintergründe des Scheiterns. Gulliver’s Kingdom zum Beispiel, ein Themenpark mit einer 45 Meter langen liegenden Statue des Lemuel Gulliver im japanischen Kamikuishiki, floppte unter anderem deshalb, weil der gewählte Standort mit seinen jahrhundertealten Bäumen eine besondere Anziehungskraft auf Suizidgefährdete ausübt – und weil sowohl der Sitz der berüchtigten Aum-Sekte als auch eine Nervengasfabrik in unmittelbarer Nachbarschaft zu finden sind. Nun ja, hätte man vielleicht vorher wissen können. Immerhin erlangten einige der architektonischen Fehlschläge aus Biamontis Buch Berühmtheit als Filmkulisse. Die im Kaspischen Meer errichtete Öl-Stadt Neft Dashlari mit ihrem verwirrenden Brückengeflecht kennen James-Bond-Fans aus »Die Welt ist nicht genug«, die künstliche Insel Hashima war in »Skyfall« geheimnisvoller Sitz des 007-Gegenspielers. Die Frage, die sich der Autor am Anfang und Ende seines Buches stellt – und irgendwann dazwischen auch seine Leserschaft: Kann man den architektonischen Fehlleistungen etwas Positives abgewinnen, außer dass sie hinterher als Ruine eine interessante Filmkulisse abgeben? Biamontis Antwort lautet: Ja. Die größten Chancen, so schreibt er, tun sich häufig vor dem Hintergrund von Problemen, Fehlschlägen oder Zusammenbrüchen auf. Zum besseren Verständnis zitiert er Basketball-Superstar Michael Jordan, der einmal gesagt hat: »Gerade weil ich 9000 Würfe verfehlt habe, bin ich Michael Jordan geworden.« Soll heißen: Ohne Flops kein Erfolg.

Lesen Sie weiter

Roms Kolosseum ist beeindruckend, bei Touristen beliebt und erzählt von einer längst vergangenen Zeit. Eine Ruine ist dieses imposante Bauwerk dennoch, kein Kampf à la Game of Thrones trägt sich mehr in der Arena zu. Auf die Idee, die gigantischen Mauern niederzureißen, käme jedoch niemand. Anders ist dies bei den Ruinen, die der Mailänder Architekt Alessandro Biamonti in ArchiFlop in den Fokus nimmt. Ein Feriendorf aus Ufohäuschen ziert das Cover von Biamontis Führer moderner Ruinen. Ein Plastikmogul forcierte den Bau der Siedlung im taiwanischen Sanzhi in den 70er-Jahren auf der Suche nach neuen Einsatzmöglichkeiten seines Materials. Schon Anfang der 80er standen die Baukräne still – Seelen verstorbener Soldaten hätten durch die Arbeiten keine Ruhe gefunden, ein Drachen sei auch nicht einverstanden gewesen, vielleicht lag es aber einfach nur an einem zu eng gesteckten finanziellen Rahmen, dass nie begeisterte Urlauber die kleinen, bunten Ufos bezogen. 2008 dann wurden die Ufos wieder aus der Landschaft entfernt – der Umgang mit modernen Ruinen weicht enorm von der Verehrung, die dem Kolosseum, Forum Romanum und Co. zukommen, ab. Biamonti kreidet diese Abrisskultur an. „Es ist, als wollten wir die Anzeichen des Misslingens aus unserem Umfeld tilgen. Das hat seinen Grund darin, dass die Ruinen der Gegenwart zwar etwas Sublimes an sich haben und uns rühren, dass sie uns zugleich aber auch schaudern lassen.“ ArchiFlop vereint nun also diese schauderhaften Gebäude oder gar ganze Städte, die von Menschen entweder verlassen wurden oder nie welche anziehen konnten. Die Übersicht des Misslingens ist hingegen gelungen gestaltet und leserfreundlich gruppiert, beispielsweise in ideologische Bauvorhaben oder rein profitorientierte Projekte – gescheitert sind sie natürlich allesamt. Auch Ideen für die Umdeutung bzw. tatsächliche Nutzung von modernen Ruinen finden Eingang in das ansonsten von großen Farbfotografien dominierte Buch. Biamontis progressive Gedanken sowie die umfassenden Infotexte zu jedem Bauwerk machen den Band zu mehr als einem leicht durchblätterbaren Coffeetablebook. Einzig die Übersetzungen aus dem Italienischen sind hier und da vielleicht etwas zu wörtlich angenommen worden – im Original erschien ArchiFlop erst im letzten Jahr. Kleine Fehler seien aufgrund der Eile also verziehen.

Lesen Sie weiter

Lost Places

Von: StMoonlight

25.07.2017

Der 110 m hohe "Abraham-Lincoln-Turm" in Rio de Janeiro. Seit 1969 ist er in Arbeit und immer noch nicht fertig.  37 Stockwerke, 454 Wohnungen und bis heute noch immer nicht fertig. Nur eines von vielen tollen und kuriosen Bauwerken. Es ist erstaunlich wie viel angefangen, aber nicht zu Ende gebracht wurde. Die Gründe dafür sind vielfältig. Mal fehlendes Geld, mal ein Bauunternehmer der sich aus dem Staub gemacht hat, dann die Lage die eine ganze Stadt vereinsamen lässt, … Jedes beschriebene Bauwerk, jede geplante Stadt, hat der Autor eine Menge Informationen beigefügt. Allesamt sind spannend geschrieben. Nicht zu viel Text, sondern genau die richtige Dosis, die der Interessent als Information benötigt. Ob Einkaufszentrum, Vergnügungspark oder ganze Städte, hier vereint der Autor eine Sammlung von „Lost Places“. Das Tollste an „ArchiFlop“ sind die vielen Fotos, meist sogar (fast) Ganzseitig, alle in Farbe. Was hier schön gewesen wäre, wären mehr Detailaufnahmen gewesen. ~°~ Fazit ~°~ Der Autor bietet eine tolle Auswahl an möglichen neuen, wenn auch zugegebenermaßen ungewöhnlichen, Ausflugszielen. Wieso denn immer nur zu den Top-Highlights von Bauwerken reisen? Für alle die mal die anderen Seiten eines (Reise)landes kennenlernen möchten.

Lesen Sie weiter

Egal, ob es sich nun um die "Hagia Sophia" in Istanbul, die "Scheich Zayid-Moschee" in Abu Dhabi, den "Meiji-Schrein" in Tokio, die "Mezquita-Catedral von Córdoba" in Córdoba, den "Uluru" in der zentralaustralischen Wüste oder die "Niagarafälle" an der Grenze der kanadischen Provinz Ontario handelt, sind es doch mehr oder weniger immer die gleichen Sehenswürdigkeiten, die uns Touristen aus aller Herren Länder immer wieder in die Ferne ziehen. Das wird nun langsam langweilig, wenn auch die naturgegebenen Attraktionen nur schwer zu toppen sind. Was die gebotenen, von Menschen errichteten Wunder betrifft, könnte das Angebot nicht unterschiedlicher sein. Vor allem was den Zustand der jeweiligen Gebäude betrifft. Beispielsweise in Italien, Griechenland oder Peru sind die Zeugnisse architektonischer Aktivitäten teils eher in desolatem Zustand, während sich Londons "Big Ben", Versailles' "Schloss Versailles" oder Agras "Taj Mahal" in doch recht ordentlichem Zustand befinden. Inwieweit es sich bei dem einen oder anderen Bauwerk, insbesondere derjenigen in Ägypten, eventuell um Bausünden handelt, wagt sicher niemand zu unterstellen, doch was die Langeweile derjenigen betrifft, die schon alles gesehen haben, gibt es jetzt eine langersehnte Alternative. Alessandro Biamonti bietet eine ganze Reihe neuer Ausflugs- und Urlaubsziele an. Weshalb nicht einmal "die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur" besichtigen? Weshalb immer die alten Ruinen besichtigen, wenn es auch neue gibt? Was er uns vorstellt, ist spektakulär und motiviert ungemein, die immer gleichen Urlaubspläne einmal zu korrigieren und zu erweitern. Kurios ist beispielsweise der "Abraham-Lincoln-Turm" in Rio de Janeiro. 1969 wurde mit dem Bau begonnen. Stolze 110 Meter ist er hoch, hat 37 Stockwerke, insgesamt 454 Wohnungen und ist dennoch bis heute unvollendet und nicht beziehbar. 250 Käufer dürfen sich weiter in Geduld üben. Kurios ist "Gulliver's Kingdom", ein 1997 eröffneter und bereits vier Jahre später wieder geschlossener Vergnügungspark in der Nähe von Kamikuishiki, Japan, dessen Hauptattraktion eine gigantische Gulliver-Statue war. Nicht weniger kurios sind eine ganze Reihe von Gründen, die zur Aufgabe des Parks und seiner Schließung geführt haben. Auch nicht schlecht ist ein riesiges Einkaufszentrum in Englewood, Colorado, USA, welches 1968 eröffnet wurde und immerhin erst 1995 geschlossen wurde. Es erstreckte sich über eine Fläche von über 125.000 Quadratmetern und bildet heutzutage geradezu ein Pflichtziel für Touristen, die an der Besichtigung von "modernen Ruinen" interessiert sind. Alessandro Biamontis illustre Sammlung "architektonischer Fehlschläge" - auch "Archiflops" genannt - erschreckt und belustigt zugleich. Nachdenklich stimmt sie allemal und regt an, sich mit, teilweise milliardenschweren, Irrtümern, Fehlplanungen und der Vergänglichkeit von Ideen zu beschäftigen. Staunend versucht man, jene gigantischen Sackgassen zu begreifen, während am Ende die Gewissheit bleibt, dass es, selbst nach den größten und teuersten Fehlern, irgendwie immer weitergeht.

Lesen Sie weiter

Ich bin ein Fan von Ruinen. Ich mag Ruinen deswegen so sehr, weil sie Geschichte erzählen, weil sie für etwas stehen (mehr oder weniger), egal ob bedeutungsvoll oder nicht. Egal, ob sie wirklich alt sind, wie die Pyramiden oder ob es relativ neue Gebilde sind - Ruine haben eine magische Wirkung auf mich und befinde ich mich in einem Ort mit mir noch unbekannten Ruinen, muss ich sie anschauen. Da kam dieses Buch also gerade Recht. Mit einer ziemlich hohen Erwartung, schließlich gibt es draußen im WorldWideWeb einige Seiten, die mit schon sehr interessanten Bildern aufwarten können, ging ich an dieses Buch. Begann zu lesen und war direkt gefesselt. Meine hohe Erwartung wurde tatsächlich erfüllt, denn hier erwartete mich mehr - neben interessanten Bildern, gab es Erklärungen dazu: Es wurde erklärt, warum das Gebäude entstand & wo es gebaut wurde, es wurden interessante Zeitdaten genannt, ebenso, ob es inzwischen abgerissen worden ist oder noch vor sich hin verfällt. Diese Texte sind einerseits ausführlich und aber dennoch immer so im Rahmen, dass es einen nicht langweilt. Die richtige Länge wurde hier genau getroffen und machen Lust auf mehr. Zwar waren mir einige dieser Orte schon von Bildern her bekannt und bei den ein oder anderen wusste ich auch, wo in etwa sie liegen - aber zu den meisten Orten sind mir erst durch dieses Buch ein paar interessante Fakten bekannt geworden. Auch die mir bis dato unbekannten Orte fand ich sehr interessant und finde, dass hier insgesamt eine gute Auswahl getroffen wurde. Die Aufmachung des Buches gefällt mir sehr, mit dem Gelb und den großformatigen Bildern. Allerdings sind mir zwei Punkte negativ aufgefallen: Hier und da sind die Bilder nicht in der besten Qualität, was aber dem Umstand geschuldet ist, dass diese Ruinen bereits abgerissen wurden und auf Archivfotos zurückgegriffen wurde. Außerdem sind mir ein paar Rechtschreibfehler aufgefallen, da wäre eine zweite Korrekturlesung durchaus angebracht gewesen. Diese Schreibfehler fand ich unnötig. Kurzum: Das Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich habe es innerhalb eines Mittags ausführlich durchgelesen und werde sicher noch ein paar Mal darin rumblättern. Ein Buch genau nach meinem Geschmack! Sollte irgendwann ein Band 2 erscheinen, bin ich definitiv dabei!

Lesen Sie weiter

Der Ort ist Ordos in China. Verbaut wurden 160 Milliarden Dollar aus öffentlichen Geldern und was bleibt sind gigantische, nicht fertig gebaute Hochhäuser und eklige Baugruben. Inklusive eines fertiggestellten Museums und einer Bibliothek, die bis heute noch auf Besucher warten. Oder Kolmannskuppe, Namibia, Afrika. 1908 mit dem Bau begonnen auf Anweisung deutscher Kolonialherrschaft, 1954 verlassen, weil das Fördervolumen der Diamanten stark rückläufig war. Zerfallene Häuser in karger Felsen- und Wüstenlandschaft, eine moderne Geisterstadt. Oder der „Abraham Lincoln Turm“ in Rio de Janeiro. 1969 begonnen, von den 450 Appartements haben nur 250 einen Käufer gefunden, leben in einem halben „Geistergebäude“ heißt das also. Nur drei Beispiele von vielen, die Alessandro Biamonti in diesem Band versammelt hat, bestens fotografisch ins Licht gerückt, so dass der Leser einen umfassenden Einblick (und Anblick) in modere Ruinen erhält, entweder von Beginn an oder auf Dauer gesehen misslungene Groß-Bauprojekte. Die Biamonti nicht „einfach so“ sammelt (auch das wäre allein schon interessant zu sehen und zu lesen gewesen), sondern die er in einen modernen gesellschaftlichen Kontext stellt (den Umgang mit Fehlschlägen) und damit der modernen Geisteshaltung durchaus treffend auf die Spur kommt. „Tatsächlich leben wir ja in einer historischen Periode, in der wir mit Niederlagen und Fehlschlägen ganz anders umgehen als bisher. In erster Linie suchen wir nach einer Begründung dafür, sie als Problem hinter uns zu lassen und als Chance anzugehen“. Dabei bezieht sich Biamonti ausdrücklich auf eine Rede von Steve Jobs, in der Jobs all die Niederlagen seines Lebens aufzählt, um deren positiven Einfluss auf das dann gelungen Ganze seines Lebens aufzuzeigen. Ein Gedanke, der wichtig ist, der sich aber, natürlich, zunächst einmal am Denken und Wesen des Bauens bricht. Denn hier ist ein „Streben nach Permanenz“ zunächst ja im Raum, dass eher unfreiwillige scheitert und eben solche Ruinen zurücklässt. Und doch zeigt sich an den Ruinen im Buch einfach auch der „Wandel der Welt“. Und es ist gut so, dass diese „Archiflops“ noch stehen und zu sehen sind. „Wir müssen die gebauten Symbole des Scheiterns nicht mehr verstecken oder abreißen, sondern können sie akzeptieren, nicht alleine als Elemente der Landschaft, sondern als Teil unseres Umfeldes“. Scheitern also gehört als positiver Effekt zum Leben dazu, ist ein Teil des Ganzen und darf gezeigt werde. Der Zwang, alles negative, nicht passende, nicht Erfolgreiche unter viel Mühe zu verbregen hat sich im Lauf der Zeiten erübrigt. Somit also sind diese Mahnmale nicht gelungener Baukunst auch ein Spiegel des inneren Erlebens des Individuums und der Gesellschaft. Unter diesem Blickwinkel betrachte erhält die Lektüre der erläuternden Texte, samt der eindrucksvollen Bilder im Buch, noch eine anregende, interessante Ebene hinzu zu der schon für sich lesenswerten „Weltreise“ durch Flops der Architektur.

Lesen Sie weiter

“ArchiFlop. Gescheiterte Visionen“ versammelt „die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur“. Doch der Autor, Alessandro Biamonti, sieht in gescheiterten Architekturen gerade die Möglichkeit neue Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Das Buch hat eine ganz großartige Gestaltung, die von SOFAROBOTNIK in München stammt. Übrigens eins meiner absoluten Lieblingsbüros, wenn es um Buchdesign geht. Die verstehen ihr Handwerk! Insgesamt beinhaltet das Buch vier große Kapitel, die durch die ursprünglichen Ideen der Bauwerke unterteilt werden: Es werden viele Tausende kommen, Es wird riesige Gewinne bringen, Sie werden es nicht bemerken und Sie werden sich bestens amüsieren. In jedem Kapitel werden sechs Bauprojekte vorgestellt, die aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert sind und sich in Asien, den Amerikas, Afrika und Europa befinden. Wirklich spannend, dass es kaum Unterschiede gibt. In jeder Kultur werden Architekturen ähnlich gedacht und es wird auf gleiche Weise gescheitert quasi. Eine Weltkarte ist allen Kapiteln vorweg gestellt, damit man sich eine Vorstellung machen kann wo die Orte der Bauwerke zu finden sind. Das war auf jeden Fall sehr hilfreich. Darüber hinaus beginnt jedes Kapitel mit einer kurzen Einleitung, die erörtert was der Grundgedanke der Einteilung ist. „Es werden viele Tausende kommen“ zum Beispiel präsentiert fünf Projekte, die als Megastädte gedacht waren, aber nie oder von zu wenig Menschen bezogen worden sind und heute als urbane Wüsten zu Geisterstädten werden. Das sechste Projekt im Kapitel ist die Metrolinie Châtelet in Charleroi (Belgien), die niemals in Betrieb genommen wurde, da die ursprüngliche Bevölkerung in die Städte abgewandert ist, nachdem der Ort von der Stahlkrise in den 1980er-Jahren eingeholt wurde. Alle Projekte eint neben der Grundidee, dass die Natur sie mittlerweile zurückerobert. Besonders spannend fand ich neben der Metrolinie die chinesische Stadt Tianducheng, die eine exakte Kopie von Paris ist. Da sie jedoch nur durch eine mangelnde Infrastruktur auf sehr umständliche Weise zu erreichen ist und die Mieten gleichzeitig exorbitant hoch sind, zogen nur etwa 2000 Menschen in die Stadt. Heute ist sie vor allem ein Setting für Hochzeitsfotos. An diesen Beispielen zeigt sich auch ganz wunderbar, dass selbst in Zeiten von Wohnungsmangel in Ballungsräumen mehr getan muss als nur zu Bauen. Jedes präsentierte Bauprojekt wird kurz vorgestellt und durch wissenswerte Informationen verschiedener Art ergänzt sowie mit diversen Aufnahmen gezeigt. Wollte ich das Buch ursprünglich nur, weil es unterhaltsam klang, bin ich am Ende völlig fasziniert hängen geblieben und hab es an einem Abend durchgelesen. Alessandro Biamotti hat mich bereits in seiner Einleitung in seinen Bann gezogen und für die Idee begeistert, moderne Ruinen zu katalogisieren und daraus Visionen für unsere Zukunft zu entwickeln. Ganz leicht zugänglich sind seine Ausführungen allerdings nicht. Man merkt, dass er Professor für Design ist und ebenfalls, dass der Text aus dem Italienischen übersetzt wurde. Wenn man darüber hinwegsehen kann, hält man ein äußerst inspirierendes Buch in den Händen. Biamotti plädiert dafür jede Form des Scheiterns als Chance zu begreifen um in großen Dimensionen sogar ganze Gesellschaften neu zu denken. Jede Ruine präsentiert für ihn vor allem die Überreste eines Gedankens, der nicht weit genug oder gut genug durchdacht wurde. Für ihn sind dabei die modernen Ruinen besonders interessant, weil sie in direkter Beziehung zu unserer Kultur und aktuellen Lebensweise stehen. Sie bieten uns also völlig andere Denkanstöße als historische Ruinen, die vor allem Zeugnisse vergangener Kulturen sind. Er spart in seinen Ausführungen auch nicht an Beispielen wie dem Brutalismus der 1950er- oder dem Dekonstruktivismus der 1980er-Jahre, die für ihn auf positive Weise zeigen wie Architekturen für veränderte Denkweisen stehen und diese sichtbar in unsere gesellschaftliche Mitte tragen. Er plädiert dafür, dass wir uns jedoch insbesondere den gescheiterten Projekten zuwenden um sie in “anderen Szenarien neu zu denken”. Ein brillianter Text der einen richtig gut auf die dargestellten Projekte einstimmt, zu denen ich mir am liebsten direkt neue Lösungen ausgedacht hätte. Beispielhaft stellt Biamotti ganz am Ende des Buches noch ein Projekt vor, dass er mit seinen Studenten für das Mailänder Torre Galfa entwickelt hat, das den leer stehenden Büroturm in einen vertikalen Stadtpark verwandeln würde. Dieses Ende finde ich nicht ganz gelungen, da es weder richtig erklärt wird noch realisiert wurde. An dieser Stelle hätte ich ein realisiertes Projekt interessanter gefunden. Der Grundgedanke, dass jedes Scheitern eine große Chance darstellt, hatte ich bis dahin auch so verstanden. Auch wenn ich diese letzten vier Seiten zu dem Studentenprojekt nicht gebraucht hätte, kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich für Architektur interessiert. Bei mir zieht es auf jeden Fall fest in die Bibliothek ein.

Lesen Sie weiter