Leserstimmen zu
Archiflop

Alessandro Biamonti

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Egal, ob es sich nun um die "Hagia Sophia" in Istanbul, die "Scheich Zayid-Moschee" in Abu Dhabi, den "Meiji-Schrein" in Tokio, die "Mezquita-Catedral von Córdoba" in Córdoba, den "Uluru" in der zentralaustralischen Wüste oder die "Niagarafälle" an der Grenze der kanadischen Provinz Ontario handelt, sind es doch mehr oder weniger immer die gleichen Sehenswürdigkeiten, die uns Touristen aus aller Herren Länder immer wieder in die Ferne ziehen. Das wird nun langsam langweilig, wenn auch die naturgegebenen Attraktionen nur schwer zu toppen sind. Was die gebotenen, von Menschen errichteten Wunder betrifft, könnte das Angebot nicht unterschiedlicher sein. Vor allem was den Zustand der jeweiligen Gebäude betrifft. Beispielsweise in Italien, Griechenland oder Peru sind die Zeugnisse architektonischer Aktivitäten teils eher in desolatem Zustand, während sich Londons "Big Ben", Versailles' "Schloss Versailles" oder Agras "Taj Mahal" in doch recht ordentlichem Zustand befinden. Inwieweit es sich bei dem einen oder anderen Bauwerk, insbesondere derjenigen in Ägypten, eventuell um Bausünden handelt, wagt sicher niemand zu unterstellen, doch was die Langeweile derjenigen betrifft, die schon alles gesehen haben, gibt es jetzt eine langersehnte Alternative. Alessandro Biamonti bietet eine ganze Reihe neuer Ausflugs- und Urlaubsziele an. Weshalb nicht einmal "die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur" besichtigen? Weshalb immer die alten Ruinen besichtigen, wenn es auch neue gibt? Was er uns vorstellt, ist spektakulär und motiviert ungemein, die immer gleichen Urlaubspläne einmal zu korrigieren und zu erweitern. Kurios ist beispielsweise der "Abraham-Lincoln-Turm" in Rio de Janeiro. 1969 wurde mit dem Bau begonnen. Stolze 110 Meter ist er hoch, hat 37 Stockwerke, insgesamt 454 Wohnungen und ist dennoch bis heute unvollendet und nicht beziehbar. 250 Käufer dürfen sich weiter in Geduld üben. Kurios ist "Gulliver's Kingdom", ein 1997 eröffneter und bereits vier Jahre später wieder geschlossener Vergnügungspark in der Nähe von Kamikuishiki, Japan, dessen Hauptattraktion eine gigantische Gulliver-Statue war. Nicht weniger kurios sind eine ganze Reihe von Gründen, die zur Aufgabe des Parks und seiner Schließung geführt haben. Auch nicht schlecht ist ein riesiges Einkaufszentrum in Englewood, Colorado, USA, welches 1968 eröffnet wurde und immerhin erst 1995 geschlossen wurde. Es erstreckte sich über eine Fläche von über 125.000 Quadratmetern und bildet heutzutage geradezu ein Pflichtziel für Touristen, die an der Besichtigung von "modernen Ruinen" interessiert sind. Alessandro Biamontis illustre Sammlung "architektonischer Fehlschläge" - auch "Archiflops" genannt - erschreckt und belustigt zugleich. Nachdenklich stimmt sie allemal und regt an, sich mit, teilweise milliardenschweren, Irrtümern, Fehlplanungen und der Vergänglichkeit von Ideen zu beschäftigen. Staunend versucht man, jene gigantischen Sackgassen zu begreifen, während am Ende die Gewissheit bleibt, dass es, selbst nach den größten und teuersten Fehlern, irgendwie immer weitergeht.

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Ich bin ein Fan von Ruinen. Ich mag Ruinen deswegen so sehr, weil sie Geschichte erzählen, weil sie für etwas stehen (mehr oder weniger), egal ob bedeutungsvoll oder nicht. Egal, ob sie wirklich alt sind, wie die Pyramiden oder ob es relativ neue Gebilde sind - Ruine haben eine magische Wirkung auf mich und befinde ich mich in einem Ort mit mir noch unbekannten Ruinen, muss ich sie anschauen. Da kam dieses Buch also gerade Recht. Mit einer ziemlich hohen Erwartung, schließlich gibt es draußen im WorldWideWeb einige Seiten, die mit schon sehr interessanten Bildern aufwarten können, ging ich an dieses Buch. Begann zu lesen und war direkt gefesselt. Meine hohe Erwartung wurde tatsächlich erfüllt, denn hier erwartete mich mehr - neben interessanten Bildern, gab es Erklärungen dazu: Es wurde erklärt, warum das Gebäude entstand & wo es gebaut wurde, es wurden interessante Zeitdaten genannt, ebenso, ob es inzwischen abgerissen worden ist oder noch vor sich hin verfällt. Diese Texte sind einerseits ausführlich und aber dennoch immer so im Rahmen, dass es einen nicht langweilt. Die richtige Länge wurde hier genau getroffen und machen Lust auf mehr. Zwar waren mir einige dieser Orte schon von Bildern her bekannt und bei den ein oder anderen wusste ich auch, wo in etwa sie liegen - aber zu den meisten Orten sind mir erst durch dieses Buch ein paar interessante Fakten bekannt geworden. Auch die mir bis dato unbekannten Orte fand ich sehr interessant und finde, dass hier insgesamt eine gute Auswahl getroffen wurde. Die Aufmachung des Buches gefällt mir sehr, mit dem Gelb und den großformatigen Bildern. Allerdings sind mir zwei Punkte negativ aufgefallen: Hier und da sind die Bilder nicht in der besten Qualität, was aber dem Umstand geschuldet ist, dass diese Ruinen bereits abgerissen wurden und auf Archivfotos zurückgegriffen wurde. Außerdem sind mir ein paar Rechtschreibfehler aufgefallen, da wäre eine zweite Korrekturlesung durchaus angebracht gewesen. Diese Schreibfehler fand ich unnötig. Kurzum: Das Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich habe es innerhalb eines Mittags ausführlich durchgelesen und werde sicher noch ein paar Mal darin rumblättern. Ein Buch genau nach meinem Geschmack! Sollte irgendwann ein Band 2 erscheinen, bin ich definitiv dabei!

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Der Ort ist Ordos in China. Verbaut wurden 160 Milliarden Dollar aus öffentlichen Geldern und was bleibt sind gigantische, nicht fertig gebaute Hochhäuser und eklige Baugruben. Inklusive eines fertiggestellten Museums und einer Bibliothek, die bis heute noch auf Besucher warten. Oder Kolmannskuppe, Namibia, Afrika. 1908 mit dem Bau begonnen auf Anweisung deutscher Kolonialherrschaft, 1954 verlassen, weil das Fördervolumen der Diamanten stark rückläufig war. Zerfallene Häuser in karger Felsen- und Wüstenlandschaft, eine moderne Geisterstadt. Oder der „Abraham Lincoln Turm“ in Rio de Janeiro. 1969 begonnen, von den 450 Appartements haben nur 250 einen Käufer gefunden, leben in einem halben „Geistergebäude“ heißt das also. Nur drei Beispiele von vielen, die Alessandro Biamonti in diesem Band versammelt hat, bestens fotografisch ins Licht gerückt, so dass der Leser einen umfassenden Einblick (und Anblick) in modere Ruinen erhält, entweder von Beginn an oder auf Dauer gesehen misslungene Groß-Bauprojekte. Die Biamonti nicht „einfach so“ sammelt (auch das wäre allein schon interessant zu sehen und zu lesen gewesen), sondern die er in einen modernen gesellschaftlichen Kontext stellt (den Umgang mit Fehlschlägen) und damit der modernen Geisteshaltung durchaus treffend auf die Spur kommt. „Tatsächlich leben wir ja in einer historischen Periode, in der wir mit Niederlagen und Fehlschlägen ganz anders umgehen als bisher. In erster Linie suchen wir nach einer Begründung dafür, sie als Problem hinter uns zu lassen und als Chance anzugehen“. Dabei bezieht sich Biamonti ausdrücklich auf eine Rede von Steve Jobs, in der Jobs all die Niederlagen seines Lebens aufzählt, um deren positiven Einfluss auf das dann gelungen Ganze seines Lebens aufzuzeigen. Ein Gedanke, der wichtig ist, der sich aber, natürlich, zunächst einmal am Denken und Wesen des Bauens bricht. Denn hier ist ein „Streben nach Permanenz“ zunächst ja im Raum, dass eher unfreiwillige scheitert und eben solche Ruinen zurücklässt. Und doch zeigt sich an den Ruinen im Buch einfach auch der „Wandel der Welt“. Und es ist gut so, dass diese „Archiflops“ noch stehen und zu sehen sind. „Wir müssen die gebauten Symbole des Scheiterns nicht mehr verstecken oder abreißen, sondern können sie akzeptieren, nicht alleine als Elemente der Landschaft, sondern als Teil unseres Umfeldes“. Scheitern also gehört als positiver Effekt zum Leben dazu, ist ein Teil des Ganzen und darf gezeigt werde. Der Zwang, alles negative, nicht passende, nicht Erfolgreiche unter viel Mühe zu verbregen hat sich im Lauf der Zeiten erübrigt. Somit also sind diese Mahnmale nicht gelungener Baukunst auch ein Spiegel des inneren Erlebens des Individuums und der Gesellschaft. Unter diesem Blickwinkel betrachte erhält die Lektüre der erläuternden Texte, samt der eindrucksvollen Bilder im Buch, noch eine anregende, interessante Ebene hinzu zu der schon für sich lesenswerten „Weltreise“ durch Flops der Architektur.

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