Leserstimmen zu
Die Inklusionsfalle

Michael Felten

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Als erfahrener Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerbildung führt der Autor ein in die Thematik der Inklusion an Schulen und die Bildungssituation an deutschen Schulen. Schon der Titel zeigt an, dass wie es um das Bildungssystem steht. Der Leser (sehr erfrischen, dass es sich endlich mal jemand traut, die „Funktion, nicht die konkrete Person“ zu meinen und auf das mit der Zeit mühsame Verwenden der weiblichen neben der männlichen Form zu verzichten [S. 10]) erfährt umfangreiche Hintergründe zur Inklusionsdiskussion von der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention über die politische Motivation, die Einsparung von teuren wie bestens ausgebildeten Sonderpädagogen, dem grundgesetzlich verankerten Gleichbehandlungsgebot bis zum absoluten Gewinner dieser Entwicklung: dem Bildungsmarkt. Kritisch beleuchtet wird das gemeinsame beschulen von Kindern mit Behinderung unterschiedlichster Art und Form, Normal- und Hochbegabten und die Auswirkungen auf Lehrer, Schüler und Eltern. Der Autor formuliert sehr treffen, differenziert und pointiert, dabei zieht er passenden Beispiele und wissenschaftliche Studien heran. Probleme, wie das gemeinsame Unterrichten von „Lernunlustigen und Hochbegabten“ an Gymnasien, spricht er an. Er zeigt auf, dass diese keineswegs gelöst wurden, im Gegenteil. Nun gibt es die politische Idee, zusätzlich noch Kinder in diese schon heterogene Gruppe zu inkludieren, die die Ziele der jeweiligen Schulform nicht erreichen können. Die Auswirkungen, die diese Entwicklungen auf die Lehrerausbildung haben, sind schockierend und können unmöglich wirklich gewollt sein. Unterhaltsam konstatiert er, dass Deutschland doch kein armes Land sei, das sich eine Beschulung, die den unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten der Kindern gerecht wird, nicht mehr leisten könne. Er plädiert für mehr Augenmaß, Vernunft und Aufbegehren der Gesellschaft im Allgemeinen und der Lehrerschaft im Besonderen. Sehr ausgewogen zeigt er Lösungen und Alternativen auf, etwa das Eingehen von Partnerschafen von Gymnasial- und Förderklassen. Er verortet seine Ausführungen häufig gut begründet in NRW. Den Rheinland-Pfälzern sollte es aber vor dem Hintergrund der flächendeckenden Einführung der Schulform IGS und der Ganztagsschulen mit zweifelhafter fachlicher und finanzieller Ausstattung die Augen öffnen bei folgendem Absatz: „Wenn ein entmutigtes Kind zu früh oder zu viel sich selber überlassen bleibt, wird es mit Sicherheit unter seinen Möglichkeiten bleiben. Wenn ein Pubertierender zu häufig zwischen Aufgaben wählen kann, wird er das Attraktivere oft gerne dem Mühsameren vorziehen. (S. 123)“ Michael Felten hat die Thematik komplett durchdrungen, das zeigt er auch daran, dass er auch an die Hochbegabten und leistungsstarken Schüler denkt, die ja in der Inklusionsdebatte häufig vergessen werden. Sachsen rechnet er an, dass dort auch für diese Kinder Fördermöglichkeiten geschaffen werden. Hier muss natürlich noch weiter gedacht werden, denn hier tut sich ein gesamtgesellschaftlich relevantes Thema auf. Deutschland braucht Leistungseliten, zukünftige Ingenieure, Ökonomen, Juristen. Das Niveau in der Schule dauerhaft abzusenken oder durch Zieldifferenzierung viel Zeit „zu verschwenden“, kann sich eine Industriegesellschaft auf Dauer nicht leisten. Moralisch muss auf den Prüfstand, ob eine Wertegemeinschaft tatsächlich gut daran tut, Förderung zu reduzieren und einen geschützten Rahmen aufzulösen zugunsten einer ideologischen Gleichmacherei. Fazit: Dieses Buch geht jeden an!

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Der Titel „Die Inklusionsfalle“ verlockt, nicht aufreißerisch, eher prosaisch. Auffordernd verlockt er zum Lesen des Buches. Aufgefordert sollten sein: Interessierte, Betroffene, Eltern mit und ohne behinderte aber schulpflichtige Kinder, Inkludierte oder jene, die es werden sollen/wollen, und Lehrer sowie Schulträger, die hineintappen sollen, in die Falle. „Inklusion“ – was das bedeutet, ist wohl jedem hinreichend bekannt. „Falle“ – das hört sich nach einem Hinterhalt an, oder auch nach einer Hinterlist, vielleicht auch nach einer Grube, in die man hineinfallen kann. „Inklusionsfalle“ in der Zusammensetzung – das lässt dann schon auf Betrug, Täuschung oder Misserfolg schließen, zumal der Untertitel „Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“ andeutet, dass der Autor nicht gerade positiv beschreiben wird, was der Inklusionsgedanke der deutschen Schullandschaft angetan hat. Schon beim Lesen des Klappentextes denke ich: Ich kann Inklusion nicht, ich habe Inklusion nie gelernt und trotzdem verlangt man es jeden verdammten Tag von mir, der Lehrerin, die jeden schulpolitischen Wahnsinn zu ertragen und die Auswirkungen mitzutragen hat. In so manchen Unterrichtseinheiten sollte mir ein Förderschullehrer zur Seite stehen. Der befindet sich allerdings in einer anderen Klasse, wo er noch dringender gebraucht wird. Das Buch beschreibt auf vielen Seiten, was mir und anderen Pädagogen geschieht, was von uns verlangt wird, wie Eltern und deren Kinder getäuscht werden, nicht nur die mit behinderten Kindern. Denn was häufig vergessen wird, auch die nicht behinderten Kinder leiden unter der politischen Doktrin. Freier Elternwille, immer weniger Förderschulen, Unterfinanzierung, kaum geeignetes Personal, ungenügende Fort- und Weiterbildungen - Unzufriedenheiten ohne Ende in einem politisch gewollten Missgeschick mit verhängnisvollen Folgen. Über all das berichtet das Buch von Beginn an, es ist spannend, und ich finde mich auf fast jeder Seite wieder. Beim Lesen fällt auf, dass Michael Felten keinesfalls als Gegner einer Inklusion betrachtet werden sollte, was mir gut gefällt. Aber er schafft es, gemachte Fehler und eingetretene Missstände aufzudecken und dabei zwischen den Zeilen klar und deutlich Position zu beziehen. In seinen Erläuterungen, die sich größtenteils sehr praxisnah gestalten, bleibt er sachlich und fair, dennoch anprangernd bzgl. der Umstände, wie Inklusion tatsächlich stattfindet in Schulen, anprangernd dahingehend, wie ein völlig unterfinanziertes und ein völlig falsch verstandenes Projekt zu derart viel Leid in der Gesellschaft führt. Ausführenden des Inklusionsgedanken (Lehrern) fehlen häufig Qualifikationen, um sich selbst und den Betroffenen gerecht zu werden. Denjenigen, die qualifiziert sind (Förderschullehrer), entzieht man seit Jahren aus kostensparenden Gründen ihre eigentlichen Arbeitsbereiche, zahlreiche Förderschulen sind bereits geschlossen oder stehen auf dem Prüfstand. Das Buch zeigt mehr als einmal auf, dass die Grenzen des Inklusionskonzepts längst erreicht sind, und dass das angestrebte gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern bei weitem nicht auf alle und jeden übergestülpt werden kann. Weiterhin gibt das Buch dem Leser einen Überblick über hinreichend gesammelte Erfahrungen und Forschungsbefunde, die in der aktuellen Inklusionsdebatte nicht genügend wahrgenommen werden. Am Ende des Lesens wird klar, dass der schulische Umgang mit Behinderung für alle am Prozess Beteiligten umgestaltet werden muss: Wenn Inklusion, dann hochqualifiziert mit exzellent ausgebildetem Fachpersonal und ansprechenden Rahmenbedingungen. Wenn Inklusion, dann bitte nur dort, wo es sinnvoll erscheint und gewollt ist. Und wenn getrennter Unterricht von Nöten ist, dann sollte ihm unweigerlich entsprochen werden. Das Buch liefert im Mittelteil einen Blick in angrenzende europäische Länder und stellt Vergleiche an zu deren schulpolitische Inklusionsbemühungen und Ansinnen. Damit zeigt Michael Felten auf, dass auch in jenen Ländern, in denen die Rahmenbedingungen zur gelingenden Inklusion nicht gegeben sind, diese lediglich auf dem Papier existiert und mit einem Erreichen von Wohlbefinden von Behinderten wenig zu tun hat. In den nordischen Ländern läuft laut Felten die Inklusion zwar besser, allerdings auch nicht reibungslos. Eine PISA-Studie belegt dazu, dass sich unsere nordischen Nachbarländer zunehmend leistungsorientierter und privatisierter in schulischen Bereichen ausrichten. Besitzen die Eltern dort das entsprechende „Kleingeld“, schicken sie ihre Kinder immer häufiger auf Privatschulen, an denen keine Inklusion durchgeführt wird. Inwieweit sich dieser Trend auch bei uns durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Fakt ist jedoch, dass die Unzufriedenheit bzgl. der nicht bzw. schlecht funktionierenden Inklusionsschulen auf Eltern- und Lehrerseite wächst und einer nicht reagierenden Politik, da diese der Kosteneinsparung treu bleibt, gegenübersteht. Wenn Bemühungen von Leidtragenden nicht ausreichen, Situationen zu ändern, wird es zwangsläufig passieren, dass private Bestrebungen in Richtung Privatschulen auch bei uns in Deutschland Aufwind bekommen. Am Ende gibt der Autor Ratschläge, die das Buch nicht nur sinnvoll abrunden, sondern sie machen es wertvoll für den Lesenden. Er fordert unterstützende Programme für Lehrer und erläutert auch, wie diese aussehen könnten. Er argumentiert, warum Lehrer sich nicht alles gefallen lassen müssen und wie sie auch im Rahmen ihrer Zwänge Möglichkeiten finden können, sich öffentlich zu äußern. Und er empfiehlt, den Parteien und den Politikern auf den Zahn zu fühlen und Initiativen zu ergreifen. Gerade in den Zeiten der bevorstehenden Bundestagswahl macht es Sinn, dieses zu lesen, da die Schulpolitik schon so manchen Wahlausgang bestimmte. Fazit Das Buch ist lebendig, leserfreundlich vor allem anschaulich geschrieben. Wer sich für dieses schulpolitische Desaster interessiert, wird es nicht mehr aus der Hand legen, bis er am Ende angelangt ist. Der Autor hat die vielfältigsten wissenschaftlichen und publizierten Quellen, die zur Thematik veröffentlicht wurden, zur Recherche genutzt. Diese tiefgründige Auseinandersetzung ist der Erarbeitung anzumerken und man merkt, dass der Autor weiß, wovon er spricht bzw. schreibt. Hinzu kommt seine langjährige Tätigkeit als Pädagoge und damit ein enormer persönlicher Erfahrungsschatz. Dieses Buch ist mehr als lesenswert, es regt betreibt eine schonungslose Bestandsaufnahme, bietet Lösungsansätze und könnte in vielerlei Hinsicht der Auslöser von fachlichen und schulpolitischen Diskussionen sein. Ich spreche eine absolute Kaufempfehlung aus. Ela Kranz aus dem Lehrercafe

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Wohin mit dem behinderten Kind? Der Autor Michael Felten ist in Nordrhein-Westfalen als Lehrer, Schulentwicklungsberater und in der Lehrerausbildung tätig. In seinem Buch "Die Inklusionsfalle" sieht er sich an, wie die Inklusion von behinderten Schülern schwerpunktmäßig in NRW, aber auch in anderen Bundesländern und im Ausland funktioniert. Inklusion in Deutschland - wem kommt sie zugute? Das hört sich doch erstmal toll an: Kein Kind wird zurückgelassen, behinderte Kinder sollen vorrangig eine Regelschule - also eine Haupt- oder Realschule oder das Gymnasium oder wie Schulen der Sekundarstufe in Deutschland heute noch heißen mögen - besuchen. Das ist nicht nur die Vorstellung der noch amtierenden NRW-Landesregierung, sondern auch das gut gemeinte Motto in anderen Bundesländern. Die, die so etwas propagieren, berufen sich auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, der Deutschland 2009 beigetreten ist. Da Bildung Sache der Länder ist, wird dieses Thema in 16 Abwandlungen angegangen und umgesetzt. Wie Michael Felten hier anhand von Praxisbeispielen und Literaturquellen dokumentiert, ist es nicht unbedingt das Kindeswohl, das bei der Neustrukturierung der Bildungslandschaft an erster Stelle steht. Ohne Moos nix los - ist die Inklusion ein gut getarntes Sparschwein? In zahlreichen Bundesländern läuft die schulische Inklusion nach folgendem Muster ab: So viele Behinderte wie möglich sollen die Regelschulen besuchen, im Gegenzug werden nach und nach Förderschulen geschlossen. Die Sonderpädagogen, die dort bislang fest beschäftigt waren und Klassen von 4 bis 16 Schülern unterrichteten, sind jetzt gleichzeitig an bis zu acht Regelschulen tätig, an denen sich behinderte Schüler mit einem Förderbedarf befinden. Das bedeutet, dass sie in jeder dieser Schulen nur wenige Stunden pro Woche sind, während sie nach dem alten System eine echte Bezugsperson für ihre Schüler sein konnten, da auch die Zeit für ein persönliches Gespräch mit ihnen da war. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Da sitzt dann ein verhaltensauffälliges oder geistig behindertes Kind inmitten einer "normalen" Klasse und soll den größten Teil der Zeit von einer mit dieser speziellen Problematik allein gelassenen Lehrkraft angepasst an seine persönlichen Bedürfnisse unterrichtet werden. Bei diesem Modell kommen alle Beteiligten zu kurz: Der Lehrer an der Regelschule, der durch die Schulen nomadisierende Sonderpädagoge und auch die Schüler - die behinderten ebenso wie die nicht-behinderten. Besondere Blüten treibt diese Entwicklung im Land Bremen: Dort wurden kurzerhand der Studiengang Sonderpädagogik und die Förderschulen abgeschafft. Ist ja auch logisch: Wo es keine Förderschulen gibt, braucht kein Mensch Sonderpädagogen. Statt dessen bietet das Land einen lauen Ersatz: Lehkräfte an Regelschulen können sich innerhalb von zwei Jahren berufsbegleitend zum Thema Sonderpädagogik fortbilden. Auch Nordrhein-Westfalen zeigt sich in der Ausbildung der Sonderpädagogen kreativ: War es bislang üblich, dass sich die Studenten schwerpunktmäßig auf zwei der sieben der in NRW festgelegten Förderschwerpunkte konzentrierten, werden sie nun für alle ausgebildet. So wissen sie von allem ein bisschen, aber von nichts wirklich viel. Auf dem Papier gilt die freie Schulwahl Eltern können sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in anderen Ländern wie z. B. Niedersachsen wählen, ob ihr behindertes Kind an einer Regel- oder einer Förderschule unterrichtet werden soll. Aber diese Wahlmöglichkeit besteht zunehmend nur noch auf dem Papier: Wo eine Förderschule nach der anderen ihre Türen schließen muss, werden die Wege bis zur nächsten geeigneten Schule so weit, dass die betroffenen Kinder einen halben Tag in einem Sammeltransport verbringen müssen - und das fünf Mal pro Woche mit oft schweren körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen. Das ist für ihre Eltern wie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Es gilt, die Zumutung einer viel zu langen Anfahrt gegen die völlig unzureichenden Zustände in einer Regelschule aufzuwiegen. Michael Felten ist keineswegs ein Gegner von Inklusion. Er prangert jedoch an, unter welchen Umständen sie stattfindet und dass für eine tatsächliche Inklusion, die diesen Namen auch verdient, deutlich mehr Geld ausgegeben werden müsste. Damit ist allerdings nicht zu rechnen. Statt dessen sonnen sich die Bundesländer in ihren allmählich ansteigenden Inklusionsquoten und sehen diese als Beweis für ihre erfolgreichen Bemühungen zugunsten der Behinderten an. Gern wird Italien als europäischer Leuchtturm der Inklusion genannt: Seit Ende der 1970-er Jahre gibt es dort die schulische Inklusion. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich allerdings nur als Instrument der Kosteneinsparung. Förderschulen gibt es dort gar nicht mehr, statt dessen besuchen alle behinderten Schüler normale Schulen. Dort sind Integrationslehrer tätig, die nur über eine kurze Ausbildung verfügen, die ihnen die einzelnen Behinderungen in groben Zügen vermittelt. Die betroffenen Schüler werden alle gleich behandelt, egal, ob sie blind, hörbehindert, verhaltensauffällig, körperbehindert oder geistig beeinträchtigt sind. Lerntechniken, die es überhaupt erst möglich machen, dem Unterrichtsstoff zu folgen, müssen irgendwie außerhalb der Schule erworben werden. Unter solchen Rahmenbedingungen wird die Schule nicht zu einer Bildungs- sondern nur zu einer Verwahranstalt, die ihre behinderten Schüler nicht auf das Leben, sondern auf die Arbeitslosigkeit oder eine Fortsetzung der Verwahrung vorbereitet - auch dann, wenn der Schulbesuch unter günstigeren Voraussetzungen erfolgreich hätte sein können. Wer sollte dieses Buch lesen? Das Buch ist nicht nur für Eltern von behinderten Kindern interessant, sondern auch für diejenigen Eltern, deren Kinder nicht beeinträchtigt sind. Die von der Politik gesteuerten Fehlentwicklungen gehen jedoch letztlich die ganze Gesellschaft an. Ich wünsche mir, dass W"Die Inklusionsfalle" auch von Politikern und Verantwortlichen der Schulverwaltungsbehörden gelesen wird, damit es zu einer Korrektur des bisherigen Kurses kommt. Wer nicht bereit ist, so viel Geld auszugeben, wie nötig ist, damit für jedes Kind ein für es geeigneter Förderort bereitgehalten werden kann, sollte sich nicht öffentlich als Befürworter der Inklusion und Unterstützer der Behinderten präsentieren. Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt übrigens nirgends den gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nicht-behinderten Kindern vor. Sie fordert einen "Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen" sowie die "notwendige Untertsützung, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern". Die Konvention sieht, dass "das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt" ist, "der vorrangig zu berücksichtigen ist". Außerdem stellt sie klar, dass "besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens gelten". Von einem Zwang zur gemeinsamen Beschulung ist, erst recht unter den geschilderten Umständen, nirgends die Rede.

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Eine weithin unterschätzte Entwicklung vollzieht sich gegenwärtig. Unter dem hehren Banner der Inklusion werden viele Schulen derzeit umgekrempelt. Immer öfter werden normal oder hoch begabte Kinder zusammen mit leicht oder auch schwer behinderten in einer Klasse unterrichtet, ohne dass die dafür nötigen Ressourcen und Kompetenzen vorhanden wären und ohne dass der Sinn dieser Maßnahme grundsätzlich erwiesen wäre. Dieses Buch spricht die Probleme der derzeitigen Inklusionsentwicklung offen an: die Unterfinanzierung, die fehlenden Qualifikationen sowie die Irrtümer und Grenzen des Konzepts Gemeinsames Lernen. Es gibt einen Überblick über Praxiserfahrungen und Forschungsbefunde, die in der Inklusionsdebatte bisher in nicht genügender Weise wahrgenommen wurden. Und es skizziert die Maxime, nach der wir den schulischen Umgang mit Behinderung für alle Beteiligten gestalten sollten: 'So viel hochqualitative Integration wie sinnvoll und möglich - anspruchsvoller getrennter Unterricht überall da, wo nötig!' "Selbst Befürworter der Inklusion merken anscheinend immer deutlicher, dass nicht nur auf ihrem Rücken, sondern auch durch ihr Mitwirken eine Art Menschenversuch stattfindet, der prinzipiell fragwürdig und darüber hinaus unzureichend ausgestattet ist." (S. 33) Inklusion mit der Brechstange - das ist der Eindruck, den die Schulpolitik der letzten Jahre v.a. in NRW hinterlässt. Ob nun aus ideologischen Gründen oder aufgrund einer Sparstrumpf-Maxime: Förderschulen sollen flächendeckend geschlossen und alle Kinder möglichst nur noch in Regelschulen beschult werden - ob die Bedingungen dafür nun gegeben sind oder nicht. Wer sich gegen die radikalen Inklusionsbestrebungen ausspricht, gerät rasch in die Ecke desjenigen, der sich auf Veränderungen nicht gut einlassen kann oder, schlimmer noch, mit der These vom 'unwerten Leben' zu sympathisieren. Doch wodurch ist überhaupt die seit nunmehr etlichen Jahren zunehmende Inklusionsentwicklung angestoßen worden? Ursache ist die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008, die sich mit den Themen Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung befasst. U.a. soll dadurch das Recht behinderter Menschen auf Bildung verbindlich gesichert werden. Allerdings ist es einem Missverständnis durch einen Übersetzungsfehler zu verdanken, dass das Bildungssystem in Deutschland - und allen voran in NRW - derart revolutioniert wurde. "Die Verabsolutierung des Inklusionsprinzips durch den Bundestag wurde dadurch mögich, dass der englische Terminus 'general education system' fälschlicherweise mit dem deutschen Begriff der 'allgemeinen Schulen' (im Unterschied zu den Förderschulen) gleichgesetzt wurde. 'General education system' entspricht aber eindeutig dem, was wir als 'allgemeinbildendes Schulsystem' (im Unterschied zu berufsbildenden Schulen) verstehen, und zu diesem gehören nach deutschem Verständnis eindeutig auch die Förderschulen." (S. 64) Michael Felten, der selbst seit 35 Jahren als Gymnasiallehrer arbeitet, geht auf dieses umstrittene Thema nicht polemisch ein, sondern lässt Fakten für sich sprechen. Langzeitbeobachtungen, einzelne Beispiele aus der Praxis, gesammelte Klagelisten von Lehrern bei den Personalräten, Stimmen aus Fachgruppen und Verbänden, kritische Stimmen in bundesdeutschen Leitmedien, veränderte und unzureichende Ausbildungsinhalte sowohl bei Lehrern als auch bei Sonderpädagogen - eine beeindruckende Sammlung negativer Aspekte der radikalen Inklusion präsentiert der Autor hier und zeigt damit auf, wie bedrohlich die Lage in der Bildungspolitik bereits ist. Jeder, der Kinder hat, kann nachvollziehen, was in Eltern vorgeht, deren Kind in ihrer Entwicklung beeinträchtigt oder gefährdt ist. Zufriedenheit, ein selbständiges und auskömmliches Leben mit einem vernünftigen Beruf - das wünschen sich Eltern doch für ihr Kind. Die Möglichkeit der Inklusion beinhaltet für Eltern auch ein Versprechen und damit eine ungeheure Verlockung. Der Makel des 'Nichtnormalen' veschwindet, der beruflichen und sozialen Zukunft des Kindes scheint nichts mehr im Wege zu stehen, die Stigmatisierung durch den Besuch einer Förderschule bleibt aus. Doch die Praxis an den Schulen holt Eltern wie Schüler rasch ein. "Verhaltensauffällige Schüler (ES) verteilt man möglichst flächendeckend, um die Problemquote an den Regelschulen möglichst gering zu halten. Im Gegenzug erhält der einzelne Problemschüler aber jetzt kaum sonderpädagogische Betreuung, denn Doppelbesetzung gibt es nur wenige Stunden pro Woche, die Regellehrer sind entsprechend chronisch überfordert." (S. 70) Der Blick über den Tellerrand - also in die Inklusionspolitik anderer Länder - zeigt auf, dass überall dort, wo die Ressourcen, die finanziellen, fachlichen und räumlichen Bedingungen nicht gegeben sind, Inklusion nur auf dem Papier existiert und mit 'Behindertenfreundlichkeit' wenig zu tun hat. Dort, wo die Bedingungen besser sind, läuft die Inklusion jedoch auch nicht immer reibungslos - so gibt es seit der PISA-Studie beispielsweise in nordischen Ländern eine zunehmende Leistungsorientierung und Privatisierung im Schulischen, d.h. leistungsorientierte Kinder finanzstarker Eltern besuchen immer häufiger auch Privatschulen (ohne Inklusion). Dabei spricht sich Felten durchaus grundsätzlich für alle Bemühungen aus, die behinderten Kindern bessere Entwicklungs- und Bildungschancen verschaffen wollen. Die konkrete Umsetzung und Ausgestaltung muss jedoch ALLEN Kindern zugute kommen - weder für Förderkinder noch für Regelkinder düfen inklusionsbezogene Entscheidungen zu unangemessenen Belastungen führen. Das Wohl des Kindes muss im Vordergrund stehen - und besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, gelten nicht als Diskriminierung. Förderschulen können dabei zu den 'besonderen Maßnahmen' gezählt werden. "Zum Wohl des Kindes bedarf es weiterhin unterschiedlicher Settings." (S. 86) Michael Felten spricht sich letztlich dafür aus, das Schulsystem nicht zu revolutionieren, sondern zu optimieren. Dazu gehören für ihn u.a. (verkürzt dargestellt): eine erhöhte Durchlässigkeit zwischen allen Schulformen eine kontinuierliche Weiterbildung der Regellehrer eine flächendeckende und hochqualitative Sicherung der Möglichkeiten zu Gemeinsamem Unterricht in allen Schulformen die Sicherung eines breiten Angebots an hochspezialisierten Sonderpädagogen Eine übertriebene und unterfinanzierte Inklusion führt nicht nur zu Bildungschaos für alle Schüler, sondern auch zu einer massiven Überlastung der Lehrer, zu ständigem und unnötigem Frust und zu erhöhten Erkrankungsraten. Felten schließt sich hinsichtlich einer sinnvollen Ausgestaltung der Inklusion in deutschen Klassen dem Forderungskatalog des Verbandes lehrerNRW vom 24.2.2016 an. Und er plädiert dringend für den Erhalt der Förderschulen, damit das Wahlrecht der Eltern nicht beschnitten wird und v.a. damit für jedes Kind der tatsächlich geeignete Förderort gefunden werden kann - gemäß der Maxime: 'So viel hochqualitative Integration wie mögich, sinnvoll unterstützende Separation überall da wo nötig!'. Endlich einmal kritische Töne zum Thema Inklusion - in der Argumentation differenziert und ausgewogen, bezieht Felten eindeutig Position. Er zeigt jedoch nicht nur Hintergründe und Fehlentwicklungen auf, sondern bietet auch Ausblicke und Möglichkeiten von Eltern, Lehrern und Bürgern, den Schülern von heute und morgen zu ihrem Recht zu verhelfen und damit das Wohl der Kinder wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Ein wichtiges Buch! © Parden

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