Leserstimmen zu
Wege, die sich kreuzen

Tommi Kinnunen

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Über 100 Jahre Familiengeschichte werden in diesem wunderbaren Roman erzählt. Im Mittelpunkt stehen die drei Frauen Maria, Lahja und Kaarina. Maria, eine emanzipierte Hebamme 1895, die Fahrrad fährt und ihr Korsett als lästig empfindet. Lahja, Marias uneheliche Tochter, die Fotografin ist und genau wie Maria mit den gesellschaftlichen Konventionen zu kämpfen hat. Und schließlich Kaarina, die 1960 darunter leidet, mit ihrer tyrannischen Schwiegermutter (Lahja) unter einem Dach zu wohnen. Die Schicksale der drei Frauen werden vom Autor miteinander verwoben. Durch den Perspektivenwechsel gelingt es ihm, über jeden Charakter genug zu erfahren, um Verständnis für jede der Frauen zu wecken. Das hat mir an dem Buch besonders gut gefallen. Der letzte Teil des Buches widmet sich Omni, dem Ehemann von Lahja, der ihr nie geben konnte, was sie sich von ihm erhoffte. Ein liebevoller Mann und Vater, der ebenfalls unter den damals herrschenden Regeln und Konventionen leiden musste und sich stets wünschte "normal" zu sein. Sein Schicksal hat mich ganz besonders berührt. Für mich zeigt dieses Buch, wie Familienschicksale sich gegenseitig beeinflussen und Lebensthemen in die nächste Generation übertragen werden können. Unbedingt lesen!

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Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts: Im Norden Finnlands arbeitet Maria als ausgebildete Gemeinde-Hebamme. Man begegnet der jungen Frau mit Skepsis und Misstrauen. Doch Maria ist stark, resolut und kümmert sich nicht um gesellschaftliche Zwänge. Im Laufe der Zeit erarbeitet sie sich einen guten Ruf über die Gemeinde-Grenzen hinaus und kann sich sogar den Bau eines eigenen Hauses leisten. Einen Mann will sie nicht - sie möchte frei sein, sich nicht nach jemandem richten müssen. 1905 bringt sie ihre Tochter Lahja zur Welt und erzieht sie alleine. Als Lahja 1996 auf dem Sterbebett liegt, blickt sie auf ihr Leben zurück: Nach der Kindheit, die von ihrer dominanten Mutter geprägt wurde, kann sie beruflich ihrer Leidenschaft, der Fotografie, nachgehen. Ihr Privatleben jedoch entwickelt sich weniger positiv: Sie bringt eine uneheliche Tochter zur Welt. Doch im Gegensatz zu ihrer Mutter braucht sie einen Mann an ihrer Seite. Sie heiratet und bekommt mit Onni noch zwei gemeinsame Kinder. Er ist, wie sie immer wieder betont, ein guter Ehemann und Vater. Aber glücklich wird sie mit ihm nicht, denn er kann ihr keine körperliche Befriedigung verschaffen. Lahja leidet sehr darunter und entschließt sich nach vielen Jahren zu einem furchtbaren, folgenschweren Schritt. Erst nach ihrem Tod kommt ihre Tat durch einen Brief, den Schwiegertochter Kaarina auf dem Dachboden findet, ans Licht. Resümee: Der Roman besteht aus insgesamt 5 Teilen, die wiederum in mehrere Kapitel gegliedert sind : Nach dem Abschnitt "Zurückgelegte Wege" wird das Leben von • Maria, • ihrer Tochter Lahja, • Schwiegertocher Kaarina und • Lahjas Mann Onni erzählt. Die Lebenswege dieser vier Personen kreuzen sich (Buchtitel). Als Symbol hat der Autor hier die "Vierwegekreuzung" gewählt. Auf sie können Maria, Lahja mit Onni und den Kindern sowie deren Sohn Johannes mit seiner Frau Kaarina von dem Haus aus schauen, in dem alle zusammen wohnen. Bezeichnenderweise bilden Straßennamen die Überschriften der einzelnen Kapitel und kennzeichnen die Wege, die die betreffenden Personen in verschiedenen Situationen wählen. Die eingeschlagene Richtung beeinflusst immer auch das Leben der anderen, ihre Schicksale werden dadurch immer mehr miteinander verwoben. Sie alle haben ihre ganz eigenen Vorstellungen und Träume, die sich aber zum Teil nicht realisieren lassen. So müssen sie mit Enttäuschungen zurechtkommen, Konflikte bewältigen und Kompromisse eingehen, um trotz allem noch ein Stück vom Glück abzubekommen. Tommi Kinnunen erzählt die Lebensgeschichten minimalistisch, ohne Pathos und Schnörkel, fast schon "karg". Vieles wird nur angedeutet - der Leser muss es sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst ausmalen, sich selbst ein Bild machen. Erst dadurch werden dann Emotionen und vielleicht auch Empathie freigesetzt. Das Erstaunliche ist, dass es bei der Schilderung der vier Lebenswege so gut wie keine inhaltlichen Wiederholungen gibt. Fazit: ein sehr ungewöhnliches Buch, das viel besser ist, als der Klappentext erwarten lässt.

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Vor der Kulisse der nordfinnischen Provinz entwirft Tommi Kinnunen in seinem Debüt eine tragische, das gesamte 20. Jahrhundert umspannende Familiensaga. Über mehrere Generationen hinweg erzählt Wege, die sich kreuzen dabei aus wechselnden Perspektiven von großen und kleinen Sehnsüchten, vom Kampf gegen gesellschaftliche Zwänge und einem düsteren Geheimnis.  Kinnunens Geschichte beginnt im Jahr 1895. Im Mittelpunkt des Romans steht zunächst die junge Hebamme Maria, die bei ihrer Arbeit nicht nur immer wieder mit den eigenwilligen Vorstellungen und Traditionen der Landbevölkerung konfrontiert wird. Hautnah muss sich auch miterleben, unter welch schwierigen – zum Teil lebensbedrohlichen – Bedingungen die Frauen in der finnischen Provinz ihre Kinder zur Welt bringen. Starke Nerven verlangt Kinnunen dabei nicht nur seiner Protagonistin, sondern auch seinen Lesern ab: Den Alltag der Geburtshelferin schildert der Autor so ohne jeglichen Hang zur Romantisierung – und in all seinen zuweilen grausamen Details. Als Frau von ungewöhnlicher Gelassenheit und Willenskraft erweist sich Maria dabei jedoch nicht nur in beruflicher Hinsicht. In einer Zeit, in der bereits fahrradfahrende Frauen für Aufsehen sorgen, gerät sie mit ihrem unabhängigen Lebensstil immer wieder in Konflikt mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen. Doch während die alleinerziehende Mutter von ihrem Umfeld argwöhnisch beäugt wird, ist Maria selbst mit ihrem emanzipierten Lebensentwurf und insbesondere ihrer Entscheidung für ein Leben ohne Ehemann durchaus glücklich. Anders hingegen ergeht es ihrer Tochter Lahja, auf die sich der zweite Teil des Romans konzentriert. Auch Lahja bekommt in jungen Jahren eine uneheliche Tochter. Doch im Gegensatz zur Mutter, sehnt sie sich insgeheim nach einer traditionellen Familie. Als sie den charmanten Onni kennenlernt, scheint sich dieser Wunsch zu erfüllen: Lahja und Onni heiraten und bekommen zwei weitere gemeinsame Kinder. Auch Lahjas Erstgeborene behandelt Onni wie seine eigene Tochter – keine Selbstverständlichkeit im Finnland der 1930er Jahre. Doch die vermeintliche Idylle währt nicht lange. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs ordnet die Regierung die Zwangsevakuierung ihres Heimatdorfs an, Hals über Kopf muss die Familie ihr Haus verlassen. Nach ihrer Rückkehr ist von ihrem früheren Zuhause – das einst mit viel Energie und Hingabe von Mutter Maria ausgebaut wurde – nur noch ein Haufen Asche übrig. Es folgen beschwerliche Monate, in denen Lahja mit Mutter, Ehemann und Kindern auf engstem Raum in improvisierten Erdhütten ausharrt, während Onni wie besessen an der Fertigstellung ihres zukünftigen Heims arbeitet. Doch die Größe und Schönheit des Hauses kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwischen den Eheleuten ein tiefer, unsichtbarer Graben liegt, der sich kaum mehr überwinden lässt. Immer weiter scheint sich Onni von seiner Frau zu entfernen, die auf seinen emotionalen Rückzug ihrerseits mit Verzweiflung und Wut reagiert. Wie Fremde leben die Familienmitglieder in den folgenden Jahren unter einem Dach.  Lahja und Onni schlafen in getrennten Zimmern, die Mutter kann das Erdgeschoss aufgrund ihres Alters bald nicht mehr verlassen. "So hatten sie alle in ihren Zimmern hinter geschlossenen Türen gelebt und waren einander aus dem Weg gegangen. [...] Zuletzt saß jeder auf seiner eigenen Bettkante, horchte auf die vorsichtigen Bewegungen der anderen und wartete darauf, dass jemand zu Besuch käme. [...] Doch nie schaute jemand vorbei, und nie fragte jemand, denn sie alle waren Gefangene der zugeschobenen, aber schlosslosen Türen."  Zum regelrechten Gefängnis wird das Haus  sehr viel später, zu Beginn der 1960er Jahre, auch für Kaarina, Lahjas Schwiegertochter. Jeder Schritt Kaarinas wird hier vom strengen Blick Lahjas überwacht, kaum ein Tag vergeht, an dem Kaarina von ihrer Schwiegermutter nicht auf die eine oder andere Art drangsaliert wird. Von den alltäglichen, oft wortlosen Kämpfen zwischen den Frauen – in denen selbst der Kauf eines Kühlschranks zum Akt der Rebellion wird – berichtet der dritte Teil des Romans. Eindrücklich schildert Kinnunen dabei die beklemmende Atmosphäre, die nun den Alltag im Mehrgenerationenhaushalt bestimmt. Wie ein böser Geist wandelt die inzwischen betagte Lahja hier durch das Haus, wobei alle Fröhlichkeit und Unbeschwertheit aus dem Zimmer zu weichen scheint, sobald sie es betritt. Was die einst ebenso selbstbewusste wie eigensinnige Lahja dabei auf so tragische Weise in einen verbitterten Schatten ihrer selbst verwandelt hat, soll schließlich der vierte und letzte Teil des Romans offenbaren, der sich mit Onni dem einzigen männlichen Protagonisten zuwendet. Nach und nach enthüllt Kinnunen hier nun das gesamte Ausmaß der Familientragödie, von der die vorausgegangenen Kapitel nur bruchstückhaft und in Andeutungen erzählten. So überlässt der Autor am Ende seines Romans jener Figur das letzte Wort, über die innerhalb der Familie jahrzehntelang geschwiegen wurde. Zwar stellt das ,große Geheimnis', das hier enthüllt wird, für den Leser dabei letztlich keine allzu große Überraschung mehr dar, ließen sich die Ursachen für Onnis Zerrissenheit doch längst erahnen. Dennoch entwickelt Kinnunens Roman mit den Einblicken in die Gedanken- und Gefühlswelt des Mannes, der so gerne "ein ordentlicher Ehemann und guter Vater sein" möchte, dem es aber trotz aller Mühen nie gelingen wird, diese Rolle auszufüllen, noch einmal eine ganz eigene Art der Spannung. Das Spiel mit den Perspektiven, bei dem die einzelnen Figuren immer wieder im neuen Licht erscheinen, macht dabei den besonderen Reiz des Romans aus. Als ambivalent konstruierter Charakter erweist sich hier vor allem Lahja, die innerhalb der tragischen Familienkonstellation in der  Doppelrolle von Opfer und Täterin zugleich auftritt. Am Ende liest sich "Wege, die sich kreuzen" nicht nur als eine tragische Familiengeschichte über Einsamkeit, Verrat und Scham, sondern vor allem auch als Protokoll einer Eskalation. Welche zerstörerische Kraft im Laufe der Jahre dabei aus den enttäuschten Sehnsüchten und unerfüllten Hoffnungen seiner Protagonisten erwächst, lässt Kinnunen seine Leser aus nächster Nähe miterleben. Indem er das Augenmerk dabei nicht zuletzt immer wieder auch auf das soziale Umfeld und seinen jeweiligen Vorstellungen von Normalität lenkt, zeigt der Roman dabei eindrücklich auch auf, welchen Anteil gesellschaftliche Zwänge und Konventionen am individuellen Scheitern seiner Figuren tragen.

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1925. "Ein stetig wachsendes Haus." Immer größer wird es. Vor zwanzig Jahren hatte Maria die Kate gekauft. Mehr als eine Küche und eine Kammer war nicht vorhanden. Aber es reichte ihr zu einem bescheidenen Leben mit ihrer Tochter Lahja. Vorläufig. Heute sieht es anders aus. Zwei Kammern und ein Wohnzimmer ließ sie anbauen. Weitere Räume kommen aktuell dazu und die Dorfgemeinschaft wundert sich über die ständige Bautätigkeit, zumal man sich über den Zweck nicht einig ist. Maria weiß es selbst nicht. Sie tut es einfach. "Wieso brauchte man da besondere Gründe?" Maria geht es gut. Im materiellen Sinne jedenfalls. Das war nicht immer so. Dreißig Jahre zuvor hatte sie sich noch keinen Namen gemacht. Man schenkte der jungen, ausgebildeten Hebamme keine Beachtung. Jedes Dorf bevorzugt die eigenen "Geburtshelferinnen, Saunaweiber und Wehmütter". Der alteingesessenen Übermacht konnte die junge Gemeindehebamme nichts entgegnen. Bis man sie dennoch zu einer schweren Geburt rief ... ... und genau an jener Stelle muss man das Buch erstmals (später passiert es öfter) zur Seite legen, um den Bildersturm, den Tommi Kinnunen entfacht, zur Ruhe kommen zu lassen, und um vielleicht einmal der unzähligen Mütter zu gedenken, die in jenen Zeiten unter in jeder Hinsicht katastrophalen Bedingungen ihre Kinder zur Welt brachten. Ob in Finnland oder sonstwo. Oft auch nicht, denn nicht selten überlebten das Kind, die Mutter oder beide die Tortur nicht. Was der finnische Autor vorhat, wird, neben aller Betroffenheit, ebenfalls schnell klar. Er will eine Familiengeschichte erzählen - aber keine große Oper inszenieren. Kein intellektuelles Drama, sondern eine Geschichte in reduzierter, allgemeinverständlicher Form. Diese Rechnung geht auf, denn mit wenigen Worten erzielt er eine maximale Wirkung. Einen wachen Geist erfordert der vielschichtige Aufbau seines Dramas insofern aber schon, da sich die zunächst spärlichen Charakterisierungen seiner Hauptfiguren über Jahre ziehen können und sich jeweils aus anderen Perspektiven immer mehr konkretisieren. Das "Unausgesprochene" ist ihm ein Anliegen, was Leserinnen und Leser durchaus an die eigenen Befindlichkeiten innerhalb ihrer jeweiligen Familiensysteme erinnern mag. Nachdenklich stimmt die sich immer wieder ergebende emotionale Wucht, ausgelöst durch Marias unbändigen Willen, sich durchzusetzen, auf eigenen Beinen zu stehen und unabhängig zu sein, insbesondere von Männern. Die Verbundenheit mit ihrem Kind ist selbstverständlich, die Bindung an einen Mann jedoch nicht. Niemand, der sie herumkommandiert oder sie besteigt, "wann immer es ihm beliebte". Auch wenn sie sich den Unmut des Pfarrers einhandelt, hält sie längst ihre Meinung nicht mehr im Zaum, "was sie von dem Tun und Treiben der Männer hält". Natürlich ist die Zeit für derlei Meinungen oder gar deren Umsetzung längst noch nicht gegeben. Massive Konflikte sind somit vorprogrammiert. Nicht nur die entsetzlichen Kriegswirren und die Folgen setzen der Familie zu, sondern persönliche Krisen, Krankheiten - die manchmal gar keine sind - und das, was man ganz allgemein als erbarmungsloses Schicksal definiert. Und wehe, man ordnet sich den gesellschaftlichen Zwängen nicht unter ... Ein Buch, das Erinnerungen weckt und Feuer entfachen kann. Man möchte die alten Fotos wieder hervorkramen und sich auf die Suche nach der eigenen Geschichte machen. Sie ist eine andere und doch entdeckt man auch hier "Wege, die sich kreuzen". 100 Jahre Familiengeschichte. Kunstvoll verwebt. Ein eindringliches Konzentrat.

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Mit "Wege, die sich kreuzen" legt Tommi Kinnunen einen beachtenswerten Debütroman vor. Er erzählt die Geschichte einer Familie aus Nordfinnland über drei Generationen hinweg. Sehr geschickt verwebt er die einzelnen Stimmen zu einem Ganzen, beginnend mit Maria, die als junge Hebamme in ein nordfinnisches Dorf kommt und sich erst mühsam einen Ruf erarbeiten muss, über ihre Tochter Lahja, die zusammen mit ihrer Familie nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen ist, komplett neu anzufangen, bis zu Kaarina, Lahjas Schwiegertochter, die unter der Herrschsucht und Kälte Lahjas leidet. Aber erst die Stimme Onnis, des Ehemanns von Lahja, komplettiert den wie ein Puzzle angelegten Roman. Mit jeder Stimme erfährt man mehr über die Familie, wechseln die Sichtweisen, wird das Bild genauer. Düster ist dieses Buch. Dunkel und kalt scheint es in Nordfinnland zu sein, wo die Menschen in Holzhäusern wohnten und zu einem strengen, unnachgiebigen Gott beten. Wo jeder, der von der üblichen Lebensweise auch nur einen Deut abweicht, mißtrauisch beäugt oder sogar zwangsweise auf den "rechten" Weg zurückgeführt wird. Wo eine Frau zum Gebären und Arbeiten gemacht ist und ein Frauenleben nicht viel Wert hat. Noch düsterer ist es während und nach dem Krieg, nach Zwangsevakuierung und Verlust aller Habe, wenn die Menschen, in Erdhäusern zusammengepfercht, versuchen, die kalten Winter zu überstehen und Essen und Wärme knapp sind. Doch am düstersten ist es in den Herzen dieser Menschen, wenn einer vom Weg abgekommen ist, abkommen musste, weil es gar nicht anders sein kann. Einer, der ein guter, heller Mensch ist, ein wunderbarer Vater mit lachenden Augen, der trotzdem kein Verzeihen findet. Dieser Roman nahm eine völlig andere Wendung, als ich dank des Klappentextes vermutet hätte, ist dunkler, kälter und hoffnungsloser. Und stellt sie wieder, die Frage nach der Menschlichkeit, nach dem Recht der Gesellschaft, zu urteilen und zu bestrafen, obwohl niemandem ein Leid geschah. Gerechnet hatte ich mit einem typischen Generationenroman - hier ein paar Geheimnisse, dort ein paar unerlaubte Liebschaften -, bekommen habe ich einen Roman, der trotz seiner schlichten Sätze, seinem lakonischen Ton, tiefer geht, mit ein paar Strichen Menschen und Beziehungen seziert, und der nachhallt. Ein Buch, das ich zornig weggelegt habe, zornig und traurig, weil es deutlich zeigt, was Menschen sich anzutun imstande sind, aus Selbstgerechtigkeit, Zorn und Einsamkeit. Ein Roman, dem ich viele Leser wünsche und ein Autor, der hoffentlich weitere Bücher schreibt. »Ein eindrucksvolles Plädoyer für die Würde des Menschen.« Aus der Juryerklärung für den Finlandia Preis.

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Finnland – das sind der hohe Norden, Seen, Wälder, zwischen den Bäumen vielleicht ein Elch, die trolligen wie legendären Figuren der Mumins. Finnland – das sind aber auch eine gelebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie eine Literatur, die immer wieder die Rolle der Frau beziehungsweise starke Frauenfiguren in den Fokus rückt und von besonderen Familiengeschichten, geprägt von der wechselvollen Geschichte des Landes und der Europas, zu erzählen weiß. Ich denke da an die Romane von Sofi Oksanen und Katja Kettu. Mit Tommi Kinnunen betritt nun ein Mann die literarische Bühne, der in seinem Debüt „Wege, die sich kreuzen“ sich ebenfalls jenem Thema verschreibt. Und das auf beeindruckende Weise. In seinem Heimatland hat er mit seinem Erstling für einen Bestseller gesorgt. Das muss in einem lesefreudigen Land wie Finnland nicht unbedingt viel heißen. Doch auch die Kritiker waren voll des Lobes. Kinnunen wurde vielfach ausgezeichnet, war für den renommierten Finlandia-Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert. Doch wer die ersten Seiten und die ersten Kapitel gelesen hat, wird wissen, warum sehr viele Leser sich für dieses Buch begeistern. Und das hat mehrere Gründe. Zum einen erschafft Kinnunen facettenreiche Figuren, allen voran Frauen. Der über 100 Jahre umfasssende Handlungsbogen beginnt nach einer kurzen einführenden Szene, die im Jahr 1995 angesiedelt ist, mit dem Leben von Maria, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Hebamme tätig ist, vor allem zu schwierigen Geburten gerufen wird, bei denen das Leben der Mutter oder des Kindes gefährdet ist. Sie ist eine sehr selbstständige Frau, die selbstbewusst und freiheitsliebend durchs Leben geht und ihre Tochter Lahja, ein uneheliches Kind, allein erzieht. Lahja ist ebenfalls eine eigenwillige Person. Mit Selbstbewusstsein und einigem Trotz findet sie eine Ausbildung, wird Fotografin. Auch sie bringt mit Anna eine Tochter zur Welt. Wenig später lernt sie den adretten Onni kennen. Sie heiraten, denn im Gegensatz zu ihrer Mutter braucht sie eine Familie um sich. Dabei ahnt Lahja, dass ihr Mann ganz andere Sehnsüchte hat, sie auch auslebt. Mit einem Koffer verlässt er dann und wann für kurze Zeit in der nahe gelegenen Stadt das Dorf, in dem die Familie aus drei Generationen unter einem Dach wohnt. Erst im Haus von Maria, später in dem von Lajha. Denn das erste Eigenheim wird im Krieg zerstört, nachdem der Ort zwangsevakiert wurde, später dem Flammen zum Opfer fällt. Trotz seines „geheimen Lebens“ zeigt sich Onni als liebevoller und umsichtiger Mann und Vater, der sich sowohl um seine eigenen beiden Kinder als auch um seine Stieftochter Anna kümmert. Dabei wird er indes innerlich zerrieben von seinem Begehren und der gleichzeitigen Abscheu vor seinen Gefühlen. In der Familie herrschen tiefe Spannungen, brechen Konflikte auf, existieren Risse in den verschiedenen Beziehungen: nicht nur zwischen Lahja und Onni, sondern später auch zwischen Lajha und ihrer Schwiegertochter, die mit dem Sohn Johannes verheiratet ist. Er ist als einziger im Ort, bei der Familie geblieben. Anna und die blinde Helena haben sehr früh eigene Wege fernab der Heimat bestritten und kommen nur sporadisch zu Besuch, als ob sie der Kühle und Fremdheit aus dem Weg gehen wollen. Neben den Lebensgeschichten, geprägt von historischen Ereignissen und den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen, überrascht der Roman vor allem auch durch seine kluge Konstruktion. Kinnunen verwebt die Lebensgeschichten eng miteinander und lässt die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven der verschiedenen Generationen erzählen, so dass die Handlung mit ihren Details nach und nach vervollständigt wird. Ein großes Bild entsteht. Und nicht nur das: Ans Licht kommen Geheimnisse, die das Leben der Familienmitglieder wesentlich geprägt haben. Die Grundlage für seinen Roman hat Kinnunen in seiner eigenen Familie, konkret in einer Sammlung alter Fotos gefunden. Eine Großmutter arbeitete als Hebamme und war wie Maria mit einem Fahrrad unterwegs, eine andere gründete das erste Fotogeschäft im nordfinnischen Kussamo. Ein Bild zeigt auch seinen Großvater, der am Wiederbau der zerstörten Kirche im Ort beteiligt war. „Wege, dich kreuzen“ erzählt eindrucksvoll von selbstbewussten Frauen in einer von Männer dominierenden Welt, aber auch von verantwortungsbewussten liebevollen Männern sowie von Schuld und Geheimnissen, die das Leben einer Familie nicht nur in eine andere Richtung führen, sondern auch belasten. Der zutiefst menschliche Roman berührt vielseitig und besticht durch vielschichtige Charaktere und ihre Schicksale, die im Gedächtnis bleiben.

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Ein traurig-schöner Familienroman

Buchladen Neusser Straße

Von: Markus Felsmann aus Köln

01.01.2018

Kunstvoll gebaut versteht es der Roman, dem Leser die Protagonisten als Menschen näher zu bringen, ihre Hoffnungen und Träume - aber auch Fehler - zu vermitteln. Für mich schon jetzt eines der schönsten Bücher im Frühjahr 2018!

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