Leserstimmen zu
Überbitten

Deborah Feldman

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Was für ein Mut und Durchhaltevermögen, welch gnadenlose Ehrlichkeit und Selbstentblößung auf dem Weg zu einer schmerzhaften Selbstverwirklichung - das war mein Eindruck nach der Lektüre von "Überbitten" von Deborah Feldman. Und was für eine Lebensgeschichte von einer Kindheit in einer ultraorthodoxen Nachbarschaft in Brooklyn, die mit ihren vielen Regeln, Traditionen und sozialer Kontrolle mehr an ein galizisches Shtetl erinnert, bis zum buchstäblichen Neubeginn in Berlin. Ausgerechnet Berlin, der deutschen Hauptstadt, gewissermaßen dem Herzen der Dunkelheit im Kollektivbewusstsein ihrer Großmutter und ihrer früheren Gemeinschaft von Holocaust-Überlebenden. Deborah Feldman aufgrund ihres Geburtsortes eine amerikanische Autorin zu nennen, scheint irgendwie falsch - ihre Muttersprache war Jiddisch, die Familientradition geprägt von der untergegangenen alten Welt, angefangen vom Gulasch der Großmutter über die ewigen Schatten der ermordeten Familienangehörigen. Mit Anfang 20, in einem Alter, wo andere übermütig die Freiheit ihrer Jugend und des Studentenlebens genießen, setzt Feldman, zu dem Zeitpunkt bereits in einer arrangierten Ehe verheiratet und Mutter eines kleinen Jungen, einen Collegebesuch durch. Für ihre Mitstudenten ist sie eine Exotin. Schon zu diesem Zeitpunkt verfolgt sie mit langem Atem einen Plan - sie will raus aus ihrer Ehe, raus aus Williamsburg, will ihrem Sohn eine in Verbote und Vorschriften eingezwängte Kindheit ersparen. Er soll seine Persönlichkeit frei entwickeln können. Sieben Jahre dauert der Prozess der Selbstbefreiung und -verwirklichung, in dem sich Feldman gleich mehrfach neu zu erfinden scheint. Auf fast 700 Seiten ihrer autobiographischen Erzählung schildert sie ihren Weg, die Begegnungen mit Menschen, die sie geprägt haben, Hoffnungen und Zweifel. Zwischen Optimismus und Verzweiflung, Selbstzweifeln und Rücksichtslosigkeit schwankt die junge Frau auf ihrer Lebensreise. Vieles erinnert an einen ungefilterten inneren Monolog, als sei das Schreiben auch therapeutisch - schonungslos ehrlich auch sich selbst gegenüber, wenn sie beschreibt, wie sie über Beziehungen schreibt, in denen sie unfähig scheint, Gefühle zu erwidern. Europa ist anfangs ein Ort jener Kultur, der Bücherliebe, die sie in Amerika vermisst hat, aber zugleich ein Ort der Dunkelheit - kantige Gesichtslinien, blaue Augen, blonde Haare lösen fast automatisch Nazi-Assoziationen aus, wobei Feldman mitunter blind dafür ist, den Menschen hinter dem Stereotypen zu erkennen. Ererbtes Trauma zu bewältigen, sich selbst neu zu beheimaten, Versöhnung mit sich selbst und mit ihrem neuen Land zu finden - auch darum geht es in "Überbitten", in dem Deborah Feldman ihre Leser mit auf eine faszinierende innere wie äußere Reise nimmt. Kann man glücklich werden an einem Ort, der symbolisch für millionenfaches Unglück ist? Kann man jüdisch sein, wenn man das starre Korsett religiöser Traditionen aufgegeben hat? Kann man sich aussöhnen mit der Vergangenheit und ihrem Erbe? Deborah Feldman hat für sich Antworten gefunden. Etwa, "dass es weitaus konstruktiver war, wenn ich mich in eine Gesellschaft, und noch dazu in eine, in die mich einzupassen nicht gerade leicht war, wirklich hineinbegab, als wenn ich sie aus der Ferne hassen und verdammen würde. Und ich habe auf unerklärliche Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen haben, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden." Denn: "Sich windend damit zu hadern, deutsch zu sein, ist nicht so anders, als sich windend damit zu hadern, jüdisch zu sein. Eines ist der Kehrwert des anderen", schreibt Feldman am Ende von "Überbitten" über Schuld, Scham und deutsch-jüdische Befindlichkeiten. Ein faszinierendes Buch, auch über die Befreiung des Geistes durch Bücher.

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