Leserstimmen zu
Falschaussage

T. Christian Miller, Ken Armstrong

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Taschenbuch
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„Wenn es um Vergewaltigung ging, stießen die Opfer regelmäßig auf Zweifel – von Seiten der Polizei, aber auch von der eigenen Familie und von Freunden. Sowohl in den Polizeiwachen als auch in der breiten Öffentlichkeit herrschte die Ansicht vor, dass nicht jede Anzeige einer Vergewaltigung der Wahrheit entsprach. Das Problem war, dass niemand wusste, wie viele es tatsächlich waren.“ (aus „Falschaussage – Eine wahre Geschichte“) Worum geht’s? Die 18jährige Marie wird 2008 in ihrer Wohnung von einem Unbekannten überfallen und vergewaltigt. Sie erstattet bei der Polizei Anzeige. Sie will Gerechtigkeit und andere vor den Täter schützen. Doch die Polizei zweifelt an ihr, ihr Umfeld zweifelt an ihr, irgendwann zweifelt Marie an sich selbst. Und so wird aus einer Vergewaltigungsanzeige nicht die Jagd nach einem Täter, sondern ein Strafverfahren gegen das Opfer – wegen Falschbeschuldigung. Doch was niemand zu diesem Zeitpunkt weiß: Marie ist nur die Spitze des Eisberges. Aber erst 2011 wird die unermüdliche Arbeit mehrere Ermittler die unfassbare Reichweite ans Tageslicht bringen. Falschaussage ist die Geschichte eines echten Falles, der sich in den USA im Zeitraum von 2008 bis 2011 ereignet hat. Schreibstil / Gestaltung Die äußerst kreative Covergestaltung zeigt im Hintergrund originale Polizeidokumente. Das Farbenspiel beim Titel und dem Untertitel ist interessant und verrät dem Leser, was ihn hier erwartet. Generell ist die Gestaltung eher schlicht und für das Buch und die Thematik angemessen. Das Buch ist durchgängig in einem berichtendem Erzählstil geschrieben. Es handelt sich bei Falschaussage um einen Tatsachenbericht aus dem Real Crime Genre und so wird auch erzählt. Der Erzählstil ist minimal wertend, größtenteils aber eher neutral und durchgängig faktenbasiert. Falschaussage wird nicht in der chronologischen Reihenfolge erzählt, sodass es immer wieder zu Zeitsprüngen und Ortswechseln kommt. Erst im letzten Viertel des Buches wird chronologisch erzählt. Dem Buch vorgestellt sind Landkarten für die im Buch relevanten Orte. Es gibt kein Vorwort, aber einen längeren Epilog, ein Nachwort durch die Autoren und ein ausführliches Belegverzeichnis, welches die jeweils für die Kapitel verwendeten Dokumente und Studien ausführt. Mein Fazit „Sie sagt, sie wurde vergewaltigt. Die Polizei sagt, sie lügt.“ So steht es als Untertitel auf dem Cover von Falschaussage. Vermutlich war diese Aussage das entscheidende Kriterium, wieso ich zu diesem Buch gegriffen habe. Ich lese gern und viel aus dem Real Crime Bereich und war durchaus gespannt, was für eine Geschichte mich hier erwarten möchte. Vorab möchte ich an dieser Stelle bereits einige Worte zur Umschlagsgestaltung loswerden. In meinen Augen sind diverse Elemente der Gestaltung nicht passend für das Buch. Das bereits erwähnte Untertitel trifft meiner Meinung nach nicht genau die Geschehnisse des Buches, auf der Buchrückseite ist die Rede von „hochspannend mit einem Twist, der John Grisham alle Ehre machen würde“ – dies ist meiner Meinung nach schon fast respektlos für dieses Buch. Das hier ist kein Thriller, das hier ist kein spannender Pageturner mit Twists, die den Leser in Verzückung bringen – dieses Buch ist bittere, tragische Realität und erzählt die Geschichte einer Polizei-Ermittlung, die keine war, aber eine hätte sein sollen. Sollte man an diese Buch mit der Erwartung herangehen, einen spannende Thriller mit viel Sex and Crime zu erhalten, so mag ich dazu raten, dieses Buch nicht zu lesen. Es ist nicht der Anspruch des Buches, dies zu leisten. Das Buch möchte die entsetzliche Geschichte um Marie und ihre Leiden erzählen, eingekleidet in die noch viel größere Geschichte um die Jagd nach einem Serientäter. Wer zu diesem Buch greift, darf nie vergessen, dass es aus dem Real Crime Genre kommt und vor allem als Tatsachenbericht dienen möchte. Bei Falschaussage geht es wie bereits gesagt um Marie, die 2008 vergewaltigt wurde. Im Rahmen ihrer Anzeigenerstattung hegte die Polizei sehr schnell Zweifel an ihren Ausführungen und machte hierbei vor allem den Fehler, sich durch externe Meinungen beeinflussen zu lassen. Am Ende der Zweifel stand die Konfrontation mit Marie, die ihre Aussage sodann mehrfach widerrief und auch den Widerruf widerrief. Doch auch, wenn der Fokus Maries Fall liegt und die Frage, ob und inwiefern die Polizei ihr Unrecht getan hat, ob sie gelogen hat und ob das polizeiliche Vorgehen gerechtfertigt war, ein Hauptaspekt der Geschichte ist, so tut man dem Buch Unrecht, sich nur hierauf zu versteifen. Denn Falschaussage möchte viel mehr erzählen: Die Geschichte eines Mannes, der über Jahre hinweg an verschiedenen Orten Frauen überfiel und vergewaltigte, die Geschichte mehrere Frauen, denen die Polizei nicht immer glaubte und vor allem die Geschichte von guter und nicht so guter Polizeiarbeit, die teils vor Mängel und mangelndem Fachwissen im Umgang mit Sexualdelikten nur so strotzte. Das Buch ist eine Gesamtschau auf einen großen Fall mit vielen Opfern, noch mehr Beamten und einem Täter, der so perfide und so organisiert jahrelang die Justiz zum Narren halten konnte. Falschaussage ist ein Blick in die Welt von Polizeiermittlungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Laufe des Buches lernt der Leser zahlreiche Polizisten kennen, die an diesem Fall mitgearbeitet haben. Jeder für den Fall relevante Polizist wird hierbei etwas ausführlicher vorgestellt, was leider manchmal etwas ausufernd erschien und den Lesefluss für mich immer wieder unterbrach. Da die Geschichte zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten von verschiedenen Fällen handelt, die wiederum von verschiedenen Beamten bearbeiten wurden, hat der Leser sehr schnell eine riesige Liste an Beteiligten. Ich kam hierbei regelmäßig durcheinander, musste zurückblättern und verlor immer wieder den Faden, über welchen Fall ein Kapitel gerade geht. Strukturell konnte mich das Buch daher größtenteils nicht überzeugen. Selbst jetzt am Ende könnte ich keine saubere Chronologie aufzeichnen und kann nach wie vor die meisten Beamten nicht richtig zuordnen. Es tut letztendlich dem Verständnis keinen Abbruch, dennoch wäre es vielleicht schön gewesen, wenn – ähnlich wie die Landkarten am Anfang – ein Zeitstrahl oder ähnliches ins Buch eingearbeitet worden wäre oder zumindest zu Kapitelbeginn nicht nur Zeit und Ort notiert wäre, sondern auch welcher Fall und welche Ermittler. Dadurch, dass anfangs mehrere Geschichten nebeneinander laufen, wird dem Leser einiges abverlangt. Am Ball bleiben, Verbindungen ziehen, ein komplexes Geflecht nachvollziehen – dazu kommt noch die emotionale Komponente des Buches. Dafür ist das Buch inhaltlich aber ein Volltreffer und das ist, worauf es ankommt. Man merkt, dass die beiden Autoren sehr viel Herzblut in das Projekt gesteckt haben. Neben den eigentlichen Fallrecherchen, den Gerichtsakten und Interviews mit den Beteiligten werden auch Unmengen von Studien, Wissenschaftlern und Experten zitiert, wiederum alles belegt und zum Nachlesen. Die Autoren haben hierbei einen exzellenten Spagat zwischen „Fallbericht“ und „grundlegenden Informationen“ geschafft und ein für mich vollkommen rundes Buch geschaffen, ohne dabei eine Hexenjagd auf die Beamte zu starten und sich selbst als moralische Instanz hinzustellen. Durch den Fall um Marie, den Fall um den Serienvergewaltiger und die Worte der weiteren Opfer, aber auch die Einblicke in die Gedankenwelt des Täters (es gibt einige Kapitel, die auch seine Geschichte beleuchten), wird der Leser mitgenommen auf eine Reise zwischen Hoffnung, Wut, Entsetzen und Mitleid. Und die Autoren haben die Geschichte weder mit der Festnahme noch mit dem Urteil beendet. Sie haben auch das „Aftermatch“ gezeigt, was aus den Beteiligten geworden ist und die vielleicht noch wichtigere Frage: Hat die Behörde aus Maries Fall gelernt? Falschaussage ist ein Buch, welches einen hohen Anspruch an sich selbst hat und diesen auch erfüllt. Es ist ein Must-Read für Genrefans und Leute, die sich für das Thema generell interessieren. Es ist ein ganzheitliches Werk über einen Fall, wie er leider immer noch regelmäßig passieren kann. Es ist ein Werk, welches dem Leser die wackelige Welt zeigt, in der der Staat versucht, in intimen Bereich der Sexualdelikte für Gerechtigkeit zu sorgen und manchmal an seinen eigenen Idealen scheitert. Es ist ein Buch, welches zeigt, wie schmal die Gratwanderung zwischen professioneller Skepsis und zu schneller Vorverurteilung ist. Es ist ein Buch, welches zeigt, dass Traumata nicht identisch verlaufen müssen, Menschen aber zu schnell eine Checkliste anlegen und jemandem Unglaubwürdigkeit unterstellen. Vor allem aber ist es ein Buch, welches einem auch über die letzte Seite hinweg weiter zum Nachdenken bringen wird. Denn man fragt sich: Wie hätte ich reagiert als Polizist, wie hätte ich reagiert als Umfeld, wie hätte ich reagiert als Marie? [Diese Rezension basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt wurde. Meine Meinung wurde hierdurch nicht beeinflusst.]

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Der Plot könnte zu einem modernen Kriminalroman passen: Ein Mann vergewaltigt Frauen. Er beschattet sie über längeren Zeitraum, kennt intime Details. Irgendwann steigt er in das Haus seiner Opfer sein, vergewaltigt sie und verschwindet beinahe spurlos. Könnte der Plot eines Krimis sein, ist aber eine wahre Geschichte, geschehen in den USA vor wenigen Jahren. Zwei amerikanische Journalisten - T. Christian Miller und Ken Armstrong - berichten in ihrem Buch über die Jagd nach dem Serientäter: "Falschaussage. Eine wahre Geschichte", erschienen im btb-Verlag. Sie schildern die Schwierigkeiten der Ermittler, die örtlich voneinander entfernten Tatorte in Verbindung zu bringen. Sie erzählen, wie die wenigen Spuren, die der Täter an seinen Tatorten hinterließ, doch noch eine Festnahme ermöglichten. Sie beschreiben beeindruckende Ermittler, die nichts unversucht lassen, um die Serientaten zu stoppen. Eine Erfolgsstory moderner Polizeiarbeit, möchte man meinen. Ist es wohl auch, zumindest in einer Hinsicht. Denn andererseits versteckt sich hinter der wahren Geschichte auch ein wahrer Polizeiskandal. Der Täter, Marc O`Leary, hatte auch Marie vergewaltigt. Marie hatte es in ihrem Leben nicht leicht, wanderte von einer Pflegefamilie zur nächsten, stand aber langsam auf eigenen Beinen. Sie zeigt die Vergewaltigung an - nur niemand glaubt ihr. Man nötigt sie zum Widerruf und zeigt sie wegen Falschaussage an. Erst als der Täter gestellt ist, kann bewiesen werden, dass auch Marie zu seinen Opfern gehörte; das Mädchen, mittlerweile eine junge Frau, kann rehabilitiert werden. Hinter dem vermeintlichen Einzelfall verbirgt sich ein immer wieder vorkommendes Muster: Vergewaltigungsopfern wird nicht geglaubt. Aufgrund der traumatischen Erlebnisse bringen sie Details durcheinander, widersprechen ihren eigenen Aussagen und erregen der Verdacht, durch die Behauptung einer Vergewaltigung nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Die Ermittler arbeiten dann nicht mehr an der Suche nach dem Täter, sondern suchen Beweise gegen das eigentliche Opfer. Die Untersuchung von Miller und Armstrong legt nahe, dass dieses Muster nicht selten ist - in den USA wenigstens. Ob die Situation in anderen Ländern wirklich besser ist, darf bezweifelt werden. "Falschaussage" ist ein packendes Buch mit aufrüttelnden Erkenntnissen.

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