Leserstimmen zu
So geht Kunst!

Grayson Perry

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Grayson Perry dürfte nur Kunst-Insidern bekannt sein. Der Engländer wird als exzentrisch beschrieben, weil er auch mal Frauenkleider trägt, aber eigentlich macht er bildende Kunst und hat damit in seinen Kreisen schon eine herausgehobene Position. Man könnte also sagen, er kennt das Kunst- und Kulturgeschäft. Und genau darüber hat er ein Buch geschrieben, das im englischen Original „Playing to the Gallery. Helping contemporary art in its struggle to be understood“ heißt und von Sofia Blind sehr treffend-deutsch mit „So geht Kunst“ übersetzt wurde. In einem netten Plauderton erzählt Perry, was für ihn überhaupt Kunst bedeutet, warum sie heutzutage hauptsächlich damit beschäftigt ist, zu schockieren, und wie man ein zeitgenössischer Künstler wird. Für jemanden wie mich, der zwar ein grundlegendes Verständnis und Interesse für Kunst mitbringt, aber so gar nicht in der Szene verhaftet ist, waren da einige interessante Sätze drin. Aufgelockert wird das ohnehin schon lockere Buch mit Illustrationen von Grayson Perry selbst, die das Geschriebene noch einmal unterstreichen (und von Ben Rennen gut ins Deutsche übersetzt wurden). Insgesamt eine runde Sache und eine schöne Bettlektüre, die mich in den letzten Wochen begleitet hat. Ich würde es Menschen schenken, die entweder Schöpfer von Kunst sind (und lernen sollen, wie man damit Geld verdient) oder Kunst kaufen (um zu lernen, dass ein Pissoir nur dann Kunst ist, wenn niemand reinpinkelt).

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So geht Kunst!

Von: EricaSta

09.08.2017

So geht Kunst! Ein amüsantes Buch vom englischen Künstler Grayson Perry, der sich dabei eingehend mit der Kunstszene mit dem Kunstmarkt, dem Geschmack der Kritiker und Käufer auseinandersetzt und selbst darin verflochten ist, wie er zugibt. Ein flüssig geschriebenes, schnell zu lesendes Buch, gerade recht jetzt für diese Sommerzeit - egal wie heiß es gerade draußen ist oder auch wenn es stürmt und regnet. Es liest sich sehr angenehm! Verrät pikante Details aus der Szene auf unterhaltsame Weise ohne mich nur eine Minute zu langweilen. "Beating the Bounds", lautet die Originalfassung und bedeutet folgendes: "Beating the Bounds" ist ein in England, Irland, Wales und Schottland teilweise bis heute praktiziertes Ritual, in dem die Grenzen einer Kirchengemeinde oder eines anderen mit Grenzsteinen markierten Gebietes abgeschritten und die Grenzsteine mit Stöcken oder Ästen geschlagen werden. Es findet traditionell während der Bitttage (englisch rogationtide) zwischen dem fünften Sonntag nach Ostern (Rogate) und Christi Himmelfahrt statt. Meine Recherche im Hintergrund. Der Ursprung des Kunstwerkes ist eine Abhandlung des Philosophen Martin Heidegger aus den Jahren 1935–36, in welcher er sich mit der Frage auseinandersetzt, was die Kunst als Kunst ausmacht. Was die Kunst ist, soll also nicht durch wissenschaftliche Disziplinen wie etwa die Psychologie erklärt werden, noch anhand soziologischer Ansätze, welche die Rolle der Kunst in der Gesellschaft untersuchen. Auch möchte Heidegger keine traditionell ästhetische Theorie der Kunst geben, welche normative Maßstäbe dafür gibt, was als Kunst gelten darf oder welche Kunst als ein Erlebnis für einen Betrachter beschreibt bzw. gar an metaphysische Konzepte bindet. Heidegger versucht anstatt dieser überzeitlichen Erklärungen das Wesen der Kunst aus ihr selbst zu bestimmen, indem er sie entschieden geschichtlich denkt. Dies geschieht anhand zweier Thesen: Die erste lautet, im Kunstwerk habe sich „die Wahrheit ins Werk gesetzt“, die zweite, das Wesen der Kunst besteht in der „Stiftung der Wahrheit“, die „Geschichte gründet“ Welt eine neue Dimension verleiht und dieser zugleich mit der Erde einen Gegenbegriff erhält. Gadamer erinnert sich, dass dies damals eine „philosophische Sensation“ bedeutete. Paradox der Hässlichkeit Der Begriff Paradox der Hässlichkeit geht auf den Philosophen Nelson Goodman zurück. Es handelt sich um das Phänomen, dass Gegenstände und Kunstwerke, die nach üblichen ästhetischen Maßstäben als „unschön“ oder „hässlich“ empfunden werden müssten, durchaus einen ästhetischen Reiz ausüben können. Dieses Paradoxon zeigt sich in Ausdrücken wie „schaurig-schön“ sowie in ästhetischen Urteilen wie: „Mir gefällt das Schräge in dieser Musik“ oder „Gerade die Brüche und Asymmetrien in dem Design gefallen mir“. Das Paradox der Hässlichkeit beschreibt zugleich den umgekehrten Fall, dass bestimmte Dinge, die sich durch bestimmte „schöne“ Merkmale auszeichnen, als „kitschig“, „glatt“ oder „ästhetisch aufdringlich“ empfunden werden: „Sie sind zu schön, um (wirklich) schön zu sein“. Andere Betrachtungsweisen beziehen sich auf Photographien schwerst Behinderter oder Verstümmelter, Musik bar jedes Rhythmus‘ und viele diverse Bücher und Filme, die mit der Schilderung erschreckender Szenarien verstören sollen. Zunächst ist das Hässliche dabei als Gegensatz zum Schönen zu betrachten, es ist verunsichernd, beunruhigend, störend, abstoßend und chaotisch. Solche Assoziationen sind vererbt, teilweise werden sie auch angeeignet. Als Musterbeispiel der operanten Konditionierung seien hier Kriegsveteranen genannt, die Feuerwerk, welches schön ist, trotzdem erschreckt und zusammenfahren lässt, da sie mit dem Knallen die Schüsse aus ihrer Kriegszeit verbinden. _______ Bewundern ist eine Kunst, die wir lernen müssen. Friedrich Max Müller _______ Fazit. Detailliert geht Perry also Schritt für Schritt entlang der Kunstzäune, nimmt ketzerische teilweise kein Blatt vor den Mund und doch dabei sachte an der Hand - teilweise unterstützen Comics die verschiedenen Kapitel - erklärt, versinnbildlicht, bringt "es" rüber, nämlich die Kunst! Für dieses Buch gebe ich 6 von 7 Lesezeichen

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Grayson Perry erklärt im Buch einiges über die zeitgenössische Kunst und den Kunstbetrieb, Werke und Kunstwelt, in der er sich selbst seit den späten siebziger Jahren bewegt. All das schildert er recht amüsant und angetan und kenntnisreich. Zugleich findet man einige humorvolle Comics im Buch, die Kunst auch „erklären“ – auf sehr amüsante Art und Weise. Bei Büchern bin ich ja immer wieder für die verschiedensten Themen zu haben, da ich auch durchaus sehr kunstinteressiert bin, war es nun spannend einmal etwas darüber zu lesen. Vom Schreibstil her ist es schon ein durchaus anspruchsvolles Buch. Alles zwar verständlich, aber man merkt eben, dass es kein Unterhaltungsroman ist, sondern eine Art Fachbuch – die aber ja auch für Laien verständlich gemacht ist. Insofern ist es schon ein wenig anstrengend zu lesen. Der ganze Inhalt des Buches lässt sich mit der letzten Grafik im Buch darstellen. Überhaupt ist es ein spezielles Buch. Der Aufbau mit den verschiedenen Comics immer wieder ist gelungen – diese bieten ja auch eine gewisse Abwechslung. Was nicht so schön ist – von europäischer Kunst liest man leider nicht ganz soviel, d.h. es geht im Großen und Ganzen immer um Kunst, in New York – maximal mal in London. Aber eben sonst nichts im europäischen Raum. Das ist ein wenig schade. Was sehr positiv ist, ist die Abgrenzung in immer neue Kapitel mit einer neuen Fragestellung bzw. entsprechenden Erläuterung dazu. So heißt es einmal „Beating the Bounds: Was zählt als Kunst? Obwohl wir in einer Epoche leben, in der alles Kunst sein kann, kommt doch nicht alles in Frage“ – um mal ein Beispiel zu nennen. Alles in allem war es ein wirklich interessanter Einblick, der schon auch ansprechend und anspruchsvoll war, von dem ich mir aber noch ein bißchen mehr erwartet hatte. Von mir gibt es 3 von 5 Sternen und eine Empfehlung.

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Im kürzlich erschienen Buch „So geht Kunst“ stellt sich der britische Künstler Grayson Perry die Frage „Warum ist Kunst eigentlich Kunst?“. Er zieht dabei einen weiten Bogen über die Kunstgeschichte und seinem eignen Werdegang, zur Beantwortung der Frage. Perry Grayson studierte zwar Kunst in Portsmouth, doch er fand seine Kunstform und sein Ausdrucksmedium erst durch einen Abendkurs in der Töpferei. 2003 gewann er mit seinen skurrilen Vasen den britischen Turner-Preis, der mit 20.000 Pfund dotiert war. Er selbst sieht sich eher als einen handwerklichen Kleinkünstler, der es (fast durch Zufall) in den Kunstbetrieb geschafft hat. Er kennt daher beide Seiten und stellte sich die gleichen Fragen, die wohl die meisten von uns im Kopf haben, wenn sie durch eine Moderne Galerie laufen. Da vielen der Kunstbetrieb und die Mechanismen häufig absurd und wahllos erscheinen, versucht er mit seinem Buch ein bisschen Licht auf ein Mysterium zu bringen und Klarheit zu schaffen. Dabei beginnt er den Qualitätsbegriff von Kunst zu analysieren und zeigt auf, wessen Meinung zu Kunst zählt. Er zeigt, wie Kunst sich in der Geschichte entwickelt hat und warum sich heute trotzdem nicht „alles“ im Kunstmuseum wiederfindet. Zum Schluss geht er auf seinen eigenen künstlerischen Werdegang ein und zeigt, wie er und sicherlich auch andere, „Künstler“ wurden. Sein Schreibstil ist locker und lässig, aber er schreibt recht verschachtelte Sätze, so dass ich leider einiges dreimal lesen musste, damit mir der Inhalt klar wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob es hier tatsächlich am Inhalt liegt (ich habe Kunst nicht studiert) oder an der Übersetzung, da Grayson wohl eine sehr eigene Ausdrucksweise hat, die zu übersetzen schwer ist. Ich konnte viel geschichtliches Hintergrundwissen mitnehmen und verstehe nun die Mechanismen des Kunstbetriebes besser. Damit trifft der Inhalt des Buches ganz genau seinen Untertitel: „Die heutige Kunstwelt verstehen und vielleicht lieben lernen“. Doch zu mehr verhilft das Buch in meinen Augen nicht und ich fühle mich nicht besser auf den nächsten Museumsbesuch vorbereitet. Die Erläuterung wie man an zeitgenössische Kunst herantritt und ihren „Sinn“ versteht, kommt im Buch zu kurz und wird nur hier und da angerissen. Sein Versuch im Kapitel „Beating the Bounds“ scheitert durch Abschweifungen. Zu diesem Thema würde ich das Buch „So gesehen“ von Ossian Ward empfehlen, welches eine klare Gebrauchsanweisung für das Verständnis von zeitgenössischer Kunst bietet. Das Buch wird durch einige Illustrationen aufgelockert, die Grayson selbst gestaltet hat. Hier wurde auch in der Übersetzung sehr viel Mühe reingesteckt, denn alle Schriften in den Illustrationen sind übersetzt und von Ben Rennen neu gestaltet worden. Ich würde das Buch jenen empfehlen, die sich bereits ein bisschen mit Kunst auskennen und Interesse an der Kunstwelt (nicht nur zeitgenössischer Kunst) haben und sich fragen, wie es ein Kunstwerk in die Galerie, das Museum oder unter den Auktionshammer des Sotheby’s schafft.

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Meine Meinung Ich muss sagen, dass ich ein Mensch bin, der sich zwar sehr für Kunst interessiert, sich jedoch nicht wirklich damit auskennt. Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut das Buch vom Prestel Verlag zu erhalten. Das Buch ist in mehrere Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel, "Die Demokratie hat einen schlechten Geschmack", geht es um Meinungen bezüglich der Kunst. Hierbei beantwortet Perry die Frage welche Meinungen überhaupt zählen und wie die Gesellschaft die heutige Kunstwelt beeinflusse. Im nächsten Kapitel, "Beating the Bounds", geht es dann um die Charakterisierung von Kunst. Hierbei wirft Perry die Frage auf was überhaupt Kunst sei und erklärt wie man hochwertige Kunst erkennen könne. Anschließend, im Kapitel "Nette Rebellion! Hereinspaziert!", geht es um die Frage inwiefern Kunst noch in der Lage ist die Menschen zu schockieren und wie sich die Kunst und der Schock im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Im letzten Kapitel, "Ich fand mich in der Kunstwelt", erzählt Perry von seiner eigenen Künstlergeschichte. Zunächst einmal gefällt mir Perrys Schreibstil sehr gut. Das Buch erklärt die Grundzüge der Kunst mit sehr viel Witz und Charme, sodass man Spaß hat das Buch zulesen. Des Weiteren hat es mir sehr gut gefallen, dass das Buch durch Illustrationen von Perry unterstützt ist. Diese sind meist sehr ironisch und passend zum Inhalt, sodass sie den Text wunderbar unterstützen. Außerdem erhält man durch dieses Buch nicht nur einen Einblick in die zeitgenössische Kunstwelt, sondern erfährt auch etwas über die Kunstgeschichte und den Wandel der Kunst. Außerdem erlangt man Wissen, welches auf alle Fälle für weitere Kunstbesuche von Vorteil ist. Fazit Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Buch wirklich sehr interessant ist und mir neue Erkenntnisse im Bereich der Kunst erbracht hat. Außerdem haben mir die Erzählweise und die Illustrationen sehr gut gefallen. Somit kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich für Kunst interessiert und sich gerne mit diesem Thema auseinandersetzt. Abschließend vergebe ich deshalb vier von fünf Sterne.

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Braucht es eine Anleitung für Kunst? Nein, hätte ich spontan geantwortet. Doch letztlich ist die Arbeit als Kunstvermittlerin ja ähnlich einer Anleitung zur Kunst. Aus diesem Grund hat das Buch So geht Kunst von Grayson Perry mich direkt angesprochen. Der Autor ist selbst zeitgenössischer Künstler, der besonders am englischen Markt bekannt ist. Farbenfrohe Keramik und ein ebenso bunte Persönlichkeit sind die Markenzeichen Perrys. Er schreibt das Buch als Insider, der den Kunstmarkt nicht nur kennt, sondern tatsächlich subjektiv und scharf analysiert hat. Das Buch verspricht ein erklärendes Handbuch für zeitgenössische Kunst zu sein. Statt einer trockenen, schematischen Anwendung ist es vielmehr locker geschrieben und erheitert mit den überwiegend klischeehaften Anekdoten. Wer erwartet eine tatsächliche handfeste Erklärung und damit einen zu befolgenden Zugang zu zeitgenössischer Kunst zu bekommen, der wird enttäuscht sein. Die heiteren aber dennoch sehr scharfsinnig analysierten Momente sind kurzweilig zu lesen, karikieren Kunst, Künstler und Kunsttreibende der Jetztzeit. Zugleich zeichnet das Buch einen Querschnitt durch die Kunstideen und –ansätze der letzten Jahrzehnte. Zu empfehlen ist es allen Kunstinteressierten, die sich mit einem Augenzwinkern in die schillernde Welt eines Künstlers entführen lassen, der sowohl wahnwitzigen Erfolg, harte Arbeit und anstrengende Durststrecken des Künstlerlebens kennengelernt hat und für den Künstler sein mehr als ein kurzzeitiges Hobby ist. Warum braucht Kunst eine Anleitung Diese Frage stellt man sich spätestens dann, wenn man diesen Titel in der Hand hat. Grayson Perry liefert eine überzeugende Erklärung: „Wir fühlen und schnell unsicher, was Kunst und deren Wertschätzung angeht – als ob wir bestimmte Kunstwerke ohne eine Menge akademisches und historisches Wissen nicht genießen könnten. Aber wenn es eine Botschaft gibt, die ich Ihnen mitgeben möchte, dann lautet sie: Jeder Mensch kann Kunst genießen und sogar jeder kann sein Leben der Kunst widmen…“ (S. 8). Nach Perry bedarf es immer Menschen, die der Kunst Fragen stellen und das Nachdenken über diese Fragen fördert den Austausch über Kunst. Doch genau dieser Austausch ist es, der Schwierigkeiten bereitet. Warum? Perry beschreibt welches Gefühl ihn überkommt und trifft damit exakt den Punkt, der Kunst oft zu einem heiklen Punkt werden lässt und der Grund sit, warum über Kunst zu sprechen so schwierig ist: „Bis heute empfinde ich vor allem kommerzielle Galerien als ziemlich einschüchternd – am Empfangstresen furchterregend schicke junge Mitarbeiterinnen, Tausende von Quadratmetern teuren polierten Betons, ehrfürchtiges Flüstern vor mysteriösen Klumpen von Zeug – ganz zu schweigen von der oft hochtrabend-unverständlichen Sprache, die angesichts der Kunst gesprochen wird.“ (S. 10f) Allein die Frage was Kunst ist, ist so einfach nicht zu beantworten. Besonders dann nicht, wenn sich – wie im Fall der zeitgenössischen Kunst – von den Genres Malerei, Skulptur und Grafik entfernt wird. Was ist Kunst, was ist schön Auf der Suche nach der Frage was Kunst ist, skizziert Perry den Begriff der Schönheit. Ansatzweise. Rudimentär. Er versucht es. Marcel Duchamps Prämisse, dass es bei Kunst nicht um ästhetisches Vergnügen gehe, macht jede Definition schöner Kunst zunichte. Seit seinem Konzept des Readymade, nachdem alles Kunst sein kann, was zum Künstler als solches erkoren wurde, ist eine klare Abgrenzung zu Alltagsgegenständen und Schrott schwer möglich. Der Kunstmarkt ist ein Indiz für Kunst: Was teuer ist oder sich so verkaufen lässt, muss wertvolle Kunst sein. Oder etwa nicht? Passend zu dieser Kunstdefinition schlägt Perry ein Spiel für den nächsten Galeriebesuch vor: Welches Kunst würde ich mit nach Hause nehmen? Das Phantasieshopping bietet einen Anhaltspunkt, um Schrott von Kunst zu unterscheiden. Einen ähnlichen Ansatz hatte die Ludwig Galerie Oberhausen als sie jüngst zur fiktiven Kunstauktion in ihrer Shopping-Ausstellung rief. Nicht nur in diesem Experiment zeigte sich, dass Kunst nicht zwangsläufig über seinen Marktwert zu definieren ist. Perry entwickelt aus all diesen schwierig umzusetzenden Ansätzen Kunst greifbar zu machen eine eigene Idee. 7 Tests oder Grenzpfosten bieten Leitideen, anhand derer sich Kunst bemessen lässt. Zumindest meistens: „Natürlich sind meine Tests nicht wasserdicht, aber wenn man sie in einem Diagramm aus drei überlappenden Kreisen übereinanderlegt, ist die Schnittmenge in der Mitte mit ziemlicher Garantie zeitgenössische Kunst.“ (S. 76) Handbuch, Fachbuch, Belletristik oder was Der Originaltitel „Playing to the Gallery“ klingt verspielter als der deutsche Titel und zeigt mehr das eigentliche Buchgenre. Dennoch finde ich die deutsche Übersetzung gelungen, denn gerade aufgrund der vielen Anekdoten und sehr persönlichen Blicke in die Welt der Kunst, Galerien und vor allem auch der Denke der Künstler, zeigt das Buch sehr deutlich wie Kunst funktioniert oder vielmehr der Kunstmarkt, der aktuellen Künstlerszene. Ein lesenswertes Unterhaltungsbuch, das mit seinen witzigen Comics auch etwas fürs Auge bietet. Ich empfehle selten Bücher als Geschenk aber dieses Buch ist perfekt für eigentlich anspruchsvolle Leser, die nach Kurzweil suchen ohne sich thematisch aus ihrem Bereich zu entfernen.

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Meine Meinung: Gestern bei der Aktion Gemeinsam Lesen schrieb ich "dieses Buch riecht einfach nur - sorry - verdammt gut". Dies ist aber nicht alles. Grayson Perry, der sich selber als "töpfernden Transvestiten" bezeichnet, kennt die Kunstwelt sehr genau, bewegt er sich doch bereits mehrere Jahrzehnte darin. Und weil er so gut weiss, wie der Hase läuft, hat er den Mut, Fragen zu stellen (und auch gleich mögliche Antworten darauf zu geben, die sich Besucher von Galerien vielleicht nicht einmal zu fragen wagen. Und bei aller wissenschaftlichen Vorgehensweise warnt Perry gleich zu Beginn scherzhaft: "Ich werde aus meinen persönlichen Erfahrungen verallgemeinernde Schlüsse über die Kunstwelt ziehen." (S. 12) Und das, liebe Leserinnen und Leser, macht genau den Charme dieses Buches aus. Perrys Liebe zur Kunst und Kunstwelt lässt sich im ganzen Buch erkennen und jede noch so provokativ formulierte Kritik lässt trotzdem durchschimmern, wie sehr es Grayson Perry am Herzen liegt, die Allgemeinheit an seiner Liebe und seinem Verständnis von Kunst teilhaben zu lassen. Von der Kunst über die Galerien und Kuratoren bis hin zum Künstler und wieder zurück schreibt Perry über verschiedenste gesellschaftliche und politische Einflüsse von und auf Kunst und berichtet auch sehr offen und persönlich über seinen Werdegang, seine Haltung und seine Entwicklung. "Die Grundfrage, die ich stellen möchte, lautet: Wie wird man ein zeitgenössischer Künstler? Ich könnte antworten: 'Nun, man sagt einfach, man sei einer, und fängt an, irgendetwas zu machen', aber ich glaube, die Sache ist komplexer." (S. 113) Bis hin zum Kunstverständnis im Verlauf der Geschichte gehen also Perrys Ausführungen und für mich waren seine Erläuterungen und Überlegungen zu den Thesen „Alles ist Kunst“ und „Jeder ist ein Künstler“ (Joseph Beuys) vor allem darum sehr spannend, weil es bei uns in der Musik ähnliche Aussagen von John Cage aus der gleichen Zeit gibt. Und genau so, wie übrigens niemand zu fragen wagt, was denn nun Kunst sei, ist diese Frage auch in der Musik oft verpönt. Schreibstil: Mit viel Witz, Ironie, grossem Fachwissen und einem ganz persönlichen Charme führt Perry durch Themen, die ihm am Herzen zu liegen scheinen und wirft dabei mit Beispielen nur so um sich, dass es eine wahre Freude ist. Immer wieder muss dabei übrigens Marcel Duchamps "Urinal" (sein weltberühmtes Kunstwerk "Fountain") herhalten. Aber nicht nur dieser Meilenstein der Kunstgeschichte, sondern auch viele andere bekannte und weniger bekannte Kunstwerke/Kunstprojekte und Künstler/innen werden beleuchtet und in eine kurze historische Abhandlung integriert. Passend zur sehr unterhaltsamen Sprache präsentieren sich dreissig von Perry selber gemalte und ebenfalls sehr amüsante Zeichnungen, welche sich gut in die einzelnen Kapitel eingliedern. Meine Empfehlung: Besonders gerne mochte ich ja, dass Perry doch einiges an Allgemeinwissen bei seinen Lesern voraussetzt und somit nicht immer komplett ins Detail gehen muss. Wer dies also scheut (oder nicht bereit ist, einzelne Dinge nachzuschlagen) wird wohl seine Mühe mit "So geht Kunst" haben. Wer allerdings offen und interessiert ist, sich nicht nur mit Fantasy-Trash sondern auch mit den Tagesthemen auseinandersetzt und sich für zeitgenössische Kunst begeistert oder begeistern lassen will, dem empfehle ich "So geht Kunst" von Herzen weiter. Zusätzliche Infos: Titel: So geht Kunst Originaltitel: Playing to the Gallery: Helping Contemporary Art in its Struggle to Be Understood. Autor: Grayson Perry (*1960) ist freischaffender Künstler, Keramiker, Teppichweber, Autor, Dozent und Moderator. Im Jahr 2003 gewann er den renommierten Turner Prize. Bekannt geworden ist Perry mit seinen Keramikvasen, deren klassische Formen er mit hellen bunten Farben und freien Motiven gestaltet. Als Motiv taucht in seinen Arbeiten häufig sein weibliches Alter Ego „Claire“ auf. Mit dieser Figur und seine Crossdressing-Aktionen inszeniert Perry sich als Transvestit und thematisiert die Diskussion um „neutral gender“ auf spielerische Weise. Er lebt in London und ist mit der Psychotherapeutin Philippa Perry verheiratet. Gebundenes Buch, Pappband: 144 Seiten Sprache: Deutsch Originalsprache: Übersetzt von: Verlag: Prestel Erschienen: 27.03.2017 ISBN: 978-3-7913-8336-1

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