Leserstimmen zu
Lincoln im Bardo

George Saunders

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18.01.2019 LINCOLN IM BARDO von George Saunders Bewertung: ★★★★★ Lincoln im Bardo ist der erste Roman von Kurzgeschichtenautor George Saunders und auch das erste Werk überhaupt , das ich von im gelesen habe. Ich habe nun wirklich einige Monate gebraucht, und habe mehrmals gestartet, und fühle mich immernoch nicht bereit, nicht "würdig" eine rezension über dieses Buch zu schreiben. Es ist ein Buch, was ich als "Lebenshighlight" bezeichnen würde. Denn ich denke ich muss und werde es n och einige male Lesen und durchblättern müssen, um es ganz zu erfasse. Es handelt sich nicht um eine Story am Stück, wie man es kennt, erwartet. Ich würde sagen, es ist eine "Schrift" die einem Klassiker der alten Schule entspricht, denn es wird nie an bwdeutung oder Sinnsuche verlieren. ( Sinnsuche ist hier nicht so gemeint, ob das Geschriebene Sinn macht. Das muss jeder nämlich mit sich selbst ausmachen, wie er die Gegebenheiten der einzelnen Passagen für sich interpretiert. Ob man sie nun annimmt oder nicht, darüber nachdenkt oder weniger. Und ich denke in den lezten Monaten immer wieder an einige Passagen und darüber auch nach, wenn sie zum realen Leben plötzlich passen. Es handlet sich nicht um eine "eingleisige Geschichte" wie es meistens in Romanen der Fall ist. Es ist auch schwer, eine geradlinige Rezension über den Inhalt zu verfassen. Es handlt sich eher um eine Mischung aus einem Roman der Essayes, Kurzgeschichten und etwas wie Tagebucheinträge beinhaltet. Daher wird man beim Wiederlesen auch nochmal oder zum ersten Mal überrascht, wenn sich nach einiger Zeit die eigenen Erfahrungen mehren und Lebensumstände ändern, man sich dann Stellenweise Kopfnickend oder – schütteln, lächelnd oder erinnernd beim Lesen erwischt. Und ich sage das nach nur ein paar Monaten. Für mich fühlt sich das Buch an, wie ein begleiter. Ein wenig wie ein alter erfahrener Freund. Hört sich komisch an, ist aber so. Man erfährt vieles, von dem man noch keine Ahnung hatte, und hat sehr viele geballte Textstellen, die in ihrer Kürze wirklich die besagte Würze haben, einen mitreissen oder einen so zum Nachdenken anregen, dass man pausierend hochschaut, mit dem Finger im Buch und erst wieder "aufwacht" weil der Finger einschläft ( ist mir ein paar mal passiert :) Ich habe weder so ein Buch gelesen, und ich habe gefühlt alle Klassiker und Neuklassiker durch. Und genau dort gehört diser Roman dazu: die Lebensverändernde Literatur im Romanform. Kein Unterhaltungsliteratur, keine schnöde Spannung oder Thrill. Und trotzdem mitreissend. Den Klappentext und die Inhaltsangabe findet ihr unter der ISBN jederzeit, denn ich kann hier einfach keine wiedergeben. Es klappt nicht, ich habe es versucht. Aber: Lasst euch nicht abschrecken, wenn ihr eine Leseprobe anfordern solltet oder in einer Buchhandlung der Anfang lest. Mir ging es erst so, dass ich dacht: was wie wo ist der Wegweiser? Aber glatt gesagt: der Wegweiser entsteht beim Lesen und wie ich finde sehr individuell. Ich wünsche nicht Spass und Vergnügen, aber wer es lesen will und wird: Viel Freude und ganz viel Tee und eine ruhige Ausdauer und einen offenen Lesekopf, der bis ins Herz reicht. Jetzt tue ich noch etwas, was ich noch nie gemacht habe: Bei konkreten Fragen: printbookaholic@gmail.com oder Insta PN Ich bedanke mich herzlichst beim Luchterhand Verlag und Elsa Antolin (für Buch und Geduld) und dem Bloggerportal © printbookaholic Stephanie Jones € 25,00 [D] Gebunden 448 Seiten ISBN: 978-3-630-87552-1 Erschienen: 14.05.2018 beim Luchterhand Literaturverlag -------------------------------- ---------------------------

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In a way, this is a book about freedom - freedom in life and in death. While the Civil War is raging, Lincoln loses his beloved eleven-year-old son Willie to typhoid fever. Grief-stricken, he doubts himself as a parent and as a President: "He is just one. And the weight of it about to kill me. Have exported this grief. Some three thousand times. So far. To date. A mountain. Of boys. Someone's boys. Must keep on with it. May not have the heart for it." But Willie has not yet reached the realm of the dead, he is stuck in the Bardo, meaning the space between the time one dies and what comes next. By introducing many other ghosts who occupy the graveyard with Willie, Saunders paints a panorama of the American people at the time of the Civil War, and meditates about the human condition as such: Some ghosts are held back because they do not want to leave their beloved relatives, some are unable to face the truth about themselves, others feel like they have tasks to finish, matters to settle. We meet slaves, slavemasters, dedicated mothers, loving husbands, drunkards, criminals, a reverend, a gay man, and many others, including, of course, Willie Lincoln, desperate but unable to communicate with his father who comes to visit his corpse in the burial crypt at night. In his despair, the President is just one more powerless mourner tormented by his grief. Lincoln is caught up in his sadness, just as the ghosts are caught up in the Bardo. How can the President find the perseverance to continue his fight to abolish slavery, and how can the ghosts find the courage to leave the Bardo? The way Saunders answers these questions is beautiful, poetic, and very moving. As we follow the story, many of the ghosts are able to break free from the Bardo, since they are learning to make peace with their own stories, the lives they lived and the future they did not live to see. Instead of being tormented, they are set free and can move on to whatever lies beyond. We all know what Lincoln proceeded to do, and Saunders depicts his inner struggle beautifully (and even lets those who will not profit from his policies anymore help him to regain courage: "We are ready, sir; are angry, are capable; our hopes are coiled up so tight as to be deadly, to be holy; turn us loose, sir, let us at it, let us show what we can do."). It has often been remarked that the text resembles a play, as it is wholly compiled of quotations by the ghosts and from (partly invented) historical sources about Lincoln and the Civil War. Although the audiobook version works really well and is very impressive, I do not think that a stage or film version of "Lincoln in the Bardo" could easily be produced, or at least I believe that the overall effect would be quite different from the book (which of course is not necessarily a bad thing). But this text does things that only literature can attain, and it's those things that make us read fiction in the first place. The last chapter is a prime example of this - it is magical.

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Man muss sich auf diesen Text einlassen, denn Saunders hat das Schreiben neu erfunden. Wenn man sich einlässt, liest man einen wundervollen Roman. Hier geht es zur Rezension: https://literaturblog-sabine-ibing.blogspot.com/p/lincoln-im-bardo-von-george-saunders.html

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Ein außerordentlich wagemutiges, aussagekräftiges und literarisches Meisterwerk

Shakespeare und So

Von: Cliff Kilian aus Mainz

07.11.2018

Mein Name ist Cliff Kilian, ich bin Buchhändler in Mainz. Meine Frau und ich betreiben dort die Buchhandlung Shakespeare und So..... Selten hat es in unserer Karriere (seit 25 Jahren) ein so außerordentlich wagemutiges, aussagekräftiges und literarisches Meisterwerk wie „Lincoln im Bardo“ gegeben. Es ist eine Philosophie, eine Vision, ein einfaches und doch die literarischen Grenzen sprengendes Buch. Ich habe vor vielen Jahren Dantes göttliche Komödie gelesen und fand sie außerordentlich. Damals freute ich mich darüber, dass ein Mensch auf so eine Idee kommt, und wie er diese Idee literarisch umsetzt. Es ist ein Meisterwerk. Georg Saunders ist ein ebensolches Meisterwerk gelungen. Und vielleicht geht er über dieses Dantesche sogar noch hinaus. Saunders lässt uns erleben, verzeihen Sie einen pathetischen Nachsatz, dass Mitgefühl, Anteilnahme, Liebe und Respekt dem Menschen Eigen sein können und sollten. Ich bedanke mich bei Ihnen und George Saunders , dass „ich in seinem Pferd sitzen darf um das Buch unter die Leute zu bringen.“

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Meine übliche Herangehensweise an ein Buch besteht darin, mich grob über den Inhalt zu informieren. Dabei lasse ich Klappentexte, Rezensionen etc. außen vor. Ich möchte mich nicht vorab beeinflussen lassen. Allerdings war mein erster Gedanke, als ich den Roman "Lincoln im Bardo" von George Saunders das allererste Mal aufgeschlagen habe: "Ach, du Schande! Hättest du dich mal vorher schlau gemacht. Da hast du dich wohl von dem Prädikat "Man Booker Prize 2017" blenden lassen." Nach den ersten Seiten habe ich dieses Buch gehasst, ein paar Seiten später wollte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Und am Ende war ich süchtig danach und habe es in Rekordzeit gelesen. Der erste Eindruck deutet darauf hin, dass dieser Roman eine Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen ist. Das ist gewöhnungsbedürftig und nicht leicht zu lesen, zumal diese Gesprächsfetzen von einer Vielzahl unterschiedlicher Personen kommen (irgendwo habe ich die Zahl 160 gelesen), die sich gerade am Anfang weder zuordnen noch auseinanderhalten lassen. Hinzu kommen Auszüge aus Texten von fiktiven und realen Chronisten aus der Zeit von Abraham Lincoln (1809 - 1865). Auf den ersten Blick ist das Buch ein großes chaotisches Durcheinander. Es gibt nur selten Fließtext, bestenfalls erinnert die Textform an ein Drehbuch oder ein Theaterstück. Erstaunlich, dass sich beim Lesen ein Sog entwickelt hat, der mich geschmeidig durch die Handlung gleiten ließ. Und darum geht es in diesem Buch: Nachdem Willie, der 11-jährige Sohn von Abraham Lincoln (16. Präsident der USA), gestorben ist, findet er sich auf dem Friedhof wieder. Sein Zustand scheint eine Übergangsstation zwischen dem Leben und dem, was danach kommt, zu sein ( = Bardo: ein Begriff aus dem tibetischen Buddismus, der einen Bewusstseinszustand zwischen dem Diesseits und dem Jenseits bezeichnet - ganz grob erklärt). Hier trifft er auf unzählige Gestalten, die hier ebenfalls wandeln, die Einen bereits seit Jahren, die Anderen erst seit Kurzem. Alle habe eines gemein: sie sehen sich nicht als "tot" an. Stattdessen sind sie in einer Warteposition, um wieder in ihr altes Leben zurückzukehren oder auf, ihnen nahestehende Menschen zu warten, die ebenfalls irgendwann das Zeitliche segnen werden. Willie unterscheidet sich von den anderen Gestalten. Er ist jung, und er erhält Besuch von seinem Vater. In der Nacht nach der Beerdigung seines Sohnes, kommt Lincoln nochmal allein zur Gruft, in der sein Sohn begraben ist. Voller Trauer und Verzweiflung will er Abschied nehmen. Und das, was anschließend in dieser Nacht geschieht, lässt sich nicht mit Vernunft und gesundem Menschenverstand erklären. Nur soviel: auch Geister haben Gefühle. Abraham Lincoln erleidet diesen tragischen Verlust zu einer Zeit, in der sein Land zweigeteilt ist und einen Bürgerkrieg führt. Er wird in seiner Rolle als Präsident 100%ig gefordert. Doch hier zeichnet sich ein nahezu unlösbarer Konflikt zwischen trauerndem Vater und Staatsoberhaupt ab. Die politische Lage lässt dem Privatmenschen nicht viel Freiraum. Und doch nimmt er sich die Freiheit zu trauern, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Gleichzeitig wird ihm bewusst, welche Auswirkungen der Krieg auf die Bürger seines Landes hat. Mit jedem gefallenen Soldaten gibt es Menschen, welche dieselbe schmerzhafte Trauer erdulden müssen, wie er selbst, durch den Verlust seines Sohnes. Eine Besonderheit dieses Romanes sind die Charaktere, i. d. R. sind dies Tote im Bardo. Sie bilden einen Querschnitt der damaligen (oder auch heutigen?) amerikanischen Gesellschaft. Es sind Arme und Reiche, Weiße und Farbige, Ehrenwerte und Kriminelle, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Moralische und Unmoralische... Und jeder hat eine Geschichte zu erzählen - die Geschichte der letzten Jahre seines Lebens sowie die Umstände des persönlichen Ablebens. Dabei kommen Geschichten zu Tage, die traurig sind, skurril, lustig, abstoßend, Mitleid erregend. Die Geschichten beinhalten sehr viel schwarzen Humor. Doch bei aller Skurrilität, die George Saunders seinen Charakteren angedichtet hat, hat man stets den Eindruck, dass er ihnen sehr viel Sympathie und Verständnis entgegenbringt. Er stellt Fehler in den Vordergrund, welche Menschen menschlich machen. Fazit: Ich habe bisher noch nichts Vergleichbares gelesen. George Saunders hat mit "Lincoln im Bardo" eine bizarre Geschichte entworfen. Gesunder Menschenverstand ist hier fehl am Platze. Stattdessen lässt man sich als Leser auf ein eigentlich gruseliges Kammerspiel ein, das die Vorlage für einen Horrorfilm liefern könnte. Belohnt wird man dafür mit einer beeindruckenden Geschichte über einen Vater und seinen Sohn, über einen Staatsmann und seinen Krieg, über Liebe, Verlust, Trauer und Mitgefühl. Eine Geschichte, die unter die Haut geht, die lustig ist, die spannend ist, die schräg ist, die nachdenklich stimmt, und die ich uneingeschränkt empfehlen kann. © Renie

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https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/2018/09/05/reingelesen-77-george-saunders-lincoln-im-bardo/

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Während das Präsidentenehepaar Lincoln einen großen Empfang gibt, stirbt ihr elfjähriger Sohn Willie allein an Typhus. Das Kind landet in einem Zwischenreich, nach einer buddhistischen Vorstellung davon Bardo genannt. Verzweifelt besucht sein Vater Willie auf dem Friedhof, um ihn noch einmal in die Arme zu schließen. So weit lässt sich der Inhalt nüchtern beschreiben. Das ist er aber keineswegs, denn erzählt wird die Geschichte von Lebenden und Bardobewohnern, d.h. den Geistern der Toten. Und die haben viel zu erzählen: ihre eigenen Geschichten, die ihrer Mitgeister, den Ablauf der Feierlichkeit und den der Beerdigung, ein friedvoller Platz ist dieser Friedhof sicher nicht. Mit viel schwarzem Humor und Freude am Slapstick lässt Saunders seine Geister über den Friedhof toben, durcheinander schreien und sogar Fehden austragen. Er mischt reale mit erfundenen Quellen, zieht die Beobachtungsgabe der lebenden Menschen in Zweifel ( so haben Gäste des Empfangs das Wetter unterschiedlich erlebt und der Präsident wechselt je nach Beschreibendem die Augenfarbe), vergisst dabei aber auch nicht die leisen Töne. Kinder dürfen nicht im Bardo bleiben, sie müssen zügig weiter reisen. Und so ist es nun die Aufgabe, Vater und Sohn zu trennen. Das Buch wird hochgelobt: so etwas hätte es nie zuvor gegeben, das Buch könne Leben verändern. Nun, meines nicht. Saunders hat keineswegs das Rad neu erfunden, er hat jedoch seine Idee konsequent und sehr überzeugend durchgezogen. Und zugegeben, manche Sequenzen rund um Willie sind wirklich ergreifend und der Schmerz des Vaters ist nahezu spürbar. Die Idee der Materienlichtblüte allerdings hat mich überhaupt nicht überzeugt. Ein kleines Feuerwerk und die Toten gehen ins , ja wohin eigentlich? Ins Paradies? Oder vielleicht doch ins Fegefeuer? Oder dürfen sie einfach aufhören zu sein? Das Materienlichtblütenplopp hat mir jedenfalls so manche schöne Szene verdorben. Das ändert aber nichts daran, dass der Roman auf seine Art schon großartig ist. Die vielen Figuren, die unterschiedlichen Charaktere, das nicht akzeptieren wollen des schon stattgefundenen Todes, Saunders zeigt den Menschen in seiner ganzen Bandbreite. Und sein Blick ist ein freundlicher, fast schon (gott-)väterlicher. Auch die verkommensten, bösartigsten Geister haben ihre Chance auf Erlösung -und den Leser freut's. Auch wenn ich den Hype um das Buch nicht so ganz nachvollziehen kann, zählt es für mich mit ein paar Abstrichen zu den besten Romanen des Jahres bisher. Wie grandios man das Buch findet, hängt sicherlich auch von den eigenen Vorstellungen von Jenseits ab. Ich hatte meine größte Freude an den Auftritten von Hans Vollman und Roger Bevins III und den eher schwarzhumorigen Szenen. Ein besonderes Buch ist "Lincoln im Bardo" allemal und ganz sicher auch ein lesenswertes.

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Lincoln im Bardo (George Saunders) Eine einzige legendäre Nacht war es, die die Grenze zwischen Leben und Tod geweitet hatte. So viele von ihnen hatte man zu schnell, zu schmerzvoll ihrem Leben, dem Damaligen entrissen. In Kranken-Kisten hatte man ihre Leiber gebettet, sie hierher gebracht, in Gruben verscharrt. Ihren Hüllen waren sie zwar entstiegen, bewegten sich wieder frei innerhalb der Grenzen dieser Friedhofsmauern und doch hingen sie fest, in diesem "Zustand". Abschied hatten sie vielfach nicht nehmen können. Die verzweifelten, vor Liebeskummer kranken Selbstmörder, die Geistlichen, die im Kindbett gebliebenen, die geschändeten Frauen, die Unfallopfer, Soldaten. Weiße gegen Schwarze selbst hier und jetzt auch Willie Lincoln. Der kleine, aufgeweckte, liebenswerte Sohn des amtierenden Präsidenten. Angehörige, Freunde waren gekommen. Anfangs. Keiner war geblieben. Bei ihnen, die jeglicher Kommunikationsmöglichkeit beraubt, vergessen, unberührbar geworden waren. Bis heute, bis zu dieser Nacht. Als sich, ohne Laterne und mit zögerndem Schritt, Abraham Lincoln der Gruft näherte in die sie am Nachmittag seinen kleinen Sohn gelegt hatten und der das Tabu brach, welches eine Art Massenschockwelle unter den hier gestrandeten Seelen auslösen sollte: Er rückte den kleinen Sarg aus seiner Nische in der Wand, öffnete den Deckel, nahm seinen Sohn heraus und in die Arme! Was war nur in ihn gefahren in dieser Nacht? Wir Leser erfahren es, aus 'zig Mündern, mit geisterhaften Stimmen und wir beginnen sie zu verstehen. Halten uns auf zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen Licht und Schatten, zwischen dem Diesseits und dem Jenseits ... George Saunders hat in seinem Roman Lincoln im Bardo eine dem Buddhismus ähnliche Zwischenwelt nachempfunden. 2017 wurde er für diesen, seinen "New-York-Times-Bestseller", mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und ich nehme es jetzt mal vorweg. Dieser Roman ist das ungewöhnlichste, was ich je lesend in meinen Händen gehalten habe. In seinem eigenwillig gestalteten Text läßt Saunders über 160 Stimmen zu Wort kommen. Wie eine Zitat-Sammlung aus historischen Quellen, sind sie teils fiktiv, teils auch echten Personen zuzuordnen. Was für ein Drahtseilakt, sie so aneinander, ineinander zufügen, dass sich ein Sinnzusammenhang ergibt, und was für einer. Einer an dem auch der Übersetzer Frank Heibert für mich einen großen Anteil hat, schließlich liest man ja nicht in der Originalsprache. Großartig hat er die Sätze von Saunders übertragen, dabei dialektische Eigenheiten einzelner Charaktere neu ausgeformt. Auch er ist preisausgezeichnet, u.a. für die Übersetzung von Saunders "Zehnter Dezember". Wie in Zwiesprache mit der Geschichte, erzählt Saunders über Einzel-Schicksale im Schatten des amerikanischen Bürgerkrieg. Abraham Lincoln ist seine Schlüsselfigur, ihn zeichnet er im Spannungsfeld zwischen politischer Person, Mensch und Mann. Insgesamt musste Lincoln den Tod von drei Kindern ertragen. War er Lichtgestalt oder Kriegstreiber, unfähiger Regent, charakterschwach oder eine außergewöhnliche Persönlichkeit? 1860 zum Präsidenten ernannt, ohne große Erfahrung mit politischen Ämtern, galt er als moderter Gegner der Sklaverei, als Pragmat. Ihm schien es wichtiger seinerzeit den Staatenbund aus Nord-und Süd zusammenzuhalten, militärisch durchzugreifen, gegnerische Bünde dieser Union zu zerschlagen war da eher nicht sein Bestreben.1862 im Todesjahr seines Sohnes William erlebte er dann auch im Amt seinen Tiefpunkt. Mit dem Angriff auf das legendäre Ford Sumter begann der Sezessionskrieg in all seiner Grausamkeit. Über Jahre hinaus sollte dieser das Land tief spalten. Lincoln zerrissen von Trauer, hatte plötzlich Land und Familie zusammenzuhalten. Seine Frau am Boden, kam tagelang, wochenlang nach dem Tod des Kindes nicht aus dem Bett, konnte ihm keine Stütze sein. Es hätte ein Horror-Roman werden können, angesichts der zahlreichen Geister, die diesen Friedhof bevölkern, hier festhängen, über ihr Leben berichten, gerne dorthin zurückkehren würden. Sich nicht für tot, sondern für krank halten. Eines haben alle gemeinsam, der Schrecken über ihr eigenes Sterben sitzt ihnen noch in den Knochen. Skurile Figuren sind diese Geister, überzeichnet fast wie in einem Comic. Dramatisch, sanftmütig, schräg, schwarz humorig und auch mutig. Diese Geschichte unglaublich zu nennen, wäre eine schlichte Untertreibung. Überrumpelt, überrascht, verblüfft, bewegt und berührt hat er mich, dieser grandiose Roman. Dieses Feuerwerk an "Geistesblitzen", dieses Kunstwerk aus Wörtern. Die letzten Sätze hängen noch in Luft, als ich das Buch zuschlage und mich traurig fühle, und froh, und wehmütig, und wund am Herzen. Schreien und Lachen könnt ich gleichzeitig. Ich erinnere mich an diejenigen, die ich schon habe loslassen müssen, und mir wird bewußt, das ganz gleich ob wir an die Unsterblichkeit der Seele, ihre Wanderschaft glauben, uns keiner mehr wegnehmen kann, was ein Mensch den wir lieben durften, uns geschenkt hat. Was hat dieser Text nur mit mir gemacht? Ich ringe nach den passenden Worten in dieser meiner Rezension und habe nicht das Gefühl ihm gerecht werden zu können. Ein großes, ein wahres, ein trauriges Buch. Grob und zärtlich, berührend und verstörend zu gleich. Inhaltlich wie strukturell absolut und unfassbar ungewöhnlich. Aus dem Text: "Wie bei feuchten Augen ein Sternenfeld verschwimmt; die wunde Stelle auf der Schulter, wenn ein schwerer Schlitten geschleppt werden muss; der Name der Liebsten, mit behandschuhten Fingern auf eine vereiste Fensterscheibe geschrieben. Einen Schuh zubinden; ein Paket verknoten; ein Mund auf deinem; eine Hand auf deiner; das Ende des Tages; der Anfang des Tages; das Gefühl, dass es immer einen nächsten Tag geben wird. Lebewohl, alldem muss ich jetzt Lebwohl sagen." Viel Raum läßt er für eigene Gedanken und Fragen. Wie wird es sein, wenn wir selbst dereinst abdanken müssen? Welche Spuren werden wir hinterlassen haben? Wird man uns erkennen in den Stiefelabdrücken auf dem Rücken jener, die wir in den Staub getreten haben, oder in dem Lächeln, das sich auf die Gesichter derer stiehlt, die an uns zurück denken?

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