Leserstimmen zu
Das Vogelhaus

Eva Meijer

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Len Howard verbrachte ihre Zeit lieber mit Vögeln als mit Menschen (verzeit das Sprachspiel) – Eva Meijer hat ihr mit „Das Vogelhaus“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Wann habt ihr das letzte Mal Vogelzwitschern bewusst wahrgenommen oder auf euren alltäglichen Wegen angehalten, um einer Amsel, einer Krähe oder einem Spatz zuzuschauen? Könnt ihr eine Meise von einem Rotkehlchen unterscheiden, nicht nur am Aussehen, sondern auch am Gesang? In der Großstadt fällt es uns oft schwer, den Bezug zur Natur aufrechtzuerhalten (wenn wir ihn überhaupt hatten), geschweige denn eine Verbindung mit der Tierwelt herzustellen – obwohl es gerade in Berlin häufig vorkommt, dass man nachts einem Fuchs auf der Straße begegnet oder die Spatzen einem rotzfrech den Kuchen vom Teller klauen. Len Howard (1894-1973) versuchte Zeit ihres Lebens, die Natur und Tierwelt nicht nur zu beobachten, sondern ein Teil von ihr zu werden: Bereits in ihrer Kindheit hilft sie ihrem Vater dabei, verletzte Meisen in einem Schuhkarton wieder aufzupäppeln, pflegt eine „Freundschaft“ zu einer Krähe, die sie Charles tauft. Doch mit ihrem Umzug nach London, wo sie in einem Orchester als Geigenspielerin angestellt ist, wird das Band zwischen ihr und der Natur immer dünner – wie soll das auch gehen in einer damals noch stark von der Industrie geprägten Großstadt, in der ein paar sorgfältig gepflanzte Bäume im Hyde Park das höchste der Gefühle sind? Len, die eigentlich Gwendolen heißt, zieht sich in eine kleine Waldhütte auf dem Land zurück, zunächst für die Sommermonate, später kauft sie sich ein eigenes kleines Häuschen. Nur mit dem Nötigsten ausgestattet, möchte sie sich hier ausschließlich der Ornithologie widmen: Ihre Fenster stehen rund um die Uhr offen (auch im Winter), damit die kleinen Piepmätze aus und einfliegen können, wie es ihnen gefällt. Jeder einzelne Vogel bekommt einen Namen, wird von ihr gefüttert und gepflegt. Len beobachtet, notiert, skizziert, das alles ohne naturwissenschaftliche Ausbildung und – das ist ihr teilweise selbst bewusst – mit einem Hang zum Anthropomorphismus, bei dem man Tieren menschliche Eigenschaften zuschreibt. „Glatzköpfchen war nicht gleich von Sternchen angetan. Er hatte schon eine Partnerin – die ich Monokel nannte, weil ihr linkes Auge weiß eingefasst war – und fand Sternchen viel zu wichtigtuerisch. Doch sie ließ nicht locker. Erst verjagte sie Monokel, und dann blieb sie Glatzköpfchen den ganzen Herbst hindurch auf den Fersen, bis sie Mitte des Winters endlich sein Herz erobert hatte.“ Über Len Howard ist – mal abgesehen von ihren Aufzeichnungen, zu denen auch obiges Zitat gehört – nicht viel bekannt, vor allem nicht über ihr Privatleben, ihre Wünsche und Motivationen. So musste Eva Meijer zur Form des Romans greifen, in dem sie gesicherte Fakten über die Vogelkundlerin mit fiktiven Elementen vermischt. Das klappt zum größten Teil des Buches gut, driftet aber manchmal zu stark ins Süßliche, Idyllische und Oberflächliche ab: Der Roman ist aus der Ich-Perspektive von Len erzählt, dazu noch im Präsens; es besteht keine Möglichkeit, das Geschehen in einen größeren, zeitlichen Zusammenhang einzubetten oder mit einer Außensicht zu kommentieren. Der Sprachstil spiegelt die zurückhaltende, eigenwillige Denkweise der Vogelkundlerin wieder. Als Leser sind wir zwar unmittelbar dabei, kommen der Person Len Howard jedoch selten wirklich nah. Nichtsdestotrotz hat Eva Meijer das Leben einer einzigartigen, durchaus ziemlich schrulligen Frau zusammengefasst, die gegen die Erwartungen der Gesellschaft rebellierte und, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach ihr Ding durchgezogen hat. Schon allein diese Tatsache macht Das Vogelhaus zu einer interessanten Lektüre.

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Das Vogelhaus

Von: Bookmarked

09.12.2018

Das Buch beschäftigt sich mit dem Leben von Gwendolen (Len) Howard, einer englischen Naturforscherin, die ihre musikalische Karriere 1942 aufgab, in ein abgelegenes Haus in Sussex zog und dort bis zu ihrem Tod im Jahre 1973 das Verhalten wildlebender Kohlmeisen studierte. Aus der Welt der Menschen zog sie sich immer mehr zurück und bevorzugte stattdessen die Gesellschaft der Vögel, zu denen sie über die Jahre hinweg eine immer engere Beziehung aufbaute. Ihre Studien waren außergewöhnlich, denn sie warfen ein ganz neues Licht auf die Intelligenz der scheuen Tiere und trotzdem wurde ihre Arbeit nicht wissenschaftlich anerkannt, da Len Howard eine Frau ohne entsprechende Ausbildung war. Dieser Roman schätzt ihr Leben und ihre Arbeit. Mein Eindruck: Ich hatte zuvor noch nie etwas von Len Howard gehört und bin der Meinung, dass viel zu wenig über Frauen geschrieben wird, die im 20. Jahrhundert wissenschaftliche Arbeit geleistet und sich gegen die traditionelle Rolle der Frau entschieden haben. Grundsätzlich ist über das Leben von Len Howard aber nicht allzu viel bekannt und so musste die Autorin große Lücken zwischen den wenigen bekannten Fakten mit Fiktion ausschmücken. Aus meiner Sicht ist ihr das gut gelungen, da sich alles ganz natürlich zusammenfügt und man der Protagonistin bereits in jüngeren Jahren anmerkt, dass ihr die Gesellschaft von Menschen wenig gibt. Das wird während ihrer Zeit in London besonders deutlich, da sie die Gesellschaft der Vögel in der Großstadt schmerzlich vermisst. Dadurch war sie mir sofort sympathisch, denn sie schien nicht so recht in die Welt und Zeit zu passen in der sie lebt. Mich hat die erste Hälfte ihres Lebens allerdings nicht so sehr interessiert. Es geht dort um ihre musikalische Ausbildung und Karriere in London, die ihr im Laufe der Zeit immer weniger bedeutet und sie zunehmend belastet. Für mich war dieser Teil der Geschichte etwas zäh, obwohl er wichtig war um zu verstehen warum sich die Protagonistin aus diesem Leben zurückzieht. Ihr abgeschiedenes Leben im „Vogelhaus“ und ihre besondere Beziehung zu den hiesigen Kohlmeisen habe ich hingegen sehr gerne verfolgt. Ich kann mich auch einfach sehr gut mit Menschen identifizieren, die ihre Zeit lieber in der Gesellschaft von Tieren verbringen und den Kontakt zu Menschen reduzieren. Ich finde es unheimlich faszinierend, dass ihr die scheuen Tiere so nah kamen, in ihrem Haus schliefen und sie bei Gefahr sogar um Hilfe baten. Solch innige Beziehungen zwischen Mensch und Tier berühren mich ganz grundsätzlich, ich bin aber froh, dass dieses besondere Verhältnis nie kitschig dargestellt wurde. Denn obwohl Len Howard die Tiere und ihre Studien sehr am Herz lagen, hat sie der Natur ihren Lauf gelassen. Das gefiel mir sehr gut. Das Buch macht außerdem deutlich wie wenig Anerkennung Len Howard für ihre ornithologischen Studien erhielt. Ihr wurde eine wissenschaftliche Arbeitsweise abgesprochen und ihre Erkenntnisse entsprechend nicht ernst genommen. Die Tatsache, dass sie keine einschlägige Ausbildung in dem Bereich vorweisen konnte, erschwerte ihr Bemühen zusätzlich. Aus diesem Grund bin ich sehr froh durch „Das Vogelhaus“ von ihrer Existenz und Arbeit erfahren zu haben. Fazit: Ein sehr ruhiger biografischer Roman über das Leben der englischen Naturforscherin Len Howard, ihre ornithologischen Studien und ihre faszinierend enge Beziehung zu den Tieren. Ein Buch über eine Aussteigerin, die sich erst in der Gesellschaft von Tieren so richtig zuhause fühlte.

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