Leserstimmen zu
Wir werden erwartet

Ulla Hahn

Die Geschichte der Hilla Palm (4)

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Ulla Hahn beendet mit diesem Buch einen Romanzyklus, der mit "Das verborgene Wort" 2006 seinen Anfang nahm. Von diesem Buch war ich damals total begeistert. Es beschreibt die Kindheit von Hilla Palm in den 50er Jahren, die bereits als Kind eine Faszination für Wörter und Sprache hat, die bei den Eltern aus der Arbeiterklasse keinen Anklang findet. Nun schreibt Ulla Hahn über die 70er Jahre, Hilla ist inzwischen 25 Jahre alt und studiert in Köln. Sie hat ihre große Liebe Hugo gefunden und muss in diesem Band mit dem Verlust eben dieser klarkommen. Es geht viel um Politik, um den Kommunismus und die Situation in Deutschland Ende der 60er Jahre. Mir war das bisweilen zu langatmig und ausführlich. Für mich war das Buch lesenswert wegen Hillas Beziehung zu ihren Eltern. Es findet eine Versöhnung mit den Eltern auf der inneren Ebene statt. Die Situationen in denen Hilla ihrem Vater begegnet und ihn plötzlich aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit anderen Augen sehen kann, haben mich sehr berührt. Es kehrt Frieden ein im Verhältnis zu den Eltern, die ihr soviel Kummer bereitet haben, weil sie sich Zeit ihres Lebens so unverstanden von ihnen gefühlt hat. Für mich stand die Aussöhnung mit den Eltern bei diesem Roman im Vordergrund, weil mich dies am meisten fasziniert hat. Das Buch ist zwar der vierte Teil einer Reihe, ist aber durchaus auch lesbar, ohne die anderen Bücher zu kennen. Mir persönlich hat allerdings der erste Teil (Das verborgene Wort) am besten gefallen.

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Der Tod - Der Kampf - Das Fest. So die drei Abteilungen in Ulla Hahns neuem Buch "Wir werden erwartet". Die ersten beiden Teile sind etwa gleichlang, das dritte sehr kurz und wie angehängt, ein Epilog nur. Ein schweres Buch, das wohl auch der Autorin nicht leicht gefallen ist. Es ist der Abschluss ihrer persönlichen Geschichte von der Kindheit in den 50iger Jahren in einfachen, streng katholischen Verhältnissen aus denen sie sich aus eigener Kraft und wissbegierigem Willen herausentwickelt über die Studentenjahre in Köln der späten 60ger bis zu ihrer Hinwendung zum Marxismus-Leninismus in den Siebzigern in Hamburg. "Die Zeit drängt. Drängt mich hinein in das Ende dieser Geschichte, ein Ende, vor dessen Anfang ich zurückschrecke wie der Arzt vor dem Schnitt. Ohne Betäubung." (S.9) Ulla Hahn scheint sich mit den drei Vorgängerbänden frei geschrieben zu haben, bevor sie sich an das wirkliche Thema ihres Lebens wagen konnte: wie konnte es dazu kommen, sich vom Sowjetkommunismus materialisieren zu lassen? Was Ulla Hahn hier wirklich gelungen ist, ist die plausible Darstellung, wie sich ein junger Mensch ab 1968 für den Kommunismus begeistern und radikalisieren konnte. Wir stehen fassungslos vor dieser biographischen Schilderung, in der die jugendliche Wut und der aufrichtige Glaube an eine bessere Gesellschaft für eine menschenverachtende Politik missbraucht wurde. "Dass die DDR der bessere Staat war, friedliebender, gerechter, sozialer, bezweifelte ich kaum. Trotz Mauer und Schießbefehl? Ja. ... In meinen Augen war sie vor allem ein Schutzwall gegen die Flucht der Ewiggestrigen, damit den aufrechten Genossen ihr neues Land nicht kaputtging." (S.516) Dass sie am Ende, im kurzen Kapitel "Das Fest", auch wieder herausfand aus der Verblendung, ist tröstlich. Selten habe ich so große Schwierigkeiten mit einem Buch gehabt. Und das, obwohl ich ein Fan von Ulla Hahn bin und alle drei Vorgängerbände, die nun mit "Wir werden erwartet" eine abgeschlossene Tetralogie* bilden, sehr geschätzt habe. Eigentlich ist mir die Geschichte Hilla Palms nämlich auf den Leib geschrieben. Ich bin am gegenüberliegenden Ufer von Hilla Palms Dondorf (Ulla Hahns Monheim) aufgewachsen. Piwipp war auch unsere Fähre hinüber. Ich habe angefangen in Köln Germanistik zu studieren, um dann nach Hamburg zu gehen. Selbst mein Elternhaus war ähnlich kleinbürgerlich, streng katholisch, wie in Ulla Hahns Büchern trefflich gezeichnet. Nur dass ich den Weg der Protagonistin etwa 15 Jahre später angetreten bin. Das hat natürlich schon vieles erleichtert. Aber - ich kenne sie alle und ich spreche ihre Sprache - alle Figuren in Ulla Hahns autobiographischen Büchern sind mir vertraut, sogar wenn sie Rhein, Elbe und Alster sprechen lässt. Immer da, wo sie von ihrer persönlichen Geschichte ihrer engsten Familie erzählt - von der Entwicklung ihrer Mutter, von der Zuneigung zu ihrem Vater, vom tragischen Tod ihres Verlobten Hugo, kann das Buch begeistern. Bei der langatmigen, haarkleinen Schilderung ihrer politischen Entwicklung im Kapitel "Der Kampf" hätte sie sich für meinen Geschmack ruhig kürzer fassen können. Was mir auch nicht wirklich gefällt, ist die Art, wie oft sie bemüht poetische Sätze hervorbringt. Schön - aber zu viel. "Wie sie mir zusprachen, die Bücher, die Bäume, die Wellen, wie sie mich zur Räson brachten, die klugen Begleiter, uralte Vorfahren und Zeitgenossen in einem, allen voran der unerbittliche Wellenschlag der Elbe." (S.343) Außerdem hat die Autorin ein Faible für Wiederholungen. Immer wieder lässt sie den Großvater "Lommer jonn" sagen und in die Luft greifen, um zu prüfen, ob schon Zeit zum Säen oder Ernten wäre. Das nervt dann irgendwann. Ich fürchte, ich tue dem Werk ein wenig Unrecht mit meiner Kritik, aber so habe ich es empfunden. Wahrscheinlich wird es viele begeisterte Leser und Leserinnen finden, die den Stil Ulla Hahns gerne mögen.

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Ulla Hahn hat bei mir Vorschusslorbeeren. Der erste Roman ihrer Tetralogie hat mich sehr berührt. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl des Verbundenseins, des Verstandenwerdens, wenn ein Roman Erfahrungen zum Ausdruck bringt, die man in ähnlicher Weise erlebt hat? So ging es mir mit „Das verborgene Wort“. Das Arbeiterkind Hilla Palm – die Autorin räumt starke biografische Züge ein – entdeckt den Zauber der Sprache und die Welt der Bücher. Und ist damit allein. Die liebevolle, aber pragmatische Familie ist mit ganz anderem beschäftigt, das Kind Hilla wirkt sonderlich. Und ist dennoch die erste in der Familie, die Abitur macht und zum Studium wegzieht. Hier finden sie sich, die Parallelen zu meiner eigenen Kindheit und Jugend, den Gefühlen der Einsamkeit und dennoch immer wieder das Beglückende in den Büchern, in der Literatur. Lehrer, die kleine Anstöße gaben und damit den Weg ebneten zu Lektüren, die man sonst nie in die Hand genommen hätte. Und schließlich der Aufbruch aus der Familie, als Befreiung erlebt. Ja, ich fand mich an vielen Stellen wieder in der Geschichte von Hilla Palm und ihrem Großwerden. Und dann hat Ulla Hahn eine teilweise fast lyrische Sprache, die mich anrührte. Auch der rheinische Slang, den die Autorin eins zu eins niederschreibt, war mir nicht so ganz fremd, ist doch das norddeutsche Plattdeutsch oft sehr ähnlich und wurde in meinem Geburtsort viel gesprochen. So war es quasi Pflichtlektüre, die Folgebände zu erwerben und zu lesen. Hier trennten sich zwar, biografisch betrachtet, die Parallelen, spannend war der Werdegang Hilla Palms alias Ulla Hahn dennoch. Mit „Wir werden erwartet“ legt die Autorin nun den abschließenden Band der Tetralogie vor. Hilla hat ihre große Liebe gefunden und ist verlobt. Das Paar lebt in Köln, beide arbeiten an ihren Dissertationen. Durch die Verlobung ist Hilla ihrer Familie wieder näher gekommen, während ihr Hugo sich ihretwegen von seiner großbürgerlichen Familie distanziert hat. Hilla scheint ihre innere Heimat gefunden zu haben. Das Paar diskutiert häufig und leidenschaftlich über die politischen Ereignisse, beobachtet, wie sich die Lebenswelten verändern, Werte neu ausgehandelt werden, reflektieren ihren Glauben und ihr Verhältnis zur Kirche. Sobald man die Nase aus den Büchern in die Wirklichkeit streckte, kam man an einer Stellungnahme kaum vorbei. Doch zu mehr als kopfschüttelnden Kommentaren morgens beim Frühstück oder einem Kölsch am Abend reichte Hugos und meine Empörung nicht. Und die Ohrfeige von Beate Klarsfeld für den Bundeskanzler Georg Kiesinger wegen dessen Nazi-Vergangenheit? Die brachte vor allem die Mutter und Tante Berta gegeneinander auf: Während die Tante der Meinung war,, dä Kääl hätt die Watsch verdient, beharrte die Mutter: Sowat jehört sisch nit. Und irgendwie hatten beide recht, versuchte ich zu schlichten. […] Längst konnten Hugo und ich unterscheiden, ob sich in den staatlich sanktionierten Qualm ein schwarzer Afghane oder grüner Türke mischten oder Nikotin pur. Sogar die Sinnesrichtung der Bewohner erkannte man am Geruch. Harter Tobak signalisierte: Gesellschaft verändern. Weiche Schwaden: Selbstbefreiung. In Horst und Katjas WG waberte beides durcheinander; erst nachdem wir, Hugo und ich, der Diskussion eine Weile zugehört hatten, schälten sich die Richtungen heraus. Glücklich sehen die beiden ihrer Zukunft entgegen. Dann kommt Hugo bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Hilla zerbricht fast daran, findet aber durch die Begleitung wichtiger Menschen ihrer Kindheit wieder zurück ins Leben. „Wir werden erwartet“ umfasst die darauffolgenden Jahre, in denen Hilla, ihrer Heimat durch ihren Verlobten entrissen, neu Fuß zu fassen versucht. Mit innerer Distanz betrachtet sie ihr Umfeld und ist doch immer auf der Suche nach dem Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit. Mir war sonderbar zu Mute. War ich nun ne Studierte, wie man in Dondorf respektvoll sagte, oder dat Kenk von nem Prolete, wie der Vater mich als Heranwachsende hatte demütigen wollen? Ich ahnte, auch hier würde ich meine Zugehörigkeit bewusst anpassen. Ich wusste, was wie und wie was in den jeweiligen Schichten ankam. Ich kam an. Und entfernte mich wieder. Jedesmal mit einem leisen Schmerz, der sich selbst verspottete. Ich konnte nur noch wie zu den einen oder wie zu den anderen gehören. Dat Kenk von nem Prolete nie der Erbe eines Bürgers sein. Es schleppt sich ein Leben lang ein Wie mit sich herum. Und ein Als-ob. Hilla probiert aus, nimmt an Studentenbewegungen und Gruppen teil. Letztlich schließt sie sich der Deutschen Kommunistischen Partei an und versucht, dort auch literarisch für die hehren Ziele der Partei zu kämpfen. Dies führt zu einer Wiederannäherung an ihre Familie, der sich Hilla nach dem Tod Hugos entfremdet hat, aber nicht zu einer dauerhaften geistigen Heimat. Hilla bleibt dennoch fremd in der Arbeiterpartei. Und zweifelt, nimmt Ambivalenzen wahr bei den großen Idolen und bei sich. Bild: DVA Mich lässt das Buch zwiegespalten zurück. Ulla Hahn stellt gekonnt die Innenwelt der Protagonistin/Alter Ego vor. Sehr nachvollziehbar zeigt sich die innere Zerrissenheit, der Kampf um den eigenen Platz in der Welt, das Ringen um die Identität und gleichzeitig den nach außen gerichteten Wunsch des Gestaltens, des Wertekodexes. Die fast lyrische Sprache, die Hahn auszeichnet, zeichnet eine Atmosphäre, die an vielen Stellen anrührend ist. So hat mich das Erleben des Todes des Verlobten, die Verzweiflung, der Zorn und letztlich das Wiederankommen in der Welt stark berührt. Das innere Erleben, die Gedanken und Auseinandersetzungen, die Hilla Palm bewegen, sind ansprechend, nachvollziehbar und teilweise wunderschön dargestellt. An anderer Stelle ist genau diese Sprache aber wenig angemessen und erzeugt dadurch Längen, die leer wirken. Das Lyrische wirkt zweckentfremdet und damit übertrieben und selbstbezogen. Das habe ich als große Schwäche empfunden, war manchmal genervt und gelangweilt von der Lektüre, habe mit dem Roman gekämpft. Nein, ein schlechtes Buch ist „Wir werden erwartet“ ganz sicher nicht. Das, was der erste Band der Tetralogie jedoch an Vorfreude auf die Folgebände geweckt hat, erfüllt sich nicht. Fast bin ich erleichtert, dass der Romanzyklus hier sein Ende findet.

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