Leserstimmen zu
Ernst Barlach - Der Schwebende

Gunnar Decker

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Barlach

Von: Myriade

04.06.2020

Eine völlig andere Art von Biographie als alle, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Anfangs hat es mich irritiert, dass es ein ziemlich erzählerischer Text ist. Der Autor versetzt sich in seine Figur, für meinen Geschmack etwas zu sehr, eine Biographie ist kein Roman. Ich habe mich aber eingelesen, denn diese Art Text ist natürlich auch wesentlich flüssiger zu lesen. Sehr interessant fand ich, wie lange Barlach gebraucht hat um nicht nur seinen eigenen Stil sondern überhaupt die starke Motivation für sein bildhauerisches Werk zu finden. Dass er auch Dramatiker war und etliche Stücke geschrieben hat, wusste ich vorher gar nicht. Als Mensch besonders sympathisch ist mir Ernst Barlach durch diese Biographie nicht geworden: „In seinen Briefen an Düsel hält er seine offenbare Ignoranz für eine deutsche Tugend. Böcklin und Klinger können auch viel weniger als die gefeierten Pariser Meister, aber in ihnen steckt viel mehr an Wahrheit und Tiefe, eben echtes Genie! In dieser Stadt (Paris) aber sei man bloß fingerfertig geschickt, nur hier konnte einst Meyerbeer über Wagner triumphieren. Barlachs Fazit: „Wir sind schon zu sehr Juden“ Barlach, ein Antisemit? Das nicht, aber einer, der immer mal wieder in Gefahr steht, in Deutschtümelei zu versinken, das schon.“ S51 Vielleicht ein Detail, dennoch ist es mir unangenehm aufgefallen bei einem in der Gegenwart lebenden Biographen. Barlach hatte ein Kind mit einer nicht näher beschriebenen Frau. Er bekam auf gerichtlichem Weg das Sorgerecht für dieses Kind, das seiner Mutter weggenommen wurde. Für heutige Begriffe eine doch sehr ungewöhnliche Vorgangsweise, zumal der Vater Barlach das Kind von dessen Großmutter aufziehen ließ. Dem Autor ist aber die hinter diesem Urteil stehende Einstellung und die Haltung und Gemütslage der Mutter nicht einmal einen Nebensatz wert. Der zweite Punkt, den ich interessant fand, war die Beschreibung der ersten Jahre des Nazi-Regimes. Wie sich Barlach und viele andere deutsche Künstler positioniert haben. Wie verschieden das Attribut „deutsch“ von verschiedenen Seiten verwendet wurde. Die Illustration der Biographie, vor allem die Abbildungen von Barlachs Werk finde ich nicht sehr großzügig. Ob man schwarz-weiße oder farbige Abbildungen vorzieht ist Geschmackssache, aber die Anzahl der Fotos von Skulpturen ist doch sehr klein.

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Mit zahlreichen Abbilungen seiner Werke und Fotografien aus seinem Leben ist dieses Buch textlich und fotografisch ein echter Leckerbissen. Ich konnte noch keine solche komplexe Biografie dieses mir lieben Künstlers lesen, wie diese, die mich zu 100 Prozent überzeugt hat. Das 20. Jahrhundert wird in Barlachs Leben lebendig - er ist ein recht widersprüchlicher Mensch, der mich als Künstler immer wieder begeistert und nun endlich konnte ich ihn in diesem Buch nicht nur künstlerisch, sondern auch als Mensch kennen lernen. Man kann einsteigen, wenn man noch keine Ahnung hat von Barlach oder das Buch lesen, wenn man seine Werke mag und kennt. Es gibt in dieser Biografie so vieles zu entdecken, sie deckt auf, beantwortet Fragen, zieht das Leben Barlachs in den Sog des 20. Jahrhunderts und verbindet beides verständlich und nchvollziehbar. Der Autor analysiert für meine Begriffe komplex und schreibt kraftvoll und obwohl sachliche Biografie dennoch mit erzählerischem Talent, welches mir während des Lesens sehr gut gefallen hat. man steigt spannend und aufschlussreich in die Handlung ein und erfährt das Leben Barlachs auch wirklich lebendig. Das Buch ist in 10 Kapitel gegliedert. Man spürt, dass der Autor intensiv recherchiert hat - es ist wirklich ein Genuss, dieses Buch zu lesen.

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