Leserstimmen zu
Winter

Ali Smith

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Weihnachtslektüre besonderer Art

Von: Ingeborg Rosen aus Berlin

17.11.2020

Wie bei einem guten Musiker, der ab dem ersten Ton sein Können, seine Qualität offengelegt, da hilft kein Simulieren oder Vortäuschen - so verhält es sich bei einem guten Buch: ab der ersten Seite setzt der Sog ein in diesen wunderbaren, zutiefst menschlichen Roman. Menschlich insofern, als er tatsächlich - sicher nicht alle, aber doch - ziemlich viele menschliche Züge aufzeigt und ausleuchtet. Ich muss an dieser Stelle ja nicht den Inhalt referieren, den kennen Sie. Fasziniert war ich von den Schilderungen, wie die von den aktuellen Zuständen betroffene / angegriffene / genervte Personen agieren, bzw. reagieren, und mit welcher Treffsicherheit, verbunden mit ihrem grossen Können, mit Sprache umzugehen und Zusammenhänge herzustellen Ali Smith das bewerkstelligt. Ein großes Lob gebührt in diesem Zusammenhang natürlich der Übersetzung von Silvia Morawetz. Mein Englisch ist nicht so gut, als dass ich dem Roman im Original auch nur annähernd gerecht werden könnte, aber die Splitter, die ich verstanden habe, fand ich großartig ins Deutsche übertragen. Ein Licht, eine Aufhellung, in diesem „Spielfeld“ ist, im wahrsten Sinne des Wortes, Lux, die unaufgeregt dazu beiträgt, dass sowohl die beiden Schwestern als auch Mutter und Sohn wieder miteinander reden. Ihr ist es zu danken, dass das Weihnachtsfest letztendlich ein gutes Ende nimmt und der Leser das Buch schließen kann, ohne sich Sorgen um das Leben des Personals machen zu müssen. Der Frühling kann kommen...

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Sophia Cleves ist in ihrem Haus in Cornwall und sieht einen körperlosen Kopf, der in der Luft schwebt. Sie war Unternehmerin, ist mittlerweile im Ruhestand und fühlt sich einsam. Ihr Sohn Art kommt über Weihnachten zu Besuch. Weil seine Freundin Charlotte weg ist, engagiert er Lux, ein Mädchen, das Charlotte spielen soll. Und auch Iris, Aktivistin und Rebellin der Familie, kommt, obwohl sie mit ihrer Schwester Sophia Jahrzehnte nicht gesprochen hat. Diese vier Menschen verbringen die Weihnachtstage zusammen in Sophias Haus, was aufgrund ihrer unterschiedlichen Standpunkte nicht immer harmonisch verläuft und sie läuten den Winter ein, der einen lehren kann, wie man harte Zeiten übersteht. Man merkt schnell, dass der Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, nicht immer im Vordergrund steht. Ali Smith kritisiert politische Führung, zerrt Politiker_innen ins Groteske, schafft sprachliche Kunstwerke. Anfangs muss man die Handlung fast suchen, später wird sie dann greifbarer, man erkennt die Richtung, in die es gehen soll. Die Figuren sind ein wenig schrullig, immer wieder kommen Elemente, die man nicht sofort einordnen kann und über die man nachdenken muss. Ich bekam beim Lesen das Gefühl, unzählige Ansatzpunkte politischer und kultureller Art zu finden (u.a. Shakespeare, König Artus, Dickens, politischer Aktivismus, die Künstlerin Barbara Hepworth, Vogelbeobachtungen, Kunst und Politik, Kunst und Natur, Mythen, Geistergeschichten) die die Rezeption des Werks mitunter ein bisschen verwirrend machten, was aber von Vorteil ist, wenn man sich intensiver damit auseinandersetzen möchte. Man wird in diesem Buch viele Deutungsmöglichkeiten finden, gleichzeitig wie schon in "Herbst" sprachlich Herausragendes und eine ganz spezielle, besondere, kunstvolle, mitunter auch etwas merkwürdige Leseerfahrung machen.

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Ali Smith ist eine Wortmagierin und mit diesem zweiten Band ihres Jahreszeitenzyklus hat sie uns wieder ein unvergleichliches und berührendes Meisterwerk gezaubert. Durch die Seiten des Buches wabern tagespolitische Themen wie Brexit, Weltpolitik, Fremdenfeindlichkeit und Klimawandel wie kalter Winternebel, auf den sich kostbare und amüsante Anekdoten, Zitate und Verweise auf Kunst, Film und Literatur wie zarte Strahlen einer pastellenen Wintersonne legen, die durch die Wolken brechen und unsere triste Winterwelt erstrahlen lassen. Die Zerrissenheit der Menschen zwischen Macht und Ohnmacht, Arm und Reich, Kunst und Kommerz, Künstlichkeit und Natur zeigt sie in der Geschichte einer zerrütteten Familie, die hier an den Weihnachtstagen aufeinandertrifft. Arthur nennt sich „Art“ und ist ein selbstverliebter Macho. Er arbeitet in der Medienbranche als Copyrightwart und schreibt nebenher kitschige Naturbetrachtungen unter Auslassung von Artensterben und Gletscherschmelze, eine Scheinheiligkeit, an der seine Beziehung zu der kritisch-klugen Charlotte gescheitert ist. Und es ist ihm nicht mal peinlich, dass er ein junges Mädchen an einer Bushaltestelle ansprechen und ihre Begleitung erkaufen muss, damit sie sich als Charlotte ausgibt, wenn er über Weihnachten seine Mutter Sophia besucht. Diese hat mit Sehstörungen zu kämpfen und mit kafkaesker Bankbürokratie. Sie lebt allein in einer maroden Villa in Cornwall und erinnert sich ihrer Kindheit und Jugend mit ihrer Schwester Irene. Mit dieser hat sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesprochen und sie ist NOT AMUSED, als Arthur sie an Weihnachten einlädt. Dieses schwesterliche Zusammentreffen mündet in gegenseitigen Sticheleien und Streitgesprächen zwischen der gescheiterten Geschäftsfrau Sophie und der unermüdlichen Weltverbesserin Irene. Lux, die junge bezahlte Begleitung erweist sich als Vermittlerin, als Licht im Dunkeln, obgleich, wie sie augenzwinkernd anmerkt, ihre kroatischstämmigen Eltern sie eigentlich nach der Fenstermarke Velux benannt haben sollen. Dieser zweite Roman aus Ali Smiths Jahreszeitenquartett ist die ideale Lektüre für alle, die Weihnachtskitsch hassen und trotzdem eine Prise Hoffnung vertragen. Es handelt sich nicht um „...ein Werk, in dem zu Sophias fein ziselierter dur-sinfonischer Bescheidenheit und erzählerischer Schicklichkeit in der Geschichte, deren Teil sie ist, noch genau die richtige Prise unaufdringlicher Lebensklugheit und das Prestige der alternden Frau hinzukommen, sodass es eine besinnliche und würdevolle Geschichte wird, Gott sei Dank konventionell gebaut, die Art von hochwertiger Literatur, in der langsam über eine Landschaft treibender Schnee eine mildtätige Wirkung entfaltet...“ Nein, dieses Buch kommt weniger poetisch und introvertiert als sein Vorgänger daher. Es gibt keine weiße Weihnacht sondern matschige Schuhe, kein „Oh du Fröhliche“ sondern Zank und Zynismus, dazu lustvoll schwarzen Humor und bergeweise Ironie. Wir bekommen eine kühn geschriebene, verschachtelte und teilweise äußerst skurrile Weihnachtsgeschichte zu lesen, in der ein fliegender Kopf und ein fiktives Shakespearedrama ebenso ihren Platz finden wie Charlie Chaplin und eine Hoffnungsbotschaft ausgerechnet von Dante. Wie im Walzertakt oder in griechischen Hexametern tanzt Ali Smith mal schwermütig, mal leichtfüßig durch diese Erzählung, die auf vielschichtige und originelle Art erst anprangert und dann nach Versöhnung sucht und nach Gemeinsamkeiten, die alle Menschen verbinden, jenseits von Herkunft, politischen oder religiösen Vorstellungen. Am Ende stimmen sogar die noch immer zerstrittenen Schwestern ein zweistimmiges Lied an, denn es sind letztendlich die menschliche Kultur, die gemeinsamen Geschichten und die Musik, die uns verbinden und die Hoffnung zulassen, dass es immer wieder Frühling wird.

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Nach dem gelungenen Roman „Herbst“, dem ersten Band aus Ali Smiths Jahreszeitenquartett, hatte ich mich schon sehr auf „Winter“ gefreut. Wieder schreibt die britische Autorin über unsere Welt, die sich in rasender Geschwindigkeit zu wandeln scheint, über die Veränderungen, mit denen wir nicht immer mithalten können und die deshalb bedrohlich wirken können. Und dabei schreibt sie immer und vor allem über Familie, Freundschaft und Liebe. „Winter“ spielt zum Großteil an Weihnachten, doch es ist kein Heile-Welt-Fest, das gefeiert wird. Arthur, meist Art genannt, besucht über die Feiertage seine Mutter Sophia, die allein in einem großen Haus lebt. Eigentlich wollte er seine Freundin Charlotte mitbringen, doch sie hat ihn kürzlich verlassen, und so engagiert er kurzerhand eine junge Frau namens Lux, ihn stattdessen zu begleiten. Bei Sophia angekommen, stellen sie fest, dass es ihr nicht gut geht, dass sie verwirrt ist. Sophia sieht seltsame Dinge. Sie isst nicht. Lux begegnet sie zunächst einmal mit einer Feindseligkeit, von der diese sich aber nicht abschrecken lässt. Lux und Art kontaktieren Sophias Schwester Iris und bitten sie um Hilfe. Die Schwestern hatten seit mehreren Jahrzehnten keinen Kontakt. Iris ist so etwas wie eine ewige Rebellin, engagiert sich für das Gute und kämpft für eine in ihren Augen bessere Welt. Gerade engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe. Sie verachtet Sophia dafür, dass sie ihr privilegiertes Leben als gegeben hinnimmt, doch auch die Liebe zwischen den beiden ist spürbar. Es ist ein schwieriges Verhältnis. Wie man es von Ali Smith gewohnt ist, so zeichnet sich auch „Winter“ dadurch aus, dass die Autorin sich um Leserwartungen nicht schert und immer wieder Leerstellen lässt, die sich teils später noch füllen, teils nicht. In Rückblenden lesen wir von anderen Weihnachtstagen, erfahren von Arts Kindheit und seinem Vater, von dem er so gut wie nichts weiß, aber auch von Sophias und Iris’ Eltern. So fügt sich langsam ein Bild dieser Familie zusammen, wobei alles ein bisschen in der Schwebe bleibt. Auch Lux ist ein geheimnisvoller Charakter, eine junge selbstbewusste Frau, die spontan handelt, die anpackt und sagt, was sie denkt. Die Arts Lüge, sie sei seine Freundin Charlotte, auf ihre Weise mitspielt. Art betreibt einen Blog mit Naturthemen, der den den doppeldeutigen Namen „Art in Nature“ trägt, doch liegt er brach, wohl auch, weil die echte Charlotte von seinem Twitteraccount aus merkwürdige Botschaften in Arts Namen verbreitet. Statt sich zu wehren oder Charlotte zu konfrontieren, schaltet er sein Handy aus, um nichts mehr davon mitzubekommen, wie seine Community auf seine vermeintlichen Tweets reagiert. Und da ist ganz schön was los. Hier zeigen sich die wichtigsten Themen des Romans: Da ist unsere vom Internet bestimmte Welt, eine Welt, in der alles quasi in Echtzeit abrufbar ist, in der man wie durchsichtig wird, sich gedrängt fühlt, mitzumachen. Smiths Figuren hadern auf verschiedene Arten mit dieser Welt, verschließen sich oder gehen teils gerade auf Konfrontation, flüchten sich in Traumwelten, sehen Dinge, die nicht da sind. Fragen nach der eigenen Identität sind auf jeder Seite dieses wunderbaren Romans spürbar, nicht nur wo mit ihr gespielt wird, wie in Lux’ Fall. Alle Figuren suchen auf jeweils eigene Art einen Halt in der Welt und bei denen, die ihnen am nächsten stehen oder von denen man es erwarten würde. „Winter“ ist ein wohldosierter Roman, einer, bei dem kein Wort zu viel ist, voller Andeutungen und Auslassungen und enorm gut konstruiert, ohne dass sich diese Konstruktion bei der Lektüre jemals unangenehm aufdrängen würde. Smith verhandelt große Fragen, und sie tut das so spielerisch wie ernst. Ein hochmelanchischer Roman, der zu einer mit Bedeutung aufgeladenen Zeit im Jahr spielt. Ein so berührendes wie unterhaltsames Lesevergnügen und sicher eines meiner Lieblingsbücher im Jahr 2020.

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